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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-11-03 · 44 (3.11.1893) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
44 (3.11.1893)
Date
1893-11-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 856 Vesterreichifche WochenfchrM Nr. 44 wickelten sich zuweilen zur maßlosen Leidenschaftlichkeit, und wenn dann der schöne sächsische Dialect in seiner ganzen Natürlichkeit dominirte, dann konnten nicht nur an der germanischen, sondern auch an der arischen Abstammung der Versammelten berechtigte Zweifel entstehen. Dieses Singen beim Reden ist äußerst verdächtig, und sollte es denn ganz zufällig sein, daß die Sachsen in der Reformationsepoche als die Ersten unter allen Deutschen sich dem Bibclworte angeschlossen haben? Es ist ferner nicht zu leugnen, daß die Sachsen in den Befreiungskriegen lange genug beim Kaiser Napoleon ausgehalten haben, ohne die flammende Begeisterung zu theilen, von welcher damals ganz Deutschland erfaßt war. Dann als die Schlacht von Leipzig eine für den Bonaparte unglückliche Wendung nahm, dann machten auch die sächsischen Truppen eine Wendung und marschirten mit wehenden Fahnen und unter klingendem Spiele in das deutsch-russische Lager. Wir bitten diese Dinge vom antisemitischen Standpunkte zu beurtheilen. Da in einer stürmischen Sitzung schrie Einer: „Der Bismarck ist der Wotan. Auf nach Walhalla!" Dieses vernunftklare Argument siegte; es wurde beschlossen, eine Massenwanderung nach Friedrichsruh zu veranstalten. Und nun standen sie im Schloßsaale, hatten einen Halbkreis gebildet, Fürst Bismarck stand in der Mitte und begann zu sprechen: „Ich war anfangs nicht mit mir im Reinen, ob ich Sie, meine Herren, empfangen oder die Ehre Ihrer Begrüßung ablehnen solle. (Fürst Bismarck sprach mit gedämpfter Stimme, wie immer am Anfänge einer Rede. Rufe aus der Versammlung: Lauter, lauter.) Allein ich habe mich doch entschlossen, gewisse Empsindungen zu überwinden und die Begegnung mit Ihnen ist mir sogar willkommen (Bravo, Bravo!), weil ich nicht will, daß mein Porträt entstellt und verzerrt durch Ihre Hand (Protestrufe) der Nachwelt überliefert werde. Es wäre doch ein Unrecht an mir selber, wenn der Glaube entstünde, daß ich mit der Wauwaupartei sympathisire. Sie sind erstaunt, daß ich Ihnen diesen Namen beilege; das will ich Ihnen erklären. Ich soll in meinen ersten Lebensjahren ein ungeberdiger Junge gewesen sein. Die Amme gebrauchte damals das erprobte Mittel der Kinderstube, das zuweilen auch in der Staatskunst Verwendung findet, und sagte: „Der Wauwau kommt" und zuweilen sagte sie auch: „Der Jude kommt und steckt dich in den Sack." Ich wußte damals gar nichts von einem Juden; über die Amme gab mir eine nähere Schilderung und bereicherte auf diese Art meine ethnographischen Kenntnisse. Sie, meine Herren, werden mich jetzt verstehen. Dem deutschen Volke sagen Sie: „Der Jude kommt, der geht herum mit einem großen Sack und steckt Alles hinein, eure Felder, Schlösser, Häuser, eure Pferde, euer Geld" und es gibt viele große Kinder, die daran ebenso fest glauben, wie die kleinen Kinder an den Wauwau. Ich habe die deutsche und preußische Geschichte so ziemlich in meinem Geiste gegenwärtig. Ich weiß, daß die Juden den schrecklichsten Verfolgungen preisgegeben waren und daß ihr ganzes Streben darauf gerichtet sein mußte, sich temporären Schutz und temporäre Sicherheit zu erringen. Denken Sie sich, meine Herren, in diese Lage hinein und erwägen Sie, was aus einem anderen Volke unter solchen Verhältniffen geworden wäre. Die höchste Gewalt aber sagte damals zu den Juden: „Ich verstehe nichts von der Capitalswirthschaft; aber ich brauche Geld. Du mußt für mich Geld auftreiben, du mußt für mich wuchern und dafür verspreche ich dir meinen Schuh. Das Volk wird dich mit seinem Hasse verfolgen: du aber wirst zum Range eines Schutzjuden und Kammerknechtes erhoben." (Laute Heiterkeit.) Das ist nicht zum Lachen, meine Herren, der Staat sagte nicht, du darfst wuchern, der Staat sagte: „Du mußt wuchern" und Wucher hieß damals Alles, was Zinsen brachte. Meine Herren, über Sclaverei, Leibeigenschaft, Hörigkeit, Wucher, über Institutionen, Gewohnheiten, Mißbräuche läßt sich nachträglich vom Standpunkte einer höheren Civilisation aus leicht aburtheilen. Ich aber sage Ihnen, die knarrenden Räder der Weltgeschichte werden mtt gar verschiedenartigem Oel geschmiert und die Büchsen, in denen dieses Oel verwahrt ist, haben nicht immer angenehme Vignetten. Aber die Lüge fängt bei den Jugendgcschichten an und wird fortgesetzt in den großen Geschichtswerken und die Frucht unseres sogenannten Idealismus ist die Ungerechtigkeit und die Verleumdung. Nach einem glücklichen Feldzuge erhält der Feldherr Güter, Dotationen, Privilegien und stolze Titel; der Lieferant aber wird vom Galgen bedroht und muß sich allen Hohn und alle Beleidigungen gefallen lassen. Wer aber das Geld für den Krieg herbeischafft und den Proviant für die Truppen, der hat zum Gelingen des Feldzuges auch das Seinige beigetragen. Der große Wallenstein war gleichzeitig mit vielen Herren vom Adel und einigen Juden in einen Proceß wegen Betruges verwickelt, der an dem Staate und dem Volke durch die Ausprägung schlechter Münze verübt wurde. Der Wallenstein steht im Mittelpunkte einer mächtigen Trilogie, die Nachkommen der adeligen Münzverfälscher sind heute hochangesehene Aristokraten, ihr Wappenschild ist unbefleckt und der Ruf ihrer Geschlechter hat nicht gelitten; den Juden des Mittelalters aber wird nachgesagt, und zwar ihnen allein daß sie unterwerthige Münze geprägt haben. Ich habe mich schon auf die deutsche und preußische Geschichte berufen; sie hat wie jede tausendjährige Geschichte ihre Perioden des Glanzes, des Ruhmes und des Stolzes, sie hat ihre Perioden der Erniedrigung und Demüthigung. Meine Herren, die Juden lebten fortwährend unter uns und die Chronisten und Geschichtsschreiber können nicht behaupten, daß von den Juden irgend etwas ausgegangen sei, was dem deutschen Volke oder dem preußischen Staate oder einem anderen deutschen Lande zum Verderben gereicht hätte. Haben sie die Reichseinheit zerstört, haben sie das Reich verrathen und sich zum Schaden des Reiches mit fremden Staaten verbündet, waren die Juden bereit, die deutsche Kaiserkrone an den Reichserbfeind zu verkaufen, haben sie, die Juden, deutsche Landessöhne .gewaltsam zu Soldaten gepreßt, um sie auf Nimmerwiederkehr übers Meer hinüber zu verkaufen? Wenn man den Juden nur einen kleinen Theil dessen nacherzählen könnte, was hinsichtlich berühmter Geschlechter unzweifelhafte geschichtliche Wahrheit ist, dann wäre das sehr traurig für die Juden. Den Juden in Deutschland muß die Geschichte einen untadelhaften Leumund ausstellen und cs muß von ihnen auch gesagt werden, daß sie die Aufgaben, für die der Staat ihnen Raum laßt, oft mit größter Redlichkeit und nach bestem Können erfüllt haben. Da verräth cs gewiß kein tiefes Eindringen in den Zusammenhang der Dinge, wenn man den Juden allen Antheil an der deutschen Geschichte, alles Verdienst nach dieser Richtung bestreiten will. Ich denke, eine Composition von Mendelssohn Bartholdy ist noch immer dem Tantener Processe vorzuziehen, in welchem Ihre antisemitische Mitwirkung an der deutschen Geschichte zum Ausdrucke gelangt. Sie berufen sich auf meine Rede aus dem Jahre 1847. Ich scheue diese landtägliche Erinnerung nicht, aber es wundert mich, daß Sie, meine Herren, darauf zurückkommen. Es kann doch unmöglich als Antiseniiten in Ihrer Absicht liegen, mich als Zeugen für die Juden aufzurufen. (Unruhe und allerlei Zwischenrufe: Jüdischer Kniff, Schule Bleichröder, Nathan der Weise u. s. w.) Ihre Zwischenrufe passen nicht für diesen Raum und ich sage Ihnen, daß, wenn Sie nicht auch auf den deutschen Verstand verzichtet hätten. Sie weniger verwundert in die Luft starren würden. Ich habe im Jahre 1847 gegen die Juden gesprochen; das heißt, ich habe als preußischer Landwirth damals dieselben Anschauungen gehegt und zum Ausdruck gebracht, wie Viele oder die Meisten meines Standes. Später wurde ich Gesandter, Botschafter, Ministerpräsident und es gelang mir, auf die Geschicke meines Vaterlandes einigen Einflußzunehmen. Selbstverständlich hatte ich auch Gelegenheit, in meinem Berufe nicht nur viele Juden kennen zu lernen, sondern überhaupt Menschen und Dinge anders anzusehen und anders zu beurtheilen, als vom väterlichen Schloßsitze ans und im Kreise von Nachbarn, die. jede Veränderung als einen Einbruch in ihre Privilegien betrachteten. Als Junker habe ich gegen die Juden gesprochen, habe sogar leidenschaftlich und rücksichtslos gesprochen; als Staatsmann und Kanzler habe ich für die

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