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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-11-03 · 44 (3.11.1893) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
44 (3.11.1893)
Date
1893-11-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ar. 44. Wien. 3. Nsvember 1893. Jahrgang X. Centralorgan für die gefammten Interessen des Iudenthums. Eigenthmner: Reichsralhs-Abgrordnrler Dr. Kloch -- Man svonnirt brr allen Postanstallrn dr» In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 st. Einzelexemplare 2L kr. Anzeigen: Die 4mal gespaltete Petitzeile 12 kr. K. K. Postspmiaffrnamt DlraringvrrKrhr Nr. 810.076. NedsrUon »nd Adniinistralwn: Franz Josefs-Nnai Nr. 3. Telophon-Nr. 6535. Inhalt: Leitartikel: Rücktritt des Ministeriums Daaffe. — Die Antisemiten bei Bismarck. — Man drängt uns in die Reihen der Socialdemokratie. — Socialdemokratie und Antisemitismus. —Budapest er Briese. — Ein Gutachten über dcs Schächten. — Druckfehlerberichtigung. — Correspondenzen: Wien, Budapest, Berlin, Hamburg, Dresden, Paris, Odessa, Rew-Pork. — V e r m i s ch 1 e s: Wien, Krakau,Prag, Stanislau, Proßnitz,Horn, Budapest. — Fürstengunst XXXI. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. Inhalt der Beilage: Die Hetze gegen die Hausirer. — Zur Entstehung der Mischna. — Correspondenzen: Wien, Karbitz, Nikolsburg, Hannover, London, Chicago, Berlin, Kopenhagen, Constantinopel, Reiv-Bork, San Francisco, Philadelphia. Rücktritt des Ministeriums Taaffe. Der Rücktritt des Ministeriums Taaffe ist eine vollzogene Thatsache, und in dem Augenblicke, wo dieses Blatt in die Hände unserer Leser gelangt, ist vielleicht schon die Entscheidung darüber getroffen, welcher Staatsmann der künftigen Regierung seinen Namen und das Gepräge seines Geistes aufdrücken soll. Das neue Eabinet wird in seiner Zusammensetzung der Coalition der drei großen gemüßigten Parteien dcs Abgeordnetenhauses, der Deutsch-Liberalen, der Conscrvativen und der Polen, entsprechen. Die Demission des Ministeriums Taaffe wird in den Reihen der österreichischen Juden mit unverhohlener Befriedigung begrüßt. Diese Thatsache kann nicht Wunder nehmeil, wenn man bedenkt, daß innerhalb der vierzehn Jahre der Aera Taaffe der Antisemitismus in Oesterreich und namentlich in Wien durch innere und äußere Einflüsse zu außerordentlicher Macht und Bedeutung angewachsen ist. Zu den dunklen Seiten des Systems Taaffe gehörte es, daß dasselbe, dem mechanischen Gesetze der Kräfteoertheilung folgend, wohl oderübel, freiwillig oder gezwungen der Judenhetze eine passive und vielleicht mehr noch als eine passive Förderung zu Theil werden lassen mußte. Wie das gekommen ist, daß ein so wahrhaft vornehm und human denkender Cavalier wie Graf Taaffe eine Stütze auch bei Elementen suchen mußte, die er selbst im tiefsten Grunde seiner Seele verabscheute, das gehört zu der Geheimgeschichte des Ministeriums Taaffe, deren Schleier zu lüften erst einer späteren Zukunft Vorbehalten ist. Daß Graf Taaffe persönlich nichts weniger als ein Antisemit war, beweist der Umstand, daß er zu einer Zeit, wo der Proceß Rohling-Bloch noch in Schwebe war, den Abgeordneten Doctor Bloch zum Professor für hebräische Alterthümer an der Wiener Universität zu ernennen bereit war, für eine Lehrkanzel also, welche in Prag der geistige und moralische Antipode des genannten Abgeordneten, der berüchtigte Meineid-Rohling, inne hat. Es hat in der Aera Taaffe auch an wiederholten Versuchen nicht gefehlt, die österreichische Judenschaft um den Preis einer Unterdrückung der antisemitischen Hetze von der liberalen Partei abzudrängen und für die Politik des Ministeriums zu gewinnen. Wenn auch nicht ofsiciell, so erfreute sich doch im Jahre 1882 das Fischhos'sche Unternehmen einer neuen Parteigründung im Stillen der Sympathien der hohen Regierung und vielleicht war es derselbe Grundgedanke einer radiealen Verschiebung der heute wirkenden parlamentarischen Kräfte, welcher die letzte umwälzende Action des Cabinets Taaffe, die Verheißung des allgemeinen Wahlrechtes, veranlagte. Die vierzehnjährige Geschichte dieses Cabinets ist eine Kette der seltsamsten Eontraste, der widerspruchvollsten Strömungen, der räthselhaftesten Wendungen und das unbeschreiblichste Räthsel vielleicht ist die Stellung, welche das System Taaffe gegenüber dem Antisemitismus eingenommen hat. Eine neue Aera beginnt, neue Männer treten an das Ruder des Staates. Ueber Gegensätze, welche bisher unvereinbar schienen, spannt sich heute ein schmaler und schwankender Steg. Die neue Coalition wird ihre Belastungsprobe noch zu bestehen haben. Wir wünschen, daß dieselbe vor Allem in dem einen Punkte nicht versage, der uns zunächst am Herzen liegt. Wir wünschen, daß die neue Negierung beherzt und energisch jenen nichtswürdigen Verhetzungen ein Ende zu machen wisse, welche das öffentliche Leben unseres Vaterlandes bis in seinen tiefsten Kern vergiftet haben und durch deren Duldung Hunderte und Tausende guter Patrioten in das Lager der Unzufriedenen gedrängt wurden. Wie immer die Männer heißen mögen, welche die Erbschaft des Ministeriums Taaffe übernehmen, sie gehen aus einer Verbindung von Parteien hervor, deren Traditionen den zersetzenden Bestrebungen des Antisemitismus direct zuwiderlaufen. Möge der überraschende Scenenwechsel, der sich soeben vor unseren Augen vollzieht, der Beginn einer besseren Zeit für die Juden Oesterreichs sein' Die Antisemiten bei Bismarck*). Viele Besprechungen im Schoße der Partei hatten stattgefunden, bevor die Antisemiten es wagten, dem Fürsten Bismarck ihre Huldigung darzubringen. Die Gerathungen ent- *) Durch sämmtliche antisemitische Blätter Deutschlands wandert ein gemeines Pamphlet: „Die Juden l>ei Bismarck. Von Max Bcwer", welches auch die Wiener Autisemiteuorgane geradeso wie jene in Reichenberg und Asch für wichtig genug erachteten, ihren Lesern zur Kenntuiß zu dringen. Daraufhin beauftragten wir einen unserer Berichterstatter, über den Empfang der „Antisemiten bei Bismarck" für unsere Leser zu referiren. Der Nachdruck dieses Referates wird allen antiseniirischen Parteiblättern gestattet.

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