Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 43 (27.10.1893)
- Date
- 1893-10-27
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 850 Oesterreichifche Wochenschrift Nr. 43 Maße besaß. Er entfaltete neben seiner rabbinischen und pädagogischen Wirksamkeit auch eine rege literarische Thätigkeit. Am bekanntesten ist sein Hauptwerk: „Die Sittenlehre des Judenthums anderen Bekenntnissen gegenüber." Als guter Redner war der Heimgegangene weit über die Grenzen des Bezirkes hinaus bekannt und hochgeschätzt. Seine Verdienste besonders um die Hebung des jüdischen Schulwesens in Baiern sind auch an höchster Stelle nicht unbeachtet geblieben. Im Jahre 1886 verlieh ihm König Ludwig II. den Michaelsorden zweiter Elaste. Das große Ansehen und die Hochachtung, welche dem Verstorbenen sowohl seitens seiner Schüler und Glaubensgenossen als auch von Seiten seiner Mitbürger und Vorgesetzten entgegengebracht wurden, rechtfertigen die aufrichtige Theilnahme, welche sein Tod hervorgerufen. Ec ruhe sanft! Smyrna. Der Sultan hat dem unter dem Vorsitze des General-Gouverneurs von Smyrna constituirten Unterstützungs- Comite 10.000 Francs zur Vertheilung unter jüdische Familien, welche unter der Cholera zu leiden haben, übermittelt. Woher'ich die Schramme habe? (Nacherzählt einem jüdischen Künstler.) .Als die Stunde bei dem Knaben zu Ende war, wurde ich in den Salon gerufen. Ich erschrack. weil ich die Kündigung fürchtete, denn ich merkte schon seit etwa vierzehn Tagen eine kühlere Behandlung als früher, und die Musikstunden in diesem Hause waren seit ungefähr einem Jahre die einzige Hilfsquelle zur Fortsetzung meiner Studien. Ich hatte mir zwar keine Vernachlässigung meiner Pflicht vorzuwerfen, aber man hatte vor Kurzem im Hause mein Judenthum entdeckt. Bei der Aufnahme glaubte ich nicht, nachdem man mich nicht darum frug, mein Glaubensbekenntniß oblegen zu müssen, jüngst wurde ich jedoch dazu herausgefordert. Der älteste Sohn des Hauses war ein deutsch-nationaler Student aus der Gefolgschaft Schönerer's. In der letzten Zeit kam er eines Tages voll bekneipt nach Hause und schimpfte in meiner Gegenwart über die Juden. Die Eltern lachten, ich aber sagte mit aller philosophischen Ruhe, die zu bewahren mir nur möglich war: „Ich kann Ihnen nicht beistimmen, weil ich selbst Jude bin!" Der Junge wie die Alten waren perplex. Seitdem bemerkte ich, daß man mich nicht anders ansehen konnte, als dabei an den Religionsunterschied zu denken, und so oft der Herr oder die Frau mich ansprach, gewärtigte ich die Kündigung. Auch bei diesem Rufe in den Salon wappnete ich mich mit der Resignation, in aller Form Rechtens meine Entlassung angekündigt zu bekommen. In dem von einem Gasluster hell erleuchteten Saal befand sich Niemand, als die etwa sechzehnjährige Tochter des Hauses. Sie saß vor dem schwarzglänzenden Ebenholz-Clavier und ihr goldig schimmerndes Haar sprühte Funken. Aus dem decolletirten Kleide aus dunklem Stoffe hob sich das blonde Köpfchen, gleich einer duftigen, rundlichen Theerose hervor. Ich mußte mir Gewalt anthun, Herr meiner Sinne zu bleiben. Zum Glück redete sie mich an: „Haben Sie ein wenig Zeit für mich, Herr ....?" „Ich stehe zu Ihren Diensten, mein Fräulein." . „Wollen Sie mich ein wenig auf der Violine begleiten?" „Mit Vergnügen." Während ich die Violine stimmte, überkam mich eine solche Aufregung, wie sie der Schüler empfindet, der vor seinem Meister spielen soll. Ich stand, hinter dem Clavier und das Stimmen des Instrumentes ging^stußerst langsam von statten, denn das Mädchen wendete, mir-den Rücken zu, während sie die Nöten suchte, und ich-chewunderte aus unmittelbarer Nähe ihr goldig schimmerndes Haar, den zarten Hals und den schlanken Wuchs. Dann kam sie näher, blieb vor mir stehen, besichtigte meine Violine und sagte Etwas, das ich nicht verstand, da ich nur athemlos den Klang ihrer Stimme lauschte. Abermals bückte sie sich und ich konnte Athem schöpfen, konnte mich in den Anblick ihres Haares vertiefen... ,. „Wissen Sie, was wir spielen werden?" „Dieselbe Piece wie letzthin?" „Ach nein, die „Braga-Serenade"." „Die ist auch meine Lieblings-Piece." In den Salon mündeten mehrere Seitenräume und alle waren finster. Als ich die Jntroduction begann, kam es mir vor, als ob im letzten Zimmer sich Jemand bewegte, doch achtete ich nicht darauf. Ich spielte sehr schön. Eine ungewöhnlich warme Empfindung beseelte mich, die liebliche Melodie nahm mich vollkommen gefangen und es kam mir beinahe vor, als ob ich nur in derselben lebte. Plötzlich begann das Clavier zu klagen und Violine und Clavier gingen in einander auf. Der Ton füllte den Salon aus, durch das offene Fenster kam ein leiser Wind und sein Hauch berührte mich milde, gleich zarten Mädchenfingern.. Der Lufthauch fing an sich zu regen, er begleitete die Melodie der Serenade und mir dünkte, als ob sich auch die Erde bewegte. Wir kamen zum Finale.. .. Plötzlich erlosch das Gas..... Weltvergessen spielte ich fort und es riß mich gar nicht aus meinen Träumen — ich war wie eins mit ihnen — als ich das Mädchen an meinem Halse, ihren Athem an meinen heißen Wangen fühlte und vernahm, wie sie flüsterte: „Gott hat es so gewollt.... ich liebe Dich!" Da wurde es plötzlich wieder hell im Saale. Ich erwachte aus meinen Träumen und sah am Eingänge des Saales die Eltern, meinen Schüler und vor mir die drohend aufgerichtete Gestalt des Studenten, aus dessen blutunterlaufenen Augen mich finsterer Zorn niederschmetterte. „Elender Jude! Du willst , meine Schwester verfiihren!" Und im nächsten Augenblick grub sich ein mächtiger Peitschenhieb in mein Gesicht. Das Tuch vor mein Antlitz pressend, eilte ich zur Thüre, zum Thor hinaus, blieb in der menschenleeren Gasse bei der ersten Gaslaterne stehen und nun sah ich, daß das Tuch von Blut getränkt war. Ich empfand keine Schmerzen, ich war betäubt, apathisch, als ob die Peitsche das Antlitz eines Wildfremden blutig gezeichnet hätte. Nicht einmal der Gedanke an Rache stachelte mich. Ich hätte jenen Menschen hilflos vor mir stehen sehen können, die Peitsche in meiner Hand und ich hätte nicht so viel Willenskraft besessen, um ihm den Schlag zu vergelten. Wenn ein Erdbeben in diesem Augenblicke entstanden wäre und ein einziger Schritt genügt hätte, mich vom Abgrund des Verderbens zu retten, ich hätte ihn nicht gemacht. So stand ich eine Weile. Es fing zu regnen an, die Tropfen kühlten die Wunde auf meinem Angesichte und brachten mich wieder zu Bewußtsein. Mir gegenüber stand das Haus, wo ich diese blutige Beschimpfung erhielt; aber mich quälte nur der Gedanke, was das arme Kind jetzt von ihren Angehörigen auszustehen haben mag, das seine gewiß seit Monaten im Stillen genährten Gefühle in jenem unseligen Augenblicke verrieth. Ich fürchtete, daß es noch in dieser Nacht in dem Hause zu einer Katastrophe kommt und wollte da bleiben, um, wenn möglich, noch helfend bei der Hand sein zu können. Ich stellte mich in die Thoreinfahrt des Hauses, als ob ich da Schutz vor dem Regen suchte, und starrte ängstlich in die einsame Gasse hinaus, in der die Gasflammen wirbelten, als ob böse Dämone einander in den Lüften nachjagten und sie mit ihren Flügelschlägen berührten. So stand ich bis zur Morgendämmerung. Nichts rührte sich im Hause. Und wenn sie auch Alle schlafen, wälzt sich das Mädchen gewiß schlaflos auf ihrem Lager und weint. Gewiß, gewiß, wie ist es denn anders möglich, bei solchem Liebesgram in jugendlichem Herzen. Mit diesen selbstquälerischen Gedanken machte ich mich auf den Heimweg, als bereits die Milchweiber und Bäckerjungen sich in der Gaffe einstellten und mich anglotzten. Es stellte sich ein Wundfieber ein und ich brachte acht Tage im Bette zu. Meine Wunde im Gesichte war aber auch dann noch nicht geheilt, so daß ich bei Tage das Zimmer nicht verließ, um Niemanden Rede stehen zu müssen, woher ich diese Wunde habe. Lügen, daß ich sie in einem Duelle erhalten, wie es gewiß Andere gethan hätten, wollte ich nicht. Als ich am neunten Tage Abends das erste Mal ausging, war selbstverständlich mein Ziel die Gasse, wo das Haus stand, aus dem ich mit so blutiger Beschimpfung schied. Ich wollte Erkundigungen einziehen über das Befinden des armen Kindes, das so unglücklich in seiner Liebe geworden. Ich zitterte zu hören, daß sie krank darniederliege oder gar schon gestorben sei. Mit bangen Schritten näherte ich mich dem Hause. Da sah ich eine.lustige Gesellschaft aus dem Thore herauskommen und darunter auch am Arme eines baumlangen Burschen, mit dem sie scherzte und lachte, die Kleine, die vor einer Woche mir ihr Heiz entdeckte .und mit wilder Liebesgluth mich umklammerte, wofür mir von ihrem sittenstrengen Bruder der blutige Schimpf angethan wurde, als hätte ich, der Jude, sie verführt.