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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-10-27 · 43 (27.10.1893) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
43 (27.10.1893)
Date
1893-10-27
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 43 Oesterrrdtzifche Wochenschrift Seite 851 Es war mir wie ein Stich ins Herz; aber nur aus verletzter Eitelkeit. Sofort ermannte ich mich und spottete über meine Thorheit. Ich war ihr gewiß der blöde Judenjunge, der das unschuldige Kind monatelang nicht verstand, während der Arier ihr vielleicht schon am ersten Tage ihrer Bekanntschaft verständnißinnig entgegengekommen sein mochte. Ich lag nun, ohne mehr an dieses Haus und an das Mädchen zu denken, um so fleißiger meinen Studien ob, als ich erkannte, daß der Jude sich die Achtung erzwingen muß. Diese Schramme aber ist mein Stolz, sie mahnte mich an mein Judenthum und spornte mich zum Fleiße an und ich verdanke ihr daher die Anerkennung, die ich genieße. Mehr aber danke ich ihr, daß sie mich bei meinem vielfachen Verkehr in nichtjüdischen Kreisen davor bewahrte, zu tief in die Augen eines arischen Mädchens zu gucken und mein Herz an sie zu verlieren. Fürstengunst. Roman von S. Kohn. Verfasser von „Gabriel". Zeder «»besagte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Uedersetzungs- ZO) rechte Vorbehalten.) „Als ich an den Hof kam," fuhr Rafael Fränkl fort, „war Rogert hocherfreut und glücklich; aber trotzdem ich ihn, wenn ich ihm im Schlosse begegnete, stets freundlich ansprach und mich nach seiner Mutter erkundigte, hielt er sich doch in bescheidener Entfernung von mir, da er wußte, daß seine Annäherung an eine Person, welche der Fürst seines Umganges würdigte, dessen höchstes Mißfallen erregen würde. Als ich im Jahre 1711 rrach dem Passahfeste, das ich in Fürth im elterlichen Hause verlebt hatte, nach Ansbach zurückkehrte, wurde ich in meiner Wohnung von Rogert's Mutter erwartet. Sie warf sich vor mir auf die Kniee und bat mich unter herzbrechendem Schluchzen, ihren unglücklichen Sohn zu retten, ich. wäre der Einzige, dem dies durch seinen persönlichen Einfluß auf den Markgrafen möglich wäre. Sie fügte hinzu, es sei Gefahr im Verzüge und wenn es nicht zu spät werden sollte, müßte ich sofort, ohne mir Zeit zu nehmen, die Kleider zu wechseln, bei dem Markgrafen Audienz nehmen. Näheres wisse sie selbst nicht, nur so viel hätte sie heimlich erfahren, daß der Markgraf ihren Sohn eines Diebstahles beschuldige, ihn verhaften ließ und dieser, da er nicht gestehen wolle, in der nächsten Stunde, auf fürstlichen Befehl peinlich befragt werden sollte. Ich kannte Rogert als einen streng redlichen Menschen, der Gedanke, daß er gefoltert werden sollte — die Tortur ist etwas Entsetzliches — machte mein Herz erzittern und ich eilte sofort aufs Schloß. Ich könne jetzt nicht Vorkommen, hieß es, Serenissimus habe hohen Besuch, der Prinz Eugen von Savoyen, erster kaiserlicher Minister und Generalissimus der kaiserlichen und der Reichsarmee sei bei ihm. Ich erinnerte mich, daß mein Vater einmal in ähnlicher Lage erfolgreich einen Versuch gewagt, ich ließ mich nicht abhalten und betrat mit klopfendem Herzen das Cabinet des Markgrafen. „Was willst Du?" rief mir Friedrich Wilhelm zornig entgegen, „wie konnte Dich der Schuft von Kammerdiener einlassen? Ich werde den Vaurien peitschen lassen, daß ihm die Seele aus allen Knopflöchern fliegen wird.... Ich habe hohen Besuch und will ungestört sein!" ... doch schien sem Zorn schon während des Schreiens ein wenig zu verbrausen, denn er fügte in etwas milderem Tone, halb scherzhaft hinzu: „Troll Dich weg und komm' meinetwegen Nachmittag." „Durchlauchtigster Markgraf," erwiderte ich, „ich hätte es nicht gewagt, vorzudringen, allein es handelt sich um eine wichtige und unaufschiebbare Angelegenheit und Se. Durchlaucht der Prinz von Savoyen, den die bewundernde Mitwelt, den Ritter ohne Furcht und Tadel nennt, ist so hochsinnig, daß ihn meine Kühnheit nicht verletzt, ja ich wage es zu hoffen, daß, wenn höchst er meine allerunterthänigste Bitte an allerhöchst Sie hören, höchst er dieselbe noch durch sein gnädiges Fürwort unterstützen wird." Ich schien auf den Prinzen einen günstigen Eindruck gemacht zu haben, denn erfrug: „Wertst der junge Mann?" „Der" erwiderte der. Markgraf „ist mein Lebensretter, Rafael Fränkl, der hat mich von der Umarmung eines gereizten Bären erlöst, der nicht übel Lust hatte, mich in Stücke zu reißen." ... Die Erinnerung hieran hatte ihn plötzlich wohlwollend für mich gestimmt, er trat rasch an mich heran, strich mir die Haare aus der Stirne, so daß meine Narbe sichtbar wurde und sprach schon lachend: „Das hat er von der Affaire znm Andenken behalten." „Ich glaube", meinte der Prinz gutmüthig lächelnd, „einem Lebensretter könnte man schon eine kleine Gefälligkeit erweisen, wenn's kein Geheimniß ist, wäre ich selbst begierig zu hören, was der junge Mann von Ihnen, Durchlaucht, wünscht." „Das sollen Euer Durchlaucht sogleich erfahren, also was willst Du Rafael?" „Serenissime! Bernard Rogert soll in einer Stunde gefoltert werden, weil er im Verdacht steht, gestohlen zu haben. Ich kenne ihn von seiner Jugend an, er hat Proben der strengsten Redlichkeit gegeben, ich bitte . . . ." „Rogert ist ein Filou!" fiel mir der Markgraf ins Wort, „er hat meinen Ring gestohlen; es kann gar nicht anders sein! Ich war allein im Zimmer mit ihm, hatte zuerst den Ring am Finger, zog ihn dann, als ich mir die Hände waschen wollte, ab und legte ihn auf den Tisch: als ich ihn dann, nachdem Rogert das Zimmer verlassen, anlegen wollte, war der Ring verschwunden, das kann ich mit meinem Fürstenworte beschwören. Der Kerl muß ihn gestohlen haben! Und nun will diese Hundeseele nicht einmal das Verbrechen eingestehen! Wenn man den Schuft foltert bis er crepirt, geschieht ihm nur, was ihm gebührt! Wo wäre denn der Ring hingekommen .... habe ich nicht recht, Durchlaucht?" wandte er sich an den Prinzen. Dieser erwiderte nichts, aber ich rief: „Serenissime! Rogert kann den Ring unmöglich gestohlen haben!" „Was sind das wieder für dumme, abgeschmackte Redensarten? Warum, weshalb sollte das nicht sein können?" schrie der Markgraf. „Weil sich der Ring hier im Käfig des Papageis befindet," antwortete ich, „denn ich hatte ihn, Gott Dank, plötzlich vom Sonnenlicht bestrahlt, dort glänzen sehen, ich trat rasch zu dem Käfig, zog den Ring aus demselben und überreichte ihn dem Markgrafen. Prinz Eugen rief: „ah, quelle surprise'.*) ich aber fuhr fort, „Durchlauchtigster Herr Markgraf, ich beschwöre Sie allerunterthänigst, mir allergnädigst den schriftlichen Befehl zu geben, daß der Jnquisit nicht gefoltert, daß er sofort freigegeben werde." Der Markgraf wurde brennend roth und brach, um seine Verlegenheit zu maskiren, in ein schallendes Gelächter aus; aber schon nach wenigen Sekunden wechselte wieder seine Stimmung, er wurde über dem Papagei, welcher frei im Zimmer herumgeflogen und den Ring in seinem Schnabel in den Käfig getragen haben mußte, wüthend, schalt ihn filou, miserable, voleur, coquin, fripon**) Und hätte ihn in seinem Zorne gewiß getödtet, wenn nicht der Prinz für den prächtigen Vogel gebeten hätte. — Ich hatte wieder vom Neuen Gelegenheit, zu erkennen, wie gering Markgraf Friedrich Wilhelm das Wohl, die Gesundheit eines Menschen schätze. Er dachte nicht daran, daß, wenn er nicht den Gegenbefehl ertheile, ein unschuldiger Mensch furchtbare Schmerzen erleiden würde, und ich hatte es wieder nur der Intervention des edlen Prinzen zu danken, daß er mir endlich die erbetene Ordre schriftlich gab. Es war die höchste Zeit; als ich vor Eile athemlos im Gerichtshause anlangte, hatte man schon mit der Territion***) begonnen. Sie können sich den Jubel des Erlösten vorstellen!" „Nun wird es mir klar", sprach Wertheimer, „weshalb dem Prinzen der Name Rogert bekannt erschien — aber ich bitte Sie, fortzufahren." (S°rt>ev>mg folg,.) Wochenkalender. Cheschwan 6654. — October-November 1893. Freitag 17! 27 E. d. N. 5h 24® Samstag 18 ■ nn 28 Sonntag 19 2.) Montag 20 80 Dienstag 21! 31 Mittwoch 22! 1 Donnerstag 23 l 2 Freitag 24 3 *) Ah, welche Ueberraschnng. *) Spißbube, Elender, Dieb, Schuft, Schelm. ***) Jedem Jmnlpaten wurden, bevor mau zur Tortur schritt, die Folterwerkzeuge gezeigt und ihm deren Anwendung erklärt. Man nannte das die Territion.

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