Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 43 (27.10.1893)
- Date
- 1893-10-27
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3020954-3020997--02911-3027022- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 43 Drfierrrichifchr Wochenschrift Seite 843 nach der Zerstörung des zweiten Tempels Juden in Wien gewohnt. Wien. Im festlich beleuchteten Tempel des IX. Bezirkes fand vorigen Freitag den 20. Oktober (als dem elften Tage in Marcheschwan), dem hundertsten Geburtstage Jfak Noe Ma nnh e imer's, nach jüdischer Zeitrechnung, eine erhebende Feier statt; Rabbiner Dr. Gelbhaus hielt die Gedenkrede; in seinen Ausführungen betonte der Prediger, daß der Verklärte vor 100 Jahren, als eine gewaltige Strömung, dem Lichte und dem Fortschritte zugewendet vom Westen her sich über Europa wälzte, geboren, in sich den Beruf fühlte, das noch in den finsteren Banden des Ghettothums sich befindende Judenthum, dem Lichte und der Aufklärung entgegenzuführen, wie er, anknüpfend an den Wochenabschnitt, dem Verewigten mit dem Patriarchen Abraham verglich, der auf Gottes Ruf „auszog aus seinem Vaterlande, aus seinem Geburtsorte, aus dem Hause seines Vaters eine Opferstätte zu bauen dem Ewigen." Zum Schlüsse, als die andächtige Gemeinde sich erhoben hatte, segnete er das Angedenken des Verewigten, dessen Bermächtniß fortleben werde unter uns. Wien-Mariahilf. Wie bereits von uns angekündigt, fand am 17. d. M. die vom Vorstande des Tempel-Vereines im Mariahilfer Tempel veranstaltete Mannheimer-Gedenkfeier nnter zahlreicher Betheiligung statt und nahm einen würdigen Verlauf. Nach Recitation des Ma towu. welches der treffliche Obercantor Dünnmann mit dem Tempelchore in gewohnt ausgezeichneter Weise vortrug, hielt der Bereinsprediger Ehrwürden Rabbiner Dr. Tag licht die Gedenkrede. Anknüpfend an den Wochenabschnitt verglich er den berühmten Seelsorger der Wiener Cultusgemeinde mit Noah und feierte ihn mit Zugrundelegung des Satzes Jes. 11,1: „Es ruhte auf ihm der Geist des Ewigen, der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rathes und der Thatkraft" als Mensch, Seelsorger, Gelehrten und Begründer des modernen jüdischen Gottesdienstes. In formvollendeter Weise wußte der Redner ein anschauliches Bild M a n n h e i m e r's zu entwerfen und seine Bedeutung für unsere Gemeinde wie überhaupt für das Judenthum zu charak» terisiren. Diese Rede übte auf alle Anwesenden einen mächtigen, nachhaltenden Eindruck und fügte sich harmonisch in den Rahmen der erhebenden Feier, welche mit dem mustergiltigen Bortrage des Psalmes 111 endete und gewiß allen Theilnehmern in lebhafter Erinnerung bleiben wird. Wien. Der akademische Verein „Kadimah" feierte Samstag, den 21. d. M., in Kh u n e r's Restaurant den Eröffnungsabend seines 22. Semesters. Es hatte sich wie bei allen Veranstaltungen der „Kadimah" eine große Anzahl von Gästen, bestehend aus jüdischen Studenten, „alten Herren" und Freunden des Vereines, eingefunden, so daß der große Saal des Restaurants kaum alle Erschienenen fassen konnte. Nach der Begrüßung der Gäste durch den Bereinspräses entwickelte Drd. I. S ch a l i t in längerer und wiederholt mit lautem Beifalle aufgenommener Rede die Ziele der national-jüdischen Bewegung. Er wies mit kernigen, geistreichen Worten darauf hin, daß nur durch Concentration aller Juden um die national-jüdische Fahne das Los der Juden gebessert werden könne. Herr Med. Karl Pollak entwarf hierauf ein interessantes Bild von den Zuständen an unseren Hochschulen. Eine nach studentischer Weise geführte Unterhaltung, von zahlreichen Toasten und einer gelungenen Kneipzeitung unterbrochen, hielt die animirte Gesellschaft bis lange nach Mitternacht beisammen. Wien. Der literarische Geselligkeitsverein jüdischer Mädchen „Moria" hielt Sonntag den 15. a. c. seinen I. literarischen ^Nachmittag in diesem Jahre ab. Man konnte an der stattlichen Zahl der Gäste, die trotz des regnerischen Tages das Bereinslocal füllten, die Sympathien erkennen, die dem Vereine entgegengebracht werden. Herr Dr. Löwy hielt in seiner bekannten schwungvollen Form einen Vortrag über „Das Judenthum von einst und jetzt". Frl. Fried mann widmete ihre Rede dem Andenken Mannheimer's: die gründliche Kenntniß der Werke und Thaten Mannheimer's, sowie die interessante Vortragsweise errangen ihr den Beifall aller Anwesenden. Den Schluß des literarischen Nachmittags bildete ein von Frl. Werner in vorzüglicher Weise vorgetragenes Gedicht Ludwig Äug. Frankl's. Der nächste literarische Nachmittag findet Sonntag den 29. a. c. statt. Wien—Ottakring. In Folge der von der hohen k. k. n.-ö. Statthälterri in Wien, ddo. 20. Juni 1893, Zahl 43021, geänderten bewilligten Statuten des Vereines „Chewra Kadischa" im XVI. und XVII. Gemeindebezirke Wien, hat gemäß 8 25 alinea c am 8. Oktober a. c. hierorts die Neuwahl der Bereinsleitung stattgefunden. Aus der Wahlurne gingen folgende Herren theils wiedergewählt, theils neugewählt hervor: Der frühere Obmann Herr Bernh. Trnka als Präses, Herr Ludwig Eisenstädter als Präses-Stellvertreter (neu), Herr Max. Feigel als Cassier (neu), Herr Samuel Kohn als I. Controlor (neu), Herr Ignaz Pollak als II. Controlor (wiederg.). Herr Dr. Anton Löwy, Herr Moritz Auspitz. Herr Tobias Alt, Herr Jacob Wallner, Herr Leopold Kohn, Herr Bernh. Schmiedek, Herr Sig. Weiler als Mitglieder; als Ersatzmänner erscheinen gewählt die Herren Josef Weiß, Heinrich Kornmehl und Jacob Kohn. Prag, 24. Oktober. Auch hier fanden im neuen Tempel und in der Meiselsynagoge zur Feier des hundertjährigen Geburtstages des seligen I. N. Mannheimer Festgottesdienste statt, bei welchen die Herren Dr. Kamin ka und Dr. Kisch die Festreden hielten. Pisek, 23. Oktober. Heute wurde hier Frau Rosa Fantl, Gattin des allgemein geachteten Großhändler Herrn Jacob Fantl, eine biedere, wackere, fromme Tochter Israels, unter allgemeiner Theilnahme der Bevölkerung zu Grabe getragen. Bescheidenheit, Sanftmuth, seltene Herzensgüte, tiefes Mitgefühl für jedes Leid und Noth waren die schönsten Blumen in dem Kranze der Tugenden, der sie schmückte. E. B. Profinitz. Gleichwie in Mährisch-Weißkirchen haben sich auch die hiesigen Juden an den Äbgeordneten der Städtegruppe Olmütz-Proßnitz, Dr. August Weber, mit der Bitte gewendet, gegen die Judenhetze, insbesondere gegen die Boykottirung der jüdischen Geschäftsleute in Proßnitz einzuschreiten. Dr. Weber versprach auch die Regierung zu interpelliren, unterließ dies jedoch bis heute. Budapest. (Ein Jude Fechtmeister.) Krumme Nase und krumme Beine sind die stereotypen Kennzeichen, ohne welche gewiffe Witzblätter keinen Juden darzustellen vermögen, trotzdem unsere jungen Männer zu Tausenden sich als stramme Soldaten, als wackere Officiere, als muthige Kämpfer vor dem Feinde bewährt haben. Der 1862 in N. Körös geborene Karl Fodor ist ein Muster männlicher Kraft, dessen gewölbter Brustkasten, sehnige Arme und durchaus nicht »artig gebogene Beine den Fechter par excellence verrathen. Dieser Jude ist Fechtmeister und hält einen Fechtsaal, der seinesgleichen in Europa nicht hat. Tausende Schüler aus allen Ständen, Magnaten, Reichstagsabgeordnete, Professoren, Militärs find Schüler F o d or's, der von den berühmtesten Fechtmeistern Europas — mit welchen er sich im Fechten versucht hat — Anerkennungsschreiben besitzt. Merkwürdig ist die Aeußerung eines hiesigen Blattes: „Es hat früher hier Krakehler gegeben, die, weil sie den Degen gut zu führen verstanden, mit Jedermann und bei jeder Gelegenheit Händel suchten und ein Duell erzwangen. Seitdem F o d o r zahlreiche Schüler herangebildet hat, sind diese Krakehler verschwunden." Warschau. Am 24. Oktober d.I. fand in Warschau die Trauung des Herrn Dr.Jacob Przeworski, Sohn des Herrn Julius Przeworski in Krakau, mit Frl. Salomea Eiger, einer Enkelin des berühmten Oberrabbiners Eiger von Posen, statt. Berlin, 4. Oktober. Einem in der „Boss. Ztg." veröffentlichten Reisebriefe von der Insel Borkum entnehmen wir folgende Stellen: „Hegel hat einmal den Ausspruch gethan: der Mensch ist schöner als die schönste Natur. Damals gab'- noch keine Antisemiten. Ich glaube, nirgends auf deutscher Erde treibt der Antisemitismus so läppisch und unflathig sein Wesen als auf Borkum. Auf den Straßen, an den Mauern, in den Badecabinen und allen secreten Orten tritt einem dieser Scham und Anstand verletzende Unfug entgegen. Es ist, als wenn die Antisemiten eine Auslese ihrer dümmsten Jungen während des Sommers hierherschickten. Ich meine, Badecommiffion und Gastwirthe hätten die Aufgabe, diesem Unfug zu steuern. Sie möchten denn wollen, daß das gebildete und gesittete Publicum, von diesem Treiben angeekelt, die Insel schließlich meide und sie mit dieser wüsten Gesellschaft allein läßt." Landau (bair. Pfalz), 27. September. Der hiesige Bezirksrabbiner Dr. Elias Grünebaum, ist vorgestern hier im Alter von 86 Jahren verschieden. Er hat in seinem Amte ' seit 25. Juni 1836 gewirkt. In dem Verblichenen verliert die bairische Judenheit einen Mann, der neben vorzüglichen Charaktereigenschaften allgemeines Wissen in ganz hervorragendem