Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 43 (27.10.1893)
- Date
- 1893-10-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 43 Orsterrrichische Wochenschrift Seite 847 Erhalten wurde diese Talmudschule durch freiwillige Jahresbeiträge mehrerer Mitglieder, die ich hiezu angeworben, und durch ein geringes Schulgeld. Eigentlich.hätte diese Schule erhalten werden sollen, aus der daselbst bestehenden David Oppenheim'schen Talmudthora- Stiftung, die ich selbst durch 10 Jahre verwaltet habe; allein schon bei Creirung der dortigen Hauptschule im Jahre 1835 ist zwischen dem Gemeinde-, respective Schulvorstande und der damaligen David Oppenheim'schen Stiftungsverwaltung vereinbart worden, daß die Stiftungsverwaltung zur Erhaltung der Schule jährlich einen Beittag von 400 fl. zu leisten sich verpflichtete. Nachdem aber dermalen die Schule ausschließlich vom Staate erhalten wird, sonach die David Oppenheim'sche Stiftung entlastet ist, so mögen diejenigen Herren, welche in Ihrem geschätzten Blatte ihre pia desidena in dieser Angelegenheit kundgegeben haben, nunmehr anstreben, daß die zu errichtende oberwähnte Borbereitungsschule für das Rabbinerseminar aus den Revenuen der David Oppenheimischen Talmudthora-Stiftung errichtet und theilweise erhalten werde. In vorzüglicher Hochachtung ergebenst Moses Feßler. Wien, am 10. Oktober 1893. Grotz-Kanizsa. Erquickend und erhebend für jedes jüdisch fühlende Herz ist es, wenn angesichts der verlogenen antisemitischen Wühlereien auch hie und da ein Act des Liberalismus zu Tage tritt, welcher der Veröffentlichung um so würdiger zu sein scheint, als die Veranlassung hiezu eine kirchliche Function und der Träger derselben das Oberhaupt einer Kirche ist. Am 15. d. M. wurde hierorts die reformirte Kirche eingeweiht. Die feierliche Einsegnung fand durch den Superintendenten Bischof Pa pp Gabor statt. Dieser, als einer der Freisinnigsten seines Standes bekannt, der wiederholt in Wort und Schrift mittelalterliche Anschauungen niederkämpfte, berührte auch bei dieser Gelegenheit in seiner geistreichen Einweihungsrede die friedliche Eintracht der Confesstonen und die christliche Liebe, die im gesellschaftlichen Verkehre keine Religion kennt. Herzlich dankte er unserem Oberrabbiner Dr. Neumann, welcher von den vier Geistlichen der hier verttetenen Confesstonen allein persönlich erschienen war, ünd sprach hierüber sein volles Lob aus. Bei dem um 1 Uhr Mittags stattgefundenen Bankette, toastirte unter vielen Anderen auch der Oberrabbiner Dr. Neumann auf das weitere Gedeihen der reformirten Gemeinde und auf das Wohl des liberalen Bischofs, worauf dieser den Wunsch ausdrückte, daß es bald gelingen möge, die Gleichberechtigung der jüdischen Confession endgiltig auszusprechen; an seinem Hinzuthun als Mitglied des Oberhauses, der gewohnt ist für Recht und Wahrheit einzutreten, wird es nicht fehlen. Zum Schlüsse hob Abgeordneter Kemete in seinem Trinkspruche den fortschrittlichen Aufschwung der hiesigen jüdischen Gemeinde hervor und der Stadthauptmann Becsei wies in beredten Worten auf die Opferwilligkeit der hiesigen jüdischen Einwohner hin, welche sich auch beim Baue dieser Kirche reichlich manifestirte. Satt an geistigen Genüssen zerstreuten sich in gehobener Stimmung die illustten Gäste. Am 21. d. M., dem wirklichen hundertsten Geburtstage des in Gott ruhenden JsakNoe Mannheim er, 11. Marcheschschwan, hielt der Oberrabbineir Dr. Neu mann eine Gedenkrede, die sich ungetheilten Beifalles erfreute. Höchst treffend war der Vergleich mit dem Erzvater Abraham, belegt durch mehrere Stellen aus der Sabbath-Perkope und hindeutend auf das mächtige Rednertalent des gewesenen Predigers der Wiener Gemeinde, der Vers: „Siehe ich mache dich zur neuen doppelschneidigen Dreschwalze, du wirst die Berge stampfen und sie zermalmen und die Hügel zu Spreu machen" aus der Haftara. Kostl in Mähren. Hier besteht ein sehr bedeutender Wochenmarkt, auf welchem oft 30—40 Waggons Frucht zum Verkaufe gelangen. Der Markt wird in der Regel Dienstag abgehalten, allein wenn auf letzterem ein Feiertag fällt, so wird der Wochenmarkt auf Mittwoch verlegt. Am diesjährigen Simchas-Thorafest nun weigerte sich der Bürgermeister, den Markt zu verschieben. Da ließ Rabbiner, Herr Kulk a, im Tempel ausrufen,. die israelitischen Bewohner mögen auf dem Markte nichts kaufen. So geschah es auch, und ebenso wurden alle aus Luudenburg, Auspitz und Umgebung anlangenden Glaubensgenossen bestimmt, nach Hause zurückzukehren. Auf dem Wochenmarkt trat nun eine vollständige Geschäftslosigkeit ein und es wurde kein einziger Hektoliter Frucht verkauft. Krakau. (Die verweigerte Gewerbeberechtigung.) Die absolvirten Werkmeisterschüler an den Staatsgewerbeschulen besitzen bekanntlich das Recht zum selbstständigen Gewerbebetrieb. Ein ehemaliger Schüler der Staatsgewerbeschule in Favoriten, welcher die Werkmeisterschule in den Jahren 1891 bis 1892 mit Auszeichnung absolvirt hat, wendete sich nun, wie er uns mittheilt, an die Leitung der Schule und ersuchte um Ausstellung eines Abgangszeugnisses, um auf Grund desselben sein Gewerbe selbstständig auszuüben. Daraufhin erhielt der betreffende ehemalige Schüler, welcher heute als Werkführer und Fachlehrer der Handwerkerschule der Baron Hirsch- Stiftung in Rzeszow wirkt, seitens der Direction der Staatsgewerbeschule eine abschlägige Antwort. Dieselbe wurde damit begründet, daß der Erlaß über die Ausstellung von Abgangszeugnissen erst im nächsten Schuljahre in Kraft tritt und nicht rückwirkend ist. Damit ist allen Schülern, welche vor dem heurigen Schuljahre die Anstalt verlassen haben, die Möglichkeit benommen, sich selbstständig zu machen. Gerade diese Schüler, welche denselben Unterricht genossen haben, wie die jetzigen Absolventen, haben die Existenz der Schule ermöglicht, da jede Schule durch drei Jahre provisorisch sein muß, damit man sich überzeugt, ob sie genügend frequentirt werden wird. Es ist zumindest nicht billig, daß gerade jene hundert jungen Leute, welche zur Activirung der Schule mitgeholfen haben der Bortheile der Schule nicht theilhaftig werden sollen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß hier ein Modus gefunden werden könn-e, um den ehemaligen Schülern die durch das Diplom gewährleistete Berechtigung zum selbstständigen Gewerbebetrieb dennoch zu gewähren. Breslau, l E i n S t ü n d ch e n in e i n e r A n t i} c m i t c \\- kneipe.) Unter dieser Ueberschrift geht der „Bert. Ztg." von einem Augenzeuge», der, wie er schreibt, „m gewisser Hinsicht Antisemit ist," die Schilderung eines Vorganges zu, der sich am 10. October in einem Locale dieser Art zugetragen bat und bezeichnend ist für die dort herrschende Rohheit: Allabendlich herrscht von 10—11 Uhr im Restaurant, Friedrichstraße 125 große Fröhlichkeit, hervorgeruseu durch ein Bocalcoucert des Publikums, dirigirt vom Wirth unter Begleitung einer 7 Manu starken Capelle. Hauptsächlich verkehren dort. Studenten, und der Radau-Antisemitismus hat sich in neuerer Zeit dort breit gemacht. Nachdem das schöne Lied „Deutschland, Deutschland über Alles" stehend gesungen war, ertönten die üblichen Rufe „Juden raus", „Immer rüber nach Palästina" u. dgl. mehr. Es waren diese Ruse keinesfalls persönlich gemeint, nichtsdestoweniger stieg einem der beiden au unserem Tische sich befindlichen Herren die Röthe ins Gesicht, und als von einem Tische aus der Mitte des Saales die Ruse immer lauter wurden, ließ er sich verleiten, die vernehmlichen Worte „Esel" und dergleichen hinüberzurufen. Don seinem Kameraden gebeten, sich ruhig zu verhalten, da er doch jetzt vor dem Examen stehe, äußerte er, daß ihm dies unter diesen Umständen gleichgiltig sei. Wir hatten also zwei jüdische Studenten vor uns, die sich, wie ich hervorheben muß, bisher sehr tactvoll und ruhig verhalten hatten. Aus dem Wortgefecht ging es bald zu Thateu über: der Herr von der Mitte der Tafel schleuderte nach unserem Tische ein Glas Bier aus, ohne indeß den jüdischen Herrn zu treffen. Er begoß namentlich eine am Nebentisch sitzende Dame, meinen Schwager u. A. Einer der jüdischen Studenten trat nun an den „gießenden" Antisemiten, um ihm die Karte seines Freundes zu überbringen. Die Antwort war ein Schlag ins Gesicht mit der verkehrten Hand. Ta die beiden Herren nunmehr einsahen, daß sie in dem Saale der Scene ein Ende machen mußten, gingen sie an ihren Tisch zurück, bezahlten in aller Ruhe ihre Zeche, zogen sich die Ueberröcke an und wandten sich zum Gehen, wobei sie sich verabredeten, den betreffenden Herrn vor der Thür abzuwarten. Es ertönte nun der Gesang: „Wenn die Juden wieder kommen, die werden schau'u, die werden verhauüi." Der Hcrr Wirth knitterte sich aus dem Concertprogramm eine Bombe, die er zur besseren Bethätigung seiner Gesinnung nachwars. Nach einer halben Stunde verließen auch wir das Local und fanden am Straßeneingang unsere beiden jüdischen Studenten wartend, umgeben von einer etwa achtzigköpfigen Menge. Die Haltung der Menge wurde immer bedenklicher, und einer der Studenten war wohl zum Polizei-Bureau geeilt. Ein versuchtes Gegenreden von unserer Seite, sowie die ruhigen Auseinandersetzungen des geschlagenen Studenten verhallten unberücksichtigt; es hieß nur: „Juden raus, haut sie u. s. w." Da plötzlich geschah etwas Unerwartetes: Ein wohlgesülltes Nachtgeschirr schlug mitten unter die Menge, in. ungezählte Scherben zerspringend und seinen Inhalt im Fall ausgießend. Glücklicherweise war Niemand verletzt, nur die Mäntel und dergleichen waren naß geworden. Und nun geschah noch etwas Unerwartetes nach der halbstündlichen Straßenscene: Ein Schutzmann kommt und mit schnellem Griffe führt er den jüdischen Studenten nicht gar zu sanft fort. Paris. General H i n st i n, Gouverneur von Verdun, wurde zum Generalinspector der Geniearbeiten für Bertheidi' gung der Küsten ernannt.