Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 43 (27.10.1893)
- Date
- 1893-10-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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« li I r Seite 844 Oefierreichifche Wochrnschrtst Nr. 43 Cultusvertretung den Hemmschuh; doch es ist. die Frage, ob es bester ist, wenn viele Laien, als wenn e i n oder mehrere Rabbiner die letzte Entscheidung in allen rituellen Dingen zu fallen haben. Dies sind die Betrachtungen, welche an die Einführung der neuen Statuten für die Cultusgemeinden Oesterreichs von den Rabbinern der Monarchie angestellt werden müssen, und sie hätten vielleicht gut daran gethan, gemeinschaftlich darüber zu berathen, wie ihr Verhältniß zu den Cultusvorst ä n d e n in Zukunft sich gestalten solle. Ein Geist der Neugestaltung jüdischen Lebens -ist ohne Frage fühlbar und noch wäre es Zeit, daß die Rabbiner Oesterreichs zu gemeinsamer, ernster Arbeit sich zusammenfinden; es scheint, daß an der Ausarbeitung der Musterstatuten nur wenige Rabbiner theilgenommen haben; das religiöse Leben ist in denselben zu wenig behandelt, die Stellung der Rabbiner und deren Aufgabe als Hüter desselben zu wenig berücksichtigt, als daß man Anderes vermuthen dürfte. Nicht für eine Hierarchie soll Plaidirt werden, sondern für eine festgegründete Stellung der Seelsorger Oesterreichs, welche eine gewaltige Stärkung des glaubenstreuen Judenthumes zur unbedingten Folge haben müßte. Und in dieser, für heiligen Glauben und die Ehrenstellung der Juden, des Judenthumes gefährlichen Zeit bedürfen wir dieser Stärkung gar sehr. X. Sidney Whitman über die Juden?) Es ist schade, daß wir in unserer Abneigung gegen eine Nasse, sie von unserer eigenen so weit verschieden ist, leicht ihre Tugenden aus den Augen verlieren und die Lehren übersehen, die wir aus ihnen ziehen können; denn diese Tugenden haben seltsamerweise Vieles mit dem christlichen Charakter gemein. Wahre Mildthätigkeit, Einigkeit unter einander, starke Familienbande und ein lebhaftes Mitgefühl, den Aermsten ihrer Brüder zu Helsen und sie in den Stand zu setzen, vorwärts zu kommen. Und was am häufigsten übersehen wird, ist die Thatsache, daß diese eigentlich christlichen Tugenden fast ebenso sehr die Ursache für den Erfolg des Inden sind, wie seine klar denkende Nüchternheit in Geldsachen, sein scharfer Jnstinct für unsere schwachen Seiten, seine Geschicklichkeit, sich dieselben zu Nutze zu machen und die Beharrlichkeit seiner Anstrengungen, die alle zusammen nur auf das eine Ziel des weltlichen Erfolges gerichtet sind. Und doch ist die verbreitetste Beschuldigung gegen den Juden die, daß er im Geschäftsleben gewisienlos, unehrlich sei. Wir halten das für den unberechtigten aller Borwürfe, die gegen ihn erhoben werden. Wir haben erst das Maß unserer eigenen Gewissenhaftigkeit feftzustellen. Inzwischen bleibt es eine feststehende Thatsache, daß die ärgsten Schwindeleien, welche während der letzten zwanzig Jahre m Paris, London und New-Pork vorgekommen sind, fast ausschließlich das Werk des Kaukasiers waren. Wir wollen sogar noch einen Schritt weiter gehen. Wenn wir uns die ererbten zweifelhaften Eigenschaften verwandter Nassen im Orient, zu denen die Juden gehören, vergegenwärtigen und an die Verfolgungen denken, welche sie so viele Jahrhunderte lang erduldet haben, so können wir den vielen ausgezeichneten Eigenschaften, die sie besitzen, den Zoll der Achtung nicht versagen. Wir unterhielten uns einst mit einem Oesterreicher über die Frage des Vertrauens im Geschäftsleben. „Vertrauen", sagte er, „ich habe zu Niemandem Vertrauen." Das ist Alles sehr schön; aber der katholische Priester hat Vertrauen zum jüdischen Banquier, denn er vertraut ihm die Gelder seiner Kirche an. Wir hörten von einem katholischen Priester, daß die Juden die Einzigen wären, denen er zu trauen Lust hätte. In einem Sinne ist der Jude, wenn er Erfolg haben will, versucht, Mittel anzuwenden, die der Christ nicht zu be- *) Der Verfasser ist ein sehr bekannter englischer Schriftsteller, ber mehrere Werke über Deutschland, die deutsche Armee und die deutschen Arbeiter verfaßt hat. Sein letztes Werk heißt: „Das Reich der Habsburger", das voriges Jahr erschienen ist. Er ist kein besonderer Freund der Juden. Um so wichtiger ist sein Urtheil über die guten Seiten derselben, das wir hier mittheilen. nutzen braucht. Er sieht sich von vornherein einem Haß gegenüber. So muß er, wie klug er in Rechtsfragen, wie unterrichtet in den Wissenschaften, wie gewissenhaft als Geschäftsmann er sein mag, erst Deine Abneigung überwinden, ehe Du ihn verwendest. Und das Wunderbare ist, daß ihm das gelingt. 'Gelänge es ihm nur durch listige Kniffe, wie thöricht müßten dann die sein, die sich ihm erst widersetzen und nachher anvertrauen! Es ist eine Thatsache, daß oft, wenn der Jude Erfolg hat, nicht Geld'sein letztes Ziel ist, sondern eher die Achtung, die wir ihm versagen möchten, und die wir nur Denjenigen gewahren, die Geld haben. Nein, wir glauben nicht, daß der Jude um einen Deut geldgieriger als der Christ ist. Im Gegentheil, nach psychologischen Gesetzen dürfte er weniger geldgieriger sein, denn es liegt in der menschlichen Natur, das am höchsten zu schätzen, was am schwersten zu erreichen ist. Man beschuldigt ihn weiter der Anmaßung. Unsere Erfahrung ist, daß freimaurerische Gutmüthigkeit charakteristischer für den Juden ist, als Arroganz, wenigstens gegenüber allen denen, die ihm ohne Ueberhebung begegnen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß unter Juden aus verschiedenen Lebenskreisen weniger Arroganz herrscht als unter manchen Christen. Emgesendek. Löbliche Redaction! Ueberzeugt von Ihrem bekannten Wohlthätigkeitssinn erlaube ich mir, Sie um gütige Aufnahme folgender Zeilen zu ersuchen. Obwohl Katholik, sehe ich mich ungeachtet dessen veranlaßt, in erster Linie an meine Glaubensgenossen mit der Bitte heranzutreten, sich eines Opfers gemeinster antisemitischer Ver- Hetzungen anzunehmen. Zur besseren Beleuchtung dessen will ich den Fall hier in Kürze erzählen. Borausgeschickt sei noch, daß der Mann, dessen Leidensgeschichte ich hier wiedergeben will, mir persönlich bestens bekannt ist und daß ich für dessen höchst anständigen, soliden, ehrlichen und achtbaren Charakter jederzeit einstehe, ferner bin ich gerne bereit, das hier Wiedergegebene jederzeit documentarisch nachzuweisen. Im Jahre 1890 hatte Herr I. G., der vollständige Name nebst Adresse ist der Redaction bekannt, ein gut gehendes Kaufmannsgeschäst in einer Ortschaft des südlichen Böhmens inne, verbunden mit einer von der hohen k. k. Statthalterei zu Prag concessionirten Agentur des Norddeutschen Lloyd in Bremen. Bei dieser Gelegenheit hatte er Auswanderern die Reise nach Amerika vermittelt. Unter Anderen kam im Monate Jänner desselben Jahres ein 28jähriges Dienstmädchen Namens Maria Brechlik zu demselben mit dem Ersuchen, ihr eine Schiffskarte, nach New-Iork zu besorgen. Herr G. besorgte diese Karte und begleitete obgenanntes Mädchen auf deren specielles Ersuchen mittelst Bahn bis an die österreichische Grenze (Eger). Bei Ankunft in Eger übergab Herr G. das Mädchen einem dortigen Conducteur zur Weiterbeförderung nach Leipzig. Kurz nach dessen Rückkunft von dieser Reise verbreitete sich in dessen Aufenthaltsorte das schaurige Gerücht, Herr G. hätte das Mädchen Maria Brechlik zu rituellen Zwecken ermordet. Selbstverständlich haben die dortigen Antisemiten und deren Leiborgane diese Gelegenheit in der bestmöglichsten Weise benützt und daraus gegen die Juden verhetzende Artikel geschrieben rc. Die Folge davon war, daß zunächst Herr G., dessen Geschäft vordem florirte, in der kürzesten Zeit total ruinirt war. Wie die damaligen Zeitungen selbst schrieben, durfte Herr G. sich nicht einmal aus seinem Orte wagen, da man ihm mit Erschlagen und anderen Sachen drohte, und nicht viel hätte gefehlt, so wäre überhaupt in dem sonst so friedlichen Orte eine förmliche Judenhetze ausgebrochen. Nachdem man zufolge dessen Herrn G. nichts mehr abkaufte, ja sogar sein Local ängstlich mied, so sah sich derselbe genöthigt, sein dortiges Geschäft gänzlich aufzugeben und nach Wien zu übersiedeln. Hier lebt nun der Mann mit zwei kleinen Kindern und einer kranken Frau ohne Verdienst, aller Mittel entblößt, dem Elende auf die unschuldigste Weise Preisgegeben und sieht mangels jedweden Besitzthums seiner Pfändung und Delogirung in allernächster Zeit entgegen. Ich brauche wohl nicht erst zu erwähnen, daß die Maria Brechlik von Herrn G. nicht ermordet worden ist, sondern man fand Sie nach langer Mühe und geldfordernder Zeit in Li eber tw o l k w itz in Sachsen bei einem Gutsbesitzer lebend