Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 43 (27.10.1893)
- Date
- 1893-10-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 43 Oesterreichifchr Wochenschrift Seite 841 nach Rettung und mit der Dankbarkeit für die Millionen des arbeitenden Volkes, welche es verschmähen, die Wehrlosen zu beschimpfen, welche am Boden liegen. Die Leidenschaft hat die Mächtigen blind gemacht. Der Socialismus ist das weite Reservoir jeder Unzufriedenheit, und wer aufhorcht, wird schon das Tosen der Brandung vernehmen, welcher das Fahrzeug nur mit Mühe entfliehen wird. Ein ruinirter, mißhandelter, verachteter Jude rankt sich empor an den Illusionen und Hoffnungen des vierten Standes und wird Socialist. Zwei Anerkennungsschreiben an den Reichsrathsabgeordneten Dr. Bloch. Der Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde in Lemberg hat an den Reichsrathsabgeordneten Dr. Bloch nachstehendes Schreiben gerichtet: „Euer Hoch wohlgeboren! Hochzuverehrender Herr Doctor! Schon lange mit den Gefühlen aufrichtiger Achtung und Anerkennung Ihren mannhaften Kampf für die Ehre unserer Religion und Religionsgenossen verfolgend, gibt uns jetzt der jüngsthin vor den Schranken des Wiener Landesgerichtes sich abgespielte Vroceß eoutra De ckert-Meyer besondere Veranlassung, Euer Hochwohlgeboren unsere tiefgefühlte Dankbarkeit auszudrücken. Wacker und unerschrocken und mit einer bewunderungswürdigen Kenntniß von Personen und Verhältnissen wissen Sie bei jeder Gelegenheit für Wahrheit und Recht in die Schranken zu treten und die ruchlosen verleumderischen Verdächtigungen zu enthüllen und öffentlich zu brandmarken. Wir wollen zu Gott hoffen, daß es bald wieder heller und lichter werden wird in unserer Umgebung, daß die verleumderischen Zungen verstummen und die verführten Volksmassen zu dem Bewußtsein erwachen werden, welches frevelhafte Spiel selbstsüchtige, gewissenlose Menschen mit ihnen getrieben haben — aber bis diese glückliche Wendung eingetreten sein wird, müssen wir leider in Wehr und Waffen unser heiligstes Gut, unsere schwerbedrohte bürgerliche Ehre standhaft vertheidigen. Euer Hochwohlgeboren sind der Fahnenträger und stehen im Vordergründe des Kampfes, darum betrachten wir es als unsere heilige Pflicht, Sie in aufrichtiger Achtung zu begrüßen und Ihnen im Namen Israels und besonders im Namen unserer hiesigen Gemeinde den tiefgefühlten Dank auszusprechen. Möge Ihnen, hochgeehrter Herr, dieser schwache Ausdruck unserer Gefühle einen kleinen Ersatz bieten für Ihre aufopfernde patriotische Thätigkeit und Sie ermuntern, auch fernerhin auszuharren in dem harten Kampfe, bis endlich Licht und Wahrheit gegen Heimtücke und Ruchlosigkeit obsiegen werden. Mit dem Ausdrucke vorzüglichster Hochachtung Der Vorstand der isr. Cultusgemeinde. Lemberg, den 18. Qctober 1893. Der Präses: Samuel Horowitz. Die Vorsteher: Dr. Simon Schaff, Samuel Buber, Dr. Heinrich Gottlieb." Das Präsidium der israelitischen Cultusgemeinde-Repräsentanz in Prag hat an den Reichsrathsabgeordneten Dr. Bloch nachstehendes Schreiben gerichtet: „Euer Ehrwürden! Die israel. Cultusgemeinde-Repräsentanz in Prag hat in ihrer Sitzung vom 34. d. M. "auf Antrag des Schriftstellers Herrn S. Kohn beschlossen, Euer Ehrwürden für Ihre hervorragende, mühevolle und erfolgreiche Thätigkeit bei Aufdeckung der schändlichen, bei Verhandlung des Proceffes Meyer-Deckert in ihrer ganzen Häßlichkeit zu Tage getretenen Intrigue den wärmsten Dank Namens der ganzen Gemeinde auszusprechen. Ihnen, hochgeehrter Herr, gebührt das Hauptverdienst daran, daß sich ein auf Vernichtung des Gesammtjudenthums abzielender verleumderischer Angriff in die Entlarvung der lichtscheuen, strafwürdigen Machinationen unserer Gegner zu einem glänzenden Siege der Wahrheit umgestaltet hat. Genehmigen Euer Ehrwürden die Versicherung der vorzüglichsten Hochachtung, mit der ich die Ehre habe mich zu zeichnen Für die israel. Cultusgemeinde-Repräsentanz Euer Ehrwürden ergebenster Dr. Arnold Rosenbacher. Prag, 27. September' 1893. Sr. Ehrwürden Herrn Dr. I. S. Bloch, Reichsrathsabgeordneter, Wien." IudenmWvn und Antisemitismus. Berlin. Unter der Ueberschrift „Judenmissiou und Antisemitismus" schreibt die „Allgemeine Zeitung des Judenthum" : „Proselytenmacherei war im Judenthum stets verpönt, noch viel weniger hielt es sich für prädestinirt, durch Feuer und Schwert für seine Ausbreitung Sorge zu tragen. Ganz anders in anderen Religiousgenosseuschaften. So erstreckt sich über alle Erdtheile die eifrige Missionsthätigkeit christlicher Kirchen, um überallhin christliche Gläubigkeit zu verpflanzen, ganz besonders den Heiden die christliche Religion zugänglich zu machen. Diese Wirksamkeit der Missionäre ist entschieden — das ist gar nicht zu verkennen — von hervorragend cultureller Bedeutung. „Auch für die Mission unter den Juden bildeten sich neue Vereine in England, Deutschland und Frankreich mit aufopfernder Thätigkeit, jedoch ohne entsprechenden Erfolg." (Siehe Professor Dr. Kurtz, Abriß der Kirchengeschichte, Seite 196.) Diesem Zwecke dient die mir vorliegende Schrift, die aus fürstlicher Feder stammt?) Die hohe Verfasserin gesteht selbst zu: „Mit den Juden ist es doch eine eigene Sache, daß die im fernen Asien und dem südlichen Rußland lebenden leichter zu bekehren sind, als diejenigen in Europa, welche unter uns Christen leben, diese oft hochgebildeten reichen Leute wollen nichts vom Christenthum wissen. Ich glaube, die Missionäre wagen sich kaum an sie heran, auch ich wüßte nicht, wie ich ihnen meine Schrift nahe bringen könnte. Doch auch ihre Zeit wird kommen, der Herr wird die Stunde schon kennen, wo sie ihn suchen und finden sollen." Doch die Sorge der Herzogin verscheucht die Rührigkeit des Herausgebers der genannten Schrift, der eine „hebräische und eine jüdisch-deutsche (?) Uebersetzung" veranstaltet. „Uebersetzungen in das Dänische, Schwedische. Englische, Französische, Holländische, Italienische und Russische sind in Vorbereitung." Fern von der erlauchten Verfasserin ist jeglicher Fanatismus, ihr kirchlicher Eifer will die Juden „durch Liebe zur Religion der Liebe" hinziehen. „Hat doch der Heiland gerade unter diesem Volke gelebt", ruft sie aus, „und war selbst, seinem menschlichen Wesen nach, ein Israelit! Im Mittelalter sogar verfolgten unsere europäischen Vorfahren die Juden, weil ihre Vorfahren (?) einst den Heiland ans Kreuz geschlagen hatten; sie peinigten und marterten dieselben aus Grund falscher Anschuldigungen, wie der Vergiftung der Brunnen, des Schlachtens christlicher Kinder zum Passahfeste, oder wenn sie die Zwangstaufe nicht annehmen wollten." Nach dieser Expectoration folgen zahlreiche in christologischem Sinne interpretirte Stellen aus dem „Alten Testament", sowie Belegstellen aus dem „Neuen Testament", die die Uebereinstimmung zwischen den Prophezeiungen im erstern und den Erfüllungen im letztern darthun sollen. Von dem Standpunkte der fürstlichen Verfasserin aus athmet das Werk eine so kindliche Gläubigkeit, daß sie zum Schluß in die Worte ausbricht: „Wir hoffen und beten, daß Ihr, die Ihr dies leset, zum Glauben gelanget, Euch unterrichten lasset, das neue Testament mit Aufmerksamkeit leset und getauft werdet!" Daß es selten die gläubige Ueberzeugung von den „Heilswahrheiten" der christlichen *) Ein Wort an Israel, von Agnes, Herzogin von Sachsen- Altenburg, geborene Prinzessin von Anhalt. Leipzig. Akademische Buchhandlung (W. Faber). 1893.