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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-10-27 · 43 (27.10.1893) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
43 (27.10.1893)
Date
1893-10-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 840 Vrstrrrrktzischr Wochenschrift Nr. 43 zerstörte. Die Militärwache stand einige Schritte entfernt, aber sie rührte sich nicht und erst als die Menge mehr als eine Stunde gewüthet hatte, kam der Befehl, Oppenheimer, der sich mit seiner Familie in ein unterirdisches Gewölbe geflüchtet hatte, zu schützen. Jetzt werden so starke und gefährliche Mittel nicht angewendet. Die Juden werden nicht beraubt, aber man macht sie heimatlos, man entreißt .ihnen die Grundlagen des Erwerbes, man liefert sie der Gefahr des Hungers aus, man stürzt sie durch den Ruin in das Proletariat. Die Proletarisirung der Juden muß aber die größten ökonomischen und politischen Folgen haben. Man hat gegen diese Claffe der Gesellschaft stets den Vorwurf erhoben, daß sie von einer heißen Begierde nach Geld erfüllt sei. Niemals ist die Härte, aus welcher dieser Tadel entspringt, mit so hinreißender Kraft beleuchtet worden, als in der Rede, welche Macaulay in der Debatte des englischen Parlaments über die Emancipation der Juden hielt. Erst erzeugt Ihr Laster, sagte der berühmte Geschichtsschreiber, und dann macht Ihr daraus einen Grund für Eure Verfolgungen; nur zu einer halben Heimat macht Ihr England für die Juden und wundert Euch, daß sie nur halben Patriotismus haben; Ihr behandelt sie als Fremdlinge und wundert Euch, daß sie nicht alle Gefühle der Landeskinder theilen; Ihr ziehet eine Trennungslinie und drücket Euer Erstaunen darüber aus. daß sie sich von Euch fernhalten; Ihr wollt nicht, daß sie einen Morgen Landes besitzen sollen, und wundert Euch, daß sie sich ausschließlich auf den Handel legen; Ihr macht ihnen den Beweis eines achtungswerthen Ehrgeizes unmöglich und beklagt Euch dann, daß sie nur in den Künsten der Habsucht ihre Rechnung finden; kurz Ihr habt sie jahrhundertelang jegliche Art von Ungerechtigkeit erdulden lassen und wollt sie nun verdammen, daß sie zu dem, was die natürliche Zuflucht der Schwachen gegenüber mächtiger Gewalt ist, zu List und Schlauheit ihre Zuflucht nehmen. Diese Gebrechen und Unvollkommenheilen sind deni jüdischen Charakter nicht angeboren. Welches Volk hat je mannhafter gegen römische Uebermacht für die bürgerliche und religiöse Freiheit gekämpft? Welches Volk hat, als es schon in den letzten Zügen lag, noch so glänzende Proben gegeben, was wahrer Todesmuth vermag?.-. Stürmischer Beifall ertönte, als Macaulay diese Worte gesprochen hatte, und doch legen sie noch nicht den letzten Nerv bloß, welcher die Juden bewegt. Reichthum ist sonst ein Mittel des Genusses, der Macht, der Sorglosigkeit. Der Hausirer, welcher mit seinem melancholischen Rufe durch die Gasien schreitet, um alte Kleider zu kaufen, wird beschimpft, verlacht und verspottet. Der Millionär, welcher in seiner Equipage durch die Straßen rollt, erlangt wenigstens die äußere Achtung, man erwidert seinen Gruß, man drückt ihm seine Hand, man drängt sich in sein Haus und breitet einen Schleier über den Hatz gegen den Emporkömmling. Geld bedeutet für den Juden wenigstens den Schein der Gleichheit. Der dürftigste Mann im Volke verfügt über moralische Güter, welche der Jude nur durch Geld erlangen kann. Ist es unnatürlich, daß viele Herzen von der brennenden Sehnsucht bewegt werden, sich durch Geld über die trostlose Niedrigkeit, die einen armen Juden bedrückt, zu erheben? Geld bringt den Juden wenigstens den Schimmer des Rechtes, wenigstens die Möglichkeit, sich darüber zu täuschen, daß die Schranken, welche ihn von der bürgerlichen Gesellschaft entfernen, durchbrochen sind. Das wüste Jagen nach Reichthum entspringt daher weniger aus der gewöhnlichen Habgier und aus einer rein materiellen Auffassung des Lebens, als aus dem leidenschaftlichen Verlangen nach Gleichheit, welches die stärkste Triebfeder für alle Handlungen der Juden ist. Sittlicher Muth, Opferfreudigkeit, Wissensdurst, Fleiß, Ehrgeiz, aber auch die Anbetung des Goldes, das Prunken mit den erworbenen Gütern, alle Tugenden und Laster, alle Vorzüge und Schwächen sind ans dem glühenden Wunsche der Juden abzuleiten, daß endlich der Makel, welcher ihnen schon durch die Geburt von der Willkür angeheftet wird, verschwinde. Dieses Ziel ist aber weiter entfernt denn je. Das Bürgerthum, mit welchem einst die Juden auf den Barricaden gekämpft haben, kehrt ihnen jetzt den Rücken; es stößt sie weg, um mehr Raum für sich selbst zu schaffen; nicht aus Vorurtheil, nicht aus Befangenheit, sondern aus kalter, niedriger Berechnung ist die Bewegung entstanden, welche die Juden bedrangt. Der Advocat will ihnen die Clienten, der Arzt die Patienten, der Kaufmann die Kunden, der Handwerker die Aufträge entreißen. Es wäre vergeblich, über die Principien dieser furchtbaren socialen Verschiebung zu streiten, denn sie ist nicht durch Grundsätze und Anschauungen, sondern durch den gewaltthätigen Eigennutz einer Mehrheit entstanden, welche entschlossen ist, ihre Gewalt zu gebrauchen und die Minorität ökonomisch zu vernichten. Man confiscirt nicht das Vermögen, aber man verschüttet und verstopft alle Canäle, aus welchen das Einkommen fließen kann; man krümmt den Juden kein Haar, aber man entzieht ihnen durch eine vielleicht unbewußte, unheimliche Verschwörung Feuer und Wasser. Die Juden werden proletarisirt. Der Proletarier mit seinem aussichtslosen und trüben Elend fällt aber stets dem Socialismus anheim. Vielleicht wird Mancher bei der Vorstellung lächeln,' daß die Glaubensgenossen der reichen Bankiers für die Enteignung der Arbeitsmittel schwärmen sollen. Dieser Zweifel ist thöricht. Jeder Mensch, welcher die Hoffnung auf eine Besserung seiner Lage verloren hat, hat die Neigung, Socialist zu werden und von einer Ordnung im Staate zu träumen, welche verhindert, daß ein Hungriger auf dem Pflaster verkommen muß, weil er keine Nahrung erlangen kann. Die Juden sind dem Socialismus niemals vollständig fremd gegenüber gestanden. Marx und Lassa lle haben die Theorie geschmiedet, für deren praktische Gestaltung jetzt Bebel und Liebknecht kämpfen. Der Socialismus hat auf die Inden, welche aus dem Mittelstände in das Proletariat geschleudert werden, eine zauberische Anziehung. Der Jude will endlich als Mensch gelten, er will der Verwünschung entfliehen, welche noch ausJahrtausenden herübertönt. Diese Befreiung, die ein höheres Bedürfniß für sein Herz ist, als Reichthum und Würde, hat er einst vom Bürgerthum erwartet und nicht erhalten. Die Juden fühlen sich bis in das Innerste verletzt, und wenn sie Umschau halten, ob auf der Welt keine Partei mehr besteht, welche auf die Religion und die Raffe nicht achtet, dann vernehmen sie die Stimme der Arbeiter, welche nie vergessen werden, daß auch sie das Evangelium der ökonomischen Befreiung von Juden empfangen haben. Die ganze Strömung der Zeit begünstigt den Socialismus. Die Feindseligkeit gegen die Juden zerstört wieder ein Stück des Mittelstandes, welcher der beste Schutzwall gegen die Vernichtung des Privateigenthums ist. Eine Million Menschen wird ökonomisch entwurzelt und dazu getrieben, sich den Katechismus der Noth anzueignen, der für Alle gleich ist, mögen sie Jesus verehren, mögen sie den Trost des Glaubens aus der Heiligen Schrift oder aus den Lehren des Confucius ableiten. Nur die Verblendung konnte den Wahn erzeugen, daß die Juden nicht die gleiche sociale Schichtung haben, wie die anderen Bürger. Auch hier stützt ein märchenhaftes Vermögen an den quälenden Mangel, auch hier reiht sich an den üppigsten Genuß die-Entbehrung, an ein Einkommen, das nach vielen hunderttausend Gulden zählt, der Lobn, der kaum das Leben fristet, auch hier gibt es einen erschütterten und geschwächten Mittelstand, welcher täglich an Boden verliert und mühselig gegen den Untergang kämpft. Reißt nur die jüdischen Advocaten, Aerzte, Handwerker und Kaufleute nieder, und ihr werdet Proletarier erziehen mit allen Jnstincten der drückenden Armuth. Auch die Juden athmen die Luft, die uns zuströmt, auch sie sind Menschen, welche geneigt sind, jedes bittere Unrecht als die Frucht der heutigen Gesellschaft aufzufaffen, auch ihr Ohr wird von der Lockung gefangen genommen, es könnte ein Reich erstehen, wo das Capital den Mehrwerth der Arbeit nicht verschlingen, jedes Haupt eine sichere Ruhestätte finden und kein lebendes Wesen existiren wird, für welches an der Tafel der Natur nicht gedeckt wäre. Wie leichtfertig ist es, eine Million friedlicher Einwohner in diesen politischen Abgrund zu jagen. Der Schoß des Socialismus nimmt alle Unglücklichen auf, die materielle Gleichheit wirkt wie ein geistiger Magnet auf viele Gemüther, und begehrliche Augen suchen durch die Mauern der Schlösser zu dringen, um zu erkennen, wie viel Ueberfluß zur Linderung der Noth dienen könnte. Auch das jüdische Proletariat würde eine ökonomische Umwälzung ersehnen, damit die Brüderlichkeit verwirklicht werde, damit der Jude eine Heiniat und ein Vaterland erringe, damit der schnöde Chor des Hohns verstumme und die Sehnsucht, endlich einmal offenen und freien Auges unter Gleichen einherzuschreiten, sich erfülle. Die bürgerliche Gesellschaft hat mit dem Kampfe gegen den Juden die Grundsätze verlassen, welche ihre Stärke bildeten. Ein trauriges Unrecht wird begangen, welches Einige fördern, Biele dulden und nur Wenige aufrichtig beklagen. Ein Heer von neuen Proletariern entsteht mit dem Stachel der tiefsten Kränkung im Herzen, mit dem Verlangen

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