Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 43 (27.10.1893)
- Date
- 1893-10-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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■Hngr’.rrmihm.. flft 43. Wien, L7. Ortober 18S3. Jahrgang X. Crntralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums Eigrnthümrr: Rekchsraths-Abgeor-neter vr. Kloch -- Man adonntrt bet allen Pofisnstalkr» de» In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 fl. Einzelexemplare 2» kr. Nnzeigra: Die 4mal gespaltete Petitzeile 12 tr. R. tr. Postlpkaiaisrnamt Dlearingbrrlrrhr Le. 910.»76. Lrdartion und Adniinistration: Franz Josrss-Nttsi Nr. 8. TsIephOB-Nr. 6535. Inhalt: Leitartikel: Man drängt uns in die Reihen der Socialdemokratie. — Zwei Anerkennungsschreiben an den Reichsrathsabgeordneten Dr. Bloch. — Jlldemnission und Antisemitismus. — Cultusvorstände und Rabbinate. — Sidney Whitman über die Juden. — Eingesendet. — Correspondenzen: Wien, Groß-Kanüsa, Kostl, Krakau, Breslau, Paris, Petersburg, Sibirien, - Bukarest. — Vermischtes: Wien, Prag, Pisek, Proßnitz, Budapest, Warschau, Berlin, Landau, Smyrna. — Woher ich die ' Schramme habe? — Fürstengunst XXX. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Inserate. Man drängt uns in die Reihen der Sorisldrmokratie. ii?) Jedes Gemüth hat das tiefe Bedürfniß, eine Heimat zu besitzen. Der Ort, welchen unsere Erinnerungen von der ersten Dämmerung der Jugend bis zu den trüben Schatten des entschwindenden Lebens heiligen, die Erde, in welcher unsere Väter ruhen, das Haus, in welchem wir die Hingebung eines lieblichen Wesens empfunden und von dem Schimmer eines lächelnden Kindes verklärt wurden, sind unserem Herzen so theuer, daß wfl selbst das Glück unvollkommen scheint, wenn es uns von der Heimat entfernt. Es gibt daher keine härtere Grausamkeit, als einer Classe der Gesellschaft das Recht zu rauben, den Staat, deffen Boden sie schon seit Jahrhunderten bewohnt, in . welchem sie mit ihrem ganzen Denken und Hoffen wurzelt, ihr Vaterland zu nennen. Wer kann sich die Gefühle solcher Menschen ausmalen, deren Söhne aus den Schlachtfeldern bluten müssen, die alle Opfer und Leiden der Gesammtheit zu tragen haben, die von jedem Ungemach, welches das Reich betrifft, bedrückt werden, die aber dennoch als Fremdlinge gelten, ja geächtet und verstoßen werden. Die herbe Bitterkeit, welche durch eine solche Demüthigung hervorgerufen wird, ist kaum zu versinnlichen. In unserer Mitte wirken und schaffen Bürger, welche für den Staat streiten und kämpfen, die ihm die Frucht der Arbeit darbringen, für ihn zu den Waffen greifen und in dem Augenblicke, wo sie ihn mit dem Gefühle umklammern wollen, wird selbst ihre Liebe kalt abgewiesen, wird ihnen das häßliche Wort ins Gesicht geschleudert: „Der Jude hat kein Vaterland, er ist heimatlos!" Dieses Unrecht träufelt Gift in die Seele, es verwundet die Ehre, es drängt das Selbstbewußtsein zur Auflehnung. Der niedrigste Sackträger, der betrunken durch die Straßen taumelt, fühlt sich erhaben über den Juden, dem er sein Brod verdankt. Der Jude steht unter dem Drucke eines socialen Bannes, der ihn zur Vereinsamung zwingt, seine Würde verletzt, seine Unbefangenheit verscheucht und ihm das tiefste Mißtrauen, einstößt. Noch ernster als diese moralische Qual wirkt aber die ökonomische Verfolgung. Eine Million arbeitsamer, erwerbsfähiger Menschen wird durch alle Mittel einer socialen Vehme, die nirgends zu fassen, aber in allen Schichten und Kreisen zu spüren ist, künstlich ins Proletariat hinabgestoßen. Wir finden keinen anderen Ausdruck für den Proceß des wirthschastlichen Ausrodens, der sich vor unseren Augen vollzieht. Die gedankentrage Menge, welche sich den Juden stets als einen Millionär vorstellt, ist kaum einer Widerlegung werth, aber unbegreiflich sind die Staatsmänner, welche die gesellschaftliche Structur kennen und dennoch ruhig zusehen, wie plötzlich, ohne innere *) Vergleiche Nr. 41 der „Oesterreichischen Wochenschrift". Nothwendigkeit ein neues Heer verbitterter trostloser Proletarier geschaffen wird. Der Jude ist bisher ein bedeutsamer Factor des Mittelstandes gewesen. Was soll er in Zukunft sein'? Er wird aus allen Berufsarten verjagt, die er aus Nothwendigkeit und Neigung wählte, er kann nur schwer Kaufmann werden, weil der Zwischenhandel in ganz Europa eine harte Krise zu überwinden hat und weil unausgesetzt die Kunden von seiner Thür verscheucht werden. Alle öffentlichen Aemter sind den Juden verschlossen, der Jude kann nicht Richter, nicht Bezirkshauptmann und nur selten Professor werden. Ein jüdischer Commis findet in großen Theilen des Reiches keine Stelle, ein christlicher Handwerker beschäftigt nur ungern jüdische Gesellen und Lehrlinge, das weite Gebiet der Industrie ist nur für Unternehmer offen, welche ein großes Kapital besitzen. Wer ein Vergnügen darin findet, stets die Rothschild, Königswarter, Gutman, Springer im Munde zu führen, mag es thun. Vielleicht gibt es in Oesterreich einige hundert reiche Juden, aber der Glanz in den Palais der Bankiers und die erdrückende Pracht in den Häusern der Fabrikanten nützen dem Krämer nichts, der mühsam um seine Nahrung kämpft und jetzt in seiner Existenz bedroht ist. Die Großen werden durch die feindliche Strömung geängstigt, aber nicht geschädigt. Der Coupon der Rente bleibt unverkürzt, die Bergwerke verlieren nicht ihren Ertrag, der Preis des Zuckers und des Petroleums finkt nicht. Nur die Kleinen, die sich mühsam aus den Niederungen emporarbeiten möchten, werden durch den Sturm zurückgeworsen und zerschmettert. Das Elend schwillt so mächtig an, daß man wahrlich an die traurige Legende erinnert wird, welche berichtet, Jesus, welcher selbst für die römischen Schergen am Kreuze betete, habe nur dem jüdischen Schuhmacher nicht verziehen und ihn wegen seiner Grausamkeit gegen den Heiland zum ewigen Umherirren verurtheilt. Dieser Fluch haftet schwer auf den Juden. Selbst die Freiheit, welche die Sehnsucht aller Völker ist, wird gehaßt, weil sie auch für die Juden besteht, das Capital wird bedrängt, weil einige Juden reich find, der Handel wird geschmäht, weil er auch von Juden betrieben wird. Was soll aber mit dieser Million Menschen geschehen? Die Juden werden nicht vertrieben, das Staatsgrundgesetz, welches ihnen die Gleichberechtigung gewährt, ist noch nicht geändert, aber die Quellen werden abgeleitet, aus welchen die Juden den Unterhalt schöpfteu, die Mittel werden ihnen entzogen, die Nahrung zu erringen. Ein jüdischer Vater hat schon heute die größte Sorge, wenn er über den Berus seines Sohnes entscheiden soll; die Noth schreitet über die Schwelle vieler Wohnungen, in welchen einst Behaglichkeit herrschte. An der Ecke zwischen dem Bauernmarkt und dem Petersplatze stand vor zweihundert Jahren ein Haus, weiches dem Hoswechsler Samuel Oppenheimer gehörte. Seine Diener geriethen in einen unbedeutenden Streit mit einigen Schornsteinfegern und dieser Conflict führte zu einem Auflaufe des Volkes, welches das Thor des Gebäudes erbrach, in die Zimmer drang, die Handlungsbücher zerriß, das Geld plünderte und die ganz; Gnrichtung