Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 42 (20.10.1893)
- Date
- 1893-10-20
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42 Oesterreiltzifche Wochrnfchrist Seite 831 ling und Paulus Meyer hinsichtlich des Blutmärchens abgetrumpft worden waren, ob sich diesbezüglich nichts in Beraun machen ließe. Leider fand sich ein schlechtes Medium vor: eine epileptische Dienstmagd. Die Einladungen zu obgenannter Versammlung waren auf Namen lautend und die Krakehler hatten auf diese Weise weder einen unangenehmen Zwischenruf noch eine Gegenrede zu befürchten. Ob es aber loyal ist, das Licht zu scheuen und fortwährend die bereits abgegriffenen Tiraden über die Juden zu halten, bleibe dem unbefangenen Leser überlassen. Das „Deutsche Bolksblatt" nimmt die Bauen voll nnd bläst in Folge des Effectes dieser Versammlung dem Abgeordneten Hübner das Lebenslicht aus. Bergani und Kumpane Nawratil—Znaim werden doch nicht meinen, mit einem einstündigen Wortschwall könne man ein Mandat erobern. War etwa das ganze Manöver hierauf abgesehen? Gemach, Herr Vergani, so schnell geht's denn doch nicht. Unsere Landbevölkerung besitzt zum größten Theil noch immer einen gesunden Sinn und Viele hat nur Neugierde dorthin getrieben, wo man billige Phrasen zu hören bekommt. Bauernfangen und Popularitätshascherei sind abgeschmackte Begriffe und auch der schlichte Bauer weiß zu unterscheiden zwischen Ernst und Verhetzung, zwischen dem Vorwand einer Angelegenheit und der Sache selbst. Er dnrchblickt die Comödie. In dieser Versammlung soll darüber gejammert worden sein, daß einzelne Tischler, Schlosser rc. nicht so viel verdienen wie ehedem. Arme Cnltur! Elender Fortschritt! War's denn wirklich nothwendig, Maschinen zu erfinden? Könnte man denn nicht zu Gunsten des Individuums die Fabriken auflassen? Oder ist das fabriksmäßige Gewerbe, wobei Mehrere Beschäftigung und Lohn finden, wirklich humaner als das Kleingewerbe, das nur Einzelnen Vortheil gewährt? Dazu noch die lästigen Eisenbahnen, die wohl für's große Ganze segenspendend sind, doch einzelnen Frächtern, Wirthsleuten :c. Schaden zufügen. Die Börsenschlüffe, wonach per 5000 fl. blos 10 kr. gezahlt würden, sind ebenfalls einer herben Kritik unterzogen worden. Der Bauer weiß freilich nicht, daß derlei Schlüsse x-mal effectuirt werden und andere diesbetreffende Steuern sowie Donau- Dampffchiffahrt liegen außerhalb seines Anschauungskrcises. Das thut aber nichts. Gerade deshalb muß cs auf's Tapet kommen. Wie nennt man die Taktik des Fuchses? Wegen der jüdischen Sommerfrischler, meinten die Geschichten-Erzähler in Fra in, kämen die christlichen hierher nicht. Man solle erstere nicht hereinlassen. Also selbst auf diesem Gebiete die unausstehliche Concurrenz. Auch das wird den jüdischen Sommerfrischlern in Frain verübelt, daß sie daselbst ihr Geld sitzen lassen. Hört! Daß weiters den christlichen Leuten angerathen wird, ihre Kinder nicht in die jüdische Schule zu schicken, ist begreiflich, weil man hier tradirt 3 X 4 — 92 oder die Hauptwörter werden immer mit einem Kleinbuchstaben geschrieben rc. Daß die Wissenschaft und ihre Lehre interconfessionell ist, ist eine Ausgeburt der menschlichen Phantasie. Unbegreiflich aber bleibt's, daß man in so ernsten und feierlichen Stunden, in denen man salbungsvoll von Volksbekehrung zerfließt, dem Volke das „Mauscheln" zum Besten gibt. Gelinde gesagt, muß diese „Mauschelgeschichte" als urdummer Witz und Blödsinn bezeichnet werden. Der ausgestreute Giftsamen wird Hierbezirks so wenig Wurzel fassen, als sich civilisirte Menschen in den Urwald schicken lassen. Die hierortige Jsraelitengemeinde ist als solche die einzige im Frainer Bezirke. Seit 1670 leben die beiden Confessionen in größter Eintracht neben einander. Das gesellige Leben wird nach wie vor auf breitester Grundlage cultivirt und die beredtesten Anwälte der Lüge und Verleumdung werden nicht im Stande sein, die guten freundschaftlichen Beziehungen zu trüben. Vukovar (Slavonien). Am 1. d. M. weilte das kirchliche Oberhaupt der in den Königreichen Ungarn, Croatien und Slavonien wohnenden Serben, der Patriarch Georg v. Brankovics in unserer Comitatsstadt Vukovar, um die restaurirte serbische Kirche einzuweihen. Nach der kirchlichen Feierlichkeit, zu welcher auch die israel. Gemeinde, sowie die Seelsorge geladen war, empfing Se. Heiligkeit die Deputationen und Vertreter der Confessionen, Behörden, Aemter, Corporationen und Innungen. Nach der katholischen Geistlichkeit empfing der hohe Kirchenfürst die Deputation der israel. Cultusgemeinde, die unter Führung des Oberrabiners Dr. Julius Diamant erschien. Der Oberrabbiner hielt eine schwungvolle Ansprache an Se. Heiligkeit den Patriarchen, auf die diese sichtlich gerührt antwortete, seinen tiefsten Dank abstattete und als Zeichen seiner besonderen Achtung dem Oberrabbiner, sowie sämmt lichen Mitgliedern der Deputation seinen Segen ertheilte. Nach dem Empfange der verschiedenen Deputationen stattete der hohe Gast mit seinem Gefolge unserer prachtvollen Synagoge seinen hohen Besuch ab. Nachmittags gab die serbische Kirchengemeinde dem hohen Gaste zu Ehren ein glänzendes Festdiner, zu welchem der Oberrabbiner und der Gemeindepräses Einladungen erhielten, und dem geistlichen Oberhaupte unserer Gemeinde wurde bei dieser Gelegenheit ein Ehrenplatz neben der hohen Geistlichkeit anderer Confessionen angewiesen. Leipzig, 4. October. In der gestrigen Sitzung der hiesigen Handelskammer wurde unter Anderem seitens des Meßausschusses der Kammer über eine Eingabe der hier zur Messe weilenden Borstenhändler wegen Aufhebung des im Königreiche Sachsen bestehenden Schächtnngsverbotes Bericht erstattet. In der betreffenden Eingabe wird gewünscht, daß die Kammer bei der königl. sächsischen Staatsregierung ihre Verwendung dahin eintreten lassen möge, daß das gedachte, seit etwa einem Jahre in Sachsen erlassene Verbot, gewisse Schlachtthiere zu schächten, wieder aufgehoben werde. Die Vertreter weisen in ihrer Vorstellung darauf hin, daß, wenn jenes Verbot aufrecht erhalten werde, sie genöthigt seien, die Leipziger Messen zu meiden und ihre Geschäfte alsdann in Berlin zu betreiben; sie fügen aber auch die Bemerkung hinzu, daß, wenn dieser Fall eintreten sollte, dann auch die Leipziger Handelshäuser, die sich mit dem Borstengeschäft befassen, veranlaßt sein würden, nach Berlin zu überfiedeln. Der Referent des Ausschusses, Herr Herrmann, dessen Initiative bekanntlich die Existenz der Leipziger Borstenmessen zu danken ist, betonte, der Ausschuß habe sich dieser Angelegenheit gegenüber in einer außerordentlich schwierigen Lage befunden, da sie nicht zur Competenz der Kammer gehöre. Was das Materielle der Sache betreffe, so ergebe sich aus den beim hiesigen Rath erliegenden Acten, daß schon früher von betheiligten Kreisen an die competenten Behörden das Gesuch gerichtet worden sei, das Schächtungsverbot aufzuheben, daß jedoch diese Bemühungen keinen Erfolg gehabt hätten. Selbst die Anrufung der allerhöchsten Stelle habe kein anderes Resultat zur Folge gehabt. Nach alledem sei, so betonte der Referent des Meßausschusses der Handelskammer, dem Ausschuß nichts Anderes übrig geblieben, als vorzuschlagen, die betreffende Eingabe zur Kenntnißnahme an das königl. Ministerium des Innern gelangen zu lassen und hierbei darauf hinzuweisen, daß es-sich um die Angehörigen einer Branche handle, deren jährlicher Geschäftsumsatz in Leipzig 20—25 Millionen Mark betrage. Die Handelskammer genehmigte diesen Antrag. Aus der geschilderten Sachlage, bemerkt das „Leipziger Tageblatt", ergibt sich die Mißlichkeit für unsere Stadt, daß das Schächtungsverbot nur für das Königreich Sachsen erlassen worden ist, würde das Reich ein solches Verbot erlassen haben, dann wäre es undenkbar, daß dem hiesigen Platz mit dem Verlust seiner Borstenmessen und der Ueberfiedelung einer Anzahl von Handelshäusern nach Berlin gedroht werden könnte. Die „Kreuzzeijung" geht nun gleich einen Schritt weiter und fordert von der Regierung, das Schächten „von Rechtswegen" zu verbieten. Leipzig, 10. October. Das heutige „Tagebl." bringt einen Leitartikel mit der Ueberschrift: „Die Drohung der Borstenhändler", in welchem auf die ernsten Folgen hingewiesen wird, welche dieses Vorgehen für die gefammte jüdische Bevölkerung Deutschlands haben müsse, „wenn es nicht von jüdischer Seite durchkreuzt werde". Eine Berliner Zuschrift sucht dies ebenfalls zu erweisen. Das „Leipz. Tagebl." schließt mit dem Hinweis, „daß die hiesigen Glaubensgenossen der fremden Borstenhändler nicht nur gegen den Verdacht protestiren, Antheil an jener Petition und jener Drohung zu haben, sondern auch nach ihrer Versicherung bemüht find, jene fremden Glaubensgenossen von ihrem Vorhaben abzubringen". VernüjscKtes. Wien. (Trauungen.) Sontag, den 15. October 1893 wurden getraut: Herr Emil Ehrlichmit Frl. Sidonie Weiß. — Herr Heinrich Grätzermit Frl. Leontine Guttmann. — Herr Salomon Neufeld mit Frl. Rosa Fuchs. — Herr Samuel Löffler mit Frl. Minna Wohrisek. — Herr Leopold Strauß mit Frl. Jda K o h n. — Herr .Wolf Kormes mit Frl. Laura B i r k n e r.