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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-10-20 · 42 (20.10.1893) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
42 (20.10.1893)
Date
1893-10-20
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 626 Veürrrektzifrtze Wochenschrift Nr. 42 auch nur Meyer zum Dictiren dieses Briefes verleitet habe; soviel aber steht fest, der Brief ist redactionell von einem literarisch gebildeten Deutschen, der der Theologie nicht fern steht, abgefaßt worden. Warum ferner Dr. Deckert, der im Dienste der Ritualmord-Wifsenschast stets muthig war und vor nichts zurückschreckte, solange mit der Veröffentlichung des Briefes zögerte und sich erst von Dr. Bloch dazu zwingen ließ, — auch darüber haben wir keine Aufklärung. War der Herr- Pfarrer wirklich überzeugt, daß Paulus Meyer die Wahrheit geschildert habe? War es nicht sein Wunsch, daß sein Famulus diesen Brief so und so schreibe? Ein dichter Schleier ruht darüber, wer vermöchte ihn zu lüften? Das Urtheil lautete auf schuldig, und Herr Pfarrer Deckert hat es nur seinem Berufe als Verkündiger der Wahrheit und der Lehre von der christlichen Liebe zu verdanken, daß er nicht mit Meyer ins Gefängniß wanderte, sondern mit einer Geldstrafe von 4M Gulden davon kam. Wären aber auch alle drei Angeklagten freigesprochen worden, sie ständen gebrandmarkt vor dem Rechtsgefühl der Welt und vor der Wahrheit. Herr Meyer hat Ekel erregt mit seinen ewigen dreisten Lügen und Widersprüchen. Herr Pfarrer Deckert hat sich als ein Mann erwiesen, der, ohne zu prüfen und zu untersuchen, Leute, die er nie gesehen, des scheußlichsten Mordes beschuldigt, weil es ihm ein sauberer Held, wie Paulus Meyer, erzählt hat. Und der Redacteur Doll, der sicherlich eine Nachricht, daß Aülgust Schulze eine Semmel gestohlen habe, nicht ohne genaue Erkundigungen ausgenommen hätte, bringt die ungeheuerliche Nachricht, die von einer mindestens sehr zweifelhaften Person geschrieben ist, ohne jegliche Vorsicht und posaunt so in die Welt hinaus, daß es bei Juden einen Riiualmord gibt. Alle drei Angeklagten haben den Beweis geliefert, wie antisemitische Wahrheiten entstehen, wie Nachrichten über Juden und Judenthum fabricirt werden. Der Schutzgeist des Antisemitismus muß diesmal tief geschlummert haben. Die Gerichtssäle sind eben unbequeme Dinge für die Herren Antisemiten, — von denen hinterher regelmäßig keiner es gethan haben will; sie sind allemal in ihrer Gutmüthigkeit getäuscht worden. Die Nachklange dieses Processes sind für den Psychologen, der über den logischen Sinn und die moralische Beschaffenheit der Antisemiten Studien machen will, hoch interessant. Die „Staatsbürger-Zeitung" leistet sich in ihrem Leitartikel vom 21. September dieses Jahres folgenden Herzenserguß : „Bewiesen ist zunächst durch diesen Proceß, daß die Judenfrage keine religiöse, sondern eine nationale, eine Raffenfrage ist, und daß auch der Glaubenswechsel nicht die Raffeneigenthümlichkeiten des Juden hinwegzuwischen vermag." Armer Dr. Bachler! Welch ein kurzes Gedächtniß! Noch im Monat September vorigen Jahres feierte man Meyer als Helden der Wahrheit, ja noch im Mai dieses Jahres druckte man seinen Brief an Deckert ab und verhöhnte Dr. Bloch, man frohlockte, daß es Deckert gelungen sei, die Wahrheit des Ritualmordes zu beweisen, — und nun ist man mit einemmal zu der Ueberzeugung gekommen, daß Mayer ein Lump und Betrüger ist, weil — man Ihn eben nicht mehr halten kann. Ja, die Convertiten sind elende schlechte Kerle, wenn sie den Antisemitismus in Verruf bringen. Und hat sich der Religionshaß als jämmerlich gezeigt, dann ist man einfach nur noch Gegner der jüdischen Rasse. Wer aber über das Wesen des culturfeindlichen, alles zerfetzenden, heuchlerischen Antisemitismus noch nicht aufgeklärt war, der kann aus dem Wiener Proceß Aufklärung gewinnen. Denn die Herren zeigten sich dort in ihrem moralischen Hauskleide und Arbeitsrock und ließen einen gar zu tiefen Einblick in die Werkstatt ihrer Wissenschaft gewinnen. Der Vorhang ist gefallen und dahinter zeigte sich der häßliche, nackte Fanatismus, der sich gern Wissenschaft, Patriotismus und Idealismus nennt. Wer noch Augen zu sehen hat, der erkennt, wie zu antisemitischen Zwecken Urkunden fabricirt werden und wer die Gewährsmänner von Rohling, Deckert und Genossen sind. Wahrlich, es gibt kein häßlicheres Zerrbild der Cultur des 19. Jahrhunderts, als wie es sich darstellt im Antisemitismus, dessen getreues Spiegelbild der Meyer-Deckert-Proceß zeigt. Mitthrrlungen der „Oesterr.-Jsrael. Union". (Aus dem Protokolle der Samstag, den 7. Oktober 1893 abgehaltenen Plenarversammlung der „Oesterr.-Jsrael. Union".) Der Vorsitzende begrüßte in kurzer Ansprache die zahlreich erschienenen Vereinsmitglieder und Gäste und gab der Erwartung Ausdruck, daß es dem Vereine in der mit dieser Versammlung beginnenden neuen Bereinssaison ermöglicht sein wird, der inneren Organisation der Wiener Judenschaft erhöhte Aufmerksamkeit widmen zu können. Der Vorsitzende gedenkt sodann des um die Gründung und Organisation der „Oesterr.-Jsrael. Union" hochverdienten im Sommer dieses Jahres verstorbenen Herrn S. G. Fischl, und ehrt die. Versammlung das Andenken an den Verblichenen durch Erheben von den Sitzen. Zur Tagesordnung übergehend, berichtet der Vorsitzende, daß die Vereinsleitung auch im heurigen Jahre mit der Herausgabe des „Kalender für Israeliten" einem längst empfundenen Bedürfnisse der Wiener Judenschaft Rechnung getragen habe und stattet Herrn Dr. Eduard M a h l e r für die Bearbeitung des kalendarischen Theiles, sowie den Herren Oberrabbinern Dr. I e l l i n e k und Dr. G ü d e m a n n, Rabbiner Doctor Kayserling in Budapest, Ludwig August Frankl, Jacques I a e g e r und Ed. Birnbaum für die liebenswürdige Bereicherung des Kalenders mit literarischen Beiträgen den Dank des Vereines ab. Mit der Errichtung der israelitisch-theologischen Lehranstalt in Wien, deren Eröffnung in Kürze bevorsteht, sei eine der im Statute der „Union" enthaltenen Aufgaben in Erfüllung gegangen, und wenn auch die Errichtung der Anstalt selbst nicht ein Werk der „Union" sei, so darf es sie dennoch mit Stolz erfüllen, daß aus ihrem Schoße in Folge jahrelangen Bestrebens die Gründung dieses Institutes gefördert wurde. Ein besonderes Gedeihen habe die ebenfalls aus dem Schoße der „Union" in Folge Anregung der Herren Rabbiner Sor und Abgeordneten Dr. Bloch hervorgegängene israelitische Feriencolonie aufzuweisen. Dank jener' hochherzigen Damen, die an der Spitze dieser Institution stehen, war es möglich, im heurigen Sommer eine beträchtliche Anzahl armer Schulkinder auf's Land zu senden, und ist begründete Anssicht vorhanden, daß diese segensreiche Institution auch für die Zukunft gesichert erscheint. Mit dem Berichte, daß der Verein, wie in den Vorjahren, auch Heuer an arme Kinder der hebräischen Sprach- und Bibelschule, sowie der Talmud-Thora-Schule Handstipendien dertheilte, schloß der Vorsitzende die Reihe der Mittheilungen und ertheilte sodann das Wort Herrn Dr. S. Gelb haus zu seinem angekündigten Vortrag: „Ueber deutsche und jüdische Volksdichtung". Der Vortragende erntete für seine geistreichen Ausführungen lebhaften Beifall, welcher sich wiederholte, als der Vorsitzende Herrn Dr. S. Gelbhaus im Namen des Vereines dankte. Nach einer Unterbrechung der Versammlung von 10 Minuten ergreift Herr S. Brod das Wort und gab seinem Bedauern über die Indolenz der Wiener Judenschaft im Hinblicke auf die jüdische Literatur in beredten Worten Ausdruck. In scharfen Worten tadelt Herr S. Brod, daß z. B. die „Österreichische Wochenschrift" noch immer nicht die gebührende Würdigung finde. Jeder Jude ist verpflichtet, ein solches Blatt, welches so Hervorragendes leistet, zu abonniren und zu unterstützen. Der Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift," Herr Reichsrathsabgeordneter Dr. Bloch, habe sich nun wieder in der letzteren Zeit, wie kein zweiter, um die gesammte Judenschaft so hervorragende Verdienste erworben, daß es Jedermann als eine Ehrenpflicht betrachten sollte, dessen Blatt zu abonniren. Ein gleiches Schicksal theilte der von der „Oesterr.- Jsrael. Union" herausgegebene „Kalender für Israeliten", der eine längst empfundene Lücke in dem Kalenderwesen der Wiener Judenschaft ausfülle, und dessen Reinerlös armen Schulkindern gewidmet sei. Herr Brod gibt seiner Entrüstung Ausdruck, daß eine ganze Reihe von reichen jüdischen Mitbürgern die Annahme dieses Kalenders, welcher blos 50 Kreuzer kostet, verweigerte, und bittet für die Propaganda sowohl der „Oesterreichischen Wochenschrift" als auch des „Kalenders für Israeliten" besorgt zu sein.

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