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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-10-20 · 42 (20.10.1893) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
42 (20.10.1893)
Date
1893-10-20
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 42 Vrsterrrichifche WochrnfchrM Seite 825 kühn, behaupte Alles, den Beweis darfst Du schuldig bleiben, und wenn es nicht ohne Verleumdung, Entstellung und Fälschung abgeht, was thut's? Um solche Kleinigkeiten bekümmert sich die antisemitische Welt nicht. Wissenschaftlich aufklärende theologische Werke hat der Herr Pfarrer Deckert zwar noch nicht geschrieben, aber er betreibt eine zweite Wissenschaft, die historischen Studien, und auf diesem Gebiete hat er Gewaltiges geleistet. Er hat nämlich durch die Herausgabe alter Acten zur Evidenz bewiesen, daß ein Jude einst im grauen Mittelalter wegen des Verbrechens des Ritualmordes verurtheilt und verbrannt worden ist. Also ist der Ritualmord geschichtlich beglaubigt. Der Jude hat es ja selbst eingestanden, freilich unter den Qualen der Martermaschine und den „Kunstgriffen seiner Henker — der Jude gibt nicht so leicht ein gefährliches Geheimniß preis, wie das, daß er .Christenblut zu Ritualzwecken brauchte. Christlicher Leser, Du bist wohl ein moderner, aufgeklärter Mann und lachst, wenn man von Hexen spricht; armer Thor! Ich kann Dir aus den Gerichtsacten der Borzeit beweisen, daß man Hexen verurtheilt und verbrannt hat, daß so und so viele Frauen unter ihrem Eide vor den Richtern gestanden haben, dgß sie Hexen waren, Umgang mit dem Teufel hatten und alles Unheil anrichteten; nun ist wohl Deine Weisheit zu Ende. Hexen und Ritualmorde, das sind Thatfachen der historischen Forschung. Ja, wenn man glaubt, daß einige harmlos dahergehende Juden einen ganzen Staat beherrschen, vergiften, social und moralisch ruiniren können — und welcher echter Ahlwardt- Germane glaubt nicht daran? — so muß mau ihnen doch eine übernatürliche teuflische Kraft zumuthen, und diese teuflische Kraft kann nur von einem Kuchen herrühren, der unter Beobachtung gewisser Zauberformeln mit Christenblut vermengt ist. Was ist logischer, was wahrscheinlicher? — Also für uns, die wir in die antisemitische Logik und die antisemitische Geschichtsforschung eingeweiht sind, war der Beweis geliefert, daß die Juden Christcnblut zum Passahfeste haben niüssen. Aber Hochwürden Deckert wollten in ihrer bekannten Gründlichkeit sich damit nicht begnügen. Hochwürden ruhten nicht eher, als bis sie empirisch bewiesen hatten, daß auch das moderne Judenthum das Christenblut nicht entbehren kann. Zn diesem Zwecke war Paulus Meyer geschaffen oder auch getauft worden. Ec war ja selbst bis vor Kurzem Jude, lebte in Russisch-Polen, also im urwüchsigen Judenthum und war als Gelehrter sehr vielseitig und sehr fruchtbar. Herr Pfarrer Deckert nahm ihn daher in seiner Wohnung auf, nur ihn selbst, nicht auch seine „Braut", die er sich zur geistigen Anregung aus Leipzig mitgebracht hatte. Diese „Braut", eine hochgebildete Dame selbstverständlich, wurde bei einem Freunde D e ck e r t's untergebracht. Die beiden großen Geister saßen also ganze Nächte zusammen vertieft in die geheimnißvollen talmudischen Studien und eine innige Harmonie vereinigte sie. Wenn sie hin und wieder zur Erfrischung des Geistes ein Glas Wein zu sich nahmen, wird ihnen das Niemand verargen. Sagt doch der Psalmist: „Wein erfreut des Menschen Herz." „Wo hat nun Paulus Meyer während dieser Zeit gewohnt?" Die Antwort erscheint einfach: „Bei seinem würdigen Freund und Studiengenossen D eckert." Nicht doch, der Herr Pfarrer hat der Polizei erklärt und in allen Zeitungen auf seine Priesterehre betheuert, daß Meyer niemals bei ihm gewohnt habe. Er hat auch im Gerichtssaal bewiesen, daß Schlafen und Wohnen zwei verschiedene Begriffe sind. Da Paulus Meyer während dieser Zeit eine andere Wohnung nicht hatte, so hat er mithin überhaupt nicht gewohnt, nur geschlafen. Es ist dies eine Kleinigkeit, aber sie charakterisirt die feine Logik und das subtile Unterscheidungsvermögen des Herrn Pfarrers. Die Frucht solchen eifrigen Studiums war zunächst ein schneidiger Artikel des Herrn Dr. Deckert in der Zeitschrift „Vaterland", worin er ganz leise andeutete, daß er im Besitze eines Dokumentes sei, wonach die Juden auch heute noch Christenblut als eine gaumenkitzelnde Delicatesse betrachten. Die Juden ruhten nicht eher, als bis es ihnen in ihrer Schlauheit gelungen war, wie im vorigen Jahre, den guten, armen Rector Ahlwardt, so jetzt den kindlich denkenden Gelehrten Deckert aufs Eis zu locken und zu leichtsinnigen Bekenntnissen zu verleiten. Nun ist es ein eigen Ding mit dem Beweisen. Es gibt Dinge, die für den antisemitisch gebildeten und christlich-social geschulten Logiker ganz klar liegen, für den Laien aber nicht faßbar genug sind, und es - gibt leider noch Richter, die nach der völlig veralteten Laienlogik denken und mit der sogenannten gesunden Vernunft urtheilen. Der Reichsrathsabgeordnete Dr. B l o ch erkühnte sich, öffentlich zu behaupten, der Herr Pfarrer flunkere, und ihn aufzufordern, mit seinem Document an die Oeffentlichkeit zu treten, falls er Ehre im Leibe habe. Was blieb also dem armen Deckert übrig, nachdem er einmal sein Leben in den Dienst der Wissenschaft gestellt hatte? Er mußte den verhängnisvollen Brief in Druck geben. Am 11. Mai 1893 erschien im „Vaterland", einem Blatte, das für die Ritualmord-Wissenschaft stets ein warmes Interesse zeigte, ein Brief, datirt: „Leipzig, 20. April 1893 (also eigentlich 19 Tage zu spät) Redaction der Anti-Corruption — Moltkestraße Nr. 44." Der Brief trägt die Adresse: „Sr. Hochwürden Herrn Pfarrer Dr. Josef D eckert, Weinhaus- W i e n", und ist unterschrieben: „Ihr im Herrn verbundener Paulus M e y e r." Dieser Brief beginnt mit einer stylistisch abgerundeten und formvollendeten Einleitung über die Verfolgungen, denen der Märtyrer der Wissenschaft, Paulus Meyer, seitens der Juden, deren gefährlichste Geheimnisse er preisgab, stets ausgesetzt ist. Wir erfahren auch aus der Einleitung dieser Epistel — was uns bis jetzt nicht bekannt war — daß Professor Strack auch Rabbiner ist. Der Briefschreiber schildert dann im trockenen nüchternen Ton eines Geschichtsschreibers, wie er Zeuge eines Ritualmordes gewesen. Er beschreibt die Abschlachtung eines christlichen Knaben durch das Rabbinat unter Verrichtung verschiedener Gebete in Ostrowo (Russisch-Polen) im Jahre 1875. Er erzählt dies mit allen Einzelheiten, nennt alle Personen, die daran betheiligt waren und schildert den heiligen Act ziemlich ausführlich. Dieses furchtbare Document, welches auch noch mit gelehrten Erläuterungen versehen ist, ließ also an wissenschaftlicher Genauigkeit nichts zu wünschen übrig, hatte aber einen ganz kleinen Fehler — für die hohe antisemitische Auffassung allerdings herzlich unbedeutend — daß es erlogen war. Nun sollte mau glauben, wie der antisemitische Anwalt Dr. P a t t a i mit logischer Schärfe behauptet, die Wiener- Juden ginge es nichts an, daß einige arme Juden in Polen zu Mördern gestempelt wurden, daß der Ritualmord dadurch zur Wahrheit erklärt worden sei. Aber Leute wie Dr. Bloch sind eigensinnig, sie mengen sich in die Privatverhältnisse des Herrn Pfarrers, stellen fest, daß der im Briefe zum jüdischen geheimen Oberschächter für Christenkinder beförderte Rabbi Jeschua Ben S ch l o m e schon einige Jahre vor 1875 gestorben war, und veranlassen die im Briefe genannten Juden aus Ostrowo den Strafantrag gegen Paulus Meyer, Pfarrer Deckert und Redacteur Doll wegen Verfassung, beziehungsweise Veröffentlichung des Brieses zu stellen. Dies geschah und am 15. Sep. tember dieses Jahres fand vor dem Schwurgericht in Wien die Verhandlung statt. Wunderbarerweise machte weder Meyer noch Deckert den Versuch, den Wahrheitsbeweis anzutreten. Ja, Meyer leugnete, den Brief geschrieben zu haben, und Deckert behauptete, Opfer seiner Leichtgläubigkeit und Menschenfreundlichkeit geworden und von dem getauften Juden Meyer arg in die Klemme gebracht worden zu sein. Das Mysterium des Briefes ist im Gerichtssaal leider nicht aufgeklärt worden. Der Brief ist datirt Leipzig, und es steht fest, daß Meyer schon damals in Wien lebte. Der Brief ist so geschrieben, als wenn er an einen wildfremden, unbekannten Mann gerichtet wäre, und doch war damals Meyer bereits Studiengenosse des Herrn Pfarrers. Paulus Meyer will den Brief nicht geschrieben haben, und es ist möglich, daß diesksmal in seinen Worten fich auch Wahrheit findet. Für uns, die wir mit dem Laienverstand denken, scheint es unmöglich, daß Paulus Meyer diesen Brief verfaßt hat. Es ist gar kein Zweifel, daß er das Material dazu geliefert hat, daß er die Thatfachen in irgend einer Form mündlich geschildert hat, — Meyer thut viel für Geld, und Herr Dr. Deckert war ja großmüthig genug, ihn als Assistenten für seine Ritualmordstudien gegen 100 Gulden monatlich anzustellen — aber wie sollte Meyer zu diesem feinen abgerundeten Styl kommen? Wie sollte dieser Mensch, der nicht zwei Sätze Deutsch fehlerfrei schreibt, zu dieser schwungvollen literarischen Sprache kommen? Nun behauptet Dr. Deckert, die züchtige „Braut" des Herrn Meyer, die hochgebildet ist und für die sich wahrscheinlich auch nur darum der Herr Pfarrer interessirt hat, habe den Brief geschrieben. Man pflegt bei solchen „Damen", die so emancipirt sind, um mit einem Paulus Meyer in ein nichttheologisches Berhältniß zu treten, nicht gerade hohe Bildung zu finden; aber mag sie auch noch so gebildet sein, woher die Salbung, der Pastorale Ton, die frömmelnden Phrasen in diesem Schreiben? Wir wagen nicht zu behaupten, daß Herr Dr. Deckert diesen Brief fabricirt oder

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