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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-10-20 · 42 (20.10.1893) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
42 (20.10.1893)
Date
1893-10-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 824 Vesterreichtsche Wochenschrift Nr. 42 mehr zurückhalten, es zog ihn mit aller Kraft hin, er wurde Christ. Natürlich mußte er die Märtyrerkrone tragen, denn die bösen Juden verfolgten ihn und stachen ihm ein Auge aus. Aber auch mit dem einen Auge sehe er genug, um die Juden, den Abschaum der Völker, zu verfolgen, er werde nicht ruhen, bis er dieses böse Volk vom Erdboden vertilgt haben werde. — Großer Jubel begleitete seine Ausführungen, und als er schloß, zeigte sich die Gloriole der Begeisterung, auf seiner Stirn und das eine Auge funkelte vor Enthusiasmus, und das Volk hörte auf seine Worte wie auf die Worte eines Propheten. Darauf folgte der experimentelle Theil. Paulus M e y e r legte plötzlich ein fürchterliches Ungeheuer, einen Talmudtractat auf den Tisch. Das Volk sah stutzigen Antlitzes von der Ferne das Wunder, fürchtete aber das schreckliche Buch anzüfasfen. Der Held des Abends oder richtiger der Nacht, schlug eine Stelle in diesem Talmud auf, las einen Satz aus dem Zusammenhänge heraus und behauptete haarsträubende Dinge daraus — als wenn die Leute die Wahrheit seiner Behauptungen hätten controliren können. Mit Heldenmuth forderte der edle Kämpfer alle Juden auf, gegen ihn aufzutreten und ihn zum bekämpfen — als wenn dieses eigenartig zusammengesetzte Publicum nicht schon mit einer fertigen Meinung über das Judenthum hierher gekommen wäre. Es meldeten sich zwei Juden zum Wort, um gegen den Talmudathleten zu kämpfen. Zuerst ein junger Arzt, der so erregt war, daß er mit seiner Stimme gar nicht durchdringen konnte; darauf ein angehender Theologe, der behauptete, nur seine Uebersetzung sei die richtige, und als er keinen Glauben fand, seine Uhr — ich glaube es war sogar eine goldene — auf den Tisch als Unterpfand für seine Wahrhaftigkeit legte. Weittönendes Lachen lohnte seine Ausführungen und mit Spott mußte er die Tribüne verlassen. Ich sah von der Galerie aus diesem Treiben zu, fragte mich, wie viele gerade Köpfe und ehrliche Charaktere in diesem vollgespickten unendlichen Saale sich wohl befinden möchten und verließ angeekelt die Stätte der Narrheit. Durch den Erfolg übermüthig gemacht, wurden nun die Herren Antisemiten dreister. Sie beriefen einen Tag nach dem jüdischen Neujahrsfeste eine zweite noch größere Volksversammlung nach den Germaniasälen mit der vielsagenden Tagesordnung: „Enthüllungen aus der jüdischen Religion", und sie waren so zuversichtlich, auf den Placaten zu vermerken: „Die Juden werden aufgefordext, sich zu vertheidigen, für Redefreiheit wird garantirt". Ich nahm auf gut Glück einen Talmudtraktat aus meiner Bibliothek und wanderte, mit diesen schweren Folianten bewaffnet, in die Versammlung, mir war aber zu Muth, als ginge ich ins Narrenhaus. Es war eine imposante Versammlung, die sich meinen Augen darbot, etwa 1500 Personen, darunter auch Frauen und Mädchen. Als Redner des Tages trat auf der Schriftsteller Willberg. Lieber Leser, wenn Dir dieser berühmte Name nicht bekannt ist, so zählst Du nicht zu den Cultnrmenschen. Seine Werke sind zwar noch nicht erschienen, aber er ist antisemitischer Schriftsteller, das ist ein sehr dankbares Gebiet, bringt viel ein. Herr Willberg bewies wissenschaftlich klar, daß alles Unheil von Israel kommt. Um concret zu sein, argumentirte er, daß die Cholera jüdischen Ursprungs sein müsse, da das Wort eine hebräische Ethymologie habe. Ich muß gestehen, ich hielt in meiner Naivetät bis dahin das Wort für griechisch, obwohl ich viele hebräische Studien betrieben habe. Die Kühnheit des Schlusses imponirte mir ungemein. Nun wußte ich es doch, diese so harmlos erscheinenden alten Griechen haben uns alle Krankheiten gebracht, denn die meisten Krankheiten fiihren ja griechische Namen. Dieser Willberg beschämt Papa Aristoteles durch seine originelle Logik. Dann gab auf allseitiges Verlangen Herr Paulus Meyer seine zweite Gastrolle. Er sprach über alles Mögliche und Unmögliche und machte sich anheischig, Alles aus dem Talmud zu beweisen. Ich gestehe, die unvergleichliche Dreistigkeit, mit der er auftrat, verblüffte mich anfänglich, allmählich aber gewöhnte ich mich daran. Als sich der Sturm des Beifalls über diese Gelehrtheit gelegt hatte, ergriff der Bundesvorsitzende das Wort; er dankte Paulus M e y e r für seine tiefen und geistreichen Ausführungen, gratulirte dann in großmüthiger Weise den Juden zu ihrem Neujahrsfest und wünschte, daß, sie dieses Fest nächstes Jahr in Jerusalem feiern möchten. Die Versammlung lachte über diesen geistreichen Witz und konnte sich gar nicht beruhigen. Darauf behauptete dieser Herr, die Aeußerungen des Herrn Paulus Meyer seien wahr und richtig, er fordere die im Saal anwesenden Juden auf, die Behauptung des Herrn Paulus Meyer zu widerlegen, wenn sie es können. Ich meldete mich zum Wort. Ich fragte zuerst die Versammlung, wie sie dazu käme, einem getauften Juden Glauben zu schenken, erklärte ihnen, daß es eine lächerliche Comödie sei, in einer Versammlung von Leuten, die nicht einmal das hebräische Alphabeth kennen, eine Talmudaufführung zu veranstalten. Ich zeigte den Leuten meinen Talmudtraktat, der in Wilna unter Aufsicht der kaiserlich-russischen Zensur gedruckt worden ist, bewies ihnen, daß dieser gefährliche Talmud öffentlich im Saale der königlichen Bibliothek zu Berlin für Jedermann einzusehen sei, las ihnen einige Sittensprüche und Grundsätze des Talmud vor und machte mich anheischig, nach der antisemitischen Methode zu beweisen, daß Aristoteles ein Dummkopf gewesen. Ich fragte die Versammlung, was sie sagen würde, wenn ich so frech wäre zu behaupten, alle christlichen Verbrecher seien dies auf Grund ihres Evangeliums. Die schlechten Juden — und warum soll es nicht auch solche geben! — sind nicht wegen, sondern trotz ihres Talmuds schlecht. Ich bewies auch ihrem Gelehrten, daß er nicht einmal die Bedeutung des Wortes „Akum" erklären könne, daß er eben nur Talmudgelehrter für antisemitische Volksvereine sei. Ich habe natürlich keinen Antisemiten bekehrt — die bethörte, fanatisirte Menge ist keiner Einsicht zugänglich —, aber ich habe mir eine volle Stunde Gehör erzwungen, und der Vorsitzende stellte mir das Zeugniß aus, ich hätte vornehm und objectiv geredet. Ich habe also dieses Wundergeschöpf, diese neue Leuchte der Antisemiten kennen gelernt. Ich habe die Ueberzeugung gewonnen, daß dieser Paulus Meyer ein Ignorant im vollsten Sinne des Wortes ist. Er hat außer dem Talmud noch nicht einmal die Bildung eines Sextaners, ja er hat nicht einmal von der hebräischen Grammatik eine Ahnung. Und auch seine talmudischen Kenntnisse sind so dürftig, so unklar und verworren, daß sie wiffenschaftlich nicht zu verwerthen sind. Das im ersten Aufsatze zum Schluffe über Paulus Meyer Gesagte scheint unbegreiflich, ist aber für den, der das traurige Leben der russischen Juden und die durch die unseligen Verhältnisse der Regierung ihnen aufgedrängte Erziehung kennt, leid'er gar zu selbstverständlich. Das logische,' geschulte Denken ist in den jüdischen, völlig ungeregelten Schulen Rußlands eine Unmöglichkeit. Ein begabter, jüdischer junger Mann in Rußland ist oft im Stundenden ganzen Talmud inhaltlich zu beherrschen, sogar genau zu sagen, auf welcher Seite dies und jenes steht; fragt man aber ihn nach Zeit und Art der Entstehung dieses gewaltigen Sammelwerkes, über Normen und Redaction desselben, so bleibt er die Antwort schuldig. Paulus Mey e-r ist aber auch ein moralisch niedriges Wesen. Man bedenke nur, Professor Strack, ein christlicher Gelehrter von unbestrittenem Ruf, erklärt Paulus Meyer für ein moralisch niedrig stehendes Wesen, Pastor Bodelschwingh, einer der geachtetsten und bekanntesten Geistlichen Deutschlands, schildert dem Berliner Polizeipräsidium den Herrn als einen Bettler, frechen Lügner und verkommenen Jrrfahrer, die Berliner Antisemiten aber halten mit ihm Parade ab und feiern ihn in ihren Versammlungen als Leuchte der talmudischen Wissenschaft, als Geißel Israels. Die Berliner Polizei sah sich endlich veranlaßt, Paulus Meyer aus Berlin und dem preußischen Staatsgebiete zu verweisen. Meyer ging nach Leipzig, der Hochburg des Antisemitismus, und die innere Harmonie führte ihn mit Wesend o n ck zusammen, mit dessen Hilfe er das berühmte Werk mit dem geschmackvollen Titel „Wölfe im Schafsfell und Schafe im Wolfspelz" herausgab. Aber auch in Leipzig wurde ihm bald der Boden heiß und er beschloß, nach Oesterreich, dem Lande der politischen Wirren, zu wandern. Er ging zuerst nach Prag, wo Professor Rohling, der Oberfabrikant antisemitischer Schandschriften aller Art, ihm Ehren über Ehren erwies, ihn mit Geldmitteln und Empfehlungsschreiben ausstattete, ihn als ausgezeichneten Talmudisten und — Ehrenmann schilderte. So ausgerüstet begibt sich Meyer nach Wien, zu Hochwürden D e ck e r t, mit dem er sehr schnell befreundet wird. Deck e r t ist einer der berühmtesten Namen im antisemitischen Adreßbuch. Es ist nirgends so leicht, berühmt zu werden, als bei den Antisemiten. Ehemals mußte so ein armer Teufel, der weder Geist noch sonstige Vorzüge hatte und doch nach Popularität strebte, Fensterscheiben im königlichen Palais einwerfen oder auf gesalbte Häupter die Waffe richten. Heute hat man es bequemer, man wird Antisemitenführer und ist sofort berühmt und gefeiert. Sehnst Du Dich, deutscher Mann, nach der Krone der Unsterblichkeit, so schreibe eine antisemitische Schrift, schneidig und

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