Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 42 (20.10.1893)
- Date
- 1893-10-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 42 VesterreilZrifche Wochenschrift Seite 823 heiten und ihren Religivnsfvrmen noch so wunderlich erscheinen — die harmlosesten Geschöpfe auf Gottes Erde. Die in Rede stehenden Chasftdim verzichten auch auf die ihnen angedichtete Frömmigkeit des Ritualmordes, sie fühlten sich sogar durch die gegen sie gerichtete Verdächtigung in ihrer Ehre verletzt und stellten Strafantrag. Die Anklage lautete auf Ehrverletzung. Man könnte wahrlich — wenn auch nicht juridisch, so doch moralisch -• wegen Verletzung der reinen gesunden Vernunft, wegen Beschimpfung der menschlichen Cultur und der allgemeinen Moral Klage erheben. Denn eine größere Schmach konnte man der Gegenwart nicht zufügen, als durch die Behauptung, daß heute am Ende des 19. Jahrhunderts, mitten in Europa Leute leben, die ihren Gott dadurch verehren, daß sie mit blutbefleckten Händen zu ihm beten; daß diese ängstlichen, ekttgeschüchtertcn Juden, die sich vor einem polnischen Straßenjungen furchten und vor einem betrunkenen Polizisten erbleichen —, daß diese Menschen unschuldige Kinder zu Ehren ihres Gottes mit kaltem Blute hinschlachten. Wer sind nun die Angeklagten, die Verbreiter einer so sinnlosen Verdächtigung? An der Spitze steht ein Herr Paulus Meyer. Paulus?' Du wirst wohl errathen, lieber Leser, daß es Jemand ist, der früher ein Saulus war. Nun, er ist auch jetzt noch kein Paulus, er ist noch schlimmer als ein Saulus, er ist ein Judas in der verwegensten Bedeutung dieses Wortes. Wer den Charakter dieses Menschen aus den Gerichtsacten studirt, um die Geschichte menschlicher Verirrungen zu bereichern, der staunt und findet keinen Schlüssel zum Verständniß seines Wesens. Man muß diesen Menschen gesehen haben, um ihn psychologisch begreifen zu können. Ich hatte persönlich das zweifelhafte Vergnügen, ihn zu sehen und ihm in öffentlicher Volksversammlung gegenüber zu stehen. Es war im August vorigen Jahres. Die Antisemiten in Berlin waren gerade an der Arbeit, und es war damals die hohe Saison des Religionshasses. Die Berliner Herren behaupten zwar, sie haßten die Juden nur als Rasse und sie verfolgen manchen wirklichen oder vermeintlichen semitischen Blutstropfen bis in die zehnte Generation; sie sind Meister in der Genealogie und im Stande, Jedem, der kein Wohlgefallen am Antisemitismus findet, wissenschaftlich nachzuweisen, daß sein Urgroßvater väterlicher- oder mütterlicherseits der Urenkel eines Juden gewesen. Die Macht der christlichen Taufe reicht für sie nicht aus, um einen Juden in den Bund der christlich-germanischen Gemeinschaft aufzunehmen. Sie sind anthropologisch orientirt in den dunkelsten Rassensragen und beweisen zum Beispiel, daß der arme Jakob Cohn nur wegen seiner Rassenqualitäten mit alten Hosen handelt. Also, die Herren befassen sich nur mit der jüdischen Rasse, aber vor den jüdischen Festtagen schadet so eine gründliche wissenschaftliche Behandlung des Talmud und der jüdischen Gebete gleichwohl nicht. Da Obermeister Rohling schon zu abgeschmackt ist, hielt man es für nöthig, einen lebendigen Talmudgelehrten in der Volksversammlung gegen 30 Pfennig vorzuführen, und dieses Wunderkind, dieser neue Gelehrte war — Paulus Meyer. Er war aus dem weiten Norden nach Berlin gekommen, um den Juden das Evangelium zu predigen, nachdem er sich selbst zum Christenthum bekehrt hatte. Paulus Meyer ist also ein getaufter Jude, das will viel sagen. Es sind wahrlich nicht die besten Elemente Israels, die in den Zeilen der Drangsal unter den Fittigen des Christenthums Schutz suchen. Wenn Jemand seine politische Meinung ändert, so hegen wir Mißtrauen gegen seine Üeberzeugungstreue, und doch ändert die Politik stets ihren Lauf; wenn Jemand seine Religion ändert, so ist unser Mißtrauen sicherlich berechtigt. Bon 100 Juden, die zum Christenthum übergehen, kann man dreist behaupten, daß 99 im Grunde ihres Herzens Atheisten sind und nur um eine bessere sociale oder gesellschaftliche Stellung einzunehmen oder um das Herz eines blauäugigen Mädchens zu gewinnen, äußerlich sich zur Lehre, des Christenthums bekennen. Zum haßerfüllten, rachedürftigen Verräther stempelt sich aber derjenige getaufte Jude, welcher sich zum Werkzeug der Antisemiten hingibt und feindlich gegen seine frühere- Religion und seine früheren Glaubensgenossen auftritt. Dieser Paulus Meyer war eine Zeit in der Berliner Mission angestellt, zeigte sich aber unverträglich und wurde entlassen. Er sann nun auf Rache, zeichnete sich sogenannte Geheimnisse der Mission auf, und drohte, sie und ihre Förderer zu verderben. Er hausirte mit diesem Schatz bei Juden und Christen, aber die undankbaren Leute verstanden nicht, den Werth seines Manuskriptes zu schätzen. Einem Candidaten der Theologie bot er sein theueres Geistesproduct für lumpige 200 Mark an, aber auch dieser zeigte nicht viel Verständniß dafür. Endlich erwiesen sich die allein deutsch fühlenden Antisemiten als Retter und wurden die edlen Gönner dieses 'Paulus Mever. Warum? In der Stadtmission war Professor Strack, ein Mann von starrer Orthodoxie, und waschechter conservativer Gesinnung, aber dieser Gelehrte hatte den Mnth, zu behaupten, daß das Märchen vom Ritualmord ein Schwindel sei, und er erfreute sich deswegen des grimmigsten Haffes der „edelsten Bewegung dieses Jahrhunderts." Der gemeinsame Haß gegen Strack hatte also die edlen Geister vereinigt. Paulus Meyer begann feii\e „schriftstellerische Thätigkeit" gegen Strack, und die „Staatsbürger-Ztg." öffnete seinen Ausführungen großmüthig ihre Spalten. Er ließ dann ein Flugblatt über Kol-Nidre drucken. Dieses Flugblatt wurde raffinirt ausgestattct und auf Effectmacherei berechnet, das Hebräische wurde beigedruckt, der Text falsch übersetzt und in einer Anzahl von einer halben Million Exemplaren verbreitet, um der Volksmasse, die natürlich die Sache nicht prüfen kann, zu „beweisen", daß es den Juden gestattet ist, Meineide zu leisten, denselben Juden, denen das Alte Testament das heiligste Heiligthum bildete, mit dem Spruche: „Du sollst nicht den Namen Deines Gottes zu Unrecht erwähnen, denn nicht straflos entgeht der Frevler, der meinen Namen zu Unrecht anruft." Bon jüdischer Seite wurde darauf ein Gegenflugblatt erlassen, in welchem die Autoren und Verbreiter der hetzerischen Schrift nicht gerade glimpflich angefaßt wurden. Darob erhob sich ein gewaltiger Sturm im Lager der Antisemiten. Man berief Versammlungen ein, in denen man auf das unbequeme Flugblatt und auf die Judenfrechheit im Allgemeinen schmähte. Zu diesem Zwecke hatte man sich wieder den neuen Heiligen, Paulus Meyer, auserkoren. Er producirte sich für wenig Geld mit all seinen Künsten, war billiger wie Ahlwardt und doch ein Specialist ersten Ranges. Einige Tage vor dem jüdischen Neujahrsfest war bei Koller in Berlin eine solche Versammlung abgehalten worden. Meister Schwentzogen seligen Angedenkens ließ seine Tiraden vom Stapel und sprudelte von Witz und Geist. Er gab köstliche Geschichten zum Besten, um seine verehrten Zuhörer für ihre drei Stickel zu ergötzen. So erzählte er von einem jüdischen höheren Postbeamten, der auf seine alten Tage zur Milderung einer bösen Krankheit auf Anrathen der jüdischen Gemeinde ein christliches Mädchen — eine Jüdin wäre zu schade — heiratete, welches von den Eltern, die natürlich in jüdischen Wucherhänden waren, dazu gezwungen worden. Dieses arme Weib stand alle Qualen aus und bekam vom Gatten zur Bestreitung der Wirthschaft — man höre die jüdische Grausamkeit — zehn Pfennig täglich. Der ehrenwerthe Herr Schwenhagen nannte zwar keinen Namen und ein jüdischer höherer Postbeamter, dürfte in Deutschland überhaupt kaum bekannt sein. Aber die intelligente Versammlung hatte keine Ursache, dem begeisterten Redner zu mißtrauen und war über die Juden empört, bis Herr Schwenhagen die Güte hatte, seine Anhänger zu beschwichtigen, er werde seinen Einfluß geltend machen, um — die Entlassung des jüdischen Beamten zu bewirken. Nun kam das Paradestück dieses Abends, die Bravourrolle des antisemitisch-preisgekrönten Talmudkünstlers, Herrn Paulus Meyer. Er trat vor die Rampe, ein langer hagerer Mensch mit einem Auge. Aber dieses eine Auge verrieth so viel Verschmitztheit, List, Rachsucht, wie selten ein Paar. Schlotternd und unbeholfen bewegte er sich, er schien selbst zu staunen, daß so viele Leute Lust verspürten, ihn zu sehen und ihn zu hören. Meyer wurde der Versammlung vorgestellt und das verehrte Pnblicum wurde um Nachsicht für ihn gebeten, wenn er ein schlechtes Deutsch spräche. Das war nothwendig, denn Paulus Meyer mauschelte nicht nur, sondern er sprach überhaupt kein Deutsch, er sprach den echten unverfälschten lithauischen Jargon. Dazu kam noch sein schauderhaftes Organ, jedes Wort kam gurgelnd und schnarrend heraus. Aber er fühlte sich darum nicht befangen und sprach mit einer Dreistigkeit, wie sie selbst au solchen Orten selten zu hören ist. Er fing an mit groben Schmähungen auf die jüdische Presse, sprach von der Verwerflichkeit des Judenthums, von dem er sich mit Abscheu aus sittlicher Entrüstung abgewandt habe, er erzählte,, daß seine Mutter griechisch-katholisch geboren und er von seinem bösen Vater mit Gewalt jüdisch erzogen worden sei. Schon als Jüngling habe er die Verderbtheit des Talmud erkannt, er schmachtete nach der Wahrheit des Evangeliums und las heimlich das neue Testament, das ihn gewaltig anzog. Er konnte schließlich sich nicht