Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 42 (20.10.1893)
- Date
- 1893-10-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3020954-3020996--02883-3026993- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
©eite 822 Oesterreichische Wochrnschrifi Nr. 42 sein müsse, daß Sie berufen sind, nicht blos mit Worten, sondern durch Thaten, durch Ihr eigen Leben die Gemeinden darüber zu belehren, daß die Gottesfurcht Etwas ist, das nach dem Ausspruche unserer Thora gleichfalls gelernt werden müsse, und ganz besonders Zeugniß dafür abzulegen, daß man ein grundgelehrter und hochgebildeter, nicht blos ein aufgeklärter, sondern ein philosophisch denkender Mann sein könne, ohne von seinem Judenthume auch nur ein Tüttelchen preisgeben zu müssen. Aber auch in einem andern Sinne, meine jungen Freunde, mögen Sie Ernst machen mit den zwei Worten -10^1 lernen und lehren. Sie müssen schon gelernt haben, wenn Sie diese Räume betreten, damit wir hier lehren können, oder um es deutlich heraus zu sagen, Sie müssen auf die Vorlesungen und insbesondere auf die talmudischen genügend vorbereitet sein, um von dem, was hier gelehrt werden wird, den rechten Stutzen zu ziehen. Sie müssen lernen, damit wir lehren, und wir werden lehren, damit Sie lernen können. Dann dürfen wir Alle, Lehrer und Hörer, der Hoffnung uns hingeben, daß die israel.-theol. Lehranstalt ihre Aufgabe ganz erfüllen, daß sie eine Pflanzstätte werden und bleiben wird, welche das Ihrige dazu beiträgt, unserer jüdischen Gesammtheit, dem geeinten Israel, die Anerkennung zu erringen, die uns leider noch immer allenthalben vorenthalten wird, die Anerkennung, auf welche wir seit Jahrtausenden das begründetste Recht haben, die Anerkennung der uns am Choreb von Gott verliehenen taoultLs docendi. (Lebhafter Beifall.) Es ergreift das Wort der Vicepräses der Prager israelitischen Cultusgemeinde, Landtags-Abgeordneter Doctor Beudieuer: Gestatten Sie mir, namens der altehrwürdigen Cultusgemeinde Prag anläßlich der Eröffnung dieses jüdisch-theologischen Institutes die herzlichsten Glückwünsche zum Ausdrucke zu bringen. In meiner Eigenschaft als Mitglied des böhmischen Landesschulrathes kann ich bestätigen, daß eine solche Hochschule für jüdische Lehrer und jüdische Wissenschaft ein dringendes Bedürfniß war; wie oft melden sich Candidaten für bas Lehramt der Religion, ja selbst Rabbiner und produciren Zeugnisse äußerlich befriedigender, aber innerlich höchst zweifelhafter Qualität. Diese Lchraystalt mit ihren erhabenen Zielen verspricht eine Bildungsstätte von großer Bedeutung zu werden, nicht allein für Wien, für uns Alle in den weiten Gauen unseres Vaterlandes. - Von einem Griechen erzählt man, daß er zu Feinden Israels, die darüber speculirten, wie diesen: Volksstamme beizukommen wäre, sich geäußert habe: „Wollt Ihr Israel vernichten, zerstöret seine Schulen; so lange in den Schulen der Juden die Lehre Gottes unterrichtet, die Principien ihres Glaubens gepredigt, ihre Geschichte vorgetragen wird, ist jeder Kampf gegen Israel vergeblich." Der verehrte Herr Rector hat eben darauf hingewiesen, daß „Lehren und Lernen" gleich wichtig seien; welchen Werth unsere Weisen darauf legen, beweist die Anordnung, daß dem Lehrer noch mehr Achtung und Ehrfurcht zu widmen sind, als den eigenen Eltern, die uns nur das physische Leben gaben, während der Lehrer uns in die geistige Welt einführt, die Veredlung anstrebt, den Grund zur dereinstigen Glückseligkeit legt. Nehmen Sie, geehrte Herren, nochmals die Versicherung entgegen, daß unsere Prager Cultusgemeinde mit inniger Freude am Jnslebentreten dieser jüdischen Hochschule Antheil nimmt, derselben ihre besten Glückwünsche entgegenbringt; möge diese Anstalt blühen und gedeihen zum Heile unseres Glaubens, zum Wohle des ganzen Reiches und insbesondere zunr Heile und Wohle seines Centrums, des hochherzigen, opferwilligen Wien. (Lebhafter Beifall.) Das Organ Vismarck's, die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung" in Köln, über den Prorest contra Deckert und Paulus Meyer. Die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung" in Köln ist bekanntlich als ein Organ B ismarck's in's Leben gerufen worden. Umso bedeutsamer ist es, daß dieses Blatt in den Nummern vom 9., 10. und 11. October 1893 über den Proceß ooutrn Deckert und Paulus Meyer drei Artikel publicirt, welche wir für wichtig genug erachten, unseren Lesen: nachstehend wörtlich zur Kenntniß zu bringen Von unseren Antisemiten. Eine Cullurstudie von Fabins Schach. Wären die moralischen Folgen der antisemitischen Bewegung nicht so bitter ernst für das deutsche Volk, ein Forscher könnte sich mit Entzücken dem Studium dieser modernen Erscheinung hingeben. Denn es gibt kaum eine Volksströmung, die so räthselhaft wunderlich und launisch uns entgegentritt, wie diese. Unharmonisch, voller Widersprüche und Jnconsequenzen ist das Gesammtbild und jeden Augenblick wird man von Neuen: überrascht und irregeführt. Glaubt man, sich endlich in diesem Chaos von unedlen Gefühlen, wilden Leidenschaften, falschen Voraussetzungen und schiefen Schlüffen zurechtgefunden zu haben, so tritt ein neues Merkmal ans Tageslicht und zerstört den ganzen stolzen Bau unserer Zusammenstellung. Der Psychologe fragt dann unwillkürlich: „Wie muß es in: Kopfe eines Antisemiten aussehen? Wie muß das innere Leben eines Menschen gestaltet sein, der jeder Einsicht unzugänglich, hartnäckig bei den so haltlosen antisemitischen Aufstellungen bleibt? Man pflegt gewöhnlich Alles, was uns räthselhaft erscheint, als abnorm zu bezeichnen. Das Wort ist so häufig mißbraucht worden, daß man sehr vorsichtig damit umgehen muß. Und doch, will man den Glauben an die Menschheit, an den Fortschritt in Bildung und Sittlichkeit sich erhalten und auf diesem Gebiete sich seine Ideale nicht rauben lassen, so ist man genöthigt, die Antisemiten für Monomanisten, für verbohrte Anhänger einer krankhaften Idee zu halten. Denn auch der größte Pessimismus reicht nicht aus, die Handlungen der Antisemiten zu erklären, wenn man sie als normal im Sinne der geraden, gesunden Vernunft beurtheilen wollte. Vor uns liegt ein nunmehr abgeschlossenes Drama, das vor 14 Tagen im Saale des Schwurgerichtes zu Wien sein Ende erreicht hat. Diese Verhandlung bildet ein trauriges, dunkles Capitel menschlicher Tragikomödie, traurig und dunkel nach allen Richtungen hin, aber — erklärlich aus den Erscheinungen der letzten Jahre, nach den Normen der Geistesströmungen der Jetztzeit. Ein Culturhistoriker der Zukunft aber wird sich staunend fragen: wie war das möglich? Auf der Anklagebank sitzen drei Herren, verschieden nach Beruf, Bildung und Charakter, aber was sie vor die Geschwornen brachte, ist ein gemeinsames Motiv, der Haß gegen das Judenthum und feine Bekenner. Es ist eine Ehrenverletzung schlimmster Art, die sich diese drei Männer zu Schulden kommen ließen, sie wollten fünf völlig unschuldige, harmlose Menschen, die weit von ihnen weilen, ihnen nie etwas zu Leide gethan haben, ja die sie nicht einmal kennen, zu scheußlichen Verbrechern, zu entmenschten Mördern eines zarten Knaben stempeln. Die Angeklagten behaupteten, die Kläger, Leute, die ganz ihrer Religion in ihrem weltvergessenen Neste leben, hätten gemeinsam mit Ueberlegung und kaltem Blute ein junges Christenkind hingeschlachtet. Warum und wozu^ natürlich zu Ritualzwecken; denn die Leute führen ja jüdische Namen, sind eifrige Bekenner des alten Testaments und leben sogar im religiösen Rußland. In Deutschland scheint die Verwendung des Christenblutes beim Bereiten der Osterkuchen nicht mehr ganz modern zu sein, sonst müßten wir nach jedem jüdischen Passahfest mindestens 3000 Processe nach dem Muster des Xanteners haben, aber im fernen finsteren Rußland bei den Chassidim! — warum sollte es dort nicht möglich sein! Chassidim! — schon das Wort macht gewisse Leute gruseln. Die hebräischen Ausdrücke Talmud, Schulchan-Aruch und Kol-Nidre sind ja seit dem letzten Jahre in Deutschland in der Mode, Alles spricht davon, als wären die Dinge populärer als Eierkuchen und Semmel. Die Chassidim führen ein eigenartiges jüdisches Religionsleben, bilden eine besondere Secte und beten ihren besonderen Ritus mit begeisterten: Eifer und reinigen vor ihren: Gottesdienst durch häufiges Baden sorgfältig ihren Körper. Sie haben auch Bezirksrabbiner (Zaddikim), die sie als heilig verehren und denen sie in religiösen Angelegenheiten unbedingt gehorchen. Aber diese Chassidim sind — mögen sie in ihren Lebensgewohn-