Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 42 (20.10.1893)
- Date
- 1893-10-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3020954-3020996--02882-3026992- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 42 Veyrrreichifche Mortzrnfttzrtfl Teitc 831 höhlen; wir danken den hochverdienten Mitgliedern unseres | Curatoriums für Alles, was sie bereits gethan, und, wie wir hoffen dürfen, in der allernächsten Zeit noch thun werden, um unsere Anstalt zur Höhe echter Wissenschaftlichkeit emporzutragen, wir danken den Männern der hiesigen Union, die in des Wortes schönstem nnd bestem Sinne als n&yz nws als Männer der That, als jüdische Männer der That und als Männer jüdischer That sich bewährt, und wir danken unserem hochwürdigen Oberrabbiner nicht allein für die Herzlichkeit, mit welcher er uns begrüßt, für die Klarheit, mit der er die Aufgabe dieser Anstalt Lehrern und Hörern vor die Seele geführt, sondern auch dafür, daß er von vornherein mit klarem und weisem Blick es erkannt hat, welche Gestalt die Anstalt haben müffe, um ein modernes und doch zugleich auch ein altjüdisches Lehrhaus zu werden. Jndeß so mannigfach auch unsere Dankesäußerungen in dieser Stunde sind, würden wir doch nicht das rechte Verständniß für deren wahre Bedeutung bekunden, wenn wir es bei diesen Dankesäußerungen bewendeu lassen und nicht zugleich auch den Himmel darob preisen wollten, daß derselbe ewig unwandelbare Gottesgeist es ist, der sich uns heute genau so wie einst unseren Vätern offenbart. In der Stunde, in welcher ein modernes jüdisches Lehrhaus seine Pforten öffnet, öffnet sich für uns nicht allein der Ausblick in eine herrliche, verheißungsreiche Zukunft, sondern es erschließt sich auch vor uns das Reich der Ewigkeit; denn an unserem Geistesauge zieht eine vieltausendjährige Vergangenheit vorüber; wir sehen die tausend und tausend Wandlungen, durch welche das jüdische Lehrhaus mit seiner unwandelbaren Lehre gegangen und wir gewahren mit beseligendem Entzücken, daß der Geist, den Gott am flammenden Sinai unseren Ahnen eingepflanzt, uns Juden zu einem oy zu einem Volk der Ewigkeit gemacht, daß dieser Gottesgeist ein schöpferisch waltender ill, daß ihm die Kraft innewohnt, immer wieder und wieder in neuen Formen sich auszugestalten, in Formen, welche Zeugniß dafür ablegen, daß Israels heiliger Glaube nicht blos keinen Fortschritt fürchtet, sondern mit allen Mächten, die das Menschengeschlecht aufwärts führen, gleichen Schritt hält. Die unendlich hohe Bedeutung, welche das Lehrhaus im Judenthum zu allen Zeiten gehabt, sie wurzelt in der weltgeschichtlichen Aufgabe, welche zu lösen Israel von der Vorsehung berufen wurde. Israels weltgeschichtlicher Beruf ist ein Lehrberuf, und wer diese Thatsache in Abrede zu stellen wagt, der vergißt es, der weiß nichts davon, daß unser heiligstes Schriftwerk Thora, Lehre heißt, daß uns am Sinai die Lehre und nicht, wie man noch immer sich und auch uns mit aller Gewalt einreden will, das Gesetz gegeben wurde. Doch um lehren zu können, muß man nicht allein gelernt haben, sondern ununterbrochen weiter zu lernen die Fähigkeit besitzen. Es ist in hohem Grade charakteristisch, daß der jüdische Bolksmund von einem Gelehrten, der für ganz und voll gelten soll, nichts Besseres zu sagen weiß, als: er kann lernen. Das das Lehren, setzt eben Lernen voraus; wir müssen demnach sagen, der Beruf unseres - Stammes besteht in einem Gedoppelten, im Lernen und im Lehren zugleich. Wir Juden müssen lernen, unbekümmert darum, ob es uns vergönnt ist, Andere zu belehren; wir müssen lernen, damit wir stets gewaffnet und gewappnet, damit wir stets in der Lage seien, Andere belehren zu können; wir müssen lernen, damit das Judenthum vor und bei aller Welt im Besitze der taeultss äoesmli erscheine. Dem jüdischen Lehrhause kann und muß es gleichgiltig sein, ob ihm die Ehre zu Theil wird als Facultät betrachtet und behandelt zu werden, oder nicht, es muß sich mit seiner kaenltas äoeeoäi begnügen, es hat blos darauf zu achten -naSS daß in ihm gelernt und gelehrt werde, und zwar gelehrt in einer Weise, daß die Jünger etwas Gründliches und Tüchtiges lernen, und gelernt in einer Weise, daß die Lernenden, das ihnen gesteckte Ziel, Lehrer zu werden, unverrückt im Auge behalten. Das ist die Aufgabe des jüdischen Lehrhauses seit Jahrtausenden; ich betone es, seit Jahrtausenden, denn cs ist ein weit verbreiteter Jrrthum, R. Jochanan ben S a k k a i sei der Begründer des jüdischen Lehrhauses; nein das Lehrhaus in Israel ist uralt, das Lehrhaus in Israel ist so alt wie die Lehre Israels, welche von vornherein bestimmt war. zuerst Gemeingut des israelitischen Stammes und durch diesen das des ganzen Menschengeschlechtes zu werden. Aber gerade deshalb, weil zu allen Zeiten diese Aufgabe unwandelbar dieselbe geblieben, mußte bei deren Lösung das jüdische Lehrhaus den veränderten Zeitverhältnissen Rechnung tragen, und daß dies thatsächlich sehr, sehr lange der Fall gewesen, bezeugt am schlagendsten die Geschichte unserer Tradition, oder kürzer der Talmud. Ja. gerade der von unseren Feinden so vielfach geschmähte und von unseren Stammesgenossen so wenig gewürdigte Talmud ist der bewährteste Zeuge dafür, daß wir Juden nicht an den Buchstaben uns klammern, sondern von dem in unserer Thora waltenden Gottesgeiste uns leiten und führen lassen. Dem Talmud, oder was dasselbe ist, dem Entwickelungsprineip der geoffenbarten Gotteslehre, ihm allein verdanken wir es, daß das geoffenbarte Gotteswort in unserer Mitte nicht erstarrt, sondern ein lebendiges geblieben ist. Die erleuchteten Geister in Israel haben denn auch stets diesen Talmud als blos formell abgeschlossen angesehen, in Wirklichkeit jedoch als etwas im ewigen Fluß Begriffenes, als einen nimmer versiegenden Quell betrachtet, aus welchem jede Generation von Neuem schöpfen und trinken müsse, um das Judenthum in seiner Jugendkraft und in seiner Jugendfrische zu erhalten. Freilich ist diese Auffassung im finstern Mittelalter und ganz besonders in dessen zweiter Hälfte bei gar Vielen getrübt und verdunkelt worden, aber mit dem Wiedererwachen des wissenschaftlichen Geistes in unserer Mitte ist auch wieder die Ueberzeugung zum Durchbruch gelangt, daß das jüdische Lehrhaus, wenn es auf der Höhe seiner weltgeschichtlichen Aufgabe stehen soll, den gebieterischen Forderungen der Zeit Rechnung tragen müsse, und daß vor Allem die Rabbiner als die berufenen Volkslehrer, wenn sie die Führer der Gemeinden sein wollen, auch modern gebildete Männer sein müssen, Männer, von denen man Wohl sagen kann, sie wissen Alles, was im Talmud steht, nicht aber Alles, was sie wissen, steht im Talmud. So sind die modernen Rabbiner-Seminare entstanden, jene Pflanz- und Bildungsstätten, welche berufen sind zur Wahrheit zu machen das jesaianische Wort. Die von Dir bauen uralte Trümmer auf, Grundlagen früherer Geschlechter stellst Du her, man nennt Dich Restevermaurer, Wiederhersteller der Pfade zum Wohnsitz. Das moderne jüdische Lehrhaus muß den zerrissenen und zerklüfteten Gemeinden Israels die schmerzlich vermißte Einheit und den längst ersehnten Frieden wieder bringen. Die vorwiegend von den jüdischen Hochschulen gepflegte Wissenschaft des Judenthums, sie muß zu einem gottgeweihten Tempel auf- und ausgebant werden, und in diesem Tempel wird auch wieder, wie einst in Jerusalem, eine läsebüatb hagasith, eine Qnaderhalle ihren Platz finden, jene Quaderhalle, in welcher wieder alle Gemeinden ohne Unterschied und Ausnahme in religiösen Fragen sich Raths erholen werden. Die Quaderhalle, von der ich rede, sie wird erst dann vollendet sein, wenn es uns gelungen, das heute noch in deu Anfangsstadien befindliche wissenschaftliche Talmudstudium im engsten Anschluß an die elastischen Vorbilder der Rischonim zu einer echten Wissenschaft zu erheben. Und damit habe ich die Sendung des auf der Höhe unserer Zeit stehenden jüdischen Lehrhauses zur Genüge gekennzeichnet. Das moderne und doch zugleich altjüdische Lehrhaus muß seine modern gebildeten Jünger ausstatten mit der Fähigkeit, aus den Schachten der talmudischen und rabbinischen Literatur die Quadersteine heraufzuholen, welche, ohne erst mit dem Hammer des Pilpuls bearbeitet worden zu sein, blos auf einandergelegt zu werden brauchen, um den architektonischen Bau unserer Tradition in seiner ganzen Herrlichkeit erstehen zu lassen. Ein solch modernes und zugleich altjüdisches Lehrhaus soll mit Gottes gnädigem Beistand unsere israel.-theol. Lehranstalt werden. Dazu bedarf es jedoch nicht blos des guten Willens und des ausreichenden Könnens seitens der Lehrer, sondern auch der äußersten Kraftanstrengung seitens der Hörer. Und eben deshalb wende ich mich gleich in dieser feierlichen Stunde an Sie, meine jungen Freunde, die ich in meinem und meiner Herren Collegen Namen aufs Herzlichste willkommen heiße, um Ihnen zuzurufen: 12^1 es gilt zu lernen und zu lehren. Sie sind zu uns gekommen, um zu lernen, und wir sind hieher berufen worden, um zu lehren, um Sie zu belehren und mit Allen auszurüsten, was Sie befähigt, als Lehrer in Israel einst segensreich zu wirken. Es ist das ein weiter und beschwerlicher Weg, den wir gemeinschaftlich zurückzulegen haben, doch der Erfolg kann und wird nicht ausbleiben, wenn Sie sich die zwei hebräischem Worte 112^ lernen und lehren, tief, tief einprägen, wenn Sie bei Allem was Sie thun und bei Allem, was Sie lernen wollen, Ich die Erhabenheit und Heiligkeit, die weltgeschichtliche Bedeutung Ihres zukünftigen Lehrberufes vor Augen halten, wenn Sie niemals vergessen, daß Ihr Lebenswandel ein echt jüdischer, Ihre Lebensführung eine streng religiöse