Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 42 (20.10.1893)
- Date
- 1893-10-20
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 42 Vesterrrichiptzr Wochrnschrifl Seite 819 finder, dem es aber auch vergönnt war, zahlreiche Schüler auszubilden, Arbeiter, welche an dem Ausbau der jüdischen Wissenschaft nach seinem Borbilde sowie nach dem seiner Collegen und Nachfolger thätig sind.. Die jüdische Wissenschaft! Worin besteht sie und welche Gebiete umfaßt sie? Ich nenne selbstverständlich an erster Stelle unsere heiligste Grundschrift, die Bibel. Die wissenschaftliche Exegese, welche unter den Arabern, Spaniern, Franzosen und Italienern durch glänzende Namen vertreten ist, hat seit den letzten Jahrhunderten unter uns wenig Pflege gefunden. Ob deshalb wir, denen die hebräische Bibel heilig ist, um sie zu verstehen, bei anderen in die Schule gehen müssen, für die sie blos ein antiquarisches Interesse besitzt? Ich glaube nicht, daß wir uns in dieser Nothlage befinden. Wir haben doch durch jahrtausendelange Vererbung jene „wissenschaftliche Empfindung", wie der Philosoph Sp eusipp es nannte, oder jenen,-nin jenen „Geruch für die Thora", wie unsere Weisen es nennen, erworben, welcher den Zutritt zu dem Geist und in das Wesen der Bibel in hohem Grade begünstigt. Wenn heute in Pompeji oder an anderen berühmten Stätten des Alterthums, die man aufzudecken sich bemüht, ein lebendiger Bauer jenes Zeitalters mit ausgegraben würde, so würde er ohne Zweifel selbst dem gelehrtesten Philologen Manches zu sagen haben, woran dieser in seiner Studirstnbe niemals gedacht hat. Und wir Juden sind doch wohl noch Etwas mehr, als ein solcher hypothetischer, lebendig begrabener und wiederauferstandener Bauer! Es kommt nur darauf an, daß wir die Tradition der großen Exegeten des Mittelalters aufnehmen, um die jüdische Exegese wieder auf die Hohe zu bringen, die darum nicht minder als wissenschaftliche Höhe wird bezeichnet werden können, weil die Exegese eine genuine, eine jüdische ist. Es ist ein Paradoxon und deshalb unmöglich, daß wir die Bibel durchDiejenigen verstehen lernen sollen, denen sie erst durch uns bekannt geworden ist. Columbus hat Amerika für die Europäer entdeckt, die Eingeborenen haben es auch ohne ihn und wahrscheinlich besser als er gekannt. Wir sind aber Autochthonen auf dem Gebiete der Bibel, das „alte Volk der Schrift", und wir brauchen nur ernstlich zu tvollen, so tvird man uns auch dafür anerkennen. An zweiter Stelle nenne ich den Talmud. Was der Talmud ist, den heilte plötzlich so viele Nichtjuden zu kennen vorgeben, wissen leider nicht einmal viele Juden. Gleichwohl hat man uns auf diesem Gebiete die Autochthonie und die bessere Beschlagenheit noch nicht streitig machen können. Aber es wird in hohem Grade die Aufgabe der Studirenden dieser Anstalt sein, die Juden darüber aufzuklären, was sie an dem Talmud besitzen. Im Grunde zwar könnten wir dies schon von unseren Gegnern lernen. Die Bewohner einer Festung erfahren häufig, welches die wichtigste ihrer Bastionen ist, erst durch die Beobachtung, auf welche der Feind seinen Hanptangriff richtet. Danach sollten wir die Bedeutung des Talmud ermeffen. Wan stellt ihn gewöhnlich in Gegensatz zur Wissenschaft, in Wirklichkeit wurzelt er recht eigentlich in dem Boden der Wissenschaft. Ich meine damit nicht das umfangreiche Schriftwerk als solches, aber das Princip, das ihm zu Grunde liegt. Das Princip des Talmud ist das Princip der Wissenschaft, das voraussetzungslose Forschen, das unbefangene Erkennen. Dem Talmud imponirt gar nichts, nicht einmal der Himmel, „nicht im Himmel ist die göttliche Wahrheit zu suchen," lautet sein Grundsatz, den wir verwegen nennen müßten, wenn ihm nicht — nach der talmudischen Sage, welche diesen Grundsatz aufstellt und verherrlicht — Gott selbst Beifall gezollt hätte. Ohne den Talmud wäre die hebräische Bibel auch für uns, was sie für andere ist, das alte Testament, d. h. ein veraltetes und überwundenes, Aber der Talmud hat dafür gesorgt, daß das alte Testament immer jung, immer modern bleibt, er erhält es im ewigen Flusse, so daß keine Stagnation eintritt, daß es nicht verhärte und verknöchere. Bon Archimedes erzählt man, er habe gesagt: „Gib mir einen Punkt, auf denr ich stehen kann und ich will die Welt aus den Angeln heben." Diesen Standpunkt nimmt der Talmud gegenüber der Bibel ein. Er hebt sie aus den Angeln, wenn es sein muß, und da es zu Zeiten sein mußte, um das Räderwerk der Bibel, das sonst eingerostet wäre, in Gang zu halten, hat er es auch wirklich gethan. Dieses Princip, diese Bastion sollten wir uns entreißen lassen? Nimmermehr. Die Verleugnung des Talmud von unserer Seite, die heute so beliebt ist, die sich mit dem Faltenwurf der Intelligenz drapirt, ist so dumnr wie lächerlich. Sie gleicht der Handlungstveise eines Menschen, der einen noch in der unscheinbaren Hülle eingeschlossenen Diamanten für ein paar Gulden weggibt, weil er nicht weiß, was er verkauft, und der deshalb glaubt, ein gutes Geschäft zu machen, während er sich beschwindeln läßt. Lassen wir uns doch durch das Geschrei unserer Gegner nichts weiß machen. Sie wissen ganz gut, was sie thun, wenn sie uns das alte Testament, wie sie es nennen, concediren, aber uns auffordern, den Talmud aufzugeben. Denn das wäre die ihnen erwünschte Selbstaufgebung, die Verknöcherung, die Erstarrung, der Marasmus, worin das Judenthum mit seiner Bibel zugleich untergehen müßte. Bewahren wir uns vielmehr jene Elasticität und Geschmeidigkeit, die uns und unseren Glauben bisher erhalten hat, und das kann nur durch die richtige Pflege des Talmud geschehen, ich sage die richtige, welche die Bastion, die uns zur Verteidigung dienen soll, nicht mit Geröll selbst verschüttet und dadurch wehrlos macht, sondern nach den Principien der regulären Festungsbaukunst so wiederherstellt, daß sie unseren Gegnern, aber auch uns selbst Eindruck zu machen geeignet ist. Das dritte Gebiet der jüdischen Wissenschaft ist die jüdische Geschichte. Ueber die Bedeutung dieses Theiles unserer Wissenschaft brauche ich mich nicht weiter auszulaffen, da Geschichtschreibung und Geschichtskenntniß heute allgemein die ihnen gebührende Anerkennung finden. Dennoch möchte ich darauf aufmerksam machen, daß in demselben Grade, als wir unsereJsolirtheit aufgeben, auch die jüdische Geschichtsschreibung und Geschichtsdarstellung ihren isolirten Charakter verlassen muß. Es müssen die mannigfachen Beziehungen aufgedeckt werden, welche uns mit unserer Umgebung verbinden, der Einfluß, den wir aus Andere ausgeübt oder von Anderen erfahren haben, gegebene und empfangene Impulse und Anregungen, von welchen die ersteren mindestens so zahlreich sind, wie die letzteren — Alles dies, gehörig nachgewiesen, wird der jüdischen Geschichte, die bisher für die nichtjüdische Welt mit der Geschichte des Volkes Israel abfchloß, den ihr gebührenden Platz in der allgemeinen Geschichte, wenn auch nicht in der Bölkergeschichte, so doch in der Culturgeschichte erobern. Nicht minder aber ist für unsere innere Entwicklung ein eifriges Studium der jüdischen Geschichte von Wichtigkeit. Das Judenthum ist eine historische Gestaltung. Es hat nicht immer so ausgesehen, wie es heute aussieht, und es wird auch nicht immer so aussehen. Gerade seine Veränderlichkeit und Veränderung verbürgen seine Ewigkeit. Aber die Erkenntniß des Judenthums als einer historischen Gestaltung wird auch zu der weiteren Erkenntniß führen, daß es nicht nach dem Einfalle eines Einzelnen oder nach den Einfällen von mehreren Einzelnen beliebig umgemodelt werden darf, daß hier das entscheidende Wort nur Kenner haben dürfen, welche der vollen Verantwortlichkeit vor dem Forum der Geschichte sich bewußt und sie zu übernehmen im Stande sind. Das vierte Gebiet der jüdischen Wissenschaft nimmt die hebräische Sprache und der Kreis der mit ihr verwandten Sprachen ein. Ohne Kenntniß derselben ist das rechte Verständniß der Bibel und der rabbinischen Schriften unmöglich. Ueberdies ist die hebräische Sprache in der Hauptsache unsere Gebetsprache, und macht sie einen wichtigen Theil unseres Religionsunterrichtes aus. Je tiefer aber die hier zu bildenden Rabbiner und Lehrer in den Geist und in die Schönheit der hebräischen Sprache eindringen, desto mehr werden sie auch im Stande sein, ihr den ihr gebührenden Platz in unserem Religionsunterrichte zu erhalten. 2Hem liegt mehr, als uns Juden, die Erhaltung unserer heiligen Sprache ob? Die Zeit ist hoffentlich für immer vorüber, in welcher man die Pflege der hebräischen Grammatik für überflüssig oder gar unjüdisch ansah. Sie ist nicht mehr und nicht weniger überflüssig, als die Kenntniß von dem Bau unseres Leibes, denn die Grammatik ist auch Anatomie und die Erkenntniß von dem Bau unserer heiligen Sprache muß uns heilig sein wie sie selbst, sonst ist sie es uns selbst auch nicht. Diese Gebiete nebst anderen mehr aceessorischen, welche unser Lehrplan aufführt, wird diese Anstalt zur Verwirklichung ihres Zieles nach den Principien der allgemeinen Wissenschaft zu bearbeiten haben. Und wenn ich das Terrain bezeichnet habe, auf welchem unsere Anstalt zu bauen berufen ist, so darf ich auch hinzufügen, daß wir so glücklich gewesen sind, Männer zu finden, denen wir diese heilige Aufgabe getrost anvertrauen können. In drm Rector der Anstalt, Herrn Rabbiner uub Professor Dr. Ad o lf Schwarz begrüßen wir einen Mann, der durch seine hervorragenden Leistungen ans dem Gebiete der talmudi-