Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 42 (20.10.1893)
- Date
- 1893-10-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 818 Vesterrrichifchr Wmtzenfchrtst Nr. 42 Juden und zur Wahrung deren Existenz berufen sind. Wenn dies nicht und in energischer zielbewußter Weise geschieht, dann wird auch der Ruf jener einflußreichen jüdischen Männer, welche ihre Glaubensgenossen bisher zum Kampfe für das Deutschthum und dies mit Erfolg aufforderten, ein Nus in der Wüste bleiben, woserne er überhaupt nicht ganz und für immer verstummen wird. An der deutschlibcralen Partei, an den Männern, die zur Vertretung der heiligsten Menschenrechte berufen sind, liegt es, diesem wüsten Treiben ein Ende zu bereiten, Lethargie und Unthätigkeit müssen energischem Eingreifen und entschiedener Thatkraft weichen, die Anwendung und Ausnützung aller der Partei zu Gebote stehenden Mittel, und über solche verfügt die Partei in Hülle und Fülle, muß endlich stattftnden, Pflicht der Partei und jedes einzelnen Mitgliedes ist es, an die hohe Negierung heranzutreten und diese kategorisch zu bestimmen, daß sie die Li e cht en st ei n e, Lueger, Geßmann, Schneider und deren Genossen, die alltäglich zum Hasse, zu Tod und Feuer gegen die Juden auswiegeln, auch für dieses strafbare Benehmen zur Verantwortung ziehe und sie nach Gebühr bestrafen lasse und daß überhaupt gegen den Antisemitismus, da, wo er mit dem Gesetze in Collision geräth, auch die gesetzlichen Vestimnmngen angewendet werden müssen. Insolange aber solches Treiben von den staatlichen Behörden geradezu geduldet, ja mitunter favorisirt wird, insolange kann und wird cs nicht besser werden und insolange muß vielmehr der Antisemitismus an Ausdehnung und Jntensivität zunchmen. Wir als Wähler und Repräsentanten der israelitischen Cultusgcmeinde in Weißkirchen, die wir berufen sind, nicht blos im eigenen Kreise die Interessen der Gemeinde zu wahren, sondern für die kostbarsten Rechte der Juden als Staatsbürger überall da einzutreten, wo sie so arg mit Füßen getreten werden, erachten uns für berechtigt und legitimirt, die löbl. Parteileitung der Deutschen in Mahren aus diese das Deutschthum in diesem Kronlande so ernstlich gefährdende Bewegung unter den Juden aufmerksam zu machen und zugleich die entschiedene Aufforderung an sie zu richten, daß sie sowohl im eigenen Wirkungskreise, wie auch im Club der Vereinigten deutschen Linken die Interessen der Juden gegen den antisemitischen Fanatismus in der von den Juden immer und zu allen Zeiten verdienten Weise durch thätiges Eingreifen vertrete und insbesondere mit aller Energie dahin wirke, daß die Aufwiegler, mögen sie nun wer auch immer sein, von den competenten Gerichten zur Verantwortung gezogen und dem Gesetze gemäß bestraft werden, und daß hierin mit dem Abgeordneten Schneider wegen dessen in diesem Memorandum erwähnter Rede der Anfang gemacht werde." Weißkirchen, am 8. October 1893. Die Repräsentanz der israelitischen Cultusgemeinde Mährisch- Weißkirchen. Salomon Ehrlich m. p. Cultusvorsteher. J. U. Dr. Wilhelm Bloch in. p. I. Cultusrath. Benjamin S i lb in g e r m. p. II. Cultusrath. Eröffnung der isrsel. throl. Lehranstalt in Wien. Sonntag, am 15. October, Vormittags 11 Uhr, wurde die israel.-theol. Lehranstalt in Wien eröffnet. Die schwere Erkrankung des Herrn Frei Herrn von Königswart er hat das Curatorium bestimmt, von jeglicher Feierlichkeit bei der Eröffnung abzusehen. Lediglich die Mitglieder des Curatoriums, eine Anzahl Freunde und Förderer der Anstalt, sowie die Vorstandsmitglieder der „Oesterr.-israel. Union" und mehrere Cultusvorsteher; endlich das Lehrer-Collegium und die neueingeschriebenen Hörer der Anstalt haben sich zu dem Acte eingesunden. Die Eröffnung wurde vollzogen durch eine Rede des Oberrabbine.rs Dr. Güdemanu: Geehrte Versammlung! Das Curatorium der israelitischtheologischen Lehranstalt hat mich mit der Aufgabe betraut, diese Anstalt mit einer Ansprache zu eröffnen. Leider muß mein erstes Wort das schmerzlichen Bedauerns darüber sein, daß der Präsident des Curato'riums, Herr Baron Moriz v. Königswarter, durch Krankheit abgehalten ist, an der heutigen Feier theilzunehmen und sie durch sein Wort zu erhöhen. Das Curatorium hat aus diesem betrübenden Anlässe die Eröffnung der Anstalt in aller Stille vollziehen zu sollen geglaubt und deshalb von Einladungen abgesehen. Möge Gott dem hochverdienten Manne baldige Genesung schenken, damit er wie bisher diese Anstalt durch seinen Eifer und seinen Einfluß fördern könne. An dem redlichen Willen dazu wird es ihm gewiß niemals fehlen. Mein zweites Wort ist pflichtgemäß das inbrünstigen Dankes, den wir vor Allem Gott, der uns diesen freudigen Augenblick des Anbeginnes eines segensreichen Werkes hat erleben lassen, dann Sr. Majestät, unserem ehrfurchtsvoll geliebten Kaiser und seiner Regierung für die allergnädigst gewährte jährliche Subvention, endlich aber den edlen Mäcenen schulden, die in ihrer bekannten, treuen Anhänglichkeit an das Judenthum und in vollem Verständniß der Bedeutung, welche die Pflege der jüdischen Wissenschaft für die Erhaltung unserer Religion besitzt, durch eine rühmenswerthe Opferwilligkeit die Errichtung dieser Anstalt erst ermöglicht und ihren Bestand gesichert haben. Möge ihnen der Segen Gottes zu Theil werden und die Freude, durch ihr schönes Beispiel zahlreiche Wohlthäter dieser Anstalt zu erwecken. Mein drittes Wort, das der Begrüßung, gilt Ihnen, meine Herren Studirenden! Sie können den Gründern dieser Anstalt den schuldigen Dank auf keine bessere Art abtragen, als dadurch, daß Sie sich bestreben, das, was diese Anstalt für das Judenthum im Allgemeinen, wie insbesondere in unserem Vaterlande bedeutet, zu erkennen und die gewonnene Erkenntniß zunächst als Schüler durch Ihren Fleiß und Ihre sittlich-religiöse Lebensführung, wie künftighin als Rabbiner und Lehrer durch Ihr Wirken zu bethätigen. Es sind nahezu vierzig Jahre, da war ich gleich Ihnen ein Schüler und als solcher bei der Eröffnung des jüdischtheologischen Seminars in Breslau zugegen, die sich gerade so still und einfach vollzog wie unsere heutige Feier. Freilich aus einem anderen Grunde. Das Breslauer Seminar war ein erster Versuch, der naturgemäß nicht anders als in aller Bescheidenheit unternommen lverden konnte. Aber dieser Versuch hat sich in glänzender, alle Erwartungen übertreffender Weise bewährt. Denn seit damals sind noch drei solcher Anstalten entstanden, denen diese als die vierte sich anschließt, lauter Tochteranstalten des Breslauer Seminars, insofern Schüler des letzteren an ihnen wirken oder insofern sie durch seine Anregung entstanden und nach seinem Vorbilde eingerichtet sind. Wenn ich Ihnen nun mit wenigen Worten den Zustand schildere, in welchem die jüdische Wissenschaft vor der Gründung des Breslauer Seminars sich befand und welchen sie seitdem behauptet, so habe ich Ihnen damit zugleich den Weg gezeigt, auf welchem diese Anstalt ihre Bedeutung zu verwirklichen und sich segensreich zu erweisen haben wird. Es wäre ungerecht, die in der neueren Zeit erfolgte Wiederbelebung der jüdischen Wissenschaft von der Gründung des Breslauer Seminars zu datiren. Die wenigen, aber glänzenden Koryphäen, denen wir diese Wiederbelebung verdanken, waren bereits in den Zwanziger- und Dreißiger- Jahren ausgetreten, wie Krochmal, Zunz, Rapoport, Samuel David Luzzatto und Andere. Sie knüpften an die Spanier und Italiener an und übertrugen die Priucipien allgemeiner Wissenschaft auf das Judenthum, welches seine wahre Gestalt und Größe begreiflicherweise nur dadurch vor der Welt manifestiren kann, daß es der allgemeinen Wissenschaft sich einordnet und von diesem erhöhten Gesichtspunkte aus dargestellt, geprüft und gewürdigt wird. Aber jene Männer besitzen.doch nur die zwar singuläre, aber immerhin beschränkte Bedeutung von Pfadfindern. Sie gingen einsam ihren Weg, ohne eine Arbeiterschaar um sich zu versammeln, welche das gewiesene, neuentdeckte Gebiet hätten erhalten und erweitern können, oder mit anderen Worten: Es war ihnen nicht beschieden, Schule zu machen. Diese Aufgabe löste unter den günstigsten Umständen und in der glücklichsten Weise Zacharias Frankel, seligen Andenkens, mein hochverehrter Lehrer, selbst ein Pfad-