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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-10-20 · 42 (20.10.1893) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
42 (20.10.1893)
Date
1893-10-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 42 Veüerreichifche WochenschrM Sette 817 wahre Deutschthum und den unverfälschten Liberalismus auf ihr Panier geschrieben, in dem nunmehr schon länger als ein Decennium in Oesterreich wüthenden Kampfe einer fanatischen Menge gegen die Juden sich ebenso treu und wacker zur Vertheidigung der mit einer Frivolität, mit einem Cynismus, mit einer Bestialität sondergleichen niedergetretenen Rechte einer ganzen und ziemlich großen Classe von Staatsbürgern aufwerfen mögen. Als der Antisemitismus seinen Reigen begann, anfangs noch schüchtern, daun aber schon kecker und offen austrat und die Juden zu berechtigten Klagen gegen derartiges pöbelhaftes Treiben herausforderte, da bekamen sie auf ihre Interpellationen die stereotype Antwort: „es sei dies eine blos vorübergehende Erscheinung, die, so wie sie gekommen, auch verschwinden werde und zu deren Vertreibung es feineviei besonderer Mittel bedürfe. Es soll nicht bestritten werden, daß die Männer, die so sprachen, dies im guten Glauben thaten und ihrer inneren Ueberzeugung hiemit Ausdruck gaben. Allein die weiteren Geschehnisse und Ereignisse haben den Jrrihum dieser Anschauung dargethan. Denn lawinenartig ist der Antisemitismus über das ganze Reich hereingebrochen, in der kleinsten Hütte, wie im Palaste des Reichen und im Schlosse des höchsten Adeligen hat er sich eingenistet, und was nicht oft genug mit Bedauern gesagt werden kann, hier sei es abermals constatirt, daß gerade das,dcutsche Volk es ist, welches doch in Erhaltung und in Erweiterung seiner nationalen und politischen Positionen in diesem polyglotten Staate den Juden zu so vielem, unendlichen Danke verbunden, und auf dessen Mithilfe und Mitthätigkeit stets angewiesen ist, daß gerade dieses Volk zuerst die Lehren der antisemitischen Apostel in sich ausgenommen, zuerst den letzteren bei sich Eingang geschafft, daß es deutsche Städte, deutsche Ortschaften sind und daß allen voran, die deutsche Reichshaupt- und Residenzstadt Wien es ist, in welcher der Antisemitismus am heftigsten wüthet, am empörendsten tobt. Es würde zu weit führen und es erscheint auch angesichts des allenthalb bekannten oder vielmehr berüchtigten Treibens dieser fanatischen Horden überflüssig, an der Hand der nackten Thatsachen all' das vorzubringen, was den Juden seit mehr als ein Decennium . an Leid, Unrecht, Ungemach und Demüthigung zugefügt wird. Wer kennt nicht jene catilinarischen Existenzen der Lueger Geßmann, Schneider, Lichtenstein, Vergani und wie sie Alle heißen, welche Jahr aus Jahr ein, Tag für Tag im ganzen Reiche wahre Brandreden gegen die Juden predigen, die urtheilsunfähige Menge zur Vernichtung gegen die Juden aufhetzen und aufreizen, die Leidenschaften in allen Schichten der Bevölkerung gegen die nichtchristlichen Mitbürger in gefährlicher Weise anfachen? Im Parlamente, in der Landtagsstube, im Gemeinderathe der Residenzstadt, da werden von einer Anzahl beredter Antisemitenführer Beschimpfungen, Verunglimpfungen, Beleidigungen der schwersten Art auf die Häupter der Juden gehäuft, kein Laster, kein Verbrechen, keine Schandthat existirt da, die nicht den Juden in die Schuhe geschoben werden. Und wenn wir uns die bescheidene Frage erlauben, ob die deutschliberale Partei, ob vollends jene bewährten Männer, die an der Spitze derselben stehen, ihren heiligen Verpflichtungen zur Abioehr derartigen Treibens nachgekommen sind, ob sie die zum Schutze der ihnen stets treu ergebenen Juden erforderlichen und zweckdienlichen Maßregeln je ergriffen haben, dann müssen wir beschämt, aber auch tief betrübt diese Frage mit einem entschiedenen „Rein" beantworten. Wann im Laufe der langen Reichsrathsperioden öffnet sich einmal der beredte Mund eines deutschliberalen Abgeordneten, um einen die Juden alltäglich in ihren heiligsten Gefühlen und Empfindungen schwer verletzenden Wicht von der Sorte der Schneider rc. niederzuschmettern? Wann im Lause der Zeiten rafft sich der liberale deutsche Abgeordnete zu einer That auf, die den hart bedrängten Juden Schutz und Genugthuung zu verschaffen geeignet wäre? Nicht verwundern darf es daher, daß in der großen Schaar der Juden der Glaube an den liberalen und gerechten Geist,- an die Energie ihrer deutschen Abgeordneten zu wanken beginnt, daß die Ansicht und Ueberzeugung immer mehr und mehr an Boden gewinnt, daß man sich seitens der Deutschliberalen nur vor entscheidenden und wichtigen Wahlen, durch schöne Redensarten in den Candidatenreden versichern wolle, daß aber im Uebrigen dieser Partei das Geschick der Juden, deren arg gefährdete materielle Existenz und, was das Wichtigste, deren alltäglich und allstündlich in den Koth herabgezerrte Ehre ein gleichgiltig Ding seien. Bisher hat der Jude den Kamps gegen die Czechen geführt, alleirr nun fragt er sich, und dies mit Recht, warum denn gegen die Czechen kämpfen, die mit geringen Ausnahmen den Juden wohl gesinnt, und wenn sie es nicht sind, als ihre nationalen und politischen Gegner allen Grund hiezu haben und die gewiß auch die geringste Anfeindung mit dem Momente aufgeben werden, in dem sich die Juden zu ihren politischen und nationalen Alliirten machen werden. Ja in vielen jüdischen Kreisen Mährens wird die Frage erörtert, ob denn unter der Herrschaft des böhmischen Staatsrechtes den Juden gegenüber die Principien der Gleichberechtigung nicht kräftiger zum Ausdrucke und zur Bethätigung gelangen würden, als in der heute zu Recht bestehenden Verfassung? Man fragt sich ferner, ob in einem Generallandtage zu Prag ebenso die alle Menschenrechte verletzenden Ausschreitungen möglich sein würden, wie im österreichischen Parlamente und in den übrigen Vertretungskörpern in Wien? Solche Rufe werden allenthalben und auch unter der Judenschaft in unserer Stadt laut, wo in kürzester Zeit die Gemeindewahlen vor sich gehen werden, welche für die Existenz des Deutschthums, nicht blos in Weißkirchen selbst, sondern in dem ganzen Kronlande Mähren von eminenter Wichtigkeit sind. Und gerade um die Zeit, wo hier die entscheidende Schlacht geschlagen werden soll, ob Deutschthum oder Czechenthum zu herrschen habe, wo die Deutschen an die Mithilfe der Juden appelliren, ohne welche es für sie keinen Sieg, sondern Niederlage für immer gäbe, gerade um diese Zeit hat der Stampiglienfälscher Schneider in einer zahlreichen Versammlung der urdeulschen Stadt Krems in die wild tobende Menge eine neue Brandfackel hineingeworfen und ihr zugerusen: „Er, Schneid er, sei für die vollständige Consiscation jüdischen Eigenthums. Auch müsse jene Zeit, in welcher die Mongolen in Europa ihre Raubzüge aussührten, zurückkehren, da damals auf jeden einzelnen Mongolen Schußgeld ausgesetzt war. Auch für Juden solle das gezahlt werden. Frenetischer Beifall seitens der vielhundertköpsigen Menge folgte dieser Brandrede. Wenn in dem hitzigen Asfecte der Leidenschaften der Eine den Anderen beleidigt, wenn sich Jemand im harmlosen Tischgespräche zu einer abfälligen Aeußerung über diese oder jene staatliche Institution, diese oder jene Classe der christlichen Gesellschaft herbeiläßt, sofort wird er von dem Arme der Gerechtigkeit ereilt und wehe, dreimal wehe jenem abgehärmten Tagarbeiter, der vom frühen Morgen bis in die späte Nacht im Schweiße seines Angesichtes um ein paar Heller arbeiten muß und ein abfälliges Wort gegen die Institution des Besitzes und Eigenthumes fallen ließe, wehe jenem schlichten Einfaltsmenschen, der zur Aufreizung gegen die mohammedanische oder calvinistische, geschweige denn zu jenen der katholischen Religion sich herbeiließe. Allein die Millionen braven und rechtschaffenen Juden, die sind oogelfrei, gegen diese können die Furien losgelassen, die Hunde gehetzt, auf deren Beraubung und Tödtung dürfen Prämien ausgesetzt werden, und all' dies unter dem wachsamen Auge der sonst überall hin auslugenden k. k. Staatsanwaltschaft. Und hat es, fragen wir bescheiden, ein Mitglied der deutschliberalen Partei der Mühe werth gefunden, an die hohe Negierung, an die k. k. Staatsanwaltschaft heranzutreten, daß sie gegen dieses fanatische Treiben verhetzender und verderbender Creaturen die Gerechtigkeit walten lasse und sie der verdienten Strafe zuführe? Das aber ist heilige Pflicht und Aufgabe aller jener Volksvertreter, welche auch zur Vertretung der Jntereffen der

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