Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 41 (13.10.1893)
- Date
- 1893-10-13
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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iiCT'aTTrr',''*rirj^^ Nr. 41 Orstrrrrichifche Wochenschrift Sette 80S lassen werde? ich bin ja nicht der Dey von Tripolis, ich bin Fürst eines civilisirten, christlichen Staates." „Ihr weiser Vater hat den Markgrasen in meisterhafter Weise zur richtigen Erkenntniß der Sachlage gebracht", rief Wertheimer — „Was erwiderte Ihr Vater?" „Der nichtswürdige Schurke",war mein Vater fortgesahren, „sieht es ein, daß allerhöchst Sie das Borfinden der Edelsteine bei Ehrenstamm nicht als Jndicium anerkennen würden — diese waren ja keine Unica — man würde in allen Werkstätten der Wiener, Pariser, Londoner, Berliner und Nürnberger Juweliere gleiche Steine vorfin.den—deshalb willBrandlin allerhöchst Ihnen Ehrenstamm's volles Geständniß unterbreiten, das aber würde er zweifellos erlangen, wenn er seine Absicht ausführt und den Unglücklichen heute Nachmittag der Folterung des vierten, des höchsten Grades unterwürfe, der Qual vermag kein Mensch zu widerstehen." Die Worte meines Vaters und die Art, in der er sie sprach, machten einen tiefen Eindruck auf den Markgrafen, er versuchte — offenbar von seinem Mißerfolge im Vorhinein überzeugt — noch einen Einwurf. „Weshalb sollte Brandlin einen Unschuldigen an den Galgen bringen wollen?" Darauf konnte mein Vater schon mit einem ruhigen Lächeln antworten: „Sire, in. der Regel ist es schwer, die Gedanken und Beweggründe eines Anderen zu errathen, namentlich für einen redlichen Mann jene eines Schurken — allein in dem vorliegenden Falle bietet dies nicht die geringste Schwierigkeit. Brandlin will durch rasches Auffinden des Verbrechers glänzen, allerhöchst Dero Gunst gewinnen. „Vielleicht", mein Vater blickte dem Markgrafen fest ins Gesicht, „haben Euer hochfürstliche Durchlaucht, um ihn anzuspornen, ihn mit allerhöchst Ihrer Ungnade gedroht, wenn er sich unfähig erwiese, den Thäter zu eruiren?" Der Markgraf war von der Wahrheit dieser Worte betroffen und sprach nach kurzem Bedenken: „Was wollen Sie denn eigentlich von mir? Was verlangen Sie?" „Euer Durchlaucht geruhen allergnädigst zu befehlen, daß, wenn Brandlin kein anderes Jndicium als das Vorfinden der Steine zu erbringen weiß, die Untersuchung gegen Zadok Ehrenstamm eingestellt und er sofort aus der Haft entlasten werde." „Dann aber hätten wir Niemanden, an dem wir uns halten könnten, dann müßte ich alle Hoffnung aufgeben, den frechen, schurkischen Dieb aufzufinden." „Durchlaucht", sprach mein Vater, „ein Unschuldiger ist eben so viel oder so wenig als Niemand — und der Schuldige könnte immerhin noch aufgefunden werden. Brandlin selbst hat offenbar die richtige Fährte verloren." „Sie glauben, der Verbrecher sei noch zu entdecken?" frug der Markgraf, dann schritt er im Nachdenken versunken, mehrmals im Cabinet auf und ab, plötzlich blieb er vor meinem Vater stehen und sprach: „Sie sind der klügste Mensch, der mir je vorgekommen." „Wodurch habe ich dieses Urtheil verdient?" wagte mein Vater, die Etikette verletzend, zu fragen. „Als Sie gegen meinen Willen in mein Kabinet stürmten, etwas, das sich kein Zweiter in meinem Fürstenthum unterstanden hätte, war ich in höchstem Zorn gerathen und fest entschlossen, Sie nach Würzburg zu schicken und Sie dort einige Jahre Ihre Dreistigkeit büßen zu lassen — aber Sie sprachen so ausbündig klug, daß Sie meinen Zorn entwaffneten. Ich glaube, das Kunststück wäre keinem Zweiten gelungen. Wenn Sie sich bereit erklären, an Stelle dieses unseligen Brandlin die Untersuchung zu übernehmen, will ich Ihre Bitte gewähren, den Juden sofort aus seiner Haft entlassen." Mein Vater wurde von diesem unerwarteten Anträge überrascht, aber er konnte es vor peinigender Ungeduld nicht erwarten, Zadok Ehrenstamm den Klauen des Stadtvogtes zu entreißen, er entschloß sich daher, denselben anzunehmen und erwiderte mit einer tiefen Verbeugung: „Als Euer hochfürstlichen Durchlaucht treugehorsamster Unterthan bin ich bereit, jedem allerhöchst Ihrer Befehle zu gehorsamen, allein ich wage allerunterthänigst ein Bedenken auszusprechen. Wird es nicht bei den Herren Ständen oder dem Volke Unzufriedenheit erregen, wenn allerhöchst Sie einem Rabbiner, wenn auch nur für einen einzelnen Fall, die Functionen eines Justizbeamten übertragen?" Der Markgraf fuhr zornig auf. „Ich bin Herr in meinem Lande, ich kann thun, was ich will, ich habe Ihrem Bruder Elkan, den Wirkungskreis eines Ministers übertragen und kann auch Ihre großen Fähigkeiten, wie es mir am Besten dünkt, zu meinem und meines Staates Besten verwerthen" und nach einer Pause fügte er hinzu: „Sie sind wohl überzeugt, den Verbrecher zu entdecken? Einem so klugen Mann, wie Sie es sind, kann dies, wenn er sich im Besitze meiner ausgedehntesten Vollmachten befindet und ihm zu diesem Zwecke die ganze Beamtenschaft meines Fürstenthums zur Disposition gestellt wird, nicht schwer fallen, n'est-es-xas?*)" Mein Vater erschrack, aber er hatte von Onkel Elkan erfahren, daß Markgraf Friedrich Wilhelm ganz eigenthümlich behandelt werden müsse, daß er es nicht liebe, lange auf eine Antwort zu warten, und mein Vater erwiderte, dem Fürsten offen ins Gesicht blickend, rasch: „Nein, Durchlaucht, das kann ich nicht, das kann wohl kein Mensch auf Erden versichern. Ich kann nichts Anderes thun, als alle meine Kräfte aufzubieten, um die mir übertragene Aufgabe zu lösen, und auch da kann ich nur dann ein günstiges Resultat erhoffen, wenn Allerhöchst Sie geruhen, mir Ihre gnädige Unterstützung angedeihen zu lassen." „Diese habe ich Ihnen ja schon zugesagt," erwiderte Friedrich Wilhelm ungeduldig, „ich habe ja erklärt, daß ich Ihnen weitest reichende Vollmachten ertheilen und die gesammte Beamtenschaft zur Verfügung stellen will!" „Das allein genügt nicht." „Sie sind sehr prätentiös!" rief der Markgraf, ärgerlich mit dem Fuße aufstampfend, „was können Sie denn noch verlangen?" „Daß Allerhöchst Sie die Gnade haben, mir ganz genau mit allen Nebenumständen mitzutheilen, wie sich die Sache verhalten, und mir allergnädigst gestatten, ehrfurchtsvoll einige Fragen unterbreiten zu dürfen und dieselben allergnädigst eingehend zu beantworten!" Der Markgraf blickte lächelnd auf und sprach: „Sie wollen also ein Protokoll mit mir aufnehmen, trtzs bien,*) ich finde das sehr vernünftig, sehr zweckmäßig. Sie packen diese Angelegenheit ganz anders als der Dummkopf, dieser Brandlin, an! Der Kerl versicherte mir, er werde den Thäter auffinden und hat mich gar nicht über das Nähere gefragt. Sie versprechen mir nichts und wollen mich ausftagen. Ich hoffe, Sie werden zu einem Resultate gelangen. Das Eine will ich Ihnen schon heute sagen, wenn es Ihnen gelingt, dann können Sie meiner höchsten Gunst gewiß sein!" Mein Vater bat den Markgrafen, er möge unverzüglich den Befehl ertheilen, Ehrenstamm auf freien Fuß zu setzen, was auch sofort geschah. Mein Vater versicherte oft, es war einer der schönsten Momente feines Lebens gewesen, als Zadok Ehrenstamm heil und unversehrt seiner Familie zurückgegeben wurde." „Wie endete diese merkwürdige Affaire?" ftug Wertheimer. „In befriedigendster Weise. Mein Vater hatte, aus den Mittheilungen des Markgrafen Folgendes erfahren. Dieser, welcher einer Dame einen kostbaren Schmnckgegenstand schenken wollte, hatte zu dem Behnfe einen Wiener Juwelier eingeladen, ihm Einiges zur Auswahl einzusenden. Dieser war persönlich erschienen, hatte Mehreres vorgelegt. Der Markgraf wollte den Rath seiner Günstlinge einholen, und hatte mehrere derselben, den ersten Familien des Landes ungehörige junge Leute, für den Abend zu sich befohlen. Auf deren Anrathen hatte er sich für ein kostbares Collier entschieden, welches er dann in einem Etui auf den kleinen Tisch neben seinem Bette stellte. Als er dasselbe am anderen Morgen öffnete, fand er es leer, der kostbare Inhalt war verschwunden. Man hatte daher nicht wie der Stadtvogt in Folge der oberflächlichen Mittheilungen des Markgrafen geglaubt, den Schmuck sammt dem Etui, sondern nur jenen ohne dieses entwendet. Mein Vater erkannte sofort, daß nicht ein einschleichender Dieb, sondern einer der jungen Leute, welche dem Markgrafen bei der Auswahl gerathen, der Thäter gewesen sein mußte. Der Vater sprach diese seine lieberzeugung vor Niemanden aus, führte Jedermann über seine Bermuthungen dadurch irre, daß er ostentativ durch Beamte in allen Orten des Fürstenthums Nachforschungen und Untersuchungen anstellen, aber auch gleichzeitig alle jungen Leute, die sich an jenem Abende beim Markgrafen befunden hatten, unauffällig überwachen ließ. Er bediente sich hierzu nicht Ansbachscher Beamten, deren Unverläßlichkeit ihm bekannt war, sondern einiger Franzosen, die früher der Pariser Geheimpolizei angehört hatten und die er nach Ansbach berufen, wo fie als Uhrmacher, Perrückenmacher und Sprachmeister ungekannt lebten und von ihm fürstlich besoldet wurden. Nachdem mein Vater durch scheinbar verkehrte, erfolglose Maßregeln den Verbrecher in Sicherheit gewiegt und Jedermann, ganz besonders der ungeduldige Markgraf jede Hoffnung auf Entdeckung des Thäters aufgegeben hatte, forderte mein Vater eines Tages den Markgrafen ganz unvermittelt auf, er möge die Gnade haben, ihn und eine aus mehreren Gerichtsperfonen bestehende Commission in ein Haus zu begleiten, in welchem er ihm, *) Sehr gut. *j Nicht wahr?