Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 41 (13.10.1893)
- Date
- 1893-10-13
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Vrkkerretchischr WochrnschrM Nr. 41 Seite 666 den .14. September d. I., können die geehrten Leser dieses Blattes Näheres erfahren. Gestern Morgen empfing in seinem Office, Fmsburh square, der Chief Rabbi (Dr. Hermann Adler), eine Deputation der internationalen Bäcker-Union. Herr E. Güilaroff, der Sprecher, sägte, daß die Union lediglich gus jüdischen Bäckern bestehe. Der Mann arbeite im Durchschnitt 18—20 Stunden täglich, und dabei wird ihm keine gehörige Eßzeit gestaltet. Der Chief Rabbi frug darauf erstaunt, ob der Sprecher auch wirklich 18 Stunden Arbeitszeit täglich meine? Herr G. antwortete, daß -sie an manchen Tag 16 Stunden arbeiten, und an andern 21 Stunden. Sic begeben sich zur Arbeit um 5 und 6 Uhr Abends und arbeiten ohne Unterbrechung bis 12 und bis 1 Uhr des nächsten Nachmittags. Im Durchschnitt verdienen sie nur 10 Shilling pro Woche. Der Werkführer bekommt 24 Shilling, fein Gehilfe 12 Shilling und der dritte Gehilfe nur 10 Shilling, zuweilen aber auch nur 6 Shilling. Das Backhaus ist sehr oft in fürchterlich ungesundem Zustande. So besuchte unlängst ein Parlamentsmitglied ein Backhaus in East-London, in dem er nach 2—3 Minuten Aufenthalt darin fast, ohnmächtig hinfiel. Als Juden beklagen fich die Männer, daß fie unter den jetzigen Bedingungen auch ihren relig. Pflichten nicht Nachkommen können. Sie verlassen die Arbeit am Freitag Abend, aber um 2 Uhr Sonnabend Nachmittag müssen fie wieder mit der Arbeit beginnen. Der Chief Rabbi frug erstaunt: „Was, in jüdischen Geschäften?" worauf Herr G. antwortete: „Ja, dies geschieht in jüdischen Geschäften". Der Chief Rabbi: „Sind diese Geschäfte am. Sonnabend geöffnet?" Herr G. antwortete, daß die Geschäfte zwar geschlossen, aber es werde hinter geschlossenen Läden gearbeitet. Der Chief Rabbi sagte in seiner Antwort, daß er bei nächster Gelegenheit die Backhäuser besuchen werde, um sich zu orienttren. Auch werde er sich mit Herrn Samuel Montagu, Parlamentsmitglied, berathschlagen. Die Deputation dankte und verließ den Chief Rabbi. Wer die Führer und Leiter dieser internationalen Bäcker-Union sind, weiß ich nicht und überlasse es competenteren Männern, darüber zu schreiben und zu berichten. Es wäre wobl wünschenswertst, daß die gesammten europäischen jüdischen Blätter, an ihrer Spitze die jüdische englische Presse, ihre bewährte Theilnahme in der Sache nicht versagen und diesen Fall nicht übersehen. Bukarest. Wenn von jenen Gegenden die Rede ist, in welchen der arme Jude in Wirklichkeit als das gerade Gegentheil don jenen Schlemmern erscheint, welche in den Hetzpredigten der antisemitischen Weltbeglückungsapostel eine so große Rolle spielen, so muß wohl darunter in erster Linie der District, beziehungsweise die Stadt Dorohoi in der oberen Moldau genannt werden. Wenigstens ist in der Stadt Dorohoi noch immer eine besondere Judensteuer in Kraft, welche zwar nicht direct die jüdische Bevölkerung, wohl aber jedes von Juden auf den Markt gebrachte oder geschächtete Stück Federvieh trifft. Daß diese Gefiügelsteuer, deren Erträgniß für die Erhaltung einer rumänischen Kirche bestimmt ist, weder mit der verfassungsmäßig verbürgten Gleichheit aller Confeffionen vor dem Gesetze, noch auch mit dem neuen Gesetze über das Maximum der Gemeindesteuern in Einklang gebracht werden kann, kommt nicht in Frage. Gleichwohl wurde dieselbe von den jüdischen Einwohnern Dorohois einfach deshalb ertragen, weil keiner von ihnen Lust hatte, mit der Polizeigewalt der Primarie in Conflict zu gerathen. Als da aber ein Glaubensgenosse sich herbeiließ, der Primarie von Dorohoi in der Eigenschaft als Accisenpächter auch bei Eintreibung bei? Geflügelsteuer behiflich zu sein, kam der lange verbaltene Unwille zum Ausbruch. Und zwar war es ein tapferes Schneiderlein, welches, der bekannten revolutionären Tradition seiner Zunft eingedenk, den Muth fand, als Steuerverweigerer aufzutreten. Doch sollte diese Kühnheit dem Zunftgenoffen Johannes von Leyden schlecht bekommen. Er wurde auf Grund einer Anzeige des Accisenpächters abgefaßt und in den Gemeindekotter von Dorohoi gebracht. Glaubensgenossen, die ihn befteien wollten, wurden durch kalte Wasserstrahlen der zur Herstellung der Ordnung herbeigezogenen Feuerwehr vertrieben. Damit dürfte aber die Sache doch nicht abgethan sein; die Juden von Dorohoi wollen auch fernerhin keine blos ihre Confeffionsgenossen belastende Geflügelsteuer bezahlen, und wird daher die Regierung bald in die Lage versetzt sein, ihr Urtheil darüber abzugeben, ob in einem Rechtsstaate, als welcher Rumänien erscheinen will, einer Gemeinde die Befugniß eingeräumt werden darf, eine besondere Judensteuer einzuheben. London. Großes Auffehen erregt hier das Auftauchen der Schächtftage in Aberdeen. Daselbst wurden nämlich der Schächter James Lit^mann und der Cultusvorsteher Alexander Zamek wegen Uebertretung der Thierschutzacte für den 13. October vor das Polizeigericht geladen. Die jüdische Gemeinde in Aberdeen hat sich erst vor Kurzem gebildet und kam somit zum ersten Male die jüdische Schlachtmethode in dieser Stadt zur Anwendung. Aus diesem Grunde hatten sich viele Fleischhauer in dem Schlachthause eingefunden und der Schlachtung beigewohnt. Einer der Anwesenden erklärte sofort den Act für grausam und dieser dürste wohl den Anzeiger abgegeben haben. Die gesetzliche Verfolgung wurde veranlaßt von dem Inspektor des Thierschutzvereines, welcher zum größten Theil aus sentimentalen Damen besteht, die aber keineswegs dem-Vegetarianismus huldigen. Die Anklage stützt sich auf den ersten Theil der Thierschutzacte vom Jahre 1850. Die Beschuldigung richtet ihre Spitze nicht gegen die jüdische Schlachtmethode als solche, sondern gegen einen diesen Fall betreffenden Nebenumstand. Es wird behauptet, bah das sogenannte Werfen ungeschickt vollzogen wurde, daß das Thier dabei ein Seil riß und kein Strohs untergelegt war. Nichtsdestoweniger fühlt man allgemein, daß mit diesem Fall die ganze Schächtftage aufgerollt wurde. Thatsächlich sind die Spalten der Localblätter mit diesem Gegenstand angefüllt, auch wurde das jüngst von Rev. Isidor Harris anläßlich der Abstimmung in der Schweiz in der „Times" erstattete Gutachten über das Schächten neuerlich abgedruckt. Als vor einigen Jahren in Dundee das Schächten zuerst eingeführt wurde, machte sich auch eine locale Opposition geltend, welche sich erst beruhigte, als ein Comite mit der Untersuchung bettaut wurde und dieses ein günstiges Gutachten abgab. Petersburg. Die Zeit der Ernte ist nun bald vorüber und das Resultat kann im Allgemeinen ein befriedigendes genannt werden, wenn nur die Preise besser und der Absatz über die Grenze da wäre. Doch nicht allein die Absperrung der Grenze gegen die Producte der einheimischen Landwirthschaft macht uns Sorge, sondern auch ihre Verschließung gegen die russischen Auswanderer. Wer gegenwärtig in den Grenzorten und überhaupt im Rayon der Grenze, zu thun hat, der trifft dort ein trauriges Bild. Alle Dörfer und alle Krüge an der Landstraße stecken voll von jüdischen Auswanderern, die aus dem Innern des Reiches ihren Weg zur Grenze genommen haben, in der Hoffnung, sie überschreiten zu können. Die ohnehin geringen Mittel dieser Leute sind vollständig erschöpft, so daß sie auch die Hoffnung aufgeben müssen, Libau oder auch einen anderen Hafenort zu erreichen und von dort aus zu Schiff weiter zu kommen. Arbeit für sie Alle findet sich hier natürlich nicht, und die einheimischen Juden sind selbst viel zu arm, um eine so große Zahl ungebetener Gäste zu beherbergen und zu ernähren. Die Kinder und die Greise unter den unglücklichen Auswanderern sind natürlich am schlimmsten daran, da sich für die Erwachsenen und Arbeitsfähigen doch noch hie und da ein kleiner Erwerb finden möchte. Schaarenweise werfen sich die Auswanderer in den Krügen Jedem zu Füßen, der einen anständigen Rock trägt, und betteln um ein Stück Brod. Dabei rückt der Herbst und Winter immer näher. Es wäre schon viel gewonnen, wenn nicht immer neue Schaaren von Auswanderern an die Grenze strömten, dann ließe sich vielleicht für die Beförderung der vorhandenen nach Libau Sorge tragen; aber wer soll dieses humane Werk in die Hand nehmen? Uns fehlt dazu jede Organisation, und es fehlen vor Allem die Mittel. Von Riga und Libau aus wäre das eher möglich, und diese Zeilen haben den Zweck, namentlich den dortigen wohlhabenden Juden die traurige Lage ihrer Glaubensgenossen ans Herz zu legen. Die Absperrung der Grenze gegen Auswanderer scheint nicht genug überall im Reiche bekannt zu sein, mögen daher die Zeitungen auf das Eindringlichste Alle davor warnen, ihren Weg zur Landesgrenze zu nehmen. Die unglücklichen russischen Juden werden durch die barbarischen Maßnahmen der russischen Regierung aus den Südprovinzen ausgetrieben. Es bleibt ihnen also gar kein Ausweg, aus diesem Lande hinauszugelangen, als' indem sie die Hafenplätze zu erreichen suchen. Es ist aber einfach ein Verzweiflungsentschluß. Vielleicht rechnet man russischerseits darauf, daß Hunger Elend und Krankheit die in den Grenzplätzen zusammengepferchten Juden dahinraffen werden. Jerusalem, 15. September. Ende vorigen Monats langte im Hafen von I a f f a ein Passagierschiff an, auf welchem sich 16 österreichisch-ungarische und 6 englische Unterthanen befanden, die in Jaffa landen wollten. Der Kaimakam (Vicepascha) verweigerte denselben jedoch die Erlaubniß zur Landung und die dortigen Vertreter der beiden Mächte wendeten sich des-