Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 41 (13.10.1893)
- Date
- 1893-10-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 804 Vesterreichische Wochenschrift Nr. 41 mit Exactheit ausführten. Auf das Commando wurden alle Handgriffe mit dem Gewehre, alle Bewegungen wie mit einem Schlage durchgeführt. Ganz Possirlich war das Patronenfüllen, das Feuergeben rc. ein Gaudium für die kleinen und großen Zuschauer. Jedermann gewann die Ueberzeugung, daß die so gedrillte Schaar auch Disciplin beobachtete und zu Gehorsam erzogen wurde. Als nun ein kleiner Recrut Solo-Exercitien und stramme Marschübungeu machte, daß man ordentlich seine Glieder knacken hörte, ferner zwei Knirpse mit den Holzgewehren ein blmdes Bajonette-Gefecht unter dem wachsamen Auge eines Unparteiischen vorführten, da lohnte sie schallendes Gelächter und lebhafter Beifall der Anwesenden. Jeder General hätte an diesen Mignon-Kriegern seine helle Freude gehabt. Mit wahrer Begeisterung executirten hierauf alle Kinder unter Schwenkung der schwarzgelben Fahne und Trommelschlag die Volkshymne, welche mit einem dreifachen brausenden „Hoch" schloß. In geordneten Reihen wurden die Kinder sodann in den sauber gedeckten Speisesaal geführt, wo sie mit Chocolade und Gugelhupf tractirt wurden. Jedes Kind erhielt noch ein Säckchen mit Backwerk nach Hause. Trotz gehobener Stimmung konnten sich die Anwesenden kaum der Thronen erwehren; doch es war aus Freude, eine so schöne Institution im Interesse der armen Jugend gefördert zu haben. Die zahlreichen Gäste, unter denen wir die Herren Gemeinderäthe Dr. Stern, Dr. Friedjung und Lang, Reichsrathsabgeordneten Dr. Bloch, Rabbiner Dr. Jonathan Wolf, Dr. Gelbhaus, Bezirksausschuß Waldstein, Prof. Ludwig Singer, Regierungsrath Rethmayer aus dem Ministerium des Aeußern und Andere bemerkten, gewannen die Ueberzeugung, daß der Ferienaufenthalt auf das Aussehen der Kinder einen höchst günstigen Einfluß ausübte. Auftichtigen Dank verdienen die Damen, an deren Spitze Frau Dr. Grünfeld steht, welche die Kosten des Festes aus eigenen Mitteln bestritten. tikmtymkmn. Wie«. (Eine mildthätige Künstlerin.) Seelig Silber st ein aus L o d z s, ein alter hilfloser Mann, der vor Kurzem, aller Mittel entblößt, nach Wien gekommen war, hoffend, daß er in der Residenz, der Heimstätte so vieler reicher Glaubensgenoffen, die ihm dringend nöthige Unterstützung finden werde, irrte dieser Tage in der Stadt umher und stürzte auf offener Straße erschöpft zusammen. Mit einem schweren Fußleiden behaftet, kann er sich nur mittelst Krücken fortbewegen; diejenigen aber, in deren Besitz er sich befindet, sind durch lange Verwendung bereits unbrauchbar geworden, und Geld hat der Alte nicht, um sich neue zu kaufen. So riskirte er es, ohne die ihm unentbehrliche Stütze auszugehen. Der Versuch aber fiel, wie gesagt, sehr unglücklich ans. Ein mitleidiger Dienstmann, der den Alten stürzen sah, eilte ihm zu Hilfe und hob ihn auf; nach einigen Schritten aber fiel der Arme wieder zu Boden. Da trat eine schwarzgekleidete Dame, welche die Scene mit angesehen hatte, aus den Greis zu, richtete ihn auf und geleitete ihn zu seinem Ziele. Das bedauerliche Unglück des armen Krüppels, ging der edlen Dame derart zu Herzen, daß sie nicht mehr im Stande war. die Thränen zu verdrängen und laut aufschluchzte. Bevor sie sich von ihm verabschiedete, überreichte sie dem Hilfsbedürftigen eine Zehnguldennote und ihre Karte mit dem Bemerken, der Greis möge in ihre Wohnung schicken, sie wolle ihm auch weitere Unterstützung zukommen lassen. Auf der Karte war zu lesen: „Antonie Janisch, Hofburgschanspielerin." Der arme Alte erhielt noch weitere 30 Gulden und kann sich nun Krücken kaufen. Er ist momentan vor dem Aergsten bewahrt, Dank der wackeren Künstlerin, (eine Katholikin) die mit dem geschilderten Beweise ihrer Güte nicht nur bewies, daß „Glaubensunterschied" Nebensache ist, sondern auch das Wort vom „goldenen Wiener Herzen" auf das Schönste bethätigt hat. Samuel Perles. Beraun, 8. October. (Original-Correspondenz.) Die kurzgefaßten telegraphischen Berichte in den Tagesblättem haben bereits Kunde davon gegeben, daß nunmehr auch unsere friedliche Stadt der Schauplatz von Judenexcessen geworden, daß die Blutlüge auch hier ihre Auferstehung gefeiert hat. Dummheit und Niedertracht haben auch hier zusammengewirkt, um einen ganz natürlichen Vorgang zu entstellen und die christliche Bevölkerung zu wildem Fanatismus aufzustacheln. Die alte Erfahrung, daß der einmal erweckte Aberglaube auch nach Beseitigung der ursprünglichen Veranlassung noch weiter fortwirkt und die Gemüther erhitzt, hat sich auch bei uns wieder bewährt. Obgleich der angebliche Ritualmord sich sofort als ein lächerliches Märchen entpuppt hatte, wiederholten sich heute die bedrohenden Ansammlungen vor dem Hause des Glashändlers Emil L ö w y auf dem Ringplatze und die durch zahlreichen Zuzug von Landbewohnern aus der Umgebung verstärkte Menge konnte nur durch das abermalige Einschreiten der amtlichen Functionäre von neuerlichen Ausschreitungen gegen die Juden abgehalten werden. Der'thatsächliche Sachverhalt ist wahrheitsgetreu der folgende : Der hiesige Glashändler Emil L ö w y, der auch das Amt eines rituellen Schächters der hiesigen Judengemeinde bekleidet, bemerkte am 3. d. M., als er sein Glasmagazin betrat, zu seinem Schrecken daselbst eine leblose weibliche Gestalt auf dem Boden liegen. Als er näher trat, erkannte er in derselben das Dienstmädchen Marie Schmied aus Beraun, welches er vor längerer Zeit aus seinem Dienste entlassen hatte. Herr Löwy verständigte unverzüglich den städtischen Arzt, Herrn Kulirsch von seiner Entdeckung, der auch alsbald in dem Magazine erschien und nach flüchtiger Besichtigung des Körpers den Tod des Mädchens const a t i r t e. Die Nachricht hievon verbreitete sich mit Blitzesschnelle in der Stadt, und ehe man sich dessen versah, hatte sich auf dem Ringplatze vor dem jüdischen Gemeindehause, in welchem Löwy wohnt und wo auch der Tempel und die jüdische Schule untergebracht sind, eine nach Hunderten zählende Menschenmenge angesammelt, welche gegen Löwy und die Juden wilde Flüche und Drohungen ausstieß. Sofort fanden sich einzelne Agitatoren, welche die Menge mit der Erzählung von Ritualmorden haranguirten und die ohnehin erregten Massen zu Gewaltthätigkeiten aufzuhetzen suchten. Insbesondere thaten sich einzelne fanatische Weiber bei dieser Hetze hervor. Als eine derselben, eine gewisse S w o b o d a, verhaftet werden sollte, widersetzte sich die erregte Menge der Arretirung und der Gendarm mußte seine Absicht aufgeben. In Gegenwart des Bezirksrichters schlug dieselbe mit den Fäusten an die verschlossene Thüre und rief immerfort; „Massakrirt sie! Treibt die Juden aus Beraun!" Mittlerweile hatte sich auf Veranlassung des Herrn Adolf Hecht der Cultusvorsteher Herr Roubitsch ek zum Bürgermeister Herrn Dr. Pstroß begeben und dieser erschien sofort in Begleitung zweier Polizisten im Gemeindehause. Bald darauf fand sich auch der k. k. Bezirksrichter Herr Holicz in voller Uniform mit Gendarmerie-Assistenz auf dem Ringplatze ein, wo es ihm und dem Bürgermeister nach längerem gütlichen Zureden gelang, die Menge ein wenig zu beruhigen. Die Gerichtscommission, bestehend aus dem Bezirksrichter, einem Adjuncten, dem k. k. Bezirksarzte aus Horschowitz und dem städtischen Arzte Dr. Kulirsch, nahm.sofort eine Untersuchung der leblosen Marie Schmied vor, und es stellte sich nun heraus, daß in dem Körper noch Leben sei. Der Bezirksarzt stellte eifrige Wiederbelebungsversuche an, und es gelang ihm nach einiger Zeit thatsächlich die Scheintodte zum Bewußtsein zu bringen, worauf dieselbe in das hiesige Krankenhaus transportirt wurde, da sich ihre Mutter weigerte, das Mädchen in ihr Haus aufzunehmen. Ich erwähne diesen Umstand, weil derselbe im Zusammenhalte mit dem sonstigen Benehmen der Mutier sehr charakteristisch ist. Letztere geberdete sich, so lange man ihre Tochter für lobt hielt, wie wahnsinnig vor Schmerz. Sie rannte schreiend und jammernd auf dem Platze auf und ab, stürzte sodann, von einer johlenden Menge begleitet, in den Laden und begann die daselbst anwesende Gattin Löwy's zu würgen. Erst über Einschreiten der Polizei ließ das wüthende Weib von ihrem Opfer ab. Als das Mädchen nun wieder zum Leben gebracht war, erklärte die Mütter, daß sie ihr nicht ins H aus d ürfe. Amtlich wurde festgestellt, daß Marie Schmied sich in das Magazin verkrochen habe und daselbst von einem epileptischen Anfalle überrascht worden sei. Es geschieht dies zum dritten Male, daß das Mädchen in einem solchen Zustande gefunden wurde, und zwar immer in einem anderen Hause, Trotz dieser natürlichen Aufklärung des Falles fanden am Abende