Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-10-13 · 41 (13.10.1893) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
41 (13.10.1893)
Date
1893-10-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3020954-3020995--02862-3026971
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 802 Oesterreich tsrire Wochenschrift Nr. 41 Das Weitere von der Correspondenz kann sich Jeder leicht ergänzen. Dr. Bloch zwang den Dr. Deck er t zur Abwehr und der Pfarrer von Wein Haus hatte gegen die „Pasquille" des Dr. Bloch, wie die Correspondenz sich ausdrückt, nichts Besseres entgegenzusetzen, als den Brief des Paulus Meyer. Der Brief war kaum erschienen, als Dr. Bloch auch dasSeinigc that, um das Publicum über die Persönlichkeit des Paulus Meyer aufzuklaren. Merkwürdig, Paulus Meyer war jüdischer Agent, war Werkzeug des Dr. Bloch und doch ist Dr. Bloch so unbarmherzig mit ihm verfahren. Und Paulus Meyer hat das Alles ganz ruhig hingenommen, ohne sich zu rühren. Dieser rothhaarige, einäugige, physisch und moralisch abstoßende Paulus Meyer ist ein ergebenes Werkzeug des Dr. Bloch, obgleich Dr. Bloch ihm die wohlverdiente Behandlung angedeihen ließ und er ist ein Verräther gegenüber dem Dr. Deck er t, dessen Haus- und Tischgenosse er war, der mit ihm manche Flasche Wein leerte und der sogar, was viel sagen will, seine Brieftasche öffnete, um ihm einen Vorschuß auf Talmudübersetzungen zu spenden. Und Dr. Deckert klopfte an die Riesenpforten des Talmuds wie Alexander der Große an die Pforten des Paradieses; ein Hunderter als Sperrsechserl für den rothhaarigen, einäugigen Hausmeister, das ist sehr nobel. Treu wie ein Hund gegenüber dem internationalen Judenthum, das ihn hungern läßt, falsch wie eine Schlange gegenüber dem Antisemitismus, der ihn speiste und beschützte; so ist dieser Paulus Meyer, so sind diese Juden. Es geschehen aber noch andere Wunder. Die Zauberkünste des Dr. Bloch bewirken, daß Dr. Deckert in Weinhaus es als dringende Pflicht empfindet, durch Aufwärmung des Märchens vom Blutrituale Gefühle zu erzeugen, welche weder friedlich noch christlich sind, eine Erregung hervorzurufen, für deren Konsequenzen er nicht die Verantwortlichkeit übernehmen kann, dann dem Paulus Meyer Vertrauen zu schenken und dann den curiosen Gedanken zu fassen, durch einen Brief des Paulus Meyer, man weiß ja jetzt Näheres über diesen Brief, Dr. Bloch und das Judenthum gleichzeitig zu zerschmettern. Das Alles hat der Dr. Bloch gemacht, weil er im Voraus die Blamage berechnete, welche an die Veröffentlichung dieses Briefes sich knüpfen müsse, weil er die Anklage gegen Dr. Deckert schon in der Tasche hatte. Dr. Bloch bewirke es auch, daß das „Vaterland" sich herbeiließ, diesen Brief zu veröffentlichend Und mit diesem haarsträubenden Unsinn tritt man schamlos vor das Publikum und das soll arische Wahrheitsliebe und arische Ethik sein. Wie tief muß ein Organ stehen, das einen solchen Kothhausen der Lüge zusammenschaufelt. Hätte Paulus Meyer vor Gericht gelogen, hätte er, was aber gar nicht möglich war, für den wahnsinnigen Brief die Verantwortlichkeit übernommen, dann wäre er -ein werthvoller Zeuge und eine Autorität ersten Ranges. Nachdem er aber über den Brief anders aussagte, als Dr. Deckert es wünschte, ist er Jude, sogar jüdischer Lockspitzel und Werkzeug des Dr. Bloch. Da hört sich Alles auf, sagt der Wiener, da endet Ehrlichkeit, Menschlichkeit und Sittr lichkeit qnd es muß ein schmachvolles Handwerk sein, das mit so schmachvollen Mitteln betrieben werden kann. Die Bedeutung und Fernwirkung des Processes ist allerdings nicht zu leugnen. Die „R o l a" ist erregt, nicht wegen des berühmten und gelehrten „Geschichtsforschers" von Weinhaus, sondern weil das ganze Wesen des Antisemitismus aufgedeckt wurde, weil man einen Einblick erlangte in sein inneres Getriebe und in seine geheimen Werkstätten. Darüber würde sich „Rola" noch hinwegsetzen, daß selbst ein tobtet polnischer Rabbiner in Oesterreich nicht ungestraft beleidigt werden darf; aber man empfindet, daß der Antisemitismus eine Niederlage von größter moralischer Tragweite erlitten hat und daher greift man tief in den Koth und besudelt sich selber, indem man glaubt, den Gegner treffen zu können. Ehrenbeletdigung — das war eben der juristische Weg, es handelt sich aber in Wahrheit keineswegs um persönliche Fragen. Das Blutmärchen ist die Verleumdung einer Religion, welcher die Bibel entstammt, ist die Verleumdung und Beschimpfung österreichischer Staatsbürger. Der berüchtigte Brief mit der Unterschrift des Paulus Meyer ist für jeden Urtheilsfähigen beim ersten Blick ein lügenhaftes Machwerk.’ Dennoch hat Dr. Deckert diesen Brief veröffentlicht. Der Brief des Paulus Meyer war ein Brandbrief; Niemand kann in Voraus die Wirkung eines solchen Briefes berechnen. Und da wagt es die „Rola" von jüdischem Charakter und von jüdischer Ethik zu sprechen. Der jüdische Charakter und die jüdische Ethik gestatten keine solchen Mittel, wie sie hier in Rede stehen. Dr. Bloch hat dem Buche des Dr. Deckert die notwendige kritische Beleuchtung angedeihen lassen; das liegt in der Aufgabe seiner Zeitschrift. Dr. Bloch hat den Proceß gemacht; er ist damit für die Ehre seiner Religion, für das Recht und die Ehre seiner Religionsgenossen eingetreten, und wenn er ungerechten Haß abzuwehren sucht, so dient er damit auch dem inneren Frieden. Dr. Bloch hatte eine mächtige Beschützerin — die Wahrheit und einen mächtigen Anwalt — das Recht. Und deswegen spricht „Rola" von dem „berüchtigten" Dr. Bloch und der feige Scribent erfrecht sich zu diesen Beleidigungen, weil er weiß, daß ein Pole und Jude in den Ländern des Czaren nicht sein Recht zu suchen vermag, wenigstens nicht in einer solchen Sache. Die russische Presse ist schrankenlos frei, ist gegen alle Folgen geschützt, wenn es sich um Juden handelt. Da kann der Jude nicht wagen, persönlich sein Recht vor den Schranken des Gerichtes zu fordern. Sogar eine „Depesche hat Dr. Bloch gefälscht"; er hat nämlich ein Telegramm abgedruckt, wonach in Rußland kein Ostrowo existirt, sondern nur Ltädte mit dem Namen Ostrow. Entspricht das der Wahrheit nicht? Liegt „Ostrowo" in Rußland oder in Preußen? Und im Vertrauen auf seine Straflosigkeit beleidigt das polnische Blatt die Ehre eines österreichischen Abgeordneten, der Mitglied des polnischen Clubs ist und als solcher allein gegen solch niederträchtige Verleumdungen eines anonymen Feiglings geschützt sein sollte. Budapester Briefe. i. Ende September 1893. Wir leben wohl jetzt hier im gebenedeiten Ungarn unbehelligt vom Antisemitismus, den wir nur nach cisleithanischen Berichten kennen; es siel auch keinem Andersgläubigen hier ein, das während der hohen Festtage ausfallend veränderte Gepräge der ungarischen Metropole zum Gegenstand einer öffentlichen Klage zu machen, allein uns will cs bedünken, daß es doch unpolitisch ist, auf solch vornehmen und eleganten Straßen Bethäuser zu concessioniren, aus deren offenen Fenstern stundenlanges wirres Geschrei auf die Straße hinabdringt und aus deren hellerleuchteten Fenstern in den Abendstunden gespensterhaft gekleidete Andächtige sich zum Ergötzen und höhnischen Gaffen des Janhagels hin- und herwiegen. Religiöse Ceremonien gehören in einem interconfessionellen Staate nicht auf die Straße und fremdartige Gottesdienste sollten nur in dazu bestimmten Gotteshäusern oder in ruhigen Stadttheilen abgehalten werden. Indessen dürfte sich die Zahl dieser eben nicht sehr würdigen provisorischen Bethäuser bald beträchtlich vermindern, da die Pester israelitische Religionsgemeinde den Bau eines neuen, imposanten Tempels in der Leopoldstadt plant. An die Ausführung dieses Planes wird sofort geschritten werden, nachdem die Generalversammlung der hauptstädtischen Repräsentanz den von der Finanzcommission und dem Magistrat bereits befürworteten Antrag auf Gratisüberlaffung eines von drei Gassen begrenzten und auf 600.000 fl. bewertheten städtischen Grundstückes gutgeheißen haben wird. Nach dem jetzigen Stand dieser Angelegenheit knüpft die Stadt an die beabsichtigte Schenkung dieses Grundstückes blos die Bedingung, daß die Cultusgemeinde ihre ursprünglich auf diesen Grund geplante Volksschule in einem andern Staditheil baue und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.