Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 41 (13.10.1893)
- Date
- 1893-10-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 800 Oesterreichifchr Wan drängt uns in die Reihen der Sorialdemokrstie. i. In derjüngsten Wählerversammlung des Abgeordneten Eduard Sueß hat sich eine erhebliche Anzahl jüdischer Wähler zum socialdemokratischen Programme bekannt. Das ist eine sehr auffallende und befremdliche Erscheinung. Unter den jüdischen Wählern der Leopoldstadt gab es bis heute keinerlei Spaltung und Parteiung und sie hielten sich mit großer Beharrlichkeit von allen radicalen Strömungen fern. Kein Abgeordneter der Stadt Wien konnte sich rühmen, eine so festgeschlossene und unerschütterlich treue Wählerschaft hinter sich zu haben, als der Abgeordnete Eduard Sueß. Und nun plötzlich gewinnt eine Lehre, welche auf den völligen Umsturz der heutigen Staats- und Gesellschaftsordnung gerichtet ist, überraschenden Anhang unter unseren Glaubensgenoffen. Die Thatsache ist gegeben, sie läßt sich nicht wegleugnen, und es hilft auch nichts, dieselbe platonisch zu bedauern. Ihr Vorhandensein bezeichnet unzweifelhaft eine Erkrankung des politischen und gesellschaftlichen Organismus, deren Ursachen man nachgehen muß. Denn jene Erscheinung beschränkt sich nicht aus die jüdischen Wähler der Leopoldstadt allein. Auch in der Innern Stadt hat sich ein social-politischer Verein gebildet, dessen Mitglieder zum großen Theile aus Juden bestehen, und welcher die Tendenzen der social-demokratischen Partei auf seine Fahne geschrieben hat. Die Angehörigen dieses Vereines repräsentiren eine bestimmte Zahl. Aber es gibt noch Hunderte, welche sich, ohne es öffentlich zu bekennen, enttäuscht und verbittert von jenen Parteien abzuwenden beginnen, die den sogenannten „gemäßigten Fortschritt" vertteten. Wir möchten nicht den Vorwurf der Schwarzfärberei auf uns laden, wir sagen lieber weniger als mehr. Aber die Dinge, welche wir hier berührt haben, können der Regierung des Grafen Taaffe und den Führern der liberalen Partei unmöglich entgangen sein. Sie sind um so auffallender, als ja die Juden nicht blos im modernen polittschen Leben, sondern in ihrer ganzen geschichtlichen Entwicklung geradezu die Verkörperung des conservativen Principes sind. Es gibt kein Volk der Erde, welches mit solcher Zähigkeit, mit solch aufopfernder Treue und Hingebung an seinem Wesen, seinen Ueberlieferungen, seinen Bräuchen und Sitten, an seiner Sprache und seinem Schriftthum, ja selbst an seinem Ursprung festgehalten hätte, wie die Juden. Seit Jahrtausenden ist ihr Geist daraus geschult, jede Veränderung in ihrer Umgebung, jeden gewaltsamen Umsturz mit Mißtrauen zu betrachten, seit Jahrtausenden haben sie erfahren, daß sie selbst immer die ersten Opfer jedes heftigeren Kampfes sind. Als um die Mitte dieses Jahrhunderts das Licht der Freiheit auch den Juden erstrahlte und die Thore des Ghettos sich öffneten, da waren es nur wenige Geistesstarke und Aufgeklärte, welche diese Emancipation mit Jubel begrüßten. Die große Masse unserer Glaubensgenoffen konnte nur langsam an den Gedanken der Freiheit gewöhnt werden, und nur widerstrebend ttat sie aus der dumpfen Enge, aus der gewohnten Abgeschlossenheit hinaus in die weite freie Welt, wo sie nicht mehr durch die Thore des Ghettos, sondern nur in der eigenen Kraft Schutz finden konnte. Der Jude ist kein Neuerer, kein Umstürzler, kein Voltigeur des Geistes. Die Palästinensischen Juden haben sich für ihren Glauben und für die Sitten ihrer Väter unter den Trümmern des Tempels begraben, und in der Zeit der Diaspora hat es an ähnlichen heldenmüthigen Aufopferungen nicht gefehlt. Aber auch dort, wo unsere Glaubensgenossen im Abendlande eine Stätte der Zuflucht und eine neue Heimat gefunden, haben sie sich als tteue Söhne des Landes bewährt. Wochenschrift Nr. 41 So tief wurzelt die Liebe zum Althergebrachten zu den Traditionen der Väter in diesem Volke, daß die Nachkommen der. spanischen Juden noch heute inmitten des verwirrenden Sprachengemisches der Levante an der spanischen Sprache festhalten und daß überall dort, wo das Deutschthum den härtesten Verfolgungen und Bedrückungen ausgesetzt ist, die einst aus Deutschland vertriebenen Juden ihr corrumpirtes Deutsch trotz aller Qualen und Martern nicht aufgeben. Noch einmal: Es gibt kein conservativeres Volk auf dem weiten Erdenrunde, als die Juden. Sie lieben ihre Fürsten, sie ehren ihr Vaterland und sie sind die festesten Stützen der bürgerlichen Ordnung. Es ist geradezu wider die Natur, wenn die socialdemokratische Propaganda unter ihnen Anhang und Verbreitung gewinnt. Aber diese Unnatürlichkeit, diese Naturwidrigkeit vollzieht sich in Oesterreich thatsächlich, und sie ist nicht anders zu erklären, als durch die Thatsache, daß unsere Glaubensgenossen durch die österreichische Regierung und durch die sogenannten Ordnungsparteien sich in ihrem Glauben, ihrem Erwerbe, ihrer physischen und geistigen Existenz nicht mehrgenügend geschützt fühlen. Die liberale Partei hat die Staatsgrundgesetze geschaffen, durch welche alle Nationalitäten und Confessionen als gleichberechtigt erklärt werden. Aber dieses Gesetz wird täglich und stündlich mit Füßen getreten, die jüdische Confession wird auf das Schmachvollste beschimpft, und die liberale Partei duldet es. Ihre Wortführer und ihre Organe winden und krümmen sich, um einem Zusammenstöße mit dem Antisemiüsmus auszuweichen, sie haben kaum ein schwächliches Wort der Abwehr' für seine destructiven Tendenzen, sie lassen es ruhig geschehen, daß den Juden der Zutritt zu allen öffentlichen Aemtern systematisch abgeschnitten wird, sie vermeiden ängstlich den Schein, als ob sie auch nur innerlich Mitgefühl für die bedrängten Juden, hätten. Und die Regierung? Sie hat vor Jahresfrist ein Programni entworfen, in welchem sie versprach, allen confessionellen Verhetzungen und Gewaltthätigkeiten entschieden entgegenzutreten. Wie hat sie diese Zusage gehalten? Ungestraft wird Tag für Tag in den antisemitischen Versammlungen und Blättern die Hetze gegen die Juden weiterbetrieben, ja diese Hetze hat in der jüngsten Zeit einen wahrhaft blutrünstigen Charakter angenommen. Der Staatsanwalt hat die nichtswürdige Erdichtung von dem Ritualmorde in Ostrow ruhig passiren lassen, und wenn die beschuldigten Juden sich nicht selbst ihr Recht verschafft Hütten, der Staatsanwalt hätte nichts unternommen, um die elenden Verleumder ihrer verdienten Strafe zuzuführen. Der Staatsanwalt ist gegen jenen Wicht nicht eingefchritten, welcher seine Mitbürger in offener Versammlung aufreizte, die Juden wie wilde Bestien „abzuschießen!" Die Entrechtung und Beraubung der Juden, Mord und Todtschlag an ihnen dürfen offen gepredigt werden, die Regierung läßt es ruhig geschehen. Ihre Organe sind flugs zur Hand, wenn es sich um jungczechische Straßendemonstrationen oder um ein anarchistisches Complot handelt, aber Leben und Sicherheit von Hunderttausenden friedlicher und opferwilliger Staatsbürger sind den Angriffen einer bestialischen Horde preisgegeben, ohne daß sich eine Hand zu ihrem Schutze rühren würde. Wohin steuert die Politik des Grafen Taaffe? In diesem Reiche der Unwahrscheinlichkeiten ist gar Vieles unbegreiflich, aber die Haltung der Regierung gegenüber dem Antisemitismus geht über jeden Menschenverstand. Will sie unsere Glaubensgenossen mit Gewalt in die Reihen der Socialdemokratie treiben? Und dazu muß und wird es kommen, wenn auf dem jetzigen Wege fortgeschritten wird. Zurückgestoßen von allen Parteien, verlassen von denen, die zur Wahrung und Durchführung der Gesetze berufen sind, bietet sich den Juden kaum noch ein anderer Ausweg als der Anschluß an die Arbeiterpartei, welche ihnen Schutz und gleiches Recht verspricht. Die Ereignisse sprechen eine sehr vernehmliche und verständliche Sprache. Jedermann hört sie und weiß sie zu deuten, nur die Regierung nicht. Ihr