Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 41 (13.10.1893)
- Date
- 1893-10-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ar. 41. Wien. 13. Oelovrr 1893. Jahrgang X. x- Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. - K. ft. PostsPMi-assensmt Vlrsrtngvrrftehr Ur. 8L0.V76. Lrdarkkon und Adniknistrakion: Wien Ir«nx Josrfs-Dnai De. S. Talephon-Nr. 6535. Eigenthümer: Reichsraths-Adgeordneter Dr. KLoch. Erscheint jeden Freitag. Man «domrirt bet «Nr» Voganfisttr» dr» In- und Auslandes. Bezugspreis: Halbjährig 4 st. Einzelexemplare 2» kr. Snzetgru: Die 4mal gespaltete Petitzeile 1, kr. * -ne Inhalt: Leitartikel: Stampiglius auf der Hetzreise. — Man drängt uns in die Reihen der Socialdemokratie. — Antisemitische Bübereien. — Budapester Briefe. — Kinderfest der israelitischen Ferien-Colonie. — C o rrespondenzen: Wien, Beraun, Loschitz, Steinamanger, Sniatyn, Berlin, London, Bukarest, Petersburg, Jerusalem, Chicago. — Vermischtes: Wien» Floridsdorf, Prag, Brünn, Karolinenthal, Sniatyn, Proßnitz, Soborten, Metz. — Fürstengunst XXYIII. — Wochenkalender. — Briefkasten. — Eingesendet. — Inserate. Stampiglius auf der Hetzrede. An anderer Stelle veröffentlichen wir einen ausführlichen Bericht über die Vorgänge in Beraun. Aus diesem Berichte geht hervor, daß auch in diesem Falle der Ritter Stampiglius seine Hand im Spiele hat. Qrv ist wenige Tage nach dem Beginn der Krawalle in dem genannten böhmischen Städtchen erschienen und hat daselbst mit den Führern der dortigen Antisemiten, einem Kaufmanne und dem städtischen Arzte, conserirt; mit demselben städtischen Arzte, dessen erstes sonderbares Gutachten die Veranlassung zu dem Jrrwahne gewesen, -aß die Dicnstmagd Marie Schmied das Opfer eines rituellen Mordes geworden sei. Es ist dies nicht die erste Reise nach Böhmen, welche Ritter Stampiglius zu dem offenkundigen Zwecke unternimmt, die christliche Bevölkerung zu blutigen Gewaltthaten gegen die Juden aufzuhetzen. Unmittelbar nach den Koliner Ereignissen kündigte er seine bevorstehende Reise dahin im niederösterreichischen Landtage niit den Worten an: „Ich habe in Kolin zu thun, Sie wissen schon was!" Und als die Vorgänge in Beraun bekannt geworden waren, da entschuldigte das „Deutsche Volksblatt" das Fernbleiben des Ritters Stampiglius vor einer Wähler-Versammlung mit der Erklärung, der Abgeordnete Schneider' „mußte nach Beraun abreisen?" Es ist nach alledem notorisch, daß dieser Mensch die Verbreitung der Blutlüge und die Hetze gegen die Juden in Oesterreich professionsmäßig betreibt. Wir wollen keine Beschuldigungen erheben, die sich nicht gerichtsordnungsmäßig beweisen lassen. Wir sprechen daher den Verdacht, den der seltsame Befund des Beraun er städtischen Arztes Dr. Kuli r s ch erwecken muß, nicht aus. Aber die Thatsache, daß dieser Dr. Kulirsch der Vertrauensmann des Ritters Stampiglius ist und daß dieser bei seinem Erscheinen in Beraun mit diesem Gemeindefunctionär über die dunklen Zwecke, die ihn in die genannte Stadt führten, conserirt hat, gibt zu denken. Dr. Kulirsch hat in dieser Affaire höchstens die Rolle eines Statisten, und noch dazu eines schlechten Statisten gespielt. Der Faiseur und Hauptacteur aber ist Ritter Stampiglius. Gegen die schurkische Wühlarbeit dieses einzelnen Menschen gibt es kein anderes Mittel als die Anwendung des Gesetzes. Die amtlichen Functionäre in Beraun haben sich, mit Ausnahme des. städtischen Arztes, tadellos verhalten. Aber die geheimen Agitationen des Ritters Stampiglius vermögen sie nicht zu verhindern. Es bedarf hiezu des Eingreifens der Regierungsgewalt. Ein wüthender Hund, der die Straßen unsicher macht, kann nur auf eine einzige Art unschädlich gemacht werden, man muß ihn einfangen und vernichten. Der Abgeordnete Ernst Schneider ist entweder ein Verbrecher, welcher das Strafgesetz täglich und stündlich mit Füßen tritt, oder er ist ein Wahnsinniger. In dem erster en Falle gehört er ins Zuchthaus, im letzteren in ein Narr e ritz a u s. In der einen oder anderen Weise aber muß er endlich unschädlich gemacht werden, und wir appelliren direct an die Staatsanwaltschaft, die bürgerliche Gesellschaft von diesem Menschen zu befreien. Seine Immunität als Abgeordneter ist kein Hinderniß, ihn sestzunehmen, wenn er in flagranti ertappt wird. Man hat über Prag und Umgebung aus Rücksichten für die öffentliche Ordnung und Sicherheit den Ausnahmszustand verfügt und ein officiöser Commentar constatirt ausdrücklich, daß diese Maßnahmen auch gegen confessionelle Verhetzungen gerichtet waren. In unmittelbarer Nähe des Ausnahmsgebietes aber wird die unwissende Menge zu Mord und Todtschlag an friedlichen Staatsbürgern aufge"'^ ru blutigen Ercessen gehetzt, ohne daß der Urhed ^elsführer der verdienten Strafe anheimfallen, u , nd, welcher allem Rechte und dem Ansehen der Br,. n Hohn spricht, und wir erwarten von der Regierung, daß sie demselben ein rasches Ende macht. Die zwei Specialitäten, über welche Oesterreich verfügt: der Meineid-Professor und der Zeugniß- und Stampigliensälscher als Commis voyageur in rituellen Morden, drücken unsere öffentliche Verwaltung vor den Augen des Auslandes geradezu auf das Niveau des Mittelalters herab. Die Abgeordneten Dr. Bloch und Leopold Pollak haben es nicht unterlasien, in der ersten Sitzung nach Einberufung des Reichsrathes den Ministerpräsidenten Grafen Taafse aus d i e bedenklichen Folgen dieser Hetzreisen persönlich aufmerksamzu machen. Nicht aus Besorgniß für unsere Glaubensgenoffen, sondern aus Sorge für das Prestige unseres Vaterlandes und seiner Verwaltung boffen wir vom Grafen Taafse, daß er der auswühlerischen Thätigkeit des Ritter Stampiglius endlich ein Ziel setzen werde. Seine Parteigenossen. Vetter, Holomay und Schönerer haben ihm wohlverdiente Titulaturen verliehen, allein es ist auch Aufgabe der Staatsbehörde, diesem Subject die eingehendste Aufmerksamkeit zu widmen.