Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 40 (6.10.1893)
- Date
- 1893-10-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Säte 794 Orsterreichifche Wochrnfchrrfl Nr. 40 „Nein!" „Janko Pawlik, Du willst also zum Militär", fragte der Beamte nochmals den jungen Bauern. „Wie der Vater befiehlt!" „Eutkleide Dich also!" rief aufgeregt der Doctor, „leg Alles ab, flink! Unter das Maß!" Ein wilder, verzweifelter Schrei ertönte in diesem Augenblicke. Mit gerungenen Händen stürzte Janko's Frau herein. Die Wächter hatten sie nicht zurückzuhalten vermocht. „Führt sie hinaus!" befahl der Officier. Mit Mühe führten sie die Frau hinaus und hinter der Thür noch hörte man lange ihr leidenschaftliches Schluchzen. Inzwischen hatte sich Janko entkleidet und unter das Maß gestellt. Er war ein Mann von ritterlichem Wüchse. Die breite gewölbte Brust, die Muskeln der Arme und Beine schienen wie aus Stahl geschmiedet. Die Untersuchung unterbrechend, sagte der Militärarzt dem Officier etwas ins Ohr und dieser schien ganz verwundert, stieß einen Ausruf aus und warf Blicke auf den alten Bauern und auf den Stuhlrichter, der unruhig wie auf Nadeln saß. Dann untersuchten beide Aerzte von Neuem, aber nur der Form halber, ihre geheime Absicht dadurch verdeckend. Janko mußte die Arme heben und senken, im Zimmer umherlaufen, sich setzen und wieder aufstehen und dergleichen Bewegungen viele machen, und endlich erklärte der junge Doctor laut und erregt: „Untauglich!" Die Mütze in Peter Pawlik's Hand wurde plötzlich zu einem Knäuel zusammengeballt. Blitze sprühten unter den herabhängenden Brauen hervor. Noch wüthender war selbstverständlich der Stuhlrichter. Nervös drehte er den langen Schnurbart und brummte in sich hinein, was für ein feines Ohr wie: „Juden! Beide Juden!" klang. Als die Sitzung der Assentirungs-Commission zu Ende war, näherte sich wie zufällig der heimische Doctor dem Stuhlrichter und flüsterte ihm im Vorübergehen zu: „Geben Sie Acht, daß sich Peter Pawlik nickt auf denr Heimwege einen Rausch trinkt und Ihre dreihundert Gulden verliert." Jetzt war das „Jude!" schon vernehmlicher. Aber ohne darauf zu achten, verließ der Doctor das Sitzungszimmer, ging zu einem im Hofe des Gebäudes ihn erwartenden Schlitten hinab und als er einsteigcn wollte, faßte Jemand seine Hand und drückte leidenschaftlich einen Kuß darauf. Mit dem Ausdrucke der Anbetung und des Entzückens schaute das bleiche,, thränenüberströmte Gesicht einer jungen Frau zu ihm auf. „Dank, Edler, Dank!" flüsterte sie, „Sie waren es, der den Plan der Bösen aufdeckte, befreit, errettet, Erlöser von der Sünde, Dank!" „Ah! Janko's Weib! Bleib weiter brav!" Fürstengunst. Roman von S. Kohn. Vei-fasser von „Gabriel". Jeder unbefugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Uebersetzungs- 27) rechte Vorbehalten.) Fünfzehntes Kapitel.' „Eines Tages des Jahres 1708 ließ der Markgraf den Stadtvogt Brandlin, den Polizeichef von Ansbach, rufen. Der Markgraf befand sich in leidenschaftlicher, fast wahnsinniger Aufregung. Er fuhr ihn. hart an, schrie, daß er sein großes Gehalt umsonst beziehe, daß man in Ansbach feines Eigenthums und Lebens nicht sicher sein könne, wenn die Frechheit der Verbrecher schon so weit gehe, den angestammten Landesherrn in seinem von zahlreichen Wachen behüteten Schlrsse zu bestehlen, aus dessen Schlafzimmer, dessen Fenster mit Gitter und eisernen Läden versehen, ein Schmuckstück, das auf dem Tische neben dem Bette lag, zu stehlen. Markgraf Friedrich Wilhelm ist ein Egoist und ein Despot, nicht das Gesetz, nur sein Wille dient ihm zur Richtschnur, er strebt nie einen anderen Zweck als seinen eigenen Vortheil an. Er erklärte dem Stadtvogt, dieser müsse den Verbrecher, den er zu Tode peitschen lassen wolle, entdecken, wenn er dies nicht zu Stande brächte, würde er ihn aufhängen lassen. Stadtvogt Brandlin wußte, daß Friedrich Wilhelm der Mann sei, seine Drohung auszuführen und er versprach ganz bestimmt, den Verbrecher aufzufinden; aber er erbat sich die Vollmacht, im ganzen Fürstenthume Nachforschungen abzuhalten und jeden, der m ö g l i ch e r w e i s e der Thäter oder Hehler sein könnte, behufs Erlangung eines Geständnisses torquiren zu lassen und der Markgraf dachte niedrig genug, um diesen Preis, die Möglichkeit sein Eigenthum zurück zu erlangen, zu erkaufen, die Gesundheit, die Ehre, das Leben eines jeden seiner Unterthanen in die Hand eines Mannes zu legen, der für sein eigenes zittern mußte." „Markgraf Friedrich hat den Ruf eines erbarmungslosen Menschen, aber einer so unerhörtenHandlungsweise hätte ich ihn doch nicht für fähig gehalten," schaltete Perez Markbreiter ein. „Dem Stadtvogte war es nicht darum zu thun, den Thäter zu entdecken, sondern so rasch als möglich dem Markgrafen von einem Menschen berichten zu können, welcher der Qual der Tortur erliegend, sich als solcher bekannt hatte." „In Ansbach müssen entsetzliche Zustände herrschen!" meinte Markbreiter seufzend. „Nicht nur in Ansbach", sprach Wertheimer „auch in anderen kleinen Staaten herrscht statt des Rechtes brutale Willkür." „Der Stadtvogt", fuhr Frankl fort, „hatte bei dem Fürther Goldschmied Zadok Ehrenstamm einige Edelsteine jener Gattung gefunden, aus welchen das von dem Markgrafen vermißte Schmuckstück bestanden und hatte darauf hin Ehrenstamm sofort in Ketten zum Verhör nach Ansbach bringen lassen. Die zu Tode erschreckte Frau des streng redlichen, überaus frommen Reb Zadok war händeringend zu meinem Vater, der damals schon Oberrabbiner der Fürther Judengemeinde war, geeilt und hatte um seinen Rath, um seinen Beistand gebeten. Mein Vater beruhigte sie, er glaubte, daß ihrem Gatten nicht die geringste Gefahr drohe, daß die Polizei in ihrem Uebereifer einen Unschuldigen verhaftet, daß dieser aber vor die ordentlichen Richter gestellt werden müsse und es ihm leicht fallen würde, den rechtmäßigen Besitz der verdächtigenden Steine nachzuweisen. Zum Ueberflusse meinte er, wolle er, da Onkel Elkan nach Berlin gereist war, um dort für dm Markgrafen eine Anleihe zu negociiren, sofort nach Ansbach gehen, um dort dem Gange der Untersuchung zu folgen, die, wie er hoffte, durch Ehrenstamm's Enthaftung rasch beendet werden würde. In der markgräflichen Residenz angelangt, fand er die Sachlage weit ungünstiger als er erwartet hatte. Dem Gerichte, an das er sich wandte, waren die Acten nicht eingeliefert worden. Brandlin hatte dem Markgrafen erklärt: Wenn ihm dieser die Verantwortlichkeit für die Auffindung des Verbrechers aufbürde, müsse er ihm auch ausschließlich die Durchführung der Untersuchung überlassen und der Markgraf war darauf eingegangen. Meinem Vater erschien, wenn er einen edlen Zweck erreichen wollte, kein Opfer zu groß. Er benützte die Beamtenbestechlichkeit, die Onkel Elkan trotz seines Einflusses und guten Willens nicht zu beseitigen vermocht hatte, ausnahmsweise zum Guten und erfuhr durch große Geschenke an die Unterbeamten, daß der Stadtvogt, um rasch das sehnlichst erwartete Geständniß von Ehrenstamm zu erzwingen, den armen Gefangenen am nächsten Tage mit Hintansetzung aller gesetzlichen Vorschriften der Folterung unterziehen und bis zu jener des höchsten Grades Vorgehen wolle. Mein Vater meldete sich sofort im Schlosse zur Audienz beim Landesfürsten. Der Markgraf war an diesem Tage gerade übler Laune, wollte Niemanden vorlaffen, auch dann nicht, als er erfuhr der Audienzwerber sei der von Jedermann hochgeachtete Oberrabbiner Hirsch, der Bruder des in seiner höchsten Gunst stehenden Hofjuden Elkan Fränkl. Der Fürst ließ meinem Vater sagen, er möge in zwei, drei Tagen wiederkommen. „Ich kann und werde nicht eine Minute warten," hatte mein Vater dem vor Erstaunen erstarrenden Kammerdiener geantwortet. „Bon dieser Audienz hängt die Ehre seiner hochfürstlichen Durchlaucht, das Leben eines würdigen Mannes, das Glück einer rechtschaffenen Familie ab. Lassen Sie mich ungehindert in das Kabinet des Fürsten treten, ich übernehme die Verantwortung. Wenn Sie dadurch Ihren Dienst verlieren, werde ich Sie überreich entschädigen; daß ich dies im Stande bin, mag Ihnen das fürstliche Geschenk zeigen, das ich Ihnen dafür biete, daß Sie meinem Vordringen in das Kabinet nicht Widerstand entgegenzusetzen versuchen, welcher, wie ich gleich hinzufügen will, ein völlig vergeblicher wäre. Mein Vater, von riesigem Wüchse — er ist noch etwas höher als ich — und damals noch im Vollbesitze seiner herkulischen Kraft, that gleichzeitig Zweifaches: mit der Linken warf er dem über-