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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-10-06 · 40 (6.10.1893) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
40 (6.10.1893)
Date
1893-10-06
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 40 Vesterreichlfche Wvchrnfchrifl Settc 793 Lebens erlöschen werde. Alle waren bestürzt und die hohe Gestalt Händel's ging seit diesem Tage gesenkten Hauptes einher. Als die ersten Schneeglöckchen des Jahres 1704 die Köpfchen aus der kalten Erde hervorstreckten, lag Händel's Muse wachsbleich im Brettersarge. Händel überwand trotz seiner kräftigen Natur diesen Schlag nicht sobald. Gebeugt schritt er in dem jüdischen Leichenzuge hinter dem Sarge und selten mehr hörte man ihn lachen. In das Haus des Synagogensängers Löwi kam er nach wie vor und ruhte dann meistens sinnend in dem Lehnstuhl, worin Julie oft gesessen. Hier componirte er auch den Schluß seines „Nero", in dessen Vera er das Ebenbild seiner Julie verewigte. Hier legte er den Grund zu seinen Oratorien: „Messias", „Samson", „Saul", „Israel in Egypten", „Judas Makkabäus", „Josua", „Salomon", „Jephta" u. a., die das Judentum verherrlichen. Dann ging er nach Italien, von dort wandte er sich später nach London, wo er in Lady Blanche das von Natur mit peinlicher Genauigkeit nacherschaffene Ebenbild Juliens, seiner verstorbenen Muse, erblickte. Sie sehen und lieben war natürlich eins, doch galt seine heiße Liebe mehr der Verstorbenen, als der Lebenden. Die spätere Enttäuschung im Charakter Blanche's machte dann, daß Händel niemals ein Weib wieder liebte. Eine ungarische Dorfgeschichte. . . Ich thu's nicht gern, Euer Gnaden Herr Stuhlrichter, denn ich brauch' den Jungen wirklich; aber ich werde mir mit den dreihundert Gulden schon zu helfen wissen." „Ihr müßt aber doch auch mit unserem Doctor, der bei der Commission sein wird, reden; denn es ist leichter einen frei zu machen, als einen einzigen Sohn zum Behalten zu bringen. Für's Geld wird aber der Jude auch das können. Sagt ihm, daß ich mich dafür für Schmüle's Sohn einsetzen werde, an dessen Befreiung ihm doch gewiß gelegen ist." „Aber ich werde doch nicht von den dreihundert Gulden die Hälfte in den Judendoctor hineinstecken." „So werde ich Euch noch zweihundert Gulden geben. Seid Ihr aber gewiß, Pawlik, daß die Marischa --" „Gleich am ersten Tage nach seinem Einrücken, daraus will ich nicht schwören; aber ich ränm' ihr, wenn der Bursch weg ist, den ehemaligen Stall, ganz im Hof drunten, ein. Vom Garten, Euer Gnaden, kann man da bei Tag wie bei Nacht herübersteigen, ohne daß ein Mensch es sieht. Euer Gnaden müssen also mehrmals diesen Weg machen, wenn auch vergebens. Ich werde das Ding auch knapp im Essen halten, so daß Euer Gnaden mit einigen guten Bissen in der Tasche ihr ein willkommener Gast sein werden. Mit Speck fängt man Mäuse". „Ich brauch' Eure Unterweisung nicht. Bleibt Ihr nur tapfer, wenn Euch die Commission noch so zusetzen wird." „Aber Euer Gnaden, voraus das Geld!" „Schelm Ihr! Kommt in einer Stunde, wenn ich aus dem Amte gehe." In der darausfolgenden Nacht fuhr ein ländlicher Schlitten, vor dem ein zottiges schwarzbraunes Pferd gespannt war, auf der nlit meterhohem Schnee bedeckten Straße von dem Dorfe, wo obenerwähnter Menschenhandel abgeschlossen wurde, nach der Stadt, wo eben die Assentirung stattfand. Der Vollmond beschien die Reisenden mit seinem kalten, blassen Lichte. Ein junger Bauer, ein Prachtexemplar slavischen Typus, lenkte das Rößlein, während in dem Schlitten ein in eine Hallina gehüllter roher Bauer, mit schon ergrauendem Haare saß und neben ihm ein junges Weib, das einen kurzen Pelz trug und um den Kopf ein großes Tuch gewunden hatte, aus dem ein schönes Gesicht mit feingezeichneten Brauen und großen schwarzen Augen hervorblickte. Der junge Bauer saß in schweren Sinnen und hielt, den Kopf gesenkt, mechanisch die Zügel. „Treib an, Janko, treib an!" zischte der Bauer, „die Stadt ist fern und bis zum Morgen müssen wir sie durchaus erreichen!" „Das heißt also, es bleibt dabei, Vater?" fragte der Jüngere sich umwendend im verzweifelten Tone, während sein schönes Weib angstvoll ihn anblickte. „Was bleibt dabei? Was faselst Du? Treib' an, sag' ich Dir." Janko zog die Zügel an und das Pferdchen fiel in Trab. Die Straße führte durch einen dichten Wald und im Hirn des Jungen drängten sich seltsame Gedanken. Die Gegend ist abgelegen . . . hier gibt es keinen Reiter, keinen Fußgänger ... Niemand ist zu erwarten ... der Wald ist groß, Höhlen sind darin . . . Oeden ... da schauerte Jan plötzlich in sich zusammen und bekreuzigte die breite Brust. Verflogen waren die schwarzen Gedanken, ein abergläubisches Entsetzen preßte sein Herz. „Verzeih' mir Gott!" flüsterte er leise, erlöse mich und verzeih' mir!" Unter anderen Bauerngefährten mit fast zu Eis erstarrten Männern und Weibern kam auch unser Schlitten mit seinen drei Insassen bei Tagesanbruch in der noch vom winternächtlichen Nebel bedeckten Stadt an. Bei einem plumpen, gelbangestrichenen, im Styl der ärarischen Gebäude gehaltenen Hause stand ein ganzer Volkshaufe, ein Gemisch der verschiedensten Typen und Trachten, vom stutzerhaften Paletot bis zu der bäuerlichen Hallina. Nachdem er in einem großen Wirthshause nebenan das Gefährte eingestellt, drängte sich der Bauer, begleitet von dem Sohne und dessen F r a n. bis zum Vorplatz und stieg dann die schmutzige Treppe hinan. Auf den Stufen saßen und lagen Leute in den verschiedensten Stellungen; meistens waren es junge Burschen in neuen Hallinas mit schief aufgesetzten Hüten, halb oder schon völlig betrunken von Wein oder Schnaps, den die Kellnerburschen des nahen Wirthshauses herumtrugen. Die Mehrzahl saß trübe und niedergeschlagen da, entweder den Hals eines jungen Weibes umschlingend oder den Kopf an der Brust einer alten Mutter bergend, aus deren Augen reichliche, lautlose Thränen flössen. Den Corridor passirend, traten die Drei in ein großes, Helles, menschenüberfülltes Zimmer. Weither rief man die Namen aus und dann drängte sich der Gerufene durch das Gewirr und verschwand hinter der in das andere Gemach führenden Thür. Ans diese Thür war die Aufmerksamkeit Aller gerichtet. In jenem Zimmer wurde unwiderruflich über das Schicksal der Hineingehenden entschieden. „Jakob Rosenfeld!" rief's. Und Schmüle mit seinem Sohne drängte sich durch die Menge und verschwand hinter der verhängnißvollen Thür. Nach zehn Minuten kam Schmüle allein zurück. „Er ist geblieben!" sagte er weinend zu dem Bauern, der sich neugierig an ihn herandrängte. Der Bauer hatte keine Zeit, weitere Fragen an seinen Dorfjuden zu richten, denn schon wurde Janko Pawlik gerufen. Mit fieberhaft pochendem Herzen bewegte sich der junge Bauer zur Thür, an deren Schwelle er seine Frau küßte, die mit leidvollem Antlitz ihm nachblickte. Bald stand er vor einem langen mit grünem Tuche überzogenen Tische, über dem die ernsten Gesichter der Herren der Afsentirungscommission hervorsahen. Neben ihm stand der Vater, unter den dichten, herabhängenden Brauen forschende Blicke auf die Anwesenden richtend und Zuversicht fassend, als er unter diesen den jüdischen Doctor seines Dorfes, den er erst gestern Nachmittag gesprochen, und den Stuhlrichter erblickte. Noch waren da: ein junger Militärarzt, ein Officier und ein Comitatsbeamter. Der alte Bauer sah, wie bei seinem Hereinkommen der Privatarzt sich zu dem Militärarzt neigend diesem etwas ins Ohr flüsterte, worauf der sich wieder an den Comitatsbeamten wendete und ihm etwas sagte und die Zwei ihn dann fixirten. Es war klar, zwischen diesen drei Herren ging etwas vor sich. Plötzlich wandte sich der Comitatsbeamte zu Janko: „Du bist der einzige Sohn von Peter Pawlik?" „So ist es!" antwortete dieser tonlos. „In diesem Falle könntest Du dem Gesetze nach loskommen." Janko schwieg. „Oder willst Du dienen?" fragte der Comitatsbeamte. Janko wandte sich um und sah auf seinen Vater: „Wie der Vater befiehlt. Es ist fein Wille!" Der Comitatsbeamte sah auf Peter Pawlik: „Dem Gesetze nach kannst Du Deinen Sohn behalten. Wünschest Du das?" „Ich wünsche es nicht!" „Ist er Dir denn nicht zur Arbeit nöthig?" fragte der Beamte erregt.

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