Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 40 (6.10.1893)
- Date
- 1893-10-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 792 Vrsterreichtphr Wochenschrift Nr. 40 Zeilen den Dank Aller, die seinem Vortrage lauschten, für seine uneigennützige Tbat übermitteln! w. Berlin, 19. September. Wie wir hören, ist für die durch den Tod David Cassel 's erledigte Docentenstelle an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums Herr Dr. Martin Schreiner aus Budapest, Zögling der dortigen Rabbinerschule und gegenwärtig Lehrer des Hebräischen an der Lehrer-Präparandie daselbst, in Aussicht genommen. Dr. Schreiner hat sich bereits durch werthvolle Studien über arabisch-jüdische Literatur und durch tüchtige pädagogische Arbeiten vortheilhaft bekannt gemacht. Petersburg. (Die große Synagoge.) In der russischen Hauptstadt ist die große neue Synagoge nunmehr ganz fertig und soll dieser Tage eingeweiht werden. Der Bau der Synagoge war viele Jahre fast ganz ins Stocken gerathen, da der Petersburger jüdischen Gemeinde für die innere Ausschmückung derselben die Mittel ausgegangen waren. Die Stockung in den Bauarbeiteu hat wiederholt zu den irrigen Meldungen ausländischer Zeitungen Anlaß gegeben, daß die russische Regierung den Weiterbau der Synagoge verboten habe, woran dieselbe in Wirklichkeit nie gedacht hat. Händel'« erste Liebe. (Eine historische Erzählung.) Der Director Keyser vom Hamburger Stadt-Theater ging mit großen Schritten in seinem Zimmer auf und ab und murrte gegen einen wunderlich aussehenden Kauz mit langem abgettagenen Tuchrock und einer Glatze, auf welcher die wenigen Haare des Hinterhauptes einigermaßen geschickt in langen Strähnen vertheilt waren, indeß die Figur öfter beschwörend die Hände emporhob und dann wieder in demüthiger Stellung an der Thüre ausharrte. Es war Zöpping, das Theaterfactotum. Da trat auf ein vorheriges Klopsen und ein mürrisches „Herein!" ein langer robuster Mensch, jedoch in anständiger Kleidung nach dem Geschmack der Zeit, mit geröthetem Gesicht unter einer Verbeugung in das Zimmer. „Ich bitte um Verzeihung, wenn ich störe," sagte er. „Aber ich bringe die Cantate für das Hansafest, Herr Director!" Der Director nahm die Rolle und grollte: „Will's ansehen, Händel! Weiß er denn auch keinen Rath? Hab' den Judenjungen für den ersten Tenor im Chor ausgenommen und nun wird er krank. Die Aufführung der neuen Oper „Phanton" ist dadurch unmöglich. Hat eine fuße Stimme der Bursch, aber brustkrank, brustkrank! Die ganze Familie ist brustkrank! Habens vom Vater, der den Kopf voll wunderbaren Melodien hat, aber sich mit seinem Sing-Sang als Synagogencantor ruinirt hat." Händel, in dessen Kopf schon die Gedanken zu seinen Oratorien schwirrten und welcher alt-hebräische Melodien brauchte, hatte kaum das Wort „Synagogencantor" gehört, als er sich anbot, den „Judenjungen" zu besuchen und ihn zu bewegen, wenigstens heute seine Krankheit zu besiegen. In der Freude seines Herzens umarmte Director Keyser Händel und gab ihm die Adreffe des krankgemeldeten jungen Mannes. Anstatt wie sonst der Ressource, wo alle Künstler Mittags zusammentrafen, wendete sich Händel einem Hause in der Gegend des jetzigen Jungfernsteiges zu, welcher mit dem Gesammtviertel später ein Raub der Flammen geworden. An einer Thür im vierten Stocke dieses Hauses zog Händel die Klingel, worauf eine ältliche Frau öffnete. „Ist der Opernsänger Herr Löwi zu Hause?" „Er ist leider krank," entgegnete die Frau, offenbar die Mutter des jungen Mannes. „Doch treten Sie ein!" Sie führte den Gast in ein Gemach, in welchem außerdem Ruhebette, auf welchem der Kranke lag, noch einige Stühle, ein Tisch voller Noten und ein aufgeschlagenes altes Clavier stand. Ein älterer Mann mit langem, schon melirtem Barte, ein Sammtkäppchen auf dem Kopfe und in einen blumigen Schlafrock gehüllt, ging, Arien markirend, auf und ab, und zu Häupten des Sophas saß ein Mädchen von 18 bis 20 Jahren. Bei Händel's Eintreten erhob sich der Kranke überrascht und rief: „Herr Händel, unser erstes Orchestermitglied!" Dann stellte er diesen den alten Herrn als seinen Vater und das Mädchen als seine Schwester Julie vor. Händel, der sichtlich Gefallen an der schönen Erscheinung des Mädchens fand, verwickelte sie schnell in ein Gespräch, in welchem ihm klar wurde, daß sie ebenso geistreich als schön sei. Bald darauf entschlüpfte sie aus dem Zimmer. Händel entledigte sich seines geschäftlichen Auftrages. Der junge Mann sah seinen Vater an, der eine besorgte Miene machte, und sagte dann: „Ich bin eigentlich nicht krank, nur von den Proben überarbeitet und etwas erkältet. Der Arzt freilich schreibt uns alle brustkrank. Lächerlich! So sagte dieser närrische Jünger Aesculaps, sogar meine Schwester Julie habe die Schwindsucht! Aber Sie haben ja diese blühenden Wangen, diesen klaren Teint gesehen. Nein, nein, der Arzt irrt sich, wie bei ihr, auch bei mir! Ich werde die heutige Aufführung der neuen Oper nicht stören. Ich komme!" Und zum Zeichen seines Entschlusses erhob er sich sofort von seinem Lager und' machte sich mit Noten zu thun. Händel knüpfte nun ein Gespräch mit dem Alten an und äußerte seinen Wunsch, jüdische Arien kennen zu lernen, wozu ihm der Alte bereitwillig seine Dienste anbot, wenn er einige Mal kommen wolle. Bon diesem Tage an war Georg Friedrich Händel ein täglicher Gast im Hause des pensionirten Synagogencantors Löwi und er gestand sich bald die Liebe zu dem schönen Judenmädchen ein. Aber mit dem Herbste des Jahres 1703 fing Julie wirklich an zu kränkeln. Vater, Mutter, Bruder waren bestürzt, untröstlich der junge Händel. Verzweifelt lief er von Arzt zu Arzt. Die gelehrten Herren schüttelten den Kopf, sprachen morbus pulmonum helfen jedoch konnte keiner. Julie lag jetzt schon beständig wegen allzugroßer Schwäche im Bett, und wenn die Uebrigen weinten, fragte sie oft naiv: „Was weint Ihr denn? Ich befinde mich ja so wohl, zum Frühling wird mir sicher wieder besser sein!" Händel ging dann in. einen Winkel und weinte sich aus; hernach setzte er sich ans Clavier und spielte der Kranken seine innigsten Weisen vor; war sie doch seine keusche Muse, die ihn zu den seelenvollsten Melodien begeisterte. Eifrig componirte er damals voll Begierde nach Auszeichnung und aus wirklicher Liebe zur Kunst der Musik, an seiner ersten Oper „Nero", von der er sich viel Gutes versprach. Sie sollte gegeben werden, wenn Julie soweit hergestellt wäre, der Aufführung beiwohnen zu können. Eines Abends saß er im Lehnsessel vor Juliens Bett und hielt ihr zartes schneeweißes, fast durchsichtiges Händchen fest in seiner kraftvollen männlichen Hand, da fing Julie plötzlich von „Nero" an und erkundigte sich eifrig nach dem Gang der Handlung in dieser Oper. „Mein Lieb," entgegnete Händel, „das ist so in der Poeterie wie in der Musika, daß man die reale Wirklichkeit zu einem Phantasiegemälde umgesialtet. Dich, meine inspirirende Muse, habe ich in der Oper angebracht, nämlich in öer Gestalt der jungen Christin Vera, welche der flammende Hyazinth, ich selbst Nero's Diener und längst ein heimlicher Christ, liebt." „Aber, mich, die Jüdin," sagte die Kranke lächelnd, „als Christin darstellen, da gehört viel Phantasie dazu." „Mein Herz! Die Christen jener Zeit waren ja Juden, wenn auch nicht alle geborne Juden, haben doch die aus dem Heidenthume übergetretenen Christen die Gesetze der jüdischen Moral und Sittlichkeit angenommen, auf welchen das Christenthum aufgebaut wurde, die Christen haben auch als Juden gegolten. Du, mein Herz, bist mir das Ideal aller Weiblichkeit, aller Heiligkeit." Sie blickte ihn seelenvoll an und sagte: „Erzähle die Handlung weiter!^ „Ich sehe Dich im Circus unter den Löwen. Halb betäubt hör' ich den feierlichen Grabgesang — es ist eine jüdische Melodie, die ich von Deinem Vater lernte — des Ehristenhäufleins, da unten, sehe die Löwen sich blutgierig auf Euch werfen. Heftig trete ich bis zur Brüstung des Ranges vor und rufe: Tyrann, blutgeknechtetes Scheusal Nero, ich bin auch ein Christ! Liebst Du es denn, Blut fließen zu sehen, Cäsar, unwürdiger Knecht unter Purpur- und Lorbeerkranz, so nimm auch das meinige! — Ich reiße das Schwert heraus und springe hinab, Dich zu schützen. Da — doch was hast Du, Julie?" Sie war ohnmächtig geworden und man hatte Noth, sie wieder in's Leben zurückzubringen. Der herbeigerufene Arzt betonte, daß starke Gemüthsbewegungen durchaus von der Kranken ferngehalten werden müßten, da solche unmittelbar zur Folge haben könnten, daß das schwache Flämmchen des zarten