Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 40 (6.10.1893)
- Date
- 1893-10-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 40 Orstrrrrichische Wochenschrift Seite 789 Wien. (Ein antisemitischer — Schauspieler.) Unlängst fand vor dem Bezirksgerichte in Währing eine Verhandlung statt, deren Held der Schauspieler Fritz Alb in — derzeitiges Mitglied des Stadttheaters in Linz — war. Herr Alb in, der durch seinen Anwalt vertreten wurde, erschien in der Anklage in der merkwürdigen Rolle eines Antisemiten, der die großartigsten Schimpfreden auf offener Straße ohne Hilfe eines Souffleurs zu halten vermag. Der als Kläger in Begleitung seines Anwaltes Dr. F. Ellbogen erschienene neunzehnjährige Wilhelm Schiff hatte offenbar wenig Gefallen an den diesbezüglichen Leistungen Albin's gefunden, was übrigens begreiflich wird, wenn man bedenkt, daß ihn der Schauspieler o h ne j eben Anl aß mit verschiedenen Titulaturen aus dem antisemitischen Knigge empfing. Diese Beschimpfungen waren nämlich Albin's erste Worte, als der junge Mann am 9. Sept. in den von Salmannsdorf nach Wien verkehrenden Stellwagen einstieg, in welchem der Schauspieler und noch zwei Herren sich bereits befanden. Wilhelm Schiff erklärte ruhig, daß er für diese antisemitische Rohheit sich an anderer Stelle Satisfaction verschaffen werde, was Alb in zu weiteren declamatorischen Leistungen desselben^ Genres veranlaßte. Bei der Gerichtsverhandlung in Währing gab der Richter seinem Staunen Ausdruck, ob es denn denkbar sei, daß Jemand ohne irgend welche Provocation sich so benehmen werde, wie dies Alb in gethan haben soll. Ein Schreiben des Schauspielers an seinen Anwalt enthielt jedoch ein volles Geständniß, und auch die erschienenen Zeugen bestätigten die Aussagen'des Klägers. Als Entschuldigung führte A l b i n an, er habe sich eben in großer Erregung befunden. A l b i n lvurdezu 20 fl. Strafe und zum Ersätze der Kosten verurtheilt. Wien. Gottes Segen bei Kohn!") Ein hochstehender katholischer Geistlicher in Oesterreich schreibt uns: „Bekanntlich heißt der derzeitige Fürsterzbischof von O l m ü tz K o h n und ist jüdischer Herkunft. In Olm ütz ist namentlich unter den Deutschen der Antisemitismus stark verbreitet, während er in der slavischcn Bevölkerung nur höchst vereinzelt Anhänger zählt. Die Antisemiten waren nun vom Anfänge an dem Herrn Fürsterzbischos nicht grün und suchten ihn auf allerlei Weise zu verhöhnen. Dazu mußte unter andern auch das bekannte „Gottes Segen bei Kohn" herhalten. Zwei antisemitische Blättchen brachten den Spruch fast in jeder Nummer zur Verhöhnung des Kirchenfürsten. Daraufhin verfügte sich der Herr Polizeidirector zum Erzbischof und erklärte, er sei bereit, jede Nummer, die den höhnischen Spruch enthalte, zu confisciren. „Gott bewahre," erwiderte hierauf der Erzbischof, „lassen Sie das, zumal ich mir ja nichts Ruhmvolleres wünsche, als daß Gottes Segen mit mir sei." Dieser Ausspruch des wackeren Mannes wurde nachträglich bekannt und machte ringsum den besten Eindruck. Ein Pfarrer brachte die Erklärung seines Oberhirten sogar auf die Kirchenkanzel. Besäßen die Antisemiten nur einen Funken Edelsinn, so würden sie sich ihres Gebahrens schämen. Leider sind Antisemitismus und Edelsinn die schroffsten Gegensätze." EB. Wien. (Berechtigung des Antisemitismus.) Aus einer Stadt eines nördlichen Kronlandes, welche bis noch vor Kurzem eine Reichsschutzwehr gebildet hat, wird uns nachstehende auf Wahrheit beruhende Historie mitgetheilt. In Folge Competenzausschreibung des Magistrates erwähnter Stadt langte auch das Gesuch eines Technikers ein, der in der Wahl seiner Eltern so vorsichtig war, daß sein Name einen absolut unverdächtigen Klang hatte, derart, daß auch ein waschechter Antisemit sich der Mühe überhoben halten konnte, auf die Confession zu vigiliren. Dagegen stand dem Bewerber eine derart vorzügliche Qualification zur Seite, daß er primo loco vorgeschlagen und auch acceptirt wurde. Als er nun bei der Beeidigung unter Hinweis darauf, daß er Jude sei, bat, ihn nicht auf das Crucifix sondern auf die Bibel einzuschwören, war großes Tableaux, allein das Unheil war nicht mehr abzuwenden und so versieht in dieser Stadt, dessen Magistratur bis nun judenrein war, ein Jude den technischen Dienst, ohne daß die diese Stadt umgebenden Bollwerke auch nur im Geringsten Schaden gelitten hätten oder daß unter der Bevölkerung, wie von einigen Stadtweisen befürchtet worden, eine Revolution ausgebrochen wäre. Wien. (Bildungsgrad antisemitischer Parteiführer und Abgeordneter.) Im clericalen „Vaterland" veröffentlicht ein Prager Gesinnungsgenosse für den neugewählten antisemitisch-jungczechischen Abgeordneten Breznowsky das folgende wohlwollendeEmpfehlungsschreiben: Verehrter Herr Redacteur! In dem neugewählten Jungczechen bekommt das Wiener Parlament einen noch nie dagewesenen Zuwachs; denn Herr Breznowsky soll ein Analphabet sein und nur mit Mühe sein Vaclav Breznowsky auffchreiben können; bis zum Zusammentritt des Reichsrathes wird er möglicherweise auch das Wort „Wenzl" aufzuschreiben erlernen. Nehmen Sie hievon gefälligst Notiz. Ergebener Prag, 26. Sept. 1893. K. V. Wien. Anknüpfend an die in der „Oesterreichischen Wochenschrift" reproducirte Correspondenz von Nikolsburg am 22. September l. I. constatire ich mit Vergnügen, daß die kundgegebene Absicht, in Nikolsburg eine Lehrstätte zur Heranbildung und Vorbereitung berufener Jünglinge für das Wiener Rabbiner-Seminar zu errichten, längst schon seitens mehrerer hier wohnender, gesinnungstüchtiger Nikolsburger als xium äesiäerimn gehegt wurde. Die betreffenden Herren empfinden es schmerzlich, daß ihre Vaterstadt, die im 17. und 18. und in der größten Hälfte des 19. Jahrhundertes im jüdischen Culturleben eine hervorragende Stellung eingenommen, in unserer Zeit zu gänzlicher Unbedeutendheit herabgesunken ist. Nikolsburg verdankte eben seine in früheren Tagen erreichte Bedeutung einzig und allein den jüdischen Culturbestrebungen, die in Folge der großen Stiftungen des damaligen weitberühmten Landrabbiners Oppenheim nach Ost und West sich wohlthätig bemerkbar machten. Mit dem Aufgeben der großen Culturtraditionen ist in Nikolsburg ein furchtbarer Niedergang eingetreten. Die Hyperklugen schreiben diesen Niedergang den Eisenbahnen zu, das entspricht aber durchaus nicht den Thatsachen. Nikolsburg war niemals eine große Handelsstadt; die Thora, die Lehre allein hat es groß und blühend gemacht. Männer, wie Zemach-Zedek, Awod as-Hagerschuni und Marcus Benedict seligen Andenkens haben es zu einer weltberühmten Stätte erhoben, Fremdenzuzug in seine Mauern geleitet, Nikolsburg zum Sammelpunkte der vornehmsten und reichsten Juden gemacht. Heute besteht noch das Beth-Hamidrasch des großen Oppenheim mit der reich ausgestatteten und berühmten hebräisch-talmudischen Bibliothek. Wenn die dortige Gemeinde jetzt nicht mit Emsigkeit daran geht, an die früheren jüdischen Culturarbeiten anknüpfend weiter zu streben, so werden in einigen Decennien auch die letzten Spuren der einstigen Größe Nikolsburgs verschwunden sein. Jene Herren, welche sich für die Nikolsburger Gemeinde noch interessiren, haben daher die erwähnte Correspondenz mit Freuden gelesen und zur Kenntniß genommen. Es soll aber bei der Freude allein sein Bewenden nicht haben, die That soll sprechen und entscheiden. Die Gelegenheit zur Regeneration Nikolsburgs ist vorhanden, so muß denn auch ans Werk gegangen werden, um die gegenwärtigen Vortheile sobald als möglich auszunützen. Eine Talmud- und Bildungsschule erheischt ja nicht nur Opfer, sie ist auch sür die materielle Zukunft einer Landgemeinde von der größten Bedeutung. Schreiber dieser Zeilen, ein geborener Nikolsburger, der die Verhältnisse seiner Vaterstadt ziemlich genau kennt, ist durchaus nicht so sanguinisch, zu glauben, solch ein schwieriges Unternehmen fei durch das Schreiben eines Zeitungsartikels schon ins Leben gerufen. Allein, berufene Kräfte können dadurch geweckt und zur That angespornt werden. Und hoffentlich werden sich mit göttlicher Hilfe zahlreiche, gesinnungstüchtige und glaubensstarke Männer zusammenschließen, um einer Ir Weem Bjisroel zu ihrer früheren Größe zu verhelfen. B. Schrimm, 21. September. Einem geborenen Schrimmer» Herrn Hermann N e u f e l d, der seit einer Reihe von Jahren als einziger Jude in der sächsischen Stadt Grimma ein kaufmännisches Geschäft betreibt, ist für sein muthvolles Eingreifen bei der Rettung eines Mitmenschen vom Tode des Ertrinkens eine öffentliche Belobung zu Theil geworden. Es erscheintdies für uns Juden umso wichtiger, als gerade in Sachsen, dem Lande des Antisemitismus, ein solches von einem Juden ausgeführtes Rettungswerk öffentlich anerkannt wird. Dem Schreiber dieser Zeilen liegt das Original des Anerkennungsschreibens vor, und gebe ich es hier in wörtlicher Abschrift wieder: