Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 40 (6.10.1893)
- Date
- 1893-10-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 40 Oesterreichrfchr WochrnfchrM Sette 787 Ueberdies erlauben wir uns, daran zu erinnern, daß Herr Dr. Deckert im Vereine mit der Redaction des „Vaterland" den Abgeordneten Dr. Bloch direct haranguirt hat, die Mitteilungen des Paulus Meyer zu untersuchen, ja er wagte sogar die Vermuthung, daß dem „Ex-Rabbi" die „weiteren Nachforschungen unangenehm zu sein scheinen". In seinem ersten Artikel apostrophirte der geistreiche Pfarrer von Weinhaus den Rabbi Bloch wörtlich: „Herr Dr. Bloch — heraus mit dem Flederwisch — aber nicht schimpfen, sondern widerlegen". Einer solch liebenswürdigen, eindringlichen Einladung konnte Dr. Bloch schon aus Gutmüthigkeit nicht anders als zu entsprechen trachten. Nun, da er den Herren in vollem Maße den Willen gethan, ist es ihnen auch nicht recht, und sie beschweren sich darüber, daß er den Proceß inscenirt hat, den sie von Anfang an selber begehrt haben. Soriale Schulpolitik. War das ein Stoßen und Drängen in den Buchhandlungen an den beiden letzten Tagen vor der Eröffnung der Schulen! Am Schlimmsten ging es her in den Antiquariatsbuden. Hier herrschte ein wahrhaft babylonisches Chaos. „Seltsames Sprachengewirr braust an das wundernde Ohr." Schweißtriefend verließen die Knaben nach stundenlangem Warten den Marterort der Bücherläden, jubelnd in den Lüften schwingend die mühsam errungenen Trophäen, abgebrauchte Bücher, glückselig einige Ersparungen erzielt zu haben. Und wenn auch diese Schulbücher nicht salonfähig, was liegt so einem armen Jungen daran, seine Kleider sind es auch nicht, und in der Gelehrtenrepublik gilt doch nicht der Schein, sondern das Sein, nicht der Umschlag des Buches, sondern sein Inhalt. Wie sagt doch der alte jüdische Weise: „Sieh' nicht auf das Gefäß, sondern auf das, was es enthält." So geht denn der Knabe getrost zur Schule, in sicherer Erwartung, der Professor werde an seinen Büchern, die er so mühselig erworben, nichts auszusetzen haben. Aber ach, der Professor im Gymnasium ist kein jüdischer Weiser und bekennt sich auch nicht zu dessen ganz unmodernen Grundsätzen. Er richtet zuerst seinen Blick ans das Titelblatt und herrscht sofort den Knaben an: Alte Auflage, neueste Auflage unbedingt erforderlich! Schüchtern wagt das Kind einzuwenden, es ist die siebente Auflage, Herr Professor. Das sehe ich, lautet die Antwort, aber es muß die achte, unbedingt' die achte Auflage sein... Tief bekümmert schleicht sich der Knabe aus der Schule. Wie soll er dem Vater, der ein Hausirer ist und mit seinem kärglichen Verdienste kaum die Nothdurft des Tages zu decken vermag, der unter unsäglichen Mühsalen die paar Gulden für die antiquarischen Bücher zusammengeschweißt hat, die Trauerbotschaft bringen, daß die alten Bücher gegen funkelnagelneue umgetauscht werden müssen! „Arm an Beutel, krank am Herzen," so seufzt das Kind. Der Vater ist arm an Beutel, und das Kind wird im zartesten Alter in der Schule krank am Herzen. Also nur die Wohlhabenden — so spricht es bei sich — dürfen studiren, -nur die Kinder der mit Glücksgütern gesegneten Eltern sind die Lieblinge der Musen, nur diese dürfen keck nach der Palme der Wissenschaft greifen und im Strahlenglanze derselben sich sonnen; wir Armenaber, die wir Hunger und Entbehrungen aller Art leiden, wir müssen auch im Durste nach Wissen verschmachten!. Doch hier hilft kein Philosophien, es vergiftet nur das jugendliche Gemüth. Neue Bücher müssen herbeigeschafft werden und so bleibt denn das Kind solange „krank" zu Hause, in aufgezwungener Muße über die Ungerechtigkeiten im Leben brütend, bis der Vater das nöthige Geld für die neuen Bücher aufgetrieben hat! — 9hm ist Alles in bester Ordnung, sämmtliche Bücher sind genau nach dem vorgeschriebenen (gedruckten) Programm angeschafft, die Auflagen stimmen bis aufs Jtüpfelchen. Aber was ist das? Am andern Morgen wird abermals die „Auflage" eines Buches vom Profeffor bemängelt. „Das ist ja die vierzehnte Auflage und es muß die fünfzehnte sein!" Aber Herr Professor, erwiderte das Kind verzweifelt — und' diesmal wird es von einem ganzen Chor von Collegen secundirt — im gedruckten Programm selbst ist ja die vierzehnte Auflage angegeben. Auch das Programm ist veraltet, lautet die Antwort, die fünfzehnte Auflage ist da! Schreckensbleich eilt unser Held, begleitet von einer beträchtlichen Schaar von Besitzern der vierzehnten Auflage zum Buchhändler. Aber der will von der Existenz einer fünfzehnten Auflage nichts wissen und beruft sich pfiffig auf seinen Schein, das gedruckte Programm, welches nur eine vierzehnte, nicht aber eine fünfzehnte Auflage kenne. Allein die Knaben lassen ihn nicht los, sie erklären dreist, der Profeffor habe die fünfzehnte Auflage verlangt — folglich müsse eine solche vorhanden sein. Gegenüber einem solchen decidirten Auftreten der empörten Schulknaben bleibt unserem Buchhändler nichts Anderes übrig, als ins Magazin zu gehen, um nachzuschauen, ob nicht in der That inzwischen eine neue Auflage eingelaufen sei. Zornerfüllt erscheint er bald darauf, das corpus delicti der fünfzehnten Auflage in der Hand, die ihm plötzlich ganz unvermittelt wie ein den3 ex machina meuchlings in die Glieder gefahren sei. Nun setzt es einen kleinen, aber scharfen Wortwechsel ab. Der Buchhändler behauptet, den Schaden nicht tragen und die über Nacht werthlos gewordene vierzehnte Auflage gegen die fünfzehnte nicht austauschen zu können; aber ein kleines Aufgeld bringt endlich die Sache ins Gleiche. Wenn Du aber glaubst, lieber Leser, daß die Leidensgeschichte unseres armen Gymnasiasten hiemit ihr Ende erreicht hat, so irrst Du stark; sie fängt vielmehr erst recht an. Zwei Tage darauf werden vom Claffenprofessor die für ein blutarmes Kind kaum erschwinglichen Beiträge für Lehrmittel rc. eingehoben. Wieder muß unser armer Gymnasiast „krank" zu Hause bleiben, bis der unter der Last zusammenbrechende hausirende Vater die paar Gulden aufgebracht hat. . Und erst dann, wenn das enorm hohe Schulgeld von fünfundzwanzig Gulden per Semester zu entrichten sein wird. Nein, „wenn Du gar nicht» hast, Du Lump" — fort mit Dir aus dem Gymnasium! Das Gymnasium ist keine Heimstätte für Hungerleider. Als Adam zum Bewußtsein kam, mangelhaft gekleidet zu sein, wurde er aus dem Paradiese gewiesen. So die moderne biblische Auffassung. O, das moderne Gymnasium hat eine feine Spürnase, cs weiß ganz vorzüglich schon an der Kleidung die Qualitäten eines wohlhabenden von jenen eines armen Kindes zu unterscheiden — es kann aus Kindern wohlhabender Eltern Alles, sogar Minister machen; aus armen Kindern nichts, das sind geborene Socialdemokraten! .... Gewiß müssen diese Kinder, deren Gemüth schon in der Schule verbittert wird, wo sie die niederdrückende Erfahrung machen müssen, daß selbst die Wissenschaft nur den wohlhabenden Kindern zugänglich gemacht wird, aus dem Geleise kommen; sie sind nicht prädestinirt für die Socialdemokratie; die Schule erst weist ihnen diesen Weg .Und welch Widerspruch in dieser modernen Schule! Die allgemeine Schulpflicht verlangt den Schulbesuch sämmtlicher Kinder bis zum vollendeten 14. Lebensjahre. Es wird also in den Kindern die Begier nach Wissen in den Volks- und Bürgerschulen geweckt und gereizt, und wenn das wißbegierige Kind armer Ellern dann die einmal angeregte Wißbegier im Gymnasium stillen will, wird ihm ein niederschmetterndes Halt zugerufen und er wird zum unglücklichen Menschen gemacht: „Ihr führet ihn ins Leben ein, „Ihr laßt den Armen schuldig werden, „Dann überlaßt ihr ihn seiner Pein ...." Wie aber lautet gegenüber dieser modernen arischen Schulmoral jene des Judenthums? Nun, sie ist ganz antiquirt und nimmt sich in heutiger Zeit recht zöpfisch aus; gleichwohl wollen wir es wagen, selbst auf die Gefahr hin, mit ihr eine komische Figur abzugeben, sie citiren: Hisharn bibne anijim, ki mehem teze tauroh. „Nehmt Euch der Kinder Armer an, denn von ihnen wird ausgehen die Lehre!" So lehrten schon vor zwei Jahrtausenden die jüdischen Weisen. Die Devise des Judenthums war; Wissen macht frei; aber man war auch im Judenthum bestrebt, das Wissen frei zu machen. Denn Unwissenheit galt hier für Schande und die Gemeinden in Israel, selbst die kleinsten, brachten stets die schwersten Opfer, um das Wissen zu verbreiten und es den allerärmsten Kindern zugänglich zu machen. Das ist nun allerdings in unserer Zeit ein wenig anders geworden. Wir haben in unserem Bestreben, die arische Welt- und Lebensanschauung ganz in uns aufzunehmen, die edelsten Besitzthümer des Judenthums preisgegeben. Als der antisemitische Wehruf erscholl: „die jüdischen Kinder strömen in großen