Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 40 (6.10.1893)
- Date
- 1893-10-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 786 Vestrrrektztfche Wochenfchrtst Nr. 40 Frage der Mittel, mit denen hier gesiegt wurde. Die christlichen Gelehrten sind einem Juden aufgesessen, haben sich von ihm dupiren lassen, sind ihm reingefallen; der jüdische Feldzugsplan gegen den Ritualmord war gut vorbereitet und ist mit großem Geschicke durchgeführt worden. Oder war es wirklich nur Zufall, daß Paulus Meyer Christ (Protestant) geworden ist, hatte seine Convertirung nicht einen bestimmten Zweck? — Es ist eine traurige Sache um unsere christliche Wissenscheft, daß sie den Urtext gerade jener Sprache nicht beherrscht, in der wir das sprachliche Fundament des Christenthums finden sollen. An unseren theologischen Facultäten wird wohl hebräisch, chaldäisch und syrisch gelehrt, aber man frage nur nicht wie! Aus diesem Ucbelstande erwachsen dann Streitigkeiten, die ins öffentliche Leben eingreifen. Ist es denn nicht sonderbar, daß christliche Gelehrte, noch dazu sogenannte Orientalisten, sich einen Juden nehmen müssen, der ihnen Talmud lesen lernt? Und ist es nicht ein gefährliches Unterfangen, den jüdischen Ritualmord behaupten zu wollen, wenn man sich die Blöße geben muß, jüdische Gelehrte heranzuzichen?" „Der hochwürdige Herr Pfarrer Dr. D e ck e r t möge entschuldigen, wenn wir hart werden; aber man darf die eigenen Fehler nicht vertuschen, wenn mau die Gegner mit Erfolg bekämpfen will. Als wir am vergangenen Freitag den Gelehrten (?) Paulus Meyer im Gerichtssaale sahen, da beschlich uns ein Gefühl der tiefsten Beschämung. Ein solcher Mensch, eine solche Figur konnte katholische Geistliche zum Narren halten, konnte ihnen Glauben einflößen, sie zu strafbaren Handlungen verleiten! Diese verschmitzte Physiognomie mit nur einem Auge, das unstet umherschweift, jedem anderen Blicke ausweicht, konnte einem Canonicus Rohling und einem Professor B i ck e! l imponiren, so daß sie ihn als nach jeder Richtung glaublvürdig empfehlen durften. Es ist geradezu unfaßlich! Wir würden das Ganze begreifen, wenn uns eine wenigstens nach Außen imponirende Gestalt mit ernstem Gesichte entgegengetreten wäre. Aber einer Creatur wie Paulus Meyer Glauben schenken, zeigt von einer geradezu erbarmungswürdigen Urtheilslosigkeit." „Die Judenpresse schwimmt ob des Ausganges des Proceffes natürlich in eitel Wonne und Seligkeit, sie hat wirklich guten Gr u nd dazu." Der Herr Pfarrer Dr. Deckert war von diesen Bemerkungen seines antisemitischen Gesinnungsgenossen in den „Politischen Fragmenten" nicht besonders angenehm berührt und er erhob bei der Redaction dagegen Vorstellungen. Diese antwortete in der Correspondenz der Redaction in der Nummer 39: „Dr. D. in W. Aber, aber, warum denn gar so erregt, wenn Sie das Factum zugestehen — darf man denn nicht die Wahrheit sagen? Wir Christen sind eben eigene Menschen. Der Jude kann uns beschimpfen, dazu wird in der Regel geschwiegen, ein leiser Tadel von einem Christen bringt uns sofort gegeneinander." Aber auch die reichsdeutschen Antisemitenblätter brachten die Enthüllungen des Proceffes contra Deckert und Paulus Meyer in eine komische Situation. Sie haben noch vor kaum einem halben Jahre, trotzdem ihnen das Vorleben dieses Paulus Meyer genau bekannt war, sich seiner bedient, über seine Reden in Versammlungen ausführlich Bericht erstattet und ihn gegen die begründeten Angriffe der jüdischen Zeitschriften in Schutz genommen. Fritsch's „Antis. Correspondenz" nahm seine Artikel auf, der „Deutsche Antisemi ten b u nd" in Berlin veranstaltete Volksversammlungen, in denen Paulus Meyer auftrat, sein Schandbuch „Wölfe im Schafsfell" führte Dr. Wesendonck*) mit einem „Vorwort" ein, in dem es heißt: „Es ist in diesen Tagen, wo die Säulen der Erde erbeben und das Weltall in seinen Fugen zu wanken beginnt ob all des moralischen Jammers, der in vollen Strömen über die arme verblendete Menschheit ausgegoffen wird, eine wahre Herzenserquickung, auf einen Schriftsteller zu stoßen, der noch Rückgrat besitzt, der nicht in trübsinnig-stumpfer Ergebung zu Allem „Ja" und „Amen" sagt, sondern noch den Muth hat, unverblümt die Wahrheit, soweit er sie erkannt zu haben glaubt, z u sag en! Ei« solcher Schriftsteller ist Paulus Meyer." Obschon diese Presse über das Vorleben des Paulus Meyer genügend unterrichtet war, hat sie aus ihm einen Märtyrer gemacht, so lange sie sich seiner bedienen zu können glaubte. Dm Ritualmordbrief hat die Ahlwardt'sche „Staatsbürgerzeitung" in Rr. 226 vom 16. Mai 1893 als Leitartikel abgedruckt. Rach dem Ausgang des Proceffes besinnt *) Wie der Proceß Meyer-Deckert ergab, ist Dr. Wesendonck an der Abfassung des Schandbuches stark betheiligt geweien. Die „Neue Deutsche Zeitung" vom 23. September gibt zu, daß S. 61 bis Schluß des Buches von „einem Anderen" herrührt. sich die Lumpenbande auf ihre arische Raffe. Jetzt ist Paulus Meyer wiederum der Jude, der jüdische Convertit, der jüdische Apostat. Jetzt hält die „Staatsbürgerzeitung" ihren früheren Schützling für einen Ausbund bodenloser Schlechtigkeit. Ebenso schamlos benimmt sich die Leipziger „Reue deutsche Zeitung". Roch am18. Januar d. I. schreibt sie über Paulus. Meyer im „Briefkasten" : Herr» Paulus Meyer, hier: Wir bestätigen Ihnen sehr gern, daß der Satz in dem „Eingesandt" unserer Nummer vom 11. d. Mts.: „jetzt läßt ein neuer Apostat seine Stimme in den „Deutschsocialen Blättern" erschallen", schon deshalb nicht auf Sie bezogen werden kann, weil Sie thatsächlich kein Apostat sind. Einen „Apostaten" kann manrdoch nur einen Mann nennen, der einer Religionsgemeinschaft abtrünnig wird, um einer anderen beizutreten, wir wissen jedoch, daß Sie dies nicht gethan haben, weil Sie unmittelbar nach Ihrer Geburt griechisch-orthodox getauft worden sind. Für Denjenigen, . der auch nur die elementarste Kenntniß der russischen Reichsgesetze über gemischte Ehen besitzt, war dies von vornherein selbstverständlich. Wenn also der Einsender seinen Satz wirklich auf Sie bezogen hat, so hat er sich in einem Jrrthume befunden. — Bon Ihren uns eingereichten Arbeiten werden wir mit Vergnügen Gebrauch machen. Und jctzt im Leitartikel vom 23. September nennt sie ihn gleich in der zweiten Zeile den „ehemaligen Rabbinatscan di baten" und späterhin findet sie die Worte: „die bodenlos raffinirte Verteidigungsrede jenes getauften Juden", „in echt semitischer feiger Manier," „jener Jude — denn ein Jude schlimmster Art ist Paulus Meyer geblieben trotz der Taufe" u. A. m. Jetzt beruft sich Dr. Erwin Bauer auch auf Pastor von Bodelschwingh, obschon ihm doch M e y e r's Beziehungen zu diesem Geistlichen längst vor seiner (Bauers) Freundschaft mit Meyer bekannt gewesen waren. Jetzt leistet er sich den Satz: „Der „Deutsche Antisemi ten-Bund" in Berlin brachte diese zweifelhafte Persönlichkeit an die Oberfläche und glaubt, sie als Zeugen wider das Talmud- Judenthum verwerthen zu können." Das „Vaterland" vom 2. October glaubt endlich nachstehende „Enthüllung" seinen Lesern nicht.vorenthalten zu dürfen. Es schreibt unter der Spitzmarke: „[Wer hat den Proeess Paulus Meyer angestiftet?] Die „Sonn- und Montags-Zeitung“ lässt sich heute in ihrem Uebereifer für die Interessen der Judenschaft im Redactions-Briefkasten folgendes interessante Geständniss entschlüpfen: Neolöge: Der Abgeordnete Dr. Bloch hat sich um das Zustandekommen des Processes Meyer-Deckert ein unleugbares Verdienst erworben.. Wer dies in Abrede zu stellen sucht, ist ein Neidhammel oder ein Schwachkopf. Es wird also hier — was übrigens gleich vollkommen klar lag — offen zugestandeu, dass den von Paulus Meyer genannten russischen Juden ganz ferne stehende Personen sich — „Verdienste“ um das Zustandekommen des bekannten Processes erworben haben.“ Dem gegenüber wollen wir blos constatiren, daß auch die Richter und Geschwornen im Processe contra Deckert und Paulus Meyer sich über den wahren Sachverhalt vollständig klar waren. In seinem glänzenden Resumß an die Geschwornen sagte der Vorsitzende, Landesgerichtsrath Dr. Haller, wörtlich: „Wenn diese Personen klagbar aufgetreten sind wie im vorliegenden Falle, so ist es gleichgiltig, was diese Personen zur Klageführung veranlaßt. Es ist also gleich - giltig, ob diese Personen gar nicht zur Klageführung geschritten wären, wenn sie nicht von anderen Personen dazu veranlaßt worden wären. Es ist ja wie im vorliegenden Falle immerhin möglich, daß andere Personen durch diesen Artikel beleidigt wurden und daß sich diese Personen, weil sie sich beleidigt gesehen haben als Ganzes, als Religionsgenossenschaft, die Privatkläger veranlaßt haben, zu klagen. Das ist für die Entscheidung des Processes irrelevant. Thatsächlich ist, daß heute eine Klage vorliegt, daß wir den Proceß durchgeführt haben, und daß Sie judiciren müssen." Wenn es also ein Verdienst ist, schamlose Verleumder und Ehrabschneider vor alle Oeffentlichkeit in hüllenloser Nacktheit hingestellt zu haben, so darf der Abgeordnete Dr. Bloch dieses Verdienst allerdings für sich in Anspruch nehmen.