Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 40 (6.10.1893)
- Date
- 1893-10-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 40 Vryerreichischr WochenschrM Seite 785 Führer gehandelt haben. Wenn der Fanatismus in Schönerer nicht die Fähigkeit logischen Denkens erstickt hat, dann muß er sich sagen, daß seine eigenen Creaturen an ihm selbst die Rassentheorie zu Schanden gemacht haben. Es gibt keine Schurkerei, die an ihm nicht begangen worden wäre. Sie haben seine unfreiwillige Buße dazu benützt, um ihn seinen Wählern zu entfremden, um ihn, den Wehrlosen, in den Augen seiner einstigen Anhänger verächtlich zu machen, sie haben unter dem Vorwände, der nationalen Idee zu dienen, die führerlose Armee in das Lager des Jesuitismus hinübergelockt. Das ist „deutsche Treue", das ist arische Biederkeit! Und die Versammlung in Krems? O, sie wissen wohl was sie thun, die Herren Pattai und Bergani! In wenigen Wochen läuft die Zeit ab, für welche Schönerer der bürgerlichen Rechte verlustig erklärt wurde. Die edlen Seelen zittern heute bereits vor der Möglichkeit, daß er dann wieder auf dem Plane erscheinen und an ihnen das verdiente Strafgericht vollziehen könnte. Da muß vorgebaut werden! Wenn Dr. Pattai und Vergani leben sollen, muß Schönerer ein tvdter Mann bleiben. Wir haben wahrhaftig keine Ursache, das Wiedererscheinen Schönerer's auf dem politischen Schauplatze zu wünschen. Aber immer noch besser ein ehrlicher Gegner, als diese Sippschaft, die Fälscher und Meineidige, Heuchler und Verräther, Lügner und Betrüger wähl- und scrupellos in ihren Reihen willkommen heißt. Auch in diesem furchtbaren Kampfe für unsere Existenz behalten wir die allgemeinen Interessen der Gerechtigkeit und Ehrlichkeit im Auge. Antisemitische Pretzstimmen über den Proreß contra Deckert und Paulus Meyer. Unter allen biblischen Namen hat keiner so viel Glück gehabt wie der Name Joseph, der in hebräisch correcter Aussprache sortlebt unter den Völkern und sich bei Christen und Mohammedanern einer ungewöhnlichen Popularität erfreut. Der Landespräsident, Geheimrath, Hoftraumdeuter erster Classe, Großmeister des Schwertordens mit den königlichen Ornamenten in Egypten, der von seinem Vater den Namen Joseph empfing, war der erste Jude, der in einem fremden Staate es zu einem hohen Range, zu einer einflußreichen Stellung gebracht hat, der über Orden, Titel und Reichthümer verfügte. Und Egypten marschirte damals an der Spitze der Civilisation und der Joseph war als Sclave nach Egypten gekommen. Er war dann gleichzeitig der erste Rothschild und der erste Lord Beaconsfield und hat somit die Eigenschaften seiner Rasse mit unzweifelhaftem Erfolge zur Geltung gebracht. Nach Dühring, dem großen Propheten der Antisemiten, dem Bileam in manchen Stücken ähnlich, aber mehr zum Fluchen geneigt, ist es^ verboten, Joseph zu heißen und das ist wenigstens consequ°nt. Allein für Namen ist man nicht verantwortlich, so wenig wie für die Abstammung. Der Pfarrer von W e i n h a u s jedoch begnügt sich nicht damit, den Namen Joseph zu führen, sondern er leitet aus dem Namen auch die Pflicht ab, eine Monatsschrift herauszugeben „zur Verbreitung der Verehrung des heiligen Josep h". Hoffentlich wird der egyptifche Joseph sich nicht darüber grämen, daß nicht ihm diese Huldigung vermeint ist. Eine einzige Zeile des heiligen Augustinus hat mehr Werth als Alles, was der Sendbote von Weinhaus in seinen achtzehn Jahrgängen brachte. Aber er selber, der Pfarrer Dr. Joseph Deckert nämlich, spiegelt in dem „Sendboten des heiligen Joseph" (Selbstverlag des Herausgebers) sich deutlich genug wieder und man erspart sich einen Weg nach Weinhaus, wenn man ein Heft des „Sendboten" gesehen hat. Der heilige Jo sep h des „Sendboten" ist selbstverständlich Joseph der Nährvater. Der „Sendbote" hat eine besondere Gebetsrubrik. Die Hilfe des heil. Joseph wird angerufen in allen schlimmen Lagen des Lebens, in Krankheit oder in Geldnoth, bei herannahender Reichsrathswahl, wenn Gefahr „im Stalle" droht, oder wenn es gilt, eine „jüdische Concurrenz" niederzuringen. In den Monaten unmittelbar vor seinem letzten Proceß hatte der Pfatrer von Weinhaus ein besonderes Anliegen zum Gebet empfohlen. Da finden wir im Augustheft folgende Zeilen: „Glücklicher Ausgang eines tendenziösen Ehrenbeleidigungsprocesses, den russische Juden' auf Veranlassung von Wiener Juden gegen den Redacteur dieses Blattes anstrengen. Dr. D." Der Proceß hat auch wirklich einen „glücklichen Ausgang" genommen. Auch im Septemberheft lesen wir in den Gebets- Einpfehlungen: „Glücklicher Ausgang des gegen den Redacteur dieses Blattes anhängig gemachten Tendenz-Processcs vor dem Wiener Schwurgericht. Dr. D." Man kennt diesen Proceß; man weiß, daß Doctor Deckert die furchtbare Beschuldigung gegen die Juden verbreitete. In dieser Sache hat Dr. Deckert die Fürbitte des heiligen Joseph des Nährvaters in Anspruch genommen. Im Evangelium St. Matthäi lesen wir im ersten Capitel die Genealogie des heiligen Joseph, alle seine jüdischen Ahnen. — Der Engel aber sagt im Traume zu I o s e p h d e m N ä h r v a t e r: „I o s e p h, du Sohn Davids fürchte dich nicht". Im Evangelium Lucä, auch im ersten Capitel, ist ein Gebet mit folgenden Zeilen: „Er denket der Barmherzigkeit und hilft seinen Diener I sra e l auf. Wie er geredet hat unserenBätern und seinem Samen ewiglich". Weiß der Herr Pfarrer Deckert, von wem dieses Gebet ist? Ist es angemessen, die Fütb.tte des heiligen Joseph in Anspruch zu nehmen, damit er, der Cohn Davids, Judas und Abrahams, der das Gesetz Moses strenge gehalten hat, in einem Proceffe Diejenigen in Schutz nehme, welche gegen das Volk, dem er angehörte, gegen die Juden, die furchtbarsten und ungerechtesten Verleumdungen ausgestreut haben? Der heilige Joseph hat sich um das Gebet des Pfarrers von Weinhaus nicht gekehrt und den „glücklichen Ausgang des Processes" hat er den Juden von Ostrom zugewendet, welche seine „Blutsverwandte" sind, wie Luther sich auszudrücken pflegt, „seinen Brüdern und Schwestern". Hat vielleicht darum die Redactiou des „Vaterland" den Ausg ang des Pro c es ses a Ls „Triumph des Rassenantisemitismus" erklärt? * * Das „katholisch eVereinsblatt", welches seit Jahren seine Spalten mit Talmud und Blutritus füllt und der „Oest err. Volksfreund" des Dr. Psenner haben bis heute es nicht dazu gebracht, den Lesern den Ausgang des Deckert-Processes mitzutheilen. Der Schrecken ist ihnen in die Glieder gefahren und sie haben die Sprache verloren! „Nicht gedenken gedacht zu werden." Dagegen die Wiener „Politischen Fragmente" befaßten sich in Nr. 38 vom 18. September 1893 mit dem Proceß. Das antisemitische Organ gibt zunächst eine Darstellung der verschiedenen Blutmordprocesse im letzten Jahrzehnt, erzählt, daß die „Gelehrten" des Antisemitismus eine wissenschaftliche Begründung des Ritualmordes versucht haben und fügt hinzu: „Das machte die Sache für das Judenthum schlimmer, und wir begreifen es recht gut, daß man sich gegen die geistigen Beschuldigungen viel mehr zur Wehre setzen mußte, als gegen locale Ereignisse, da besonders letztere immer zu Gunsten der Juden geendet haben. Und damit begann der schlau angelegte und ebenso schlau durchgeführte Feldzug gegen die Verbreiter des Ritualmordes, ein Feldzug, der Freitag mit der vollständigen Niederlage des letzteren endete." Die Redaction der „Politischen Fragmente" gelangt zu der Vermuthung, daß Paulus Meyer im Aufträge der Judenschaft die Taufe genommen, sich in antisemitische Dienste begeben, um die katholische Theologie zu blamiren. Anders weiß sich die Redaction die Vorgänge nicht zu erklären. Der Artikel bemerkt: „Wäre ein jüdischer Gelehrter einem christlichen so ausgesessen, wie die Herren Dr. Deckert und Professor Rohling Herrn Paulus Mayer ausgesessen sind? Denn auch Professor Rohling ist in dem Proceß unterlegen, wenn er auch nicht angeklagt war; er hatte Paulus Meyer als „höchst vertrauenswürdig" empfohlen und auf diese Empfehlung wurde Letzterer von Dr. D e ckert ausgenommen. Freilich tritt auch eine andere Frage heran: die Billigkeitsstage, die