Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 40 (6.10.1893)
- Date
- 1893-10-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 784 Nrstewektzlptzr Wochrnschrifl Nr. 40 Schüler der anderen Confession und das Recht der Ettern und Schüler ein Wort zu reden und darauf hinzuweisen, daß die religiösen Empfindungen jedes Bekenntnisses geschont werden müssen, verschieden in der Schule, ohne daß dagegen Protest erhoben wird. Das ist unsere neueste Errungenschaft in Wien; die Schule ist zur katholisch confessionellen Schule geworden trotz des Gesetzes und trotz des Schulrathes und sogar unter Mitwirkung des Schulrathes. Das Gebet ist katholisch, die Kinder der Protestanten und Juden werden wohl als heidnisch erachtet; für diese hat die Schule kein Gebet; sie erachtet sich sogar jeglicher Rücksicht auf ihre Anwesenheit entbunden. Die Bedeutung dieses Ereignisses geht weit über die Schule hinaus. Der Kampf gegen die Verfassung und der Kampf um die Schule, das sind historische Erscheinungen im österreichischen Verfassungsleben. Die Clericalen und Feudalen, sie gingen mit den Feinden der Verfassung stets Hand in Hand, weil sie die freie Schule und überhaupt den in der Verfassung verkörperten Liberalismus bekämpfen wollten. Der Kampf gegen die Verfassung dauert fort; aber die freie Schule ist bereits ein überwundener Standpunkt. Clericale und Feudale haben ihr Ziel erreicht; die Eroberung der Schule durch diese Parteien ist eine Thatsache. Es könnte zu einer irrigen Auffassung führen, wenn wir von der Rückkehr zur Schule des Concordats sprechen würden. Das Concordat stand auf dem Papier; im Volke und in der Schule lebte der Geist der Duldung und der Freiheit. Jetzt haben wir den Antisemitismus und jetzt hat die Metamorphose in den Schulen ganz andere Conseguenzen als zur Zeit des Grafen Leo Thun, der trotz seiner Begeisterung für das Concordat doch auch für die wissenschaftliche Hebung des Unterrichts viel gethan hat. Jetzt aber fahren wir mit voller Dampfkraft in den Nebel hinein, und die Liberalen wagen es nicht einmal, die Nebelglocke zu läuten. Es gibt ja große Momente im österreichischen Verfassungsleben. Damals als die confessionellen Gesetze vom Herrenhause angenommen wurden, damals ging eine aufrichtige Begeisterung durch das Volk. Man hörte die Sprache Kant'scher Philosophie aus dem Munde Rokitansky's und ein Meer von Licht schien von Wien auszuströmen. Und damals als das Volksschulgesetz im Abgeordnetenhause angenommen wurde, damals schritt die Göttin der Freiheit durch das Haus und die liberalen Abgeordneten beglückwünschten sich gegenseitig in aufrichtiger Begeisterung. Das Alles ist verschwunden, ist dahin, als hätte es sich nie ereignet und „Die Freiheit, ein Traum" wäre der richtige Titel für die Geschichte des österreichischen Verfasfungslebens. Die Schule ist erobert, ist erobert vom Clericalismus. Man setzt sich hinweg über alle Bedenken, welche das Princip der Gewiffensfreiheit in der Schule erwecken könnte. Die freihcitlichen Principien des Schulgesetzes werden geräuschlos ausgelöscht, wie man mit dem nassen Schwamm die bekreidete schwarze Tafel abwischt. Der Fortschritt der Jahrhunderte hat in den civilisirten Staaten die Möglichkeit des religiösen Friedens geschaffen. Ist es denn zweckentsprechend für Religion, Staat und Gesellschaft, wenn die Aufgabe der Religion in der Schule so erfaßt wird, daß bei einem Theile der Schüler das Gefühl der Unduldsamkeit, bei dem andern Theile das Gefühl der Bevrückung entsteht? Die freie Schule ist in ihren Fundamenten erschüttert; die Verfassung steht noch aufrecht. Aber von den idealen Hoffnungen, die an die Verfassung sich knüpften, was ist denn da - noch übrig? Die Gleichberechtigung der Staatsbürger wird in den antisemitischen Kundgebungen jeden Tag tausendfach verhöhnt und durch den Verein „Die christliche Familie" werden die Juden boycottirt trotz aller Gleichberechtigung. In den Gemeindevertretungen gewinnt die Reaction fortwährend mehr an Macht. Selbstmörderisch zerstört das Volk mit eigener Hand seine Freiheit. Der Liberalismus ist heiser geworden und hat die Sprache verloren; eingeklemmt zwischen nationalem Fanatismus und jenen Elementen, die dem Clericalismus sich zur Verfügung stellen, hat er den Math und die Begeisterung verloren und hat nicht mehr die Kraft zu einer energischen Vertheidigung seiner Principien. Die Verfassung ist noch aufrecht, aber die Atmosphäre des öffentlichen Lebens ist mit Nebeln erfüllt, welche die Brust beklemmen und eine düstere pessimistische Stimmung erzeugen. Der Niedergang der Ideen und der Gesinnung manifestirt sich in der Schule und daher nannten wir die Schule einen Gradmesser unserer Staats- und Volksentwicklung, einen Gradmesser für die fortschreitende Preisgebung des Liberalismus. Die Engel steigen nieder an der Jakobsleiter und bald wird unsere Freiheit ein Traumgebilde sein, und wir werden ihr ein Denkmal errichten können wie Jakob in Bethel. Allzuspät wird das Volk in Oesterreich bedauern, seine Freiheit selber erwürgt zu haben, die Freiheit, die es einstens mit Recht als das Werthvollste zu betrachten gewohnt war. Schönerer und seine ehemalioen Genosten. (Ein Capitel von „deutscher Treue".) Die letzte Wanderversammlung des christlich-socialen Vereines in Krems ist nicht nach ihrer vollen Bedeutung gewürdigt worden. Das öffentliche Interesse wurde fast vollständig durch die Schußgeld-Theorie des Ritter Stampiglius absorbirt. Allein das Schwergewicht jener Versammlung liegt in der Thatsache, daß Krems der Wohnort Georg Schönerer's ist und daß seine deutsch-nationalen Anhänger daselbst von den Christlich-Socialen unter Führung Vergani's und Pattai's mit Faust- und Stockschlägen tractirt wurden. Man muß sich nur die Anfänge der antisemitischen Bewegung in Wien in's Gedächtniß zurückrufen, um zu ermessen, was diese „Schlacht von Krems" bedeutet. Im Anfang war das Nichts, dann aber kam Georg Schönerer, und erst lange nach ihm kamen die Pattai und Bergani, die Psenner und Schneider. Sie Alle sind seine Creaturen, er hat sie aus dem Nichts emporgehoben und sie haben ihm den Staub von den Füßen geleckt. Aber als sie oben waren, all' die ehrenwerthen Herren, da sielen sie über ihren Schöpfer und Erzeuger her und behandelten ihn weit schlimmer, als Herr Pattai einst die Strohpuppe eines polnischen Juden im Münchener Löwenbräu behandelt hat. Sie zerrten seinen Namen in den Koth, sie beschimpften und verunglimpften ihn in Wort und Schrift. Es ist ein widerliches Schauspiel, das sich hier unseren Blicken darbietet, ein Schauspiel, in welchem die Gemeinheit, die Selbstsucht, der Eigennutz und die Undankbarkeit einen wüsten Reigen tanzen. Wir Juden hätten alle Ursache, über das Schicksal, das Schönerer von seinen eigenen Genossen bereitet wurde, zu frohlocken. Aber der Haß gegen den Mann, der uns die tiefsten Wunden geschlagen, der den Antisemitismus in seiner unversöhnlichsten Abart, der die Rassentheorie erfunden, hat uns doch die Unbefangenheit unseres Urtheils nicht getrübt. Man muß sagen, daß Georg Schönerer doch ein ehrlicher Mann ist, daß er nur in Befolgung einer tiefinneren Ueberzeugung seine herostatischen Wege gegangen ist. Er hat für die Ueberzeugung materielle Opfer gebracht und seine eigene Person exponirt, er hat aus seiner Gesinnung niemals Capital zu schlagen gesucht. Schönerer war niemals Verwaltungsrath einer Versicherungsgesellschaft und hat seine Politische Stellung nicht dazu benützt, sich eine lucrative Client! zu schaffen. Er hat niemals Stimmzettel gefälscht, ist niemals bei jüdischen Banken schnorren gegangen und hat niemals Armengelder in seine eigene Tasche gleiten lassen. Sein Kampf galt einem verwerflichen Ziele, aber er hat diesen Kampf doch nie mit vergifteten Waffen geführt und er hat vor Allem nicht sich selbst prostituirt. Und darum glauben wir, daß ihn Grauen und Abscheu ergreifen muß, wenn er sieht, welch erbärmliche Bande von Glücksjägern und Abenteurern er großgezogen hat und in welcher Weise von diesen die antisemitische Bewegung zu persönlichen Vortheilen ausgebeutet wird. Die Rassentheorie Schönerer's schreibt den Juden die schlechtesten Eigenschaften zu. Aber so niederträchtig schlecht, so schamlos undankbar, so feige und verrätherisch vermag auch der verkommenste Jude nicht zu handeln, wie diese biederen Arier, diese ehemaligen Genossen Schönerer's an ihrem Wohlthäter und