Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-09-29 · 39 (29.9.1893) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
39 (29.9.1893)
Date
1893-09-29
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3020954-3020993--02836-3026943
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sette 778 Vesterreichiptze WochenfchrM Nr. 3 9 sichereres Mittel einen Menschen, der unbequem geworden, aus dem Wege zu räumen, als ihn der Zauberei zu beschuldigen. Auch bei Angeklagten anderer Kategorien wurde die Folter angewendet, so daß die erpreßten Geständnisse nicht der Wahrheit, die in Folge derselben erflofsenen Urtheile nicht der Gerechtigkeit entsprachen. Im ganzen Fürstenlhume herrschte die größte Unzufriedenheit, allein sie gelangte aus dem Grunde nicht zu deutlichem Ausdrucke, weil schon der leiseste gegen die Machthaber ausgesprochene Tadel mit drakonischer Härte bestraft wurde. Der junge Landesfürst fühlte persönlich nur die finanzielle Misöre seines Leinen Landes. So jung er auch war, hatte er doch schon als Erbprinz namhafte Ehrenschulden an ausländische Creditoreu contrahirt, die nach seinem Regierungsantritte ungestüm emgeforöert wurden, und da er nicht geneigt war, das verschwenderische, wüste Leben, das er früher geführt, aufzugeben, machte er an seinen Finanz-Hofmeister') Ansprüche, die dieser nicht zu befriedigen vermochte. Etwa ein Jahr nach seinem Regierungsantritte, als er sich in den ärgsten Geldverlegenheiten befand, berief er meinen Onkel Elkan zur Audienz, um sich von ihm Rath und Beistand zu holen. Elkan Frankl, nicht nur ein tüchtiger Kaufmann, sondern auch ein Vtann von ungewöhnlicher Kühnheit, staatsmännischem Scharfblick, feinstem Benehmen und elegantesten Umgangsformen, ganz zum Hofmann und Fürstengünstling geschaffen, erwies sich als Retter in der Noth. Nicht nur, daß er dem Markgrafen die große Summe, deren er zur Regelung seiner Privatangelegenheiten bedurfte, vorstreckte, machte er ihn auf die Schäden in der Verwaltung seines Landes aufmerksam, rieth ihm, die betrügerischen blutsaugerischen Beamten zu entlaffen, eine gerechte, gleichmäßige Steuervertheilung einzuführen. Auch ertheilte er ihm Rathschläge, wodurch die Ausgaben vermindert, die Einnahmen in zweckmäßiger, den Einzelnen nicht bedrückender Weise vermehrt würden, so daß bald das Gleichgewicht in dem Staatshaushalte hergestellt wurde. Dadurch hatte sich Elkan Frankl allerdings viele Feinde, aber auch das Vertrauen und die Achtung des Markgrafen in so hohem Grade erworben, daß er ihn. freilich ohne ihm den Titel eines Ministers zu verleihen, zum Mitglieds seines Staatsrathes machte, dem er selbst präsidirte und der aus dem Minister Bredow dem Regieruagsrathe Wehl und meinem OnkelMkan bestand." „Es hatte dies seinerzeit das höchste Aufsehen erregt, meinte Wertheimer. „Ihr Vater und Ihr Oheim galten für die einflußreichsten Personen im Fürstenthume Ausspach, deren Rathschläge Friedrich Wilhelm blindlings befolgte." „Mein Vater" fuhr Rafael Fränkl fort, „von dem ich hoffe, daß Gott ihn gnadenreich am Leben erhalten, dies aber leidernicht mit Bestimmtheit weiß, war ganz anders als Onkel Elkan geartet, der sich trotz mancher anerkennenswerther Vorzüge in keinerlei Weise meinem Vater an die Seite stellen kann." „Das ist allgemein bekannt", warf der Oberhoffactor dazwischen. „Mein Vater zählte ebenso wie Onkel Elkan zu den reichsten Juden Deutschlands. Beide Brüder hatten vom Großvater Henoch ein großes Vermögen geerbt und überdies jeder eine große Mitgift erheiratet; allein während Onkel Elkan sein reiches Einkommen dazu verwendete, hohe Ehrenstellen zu erlangen, ein fürstliches Haus zu führen, glänzende Feste, denen der Markgraf, die Minister, der Landesadel anwohnten, zu geben, war mein Vater dem Stande seines Vaters treu geblieben, war früher Rabbiner in Jostädt, dann in Fürth, lebte nur seinem Gotte, seinen Glaubensgenossen, der leidenden Menschheit. Mein Vater besitzt immenses religiöses und profanes Wissen und es liefen aus allen Theilen der Welt und von den hervorragendsten Rabbinern, Anfragen in religiösen Angelegenheiten bei ihm ein. Er besitzt einen durchdringenden Verstand, vermag sich rasch ein richtiges Urtheil zu bilden, allein da er sich in seinem Denken und Streben stets dem Höheren zu-, den materiellen Lebensverhältnissen aber abwendet, ist er ein unglaublich unpraktischer Mensch geworden, der, wenn es sich um das Interesse Anderer handelt, energisch aufzutreten vermag, in seinen eigenen Angelegenheiten aber unbeholfen ist, förmlich hilflos erscheint. Seine Frömmigkeit ist völlig unschilderbar, er besitzt eine hinreißende Rednergabe, die reichste Gedankenfülle, die vortrefflichste Ausdrucksweise wird durch ein klangvolles, biegsames Organ, durch den Eindruck seiner gewinnenden Persönlichkeit, durch sein imponirendes Aeußere in hohem Grade unterstützt. *) Finanzminister. Allein, wenn mein Vater auch nicht alle diese Vorzüge besäße, wenn er ein Unwissender, wenn er ein Heide wäre, würde er als edler, opferwilliger Mensch eine bewundernswürdige Erscheinung bilden. Mein Vater ist ein Mann, der sich — verzeihen Sie der vergötternden Sohnesliebe die kühne Behauptung — Ihnen Herr Oberhoffactor und Oberrabbiner, der Sie ein Schmuck der Judenheit, eine Zierde der Menschheit sind — würdig an die Seite stellen kann. Um keinen Zug in dem Bilde meines Vaters auszulassen, will ich noch hinzufügen daß er auch der zärtlichste Gatte und Vater ist. Er erfüllte jeden Wunsch meiner Mutter, den er ihr nur von den Augen ablas und für das Wohl seiner Kinder war ihm kein Opfer zu groß. Während er die ganze Zeit insoserne sie nicht von feinen Rabbinatspflichten in Anspruch genommen wurde, in einer ärmlichen Klause dem Studium der Gotteslehre oblag, wohnte seine Familie in hohen, luftigen, glänzend geschmückten Räumen; während er aus Frömmigkeit, aus demuthsvoller Begnügsamkeit, nur an Sabbathen und Feiertagen, wo dies durch religiöse Vorschrift geboten ist, Fleischkost genoß, sonst aber sich in Speis' und Trank weit mehr einschränkte, als der ärmste der zahllosen Bettler, die er mit königlicher Großmuth beschenkte — war unsere Tafel, an der sich stets Gäste, zumeist durchreisende Gelehrte und Talmudjünger befanden, mit den auserlesensten Gerichten reich besetzt. Die Mutter und wir Kinder waren stets prächtig gekleidet, meine Schwester und ich, wir wurden wie Fürstenkinder erzogen, wir wurden in fremden Sprachen, in allem Wissenswerthen, ich auch' in allen ritterlichen Künsten unterrichtet. — Mein Vater hatte sich nie an den Markgrafen gedrängt, im Gegentheil jede Annäherung vermieden und diese erst dann gesucht, als ihm dies als Pflichtgebot erschien.,, „Die Angelegenheit, die Sie andeüten, hatte seinerzeit großes Aufsehen erregt und wurde verschiedenartig erzählt", meinte Wertheimer, „ich bin begierig, nun den wahren Hergang aus bester Quelle zu erfahren." (Fortsetzung folgt.) Literatur. In unserer Zeit, wo für das Gebet im Allgemeinen immer seltener Gelegenheit geboten ist, hat sich das Bedürfniß herausgestellt, für bestimmte Gelegenheiten und insbesondere bei Trauerfällen den Leidtragenden ein Büchlein in die Hand zu geben, das in gedrängter Kürze sowohl den religiösen Pflichten und Gebräuchen, als auch dem Gefühle der Pietät vollkommen entspricht. Von diesem Gesichtspunkte aus begrüßen wir das soeben im Druck befindliche Merkchen Atirat jizchak, zusammengestellt und herausgegeben von dem allgemein beliebten Cantor im Stadttempel, Herrn Jsak Schiller, auftdas Freudigste. Der Herausgeber, in richtiger Auffassung des Bedürfnisses unserer Zeit, hat es sich in anerkennenswerther Weise angelegen sein lassen, seine auf liturgischem Gebiete reichen Erfahrungen zu verwerthen und aus dem reichen Schatze des Guten das Beste zu wählen und damit den Leidtragenden einen Behelf des Trostes und der Ergebung in die Hand zu geben. Der Inhalt dieses recht nett ausgestatteten Buches der Andacht enthält das Abend- und Morgengebet mit den entsprechenden Kadeschim. — Für den Jahreszeittag enthält es die üblichen Gebete, sowohl für das Gotteshaus, als auch für das Gebet am Grabe. — Der Vollständigkeit halber wurde die „Haskarah" (Seelenandacht) genau nach der Beiordnung des Tempels in der Seitenstettengasse ausgenommen, nebst einer Tabelle zur Berechnung des Jahreszeittages. — Das Buch bedarf keiner weiteren Empfehlung, es spricht für sich selbst. Zu beziehen beim Herausgeber, Cantor I. Schiller, I., Seitenstettengasse 4, sowie beim Buchhändler I. Schlesinger, I., Seitenstettcngasse 5. Kalender für Israeliten für 5654. Der Verein „Oesterreichisch-israelitische Union" hat sich durch die Herausgabe dieses Jahrbuches im 2. Jahrgange ein wesentliches Verdienst erworben. Erst hiedurch erlangt man ein Bild des jüdischen Gemeinde- und Bereinslebens in Wien, welches erfreulicher Weise der größten jüdischen Gemeinde des Continents alle Ehre macht. Aber auch in anderer Weise verzeichnet der Kalender einen Fortschritt, indem er, die veraltete Fornr verlassend, in einem neuen, modernen Kleide erscheint, den überflüssigen Ballast abschüttelte und den Inhalt den dermaligen Ansprüchen vollkommen anpaßte. Wir finden daher vorerst den kalendarischen Theil

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.