Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 39 (29.9.1893)
- Date
- 1893-09-29
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 39 Vesterreichlfche Wochenschrift Sette 777 Berlin. (Die Antisemiten unter sich.) Inder „Tonhalle" in Leipzig wurde an einem der letzten Abende eine Radauversammlung abgehalten, in welcher Dr. Wesend o n ck, Victor W i r t h und Lehrer K l e e b e r g auf die von dem Redacteur Dr. Erwin Bauer kürzlich gegen sie gerichteten Angriffe antworteten. Bauer wurde nunmehr von Wesend o n ck des Wortbruchs beschuldigt, namentlich gegen den Rechtsanwalt H e rtw ig, der ihm einen Wechsel über 2700 Mark acceptirt habe. Bauer hätte ihn entgegen seinem Ehrenwort nicht eingelöst. Es spielten sich äußerst turbulente Scenen ab. Nachdem Bauer in einer längeren Erwiderung sämmtliche gegen ihn erhobenen Beschuldigungen als unwahr bezeichnet hatte, wurde, die Versammlung unter ungeheurem Scandal geschlossen. Berlin. Herr Stöcker wird, wie die „Kölnische Ztg." berichtet, aus den Vereinigten Staaten von Amerika bitter enttäuscht zurückkehren. Herr Stöcker glaubte, daß die Amerikaner ihm in hellen Schaaren Zuströmen würden, und Bruder Moody, der Impresario des Herrn Stöcker, war derselben Ansicht. Herr Stöcker hat am 6. d. M. zum ersten Male in Chicago gepredigt, es waren im Ganzen nur 500 Personen erschienen, die einen rein theologischen Bortrag zu hören bekamen; denn getreu dem eingegangenen Vertrag hielt sich Herr Stöcker von jeder Polemik fern, mit keinem Worte berührte er die Judenfrage. Amerikanische Zeitungen prophezeien, daß nach dieser Premiere Herr Stöcker ohne jeden Erfolg nach Berlin zurückkehren wird. Fürstengunst. Roman von S. Kohn. Verfasser von „Gabriel". Jeder unbefugte Nachdruck wird mit aller Strenge verfolgt werden. Uebersetzungs» 26) rechte Vorbehalten.) Fünfzehntes Kapitel. Nachdem der Prinz das Gemach verlassen, herrschte geraume Zeit die tiefste Stille in demselben. Rafael Levi, wie wir ihm noch immer nennen wollen, hatte soeben in rascher Aufeinanderfolge so Vielfaches und so Verschiedenartiges erlebt, daß er sich bis in den Urgrund seiner Seele erschüttert fühlte. Auch Perez Markbreiter war tief bewegt. Das was er aus dem Gespräche zwischen dem Prinzen und Eva's Bruder herausgehört, klang ihm so sonderbar, so unverständlich, daß er einige Minuten lang zu träumen glaubte, Mühe hatte, sich davon zu überzeugen, daß er nicht das Opfer einer Hallucination, daß er Augen- und Ohrenzeuge eines thatsächlichen Erlebnisses gew^sM. Der Oberhoffactor behielt zwar seine würdevolle Ruhe bei, aber die Thränen, die in seinen Augen glänzten, bewiesen seine warme Theiluahme. Er war der Erste, der, sich an Levi wendend, das Schweigen brach. „Die Hoffnung, die ich für Sie ausgesprochen, hat sich durch Gottes' Huld weit rascher erfüllt als ich erwartet hatte. Die Protection eines der einflußreichsten Männer der Welt verscheucht jede Gefahr, die bislang über Sie und die Ihren geschwebt, auch werden wir jetzt, wo wir jeder Rücksicht ledig sind, mit Gottes Hilfe die Spuren Ihrer Mutter und Schwester rasch auffinden können." „Das Alles hoffe ich auch", sprach Levi, „aber noch immer lastet eine fürchterliche Ungewißheit auf meiner Seele — aber Gott, der so wunderbar geholfen, wird in seiner Gnade auch den hartenSchlag, den ich befürchte, von mir ferne gehalten haben. Meine Seele ist dankerfüllt gegen Gott und gegen Sie Herr Oberhoffactor, der Sie den Fremden, Unbekannten, der pochenden Herzens die Schwelle Ihres Hauses betrat, gastfreundlich aufnahmen, ihm ein Asyl boten, ihm Vertrauen schenkten. Hätte Gottes Huld mich nicht in Ihre Hand geführt, ich hätte nicht, erfahren, daß Mutter und Schwester noch am Leben, ich hätte nichts von dem gegen den Prinzen geschmiedeten Complotte erfahren, wenn ich nicht in Ihrem Hause gewesen, ich hätte aus Furcht, mich zu verrathen, die Anzeige unterlassen müssen, hätte ich diese doch gewagt, man hätte den Angaben eines Unbekannten keinen Glauben geschenkt, eine Anzeige von mir wäre wirkungslos geblieben — und auch Ihnen", wandte er sich an Perez Markbreiter, „bin ich zu höchstem Dauke verpflichtet! Was Sie an meiner Mutter und Schwester gethan, das kann nicht ich, das kann Ihnen kein Mensch, das kann Ihnen nur Gott lohnen! Möge Ihnen das höchste Glück auf Erden zu Theil werden!" „Ich hoffe", sprach Wertheimer, „daß Herr Markbreiter demselben mit Gottes Hilfe weit näher steht, als er noch vor kurzer Frist hoffen durfte. Herr Perez Markbreiter hat mir gestanden, er liebt Ihre Schwester und sie erwidert seine Liebe, doch als Herr Aron Markbreiter bei Ihrer Mutter für seinen Sohn um Ihrer Schwester Hand warb und die beiden Frauen um Angabe Ihres Namens und Ihrer Verhältnisse ersuchte, verweigerten Sie jede Auskunft und zogen es vor, ihr ruhiges Asyl zu verlassen und unbekannt wohin zu fliehen. Ich glaube er wird Ihr Schwager werden." „Ich könnt' mir keinen lieber» wünschen!" warf Levi dazwischen. „Und Herr Perez Markbreiter kennt noch Ihren Namen, Ihre Vergangenheit, die merkwürdigen Schicksale Ihrer Familie nicht! — Schon seit einiger Zeit hatte ich die Wahrheit vermuthet und nach dem, was der Prinz mit Ihnen gesprochen, fand ich meine Bermuthung bestätigt, allein auch mir ist Vieles aus Ihrer Vergangenheit nicht klar. Ich würde Sie bitten, uns Ihre Lebens- und Familiengeschichte mitzutheilen." „Das will ich herzlich gern," sprach Levi, „es thut mir wohl, den Schleier der Geheimnisse, in de.l ich mich hüllen mußte, endlich abzuwerfen." Wertheimer ließ sich in dem Lehnstuhl nieder, die beiden jungen Leute setzten sich ihm gegenüber und Levi begann. „Ich bin ein Sprosse der alten Wiener Familie Fränkl. Mein Großvater Henoch mußte 1670 bei der Judenvertreibung aus Wien mit allen andern Glaubensgenossen seine Heimat verlassen. Er hatte sich zuerst nach Bamberg gewendet, war dann nach Hanau, schließlich nach Fürth gegangen, wo er sich dauernd niederließ. Mein Großvater besaß zwei Söhne, Elkan und Hirsch, der letztere ist mein Vater." „So ist," rief Perez Markbreiter, „Eva die Tochter eines Mannes, der sich der höchsten Verehrung erfreut, dessen trauriges Schicksal in den weitesten Kreisen die höchste Theilnahme erweckte?" „Von den beiden Brüdern war Onkel Elkan jener, der zuerst in nahe Beziehungen zu dem Markgrafen Friedrich Wilhelm von Ansbach trat. Dieser succedirte 1703, als achtzehnjähriger Jüngling seinen Bruder Wilhelm Georg, welcher, in österreichischen Kriegsdiensten stehend, während seiner neunjährigen Regierung stets von seinem Lande abwesend gewesen, und sich nie um dasselbe gekümmert hatte. Friedrich Wilhelm fand daher bei seinem Regierungsantritte die desolatesten Zustände vor. Alle Beamten, vom untersten Schreiber bis zum »Ner ego des Fürsten hinauf, waren bestechlich und sahen nur auf ihren eigenen Vortheil: für Geld war Alles von ihnen zu erlangen. Die Einkünfte des Landes flössen lediglich in ihre Taschen. Mit den Beamtenstellen wurde von den Ministern ein förmlicher Schacher getrieben, wer eine solche in Ansback erlangen wollte, brauchte - keine Befähigung nachzuweisen, nur einen höheren Kaufpreis als seine Mitbewerber zu zahlen. Trotzdem das Volk mit unerschwinglichen Steuern belastet war, geschah für dasselbe nichts. Es gab keine Schulen, keine Kranken- und Armenhäuser, keine gebauten Straßen und die Unsicherheit im Lande, in welchem es von organisirten Diebs- und Räuberbanden wimmelte, hatte den höchsten Grad erreicht. Die Gerichtspflege war die erbärmlichste, die man sich nur vorzustellen vermag. Ein reicher Mann oder wer ein schönes Weib, eine schöne Tochter, eine schöne Schwester besaß und niederträchtig genug war, ihre Ehre seinem Vortheile zu opfern, konnte sich in Ansbach von den schärfsten Strafen loslösen und demgemäß ungeahndet die schwersten Verbrechen begehen. Dagegen wurden alljährlich Hunderte als Hexen oder Zauberer verbrannt. Auf die Anzeige des ersten Besten, der Jemanden der Zauberei beschuldigte, wurde dieser eingezogen. Ein armes, altes Weib, das rothe triefende Augen hatte, jeder Mensch, an dessen Körper sich das kleinste Muttermal befand, wurde sofort zum Feuertode verurtheilt. Andere so lange gefoltert, bis sie das angedichtete Verbrechen gestanden und dann demselben furchtbaren Schicksale anheimfielen. Und nicht nur blöder Unverstand, beklagenswerthe Sinnlosigkeit, auch scheußliche Niedertracht erhob mit dem vollen Bewußtsein, einen Unschuldigen einem qualenreichen Tode entgegenzuführen, derlei Anklagen. Es gab im Fürstenthume Ansbach kein leichteres und