Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 39 (29.9.1893)
- Date
- 1893-09-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Oesterreichiptze Wochenschrift Seite 772 Nr. 39 nach allen Seiten. Ob die Huldigung der zaubergewaltigen Erscheinung, oder seinen bekannten Charaktereigenschaften, oder den sogenannten Tendenzen seines Blattes galt, wage ich nicht zu entscheiden. Vielleicht allem zusammen. Plötzlich entstand eine stürmische Bewegung. Wuthgeheul erhob sich, geschwungene Stöcke sausten nieder — „Ein Jud ist da, ein Jud!" Es war aber nur ein blinder Semitenlärm, denn der Betroffene war gar keiner. Man bat ihn dann, die ganze Sache als ungeprügelt zu betrachten. Mit mehreren blauen Augen und sich sachte den Rücken reibend, verließ er den Hauplatz des Vergnügens. Ein junger Priester der Nächstenhiebe hatte sich besonders eifrig an dem Verhöhnungswerke betheiligt. Es waren aber auch noch viele andere dieser Kategorie da, daß es mir ordentlich schwarz vor den Augen wurde. Der erwähnte Cooperator stand mit seiner Anhauungsweise keineswegs allein. — Nach dem vermeintlichen Juden kam die Reue leider an uns Teutsch-Nationale. „Heiß' mich nicht reden, heiß' mich schweigen —, denn mein Geheimniß ist mir Pflicht; — ich möchte Dir mein ganzes Aeuß'res zeigen — allein das Schicksal will es nicht" singt Mignon und ich bediene mich dieser Dichterworte, obwohl mir nicht sehr gesanglich zu Muthe ist. Eine Ruhepause mußte eintreten. Während des Stöckestillstandes, wurde der Antisemiten-Verband im Hofe in's Werk gesetzt; ja wohl. Was Pattai gesprochen,, habe ich so ziemlich vergessen. Ich glaube von der streitbaren — au! — Kirche war es was. Vergani, der scheinbar antheilslos zuhörte, horchte auf, das „bare" interessirte ihn an der Sache. Der Doctor Psenner hielt einen Vortrag über den Liberalismus und erzählte, der große Räuberhauptmann weiland Rozsa bndor, wäre ein in der Wolle gefärbter Liberaler gewesen. Psenner muß mit den hervorragendsten Banditen der Neuzeit im lebhaften Verkehr stehen, wenn er so genau über die politischen Anschauungen der beliebtesten Gauner und Hallunken informirt ist. Kein Zweifel. Ob Schinderhannes clerical war — wer wagte es zu entscheiden? — außer mir, der ich es fest behaupte. Er war nämlich eifriger Kirchgänger. Vom Besuche des Gotteshauses ließ er sich nicht einmal abhalten, wenn es versperrt war und bei stockfinsterer Nacht. Vergani berichtete das Neueste von seiner deutsch-nationalen Gesinnung.. Das politische Mädchen für Alles pries seine Tugend, Reinheit und Sittsamkeit mit der Grazie einer alten Badwaschlerin. Pater Scheicher, der neben dem Pranger aus Krems stand, welcher jedoch erst nach ihm das Wort ergriff, sagte, daß Deutschthum und Kirche sich ganz gut vereinbaren ließen. Vergani fuhr abermals aus seinen Träumen jäh auf; natürlich, weil wieder was „bares" dabei war. Die Ptöce de rgsistance — zu deutsch: das widerstehende Stück — war jedoch die Rede des Ernst Schneider, Reichsraths¬ und Landtagsabgeordneten aus Wien. Geradezu reizend, aufreizend. Ich kannte ihn schon von früher. Hatte mal eine Partie Billard mit ihm gespielt. Johannes erinnert sich noch ganz gut daran. Alle Bälle fälschte er. Reden habe ich ihn auch schon gehört. Er spricht immer im Falsett und jedes Wort trägt die Stampiglie seines Geistes. Seine ganz allgemein gehaltene Bildung trägt er bescheidenerweise niemals zur Schau. So schön, so ergreifend wie diesmal jedoch hat er schon lange nicht gesprochen. Schon nach den einleitenden Fälschungen fühlten sich etwelche ergriffen und beflügelten Schwunges hinausbefördert. Er erwähnte seiner Studienreise nach Galizien, welches er bis zu 80 Percent verjudet fand. Er hat es selbst ausgezählt; dort hat er auch gesehen, wie ddr Jude mit der Peitsche hinter dem Pfluge herschreitet, vor dem er einen Ochsen und einen Bauer zusammen gespannt hat. Das hätte er meiner Ansicht nach nicht sagen sollen, weil er damit indirect zugestand, daß sich die Juden mit Ackerbau beschäftigen. Das war unklug und untaktisch. Uebrigens kann man mit einem Menschen und mit einem Ochsen zusammen gar nicht pflügen, das geht in der Praxis nicht, und wenn es ginge, wäre ja der Bauer der sich Vorspannen läßt, ein rechter Ochs und paßte dann einer ganz gut zum Andern. Kurz, ich halte das Ganze für keine der glücklichsten Erfindungen Schneider's. Auch der Vorschlag mit dem Schußgeld auf Juden, wie vormals auf Mongolen, gefällt mir nicht gar besonders. Wir Deutschnationalen sind im Gegentheil der Ansicht, daß die Juden keinen Schuß Pulver werth sind. Was würden denn die Juden umgekehrt für den leeren Kopf eines Schneider's zahlen, he? Gar nichts. Muster ohne Werth! Und er will ihnen ihre Köpfe für theueres Geld abkaufen und damit wieder indirect eingestehen, daß sie gute werthvolle Köpfe haben. Auch hat er hinzuzulügen vergessen, ob mit Ahlwardt'schen Judenflinten oder mit von ihm construirten Repetirstampiglien auf Semiten geschossen werden soll. Wenn Schneider's Vorschlag zur Ausführung gelangt, kann es noch passiren, daß der Fürst Liechtenstein den Baron Rothschild zur Jagd einladet! Ich halte das Ganze für Phantasiegebilde und eitel Hirngespinnst; nicht wahr, liebreizende Mila, Sitzcassierin meines Herzens? Zwar ist es schon oft genug vorgekommen, daß schöne aber gesinnungswackelige Arierinnen auf begüterte Juden Jagd gemacht haben, und rassenreine Cavaliere auf mit irdischen Gütern gesegnete Semitinnen, aber so denkt sich doch der verehrte Herr Reichsraths- und Landtagsabgeordnete gewiß nicht die Realisirung seines eingebrachten Antrages. Ich höre aus verläßlicher Quelle, daß eine hochgestellte Persönlichkeit bei Professor Krafft-Ebing für einen sehr guten Freund ein schönes, luftiges Zimmerchen bestellt hat mit fest vergitterten Fenstern. Es wird lichtblau austapeziert, weil diese Farbe auf das aufgeregte Gemüth von wunderbar besänftigendem Einfluß ist. Auch eine gut sitzende Zwangsjacke neuester Fagon ist bei dem Ebenstem dieser Costüme bereits in Arbeit. Für wen das Alles gehört?? fragen Mila, die Holde, und Johannes, der Kellner der Zahl, unisono und neugierigst. Pst, pst, Kinder! Das ist ein großes Geheimniß. Den Finger auf den Mund. I ch weiß es wohl, ob ich es Euch aber auch anvertrauen kann? Könnt Ihr wirklich schweigen? Es gehört für Niemand anderen als-ich sage es doch lieber nicht. Bin Dein alter Freud Teutobold. Wien. (Ein neues schweres Mißgeschick der internationalen Antisemitenbande.) Noch haben die antisemitischen Biedermänner sich von der schmählichen Niederlage im Proceß Deckert und Paulus Meyer nicht erholt, und schon hat sie ein zweites Unheil erreicht. In Bulgarien schwebte seit Langem gegen drei Juden eine Anklage wegen „rituellenMordes", wobeiderPrager Meineid-Carronieirs dem Staatsanwalt seine „theologischen Hilfsmittel" zur Verfügung gestellt. Die Anklage richtete sich gegen den Kaufmann Johann B e n b o s s a, dessen Ehefrau S e u t s ch a und den Gemischtwaärenhäudler L e v y, sämmtlich aus V r a tz a, welche beschuldigt waren, das achtjährige Mädchen Mitza Georgpheva zu rituellen Zwecken ermordet zu haben. Neben dem Staatsanwalt trat als Privatkläqer der Bulgare Teorgi Mokarpili auf, dessen achtjährige Mitza jene drei zu „rituellen Zwecken" gemordet haben sollen. Interessant ist die Thatsache, daß sämmtliche Advocaten Vratzas sich dem Privatkläger Mokarpili gratis zur Verfügung gestellt haben. Auf diesen Proceß haben also die Blutlügner aller Länder große Hoffnungen gesetzt; die antisemitische Hetzpresse wurde nicht müde, auf die bevorstehende Verhandlung sich vorzubereiten und die Wichtigkeit der dortigen Vorfälle in langen Artikeln auseinanderzufetzen. Und nun wurden f ämm tliche Angeklagtefreigesprochen; ja nicht blos der Vertheidiger, sondern der Staatsanwalt selber, der Vertreter der Anklage, beantragte die Freisprechung. Ec konnte auf die schmachvollen Enthüllungen aus den Processen in Holleschau und aus der jüngsten Schwurgerichtsverhandlung in Wien Hinweisen, - wie derlei Mordanschuldigungen freventlich geschmiedet werden und begehrte in einer glänzenden Rede die Freisprechung der Angeklagten. Vertheidiger Dr. Stoilow aus Sofia rühmte die Correctheit des Vorgehens des Staatsanwalts-Substituten und seine-Worte riefen im Saale großen Eindruck hervor. Die drei Angeklagten wurden denn auch nach dem glänzenden Plaidoyer, sreigesprochen. Wien. (Die konfessionelle Gleichberechtigung im Wiener Gemeinderathe.) Im Wiener Gemeinderathe sind derzeit die Liberalen am Ruder, letztere besitzen zweidrittel Majorität und nichts behindert sie, ihren Liberalismus zu bethätigen. Die Juden machen nahezu zehn Percent der Bevölkerung Wiens aus und zu den Gemeindekosten tragen sie ungefähr 25 Percent bei. Wie ist aber der Liberalismus der Gemeinderaths-Majorität thatsächlich beschaf-