Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 39 (29.9.1893)
- Date
- 1893-09-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 39 Defierrrichischr WochrnfttzrM Sette 771 Und als die Menschheit weiter schritt Um viele hundert Jährchen, Da beuteten gegen die Juden aus Die Christen das schaurige Märchen. Und als vie Welt ward aufgeklärt Bon Norden bis zum Süden, Da zückte dieselbe alberne Mär' Ein Jude gegen die Jüden. Und hinter dem Juden ein Pfarrer stund Und zupfte die alte Leier, Ein glaubenseifriger Streiter des Herrn, Er glaubte an — Paulus Meyer! Der Paulus Meyer ist Convertit, Berrohlingt und verstöckert, Denn als er den Glauben gewechselt hat, Bekam er heraus den — Deckert! Das ist der „Freund des Blutrituals", Der nur der Wissenschaft huldigt — Und so ein erhabener Forscher wird Der Mitwissenschaft beschuldigt! Er ruft: „Die Wissenschaft macht frei!" Das ist seine Losung auf Erden; Die Wissenschaft macht wirklich frei, Doch kann man auch eingesperrt werden. Im Forschungsdrange berichtigt man Die Wahrheit von gestern auf heute; Den Paulus Meyer lob' ich mir, Der bildet seine Leute. Er ist ein struppiger, wirrer Gesell, Verlogen seit seiner Kindheit; Sein rechtes Auge hat Gott der Herr Frühzeitig geschlagen mit Blindheit. Und doch will ein Augenzeuge sein Der blinde Talmudverdreher, Ein Augenzeuge! So sehen sie aus, Die heutigen blinden Seher! Wer Blut von lebenden Wesen genießt, Und sei es die kleinste Dosis, Soll ausgerottet für ewig sein — So steht's in den Büchern Mosis. Was aber kümmert ein Bibelwort Den Meyer und andre Schlemihle, Sie dichten zum alten Testament Die blödesten Codicile. Sie steigen in die Gräber hinab Und stören die ewige Ruhe; Der Jude kann noch so barfuß sein, Sie schieben ihm Mord in die Schuhe! Und was ein Paulus Meyer ersinnt, Der tolle Entweiher der Grüfte, Das glaubt ein Priester Gottes sofort, Dem schuftigsten Schuft der Schüfte! Er halt ihn für einen gelehrten Mann, Und wüßte er noch so wenig, Denn unter den blinden Zeloten ist Einauge Tälmudkönig. Er gab ihm im Pfarrhaus Unterstand Und reichliche Geldentlohnung; Er gab ihm Unterstand und sprach: „Ich gab ihm kein: Wohnung!" So spricht ein Pfarrer, in dessen Brust Statt Nächstenliebe der Spott wohnt; Wo Meyer logirte, weiß er nicht Und lehrt seine Heerde, wo Gott wohnt! Weiß dieser Mann im Priesterrock, Wie leicht der Pöbel erregbar? Und glaubt er, der ganze Talmud sei Gleich einer Villa zerlegbar? Viel Opfer hat verschlungen schon Das Märchen aus uralten Zeiten; Das waren rothe Ostertag' Für viele von „unseren Leuten". Motiv der Blutbeschuldigung War immer der Neid, der gelbe; Heut' gilt die Wissenschaft als Motiv, Doch ist's für die Juden dasselbe. Genügt ja zu ihrer Verfolgung blos Des kleinsten Lügners Suada, Obgleich die Mehrzahl den Talmud nicht kennt Und auch nicht liest die Agada. Der reiche Jud' weiß nicht einmal Von Brauch und Sitte zu sagen, Und was der arme Jude braucht, Erreicht er mit Mühen und Plagen. Die armen Juden schleichen dahin Mit gramverdüsterten Mienen, Das ungesäuerte Osterbrot, Das müssen sie sauer verdienen. Nun danket für die gnädige Straf' Dem Himmel, ihr Händefalter, Und trollt Euch weiter . . . Gegeben zu Wien Im heutigen Mittelalter! Julius Bauer. Trutobold in Krems. Schreibebrief des deutsch-nationalen Studenten. XIII. Wien, Ende September 1893. O Pumpo! Natürlich war ich mit in Krems. Habe den Hinausflug mitgemacht. Ich sage Dir, ich bin ganz zerschlagen nach Hause gekommen. Das war eine schöne Berprüglungsreise, an welche ich mich — au! — noch sehr lange erinnern werde. Die Christlich-Socialen sind, diese Bemerkung habe ich gemacht, ein überaus kräftiger Menschen-Schlag. Wir Teutsch-Nationalen haben natürlich auch durchgehauteKerle und hielten mit unseren schlagenden und treffenden Argumenten keineswegs zurück, von denen einige wirklich sehr stark waren. Aber das wuchtige Beweismaterial der Gegenpartei — man unterhielt sich ausgezeichnet auf mir. Zum Schluß der große Wurf — doch lass' Dir lieber hübsch der Unordnung nach, wie die Ereignisse sich abprügelten, erzählen, o Pumpo meiner Seele. Einige hundert Gesindlungsgenoffen thaten sich zusammen, um nach dem lieblichen Krems zu fahren. Ich schloß mich an. lieber den Empfang, der nicht stattfand, waren wir Alle höchlichst überrascht, denn er unterbot unsere geringsten Erwartungen. Nicht die mindeste weißgekleidete Ehren- oder sonstige Jungfrau, so weit das Auge reichte. Mit dem schärfsten Feldstecher entdeckte ich nicht die Spur einer Beflaggung des Bahnhofes oder der Senftiegel. Mein Ohr konnte, obgleich ich angestrengt nach allen Seiten hinhorchte, nicht den leisesten Hauch von einem Böller erlauschen. Weiße Schnupftücher scheint es in Krems gar keine zu geben. Nicht eines wehte. Die Begeisterung war gleich Null. Das fing gut an. Im Wirthshaus „Zum weißen Hahn", wo die Verprügelung der beiden Parteien statthaben sollte, wollten die Unordner uns Schönerianer anfangs gar nicht einlassen. Endlich gaben sie unserem Drängen nach. Die Antisemiten vom reinsten Weihwasser waren zwar in der Mehrheit, aber wir ließen die Frechheit doch nicht sinken. Mit „Heil Schönerer" stürmten wir hinein. Brausende „Kusch-Rufe" tönten uns begeistert entgegen. Ganz netter Saal! .. Das war also der Hintergrund, von dem wir uns alsbald abhieben. Schmerzliche Erinnerung! Ja, die streitbare Kirche — so habe ich sie mir in meiner grünsten Phantasie nicht vorgestellt. Die Leute haben einen Schwung in ihren Behauptungen — man fühlt sich hin und hergerissen. Die Hetz-Capläne sind überall zu finden, wo eine solche stattfindet. Liechtenstein, G eßmann, Lueger waren natürlich bei Muttern geblieben — an Muth fehlte es gänzlich. Sie hatten zwar alle ihre Betheiligung in bestimmte Ausficht gestellt —wären auch sicher ohne Ausnahme mitbetheiligt worden, kein Zweifel — aber das so feine als lange durchlauchtige Riechorgan witterte den Braten im Voraus. Das heißt Braten im eigentlichen Sinne gab es wohl keinen. Das Menu bestand aus Prügelsuppe, gehacktem Fleisch, Schlagobers und Plutzerbirn. Als Vergani den Saal betrat, wurde er mit lebhaften „Pfui"-Rufen stürmisch acclamirt. Dankend verneigte er sich