Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 39 (29.9.1893)
- Date
- 1893-09-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 770 Orstrrreichifche Wochenschrift Nr. 39 Weiber, welche die Gerichte zu Holleschau irrezuführen suchten, werden verurtheilt. Der Staatsanwalt spricht von „unsichtbaren Händen", von einer „mächtigen Persönlichkeit", welche Alles anstifte und den Gerichten sich zu entziehen wisse. Nach den Tagen von Kolin erklärt der Antisemit Schneider in Wien, er müsse nach Kolin reisen, dort gebe es für ihn zu thun; Paulus Meyer aber wird nach Wien geschickt zur Unterstützung des Pfarrers D e ck e r t. Ein Wiener Pfarrer, der ein Buch über das „Bluttituale" veröffentlicht! Da durfte nicht gezögert, es mußte zur scharfen, wohlgerüsteten Abwehr geschritten werden. Dr. Bloch hat in seiner „Wochenschrift" Alles geleistet, was irgendwie erwartet werden konnte: Dr. Deckert sah sich gezwungen, den Boden der öffentlichen Discuffion zu betteten, und er wählte dazu das „Vaterland". Allein Dr. Bloch verfolgte ihn in die Redaction mit Berufung auf das Preßgesetz und seine als „Berichtigungen" im „Vaterland" publicirten Artikel hatten die Wahrheit für sich, und das war bestimmend für den Ausgang des Kampfes. Die Action auf slavischem Gebiete war mißglückt, das Buch des Dr. Deckert war widerlegt — aber PaulusMeyer war in der Nähe. Da griff man denn zu einem letzten Mittel: man veröffentlichte den Brief, in welchem Paulus Meyer einen „Ritualmord" als Augenzeuge schildert. Das war der Schlag, der den Dr. Bloch in den Grund schmettern sollte. Dr. Bloch antwortete, indem er eine nähere Beschreibung von dem „Augenzeugen" und nähere Aufschlüsse über die Persönlichkeit des Paulus Meyer ertheilte. Dann war man auch so frei, sich den Brief näher anzusehen. Der Stempel der Lüge war ihm unverkennbar aufgedrückt. Dr. Bloch ist nicht der Mann, der mit einem halben Erfolg sich begnügt. Die Staatsanwaltschaft lehnte es ab, eine Anklage von Amtswegen einzuleiten. So mußte denn zur Privatklage geschritten werden. Hier fand Dr. Bloch Unterstützung bei dem Redacteur der in Warschau erscheinenden „Hazephira" und so ist dieser Proceß möglich geworden, dessen Ausgang Jeden, der noch gesund zu denken vermag, mit Befriedigung erfüllen muß. Ein einziger Tag im Gerichtssaale; aber dieser Tag verdient ein Buch! Nun sah man den Paulus Meyer und dieser Unglückliche präsentirte sich als die lebendige Selbstanklage. Der Paulus wurde plötzlich wieder zum Saulus; er stellte die Autorschrift des Briefes in Abrede und er bezeugte, daß das „Bluttituale" eine Erfindung sei, daß das „Bluttituale" nichtexistirt. Konnte Paulus Meyer anders reden? Sollte er sich der Mitschuld an einem Morde anklagen? Sollte er eine falsche Anklage wider sich selber erheben? Er hatte ja auch den Brief nicht geschrieben; er verfügt nicht in dem Maße über die deutsche Sprache, wie es für diesen Brief nothwendig wäre; bricht ja zuweilen das Wienwische durch, wie man es in Osttow niemals hört, wohl aber in Weinhaus und Umgebung. Paulus Meyer hatte den Brief nicht geschrieben. Pfarrer Deckert lachte, um seine Enttäuschung zu verbergen. Das also war der Dank dafür, daß er dem Paulus Meyer gastfreundliche Aufnahme gewährt und ihm monatlich Ein Hundert Gulden für Blutstudien im Talmud gezahlt hatte! Man hat es ja schon erlebt, daß Räuber gute Kameradschaft hielten, daß sie, tteu dem beschworenen Bunde, jeden Berrath verabscheuten. Aber hier war immer der Eine bemüht, die Schuld auf den Andern abzuwälzen. Die Antisemiten vor Gericht, sie boten ein wahrhaft klägliches Schauspiel! Schon die Wanderungen des Paulus Meyer sind von besonderem Interesse. Er zog von Berlin nach Leipzig, von Leipzig nach Prag, und von Prag schickt ihn Rohling mit einer warmen Empfehlung nach Wien, weil es dort für ihn Arbeit gibt, „Studien und Forschungen" über das „Bluttituale". Dieser jämmerliche Paulus Meyer, er ist so ehrlich wie ein Zigeuner als Schatzgräber. Er lebt davon, daß er etwas suchen soll, wovon er sicher weiß, daß es nicht zu finden ist. Und dieser Pfarrer Deckert! Er veröffentlicht Berichtigungen, und der Bertheidiger von Paulus Meyer weist ihm nach, daß er falsch berichtigt hat! Er ist entzückt von der Bildungshöhe der „Braut" des Paulus Meyer, er, der Pfarrer in Weinhaus, und dann weiß er nicht, ob PaulusMeyer bei seiner „Braut" wohnt oder nicht, . denn er ist ja Pfarrer in Weinhaus! Und diese Blutantisemtten Rohling und Genoffen, wir sehen sie Tag und Nacht beschäftigt, Schmachvolles zu ersinnen und niederträchtige Anklagen zu erdichten. Der Pfarrer Deckert muß im Gerichtssaale von dem Bertheidiger des Paulus Meyer sich vorwerfen laffen, daß er dreimal die Unwahrheit gesagt hat, daß ihm die schönsten Tugenden des Priesterstandes fehlen. Und dieser Pfarrer, der eine Religion und Religionsgenoffenschaft verleumdet, aus falschen Anklagen sich ein Handwerk macht und deffen Verdienst es nicht ist, wenn wir von-blutigen Emeuten verschont geblieben sind, er spricht von „Polizeispitzeln", und er gebraucht dieses Schimpfwort von Leuten, die im Dienste der öffentlichen Sicherheit' ehrlich ihre Pflicht erfüllen! Auch der Redacteur des „Deutschen Volksblatt" erschien als freiwilliger Zeuge auf ttem Schauplatz, um gegen den Paulus Meyer auszusagen und um zu erklären, daß er hinsichtlich der Inserate weniger scrupulös sei, als hinsichtlich der Artikel, denn Inserate, wenn sie gut bezahlt werden, nimmt er auch von wirklichen Juden, Artikel, die er bezahlen soll, finden aber keine Gnade bei ihm, selbst wenn ein getaufter Jude sie geschrieben hat! Die Antisemiten hatten ihre besten Advocaten, Dr. Pattai und Dr. Porzer, in's Feld gestellt. Aber diesmal nützte es ihnen nichts; die riesengroße Blamage war nicht zu verhüten! Wer hat den Brief geschrieben? Dr. Joseph Kopp erklärte, er habe darüber Vermuthungen, aber er vermeide es, dieselben auszusprechen. Niederösterreich hat manche gute Weinlager, und Dr. Deckert ist als geborener Niederösterreicher davon überzeugt, daß „der Wein des Menschen Herz erfreut". Durchdrungen von dieser jüdischen Wahrheit, hat er mit Paulus Meyer eine Nacht dnrchgetrunken, bis die Glocken zur Frühmesse läuteten. Vielleicht hat damals — Asmodie den Brief geschrieben oder die „hochgebildete" „Braut" des Paulus Meyer. Wer hat inspirirt, wer referirt, wer dictirt? Wer hat ' verführt und wer ist, vom Geiste des Weines betäubt, in die Falle gegangen? Deckert ist Faust, Paulus Meyer ist Famulus, die „Braut" ist Margarethe; aber mit wem verkehrt Mephisto? Mit Faust oder mit dem Famulus? Die Geschwornen ließen sich durch die Frage wegen der Autorschaft des Briefes nicht beirren, Deckert wurde schuldig gesprochen neben Paulus Meyer, schuldig mit 10 gegen 2 Stimmen. Die Verurteilung eines Pfarrers — das will in Wien etwas bedeuten! Und das ist der Humor davon; der literarische Vertreter des Blutmärchens hat die Action seiner Partei am gründlichsten compromittirt. Wir wollen nicht behaupten, daß Dr. Deckert in das Geheimniß eingeweiht gewesen sei, oder Paulus Meyer oder selbst Professor Rohling. Wir kennen weder das Centrum, noch das Generalcommando. Aber so romanhaft sich auch die Sache ausnimmt, ist es eben dennoch wahr, daß ein Complot existirte, um in Oesterreich durch Aufwärmung des Blutmärchens die Judenhetze in großem Maßstabe zu betreiben! Herrn Dr. Bloch ist es zu danken, daß die Geschwornen das letzte Wort in dieser Action und über diese Action gesprochen haben. Dr. Bloch muß sich mit dem Bewußtsein begnügen, feine Pflicht als Jude, als Staatsbürger und Mensch erfüllt zu haben. Wenn die Tageszeitungen davon nicht Notiz nehmen, so geschieht es wahrscheinlich aus dem Grunde, weil man seine Leistungen als bekannt voraussetzt, und weil die antisemitischen Advocaten im Laufe des Processes die Verdienste des Dr. Bloch hinreichend, wenn auch nicht in wohlwollender Absicht, beleuchtet haben. Dr. Joseph Kopp als Vertreter der Anklage befleißigte sich einer strengen Reserve, was vielleicht für den unmittelbaren , Erfolg des Processes vorteilhaft erscheinen konnte. Mit großem Freimuthe bat unter lebhaftem Beifall der von Gerichtswegen bestellte Bertheidiger des. Paulus Meyer, Dr. Griez de. Ronse, gesprochen. Die Äntisemiten selber sehen, von wem sie am Leitseil geführt werden und durch welche Mittel und Werkzeuge man sie in Leidenschaft zu setzen sucht. Allzutief hat der Antisemitismus sich eingefressen, und es wäre thöricht, optimistischen Erwartungen sich hinzugeben; die Hauptanstifter sind nicht bestraft, das innerste Geheimniß ist nicht enthüllt. Aber es ist immerhin viel geschehen, damit die Wahrheit den Weg frei habe, und wir mögen uns trösten, mit dem altbewährten Worte: „Unser Recht geht siegreich hervor wie das Licht." Das Märchen aus uralten Zeiten. Das alte Märchen lebt wieder auf, Gerüstet zu neuem Siege; Die Heldin ist eine böse Fee: Verleumdung, geborene Lüge. Das rothe Märchen wuchert fort, Es ist nicht auszumisten, Seitdem es die Heiden im römischen Reich Geschmiedet gegen die Christen.