Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 39 (29.9.1893)
- Date
- 1893-09-29
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3020954-3020993--02827-3026934- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 39 Orstrrrerchifche Wochrnschrrst Seite 769 Heinrich H ein e's und der Bürgermeister von München erklärte, die Zuschrift gehöre als Curiosum ins städtische Museum. Das war allerdings eine deutliche Lection, geeignet, im nüchternen Momente die Steirer wieder aus den richtigen Weg zurückzuführen. Aber dahin darf es nicht kommen und so wird in den „U. D. W." mit erheucheltem Zorn getobt, als ob Deutschland jetzt rettungslos dem Untergange geweiht wäre. Der Bürgermeister von München wußte, was er that; er erkannte, daß eine Stadtvertretung nicht in den Dienst einer Partei sich stellen dürfe, und er weiß, daß der Antisemitismus eine Krankheit ist, die am deutschen Leben zehrt, und daß es die dringlichste Aufgabe Deutschlands ist, sich von dieser Krankheit zu befreien. Was die Frage des Heine-Denkmals betrifft, so ist im Buche Hafis (Westöstlicher Divan) in dieser Beziehung das Richtige gesagt: „Hafis Dichterzüge, sie bezeichnen Ausgemachte Wahrheit unauslöschlich, Aber hie und da auch Kleinigkeiten Außerhalb der Grenze des Gesetzes." Wer wird bei einem so seltenen Genie wie Heinrich Heine, der zu den größten Dichtern aller Zeiten und Zonen zählt, gerade die Kleinigkeiten in die Wagschale werfen wollen? Das kann nur der blinde und beredte Judenhaß. Möge man doch in Steiermark darüber Nachdenken, was die deutsche Literatur leichter zu vermissen vermöchte, ob die Werke Heinrich Heiners oder die literarischen Ergüsse Georg Schön erer's? Trotz der Kleinigkeiten hat Heinrich Heine dem deutschen Geiste mehr Ehre gebracht, als alle Antisemiten ihm bisher Schande gemacht haben und das will viel sagen. Und nachdem ein Jude es war, der wesentlich beigetragen hat, die moderne deutsche Prosa zu schaffen und nachdem ein Jude es war, bei dem Alle in die Schule gehen, die stylgerecht deutsch reden und schreiben, und einJude es vermochte, das deutsche Volksgemüth lyrisch so zur Offenbarung zu bringen, daß es ewige Bewunderung erwecken muß, hat man allen Grund, jede Erinnerung an Heinrich Heine aufs Heftigste zu bekämpfen, weil man über den Dichter nicht hinweg zu kommen vermag lind weil die Schöpfungen Heinrich Heine's beschämend genug sind für den Antisemitismus. Die deutsch-nationalen Antisemiten, sie sind eben doch die Bundesgenossen und Förderer jenes Antisemitismus, welcher bereit ist, das Deutschthum zu verrathen und preiszugeben, und so sind sie selber vom schwersten Verschulden wider das Deutschthum nicht freizusprechen. Man ^erschrickt aber, wenn man die Stylblüthen in Augenschein nimmt, welche den Artikeln gegen den Bürgermeister von München zur Ausschmückung dienen. Es ist künstlich gemachter Wahnsinn, das zeigt sich deutlich genug, der Schreiber befand sich keineswegs in jener Aufregung, die er heuchelte. Dabei wird mit dem Zorne der Deutschen gedroht, das erinnert an Heinrich Heine, der einen ähnlichen Orakelspruch für die Franzosen hatte, viele Jahre vor Sedan. Dann wird von der Posaune des jüngsten Gerichtes gesprochen, was soll diese jüdische Reminiscenz bei Georg Schönerer; ist der Häuptling der deutsch-nationalen Antisemiten bereits dabei angelangt, die Stimme des Schofars zu hören? Uns kommt es nur darauf an, die Aufmerksamkeit auf das Verderben zu lenken, das aus den Schulen des Antisemitismus hervorgeht. Im Interesse Oesterreichs und im Interesse Deutschlands das Volksleben und damit das Staatsleben gegen die größten Gefahren zu schützen, bevor es zu spät ist. Und vielleicht ist es schon zu spät! Pretzstimmen zum Proretz contra Deckert und Paulus Meyer. Die „Jüdische Presse" in Berlin bringt unter derUeberschrift: „Ein Complot und sein Ende" nachstehenden Artikel: Wien, 17. September. Wir in W i e n haben keine Zeitungscolportage, und kein Ruf schallt durch die Straßen, der den Inhalt der Preßerzeugnisse verkündigt. Wäre es anders, dann hätten wir in den Morgenstunden des Sonntag im breiten Wiener Dialect und in der scharfen Tonart, wie sie bei unserer Straßenjugend beliebt ist, gehört: „Paulus Meyer verurtheilt zu vier Monaten Gefängniß, Pfarrer Dr. Josef Deckert zu vierhundert Gulden Geldstrafe, der Redacteur des „Vaterland", Doll, zu zweihundert Gulden". Dieses Echo aus dem Gerichtssaale wäre durch irgend einen populären Refrain verstärkt worden, wie derselbe gerade zur Gelegenheit sich geschickt hätte. Bei uns sind jedoch solche Stimmen von der Straße gesetzlich verpönt und in aller Stille werden die Zeitungen in die Häuser getragen. Interessante Tagesereigniffe haben hier in der Regel zur Folge, daß die Discussion in den Kaffeehäusern sich lebhafter gestaltet. Bei dem Proceffe, der am Freitag den 15. September vor dem Wiener Schwurgerichte sich abspielte, bei dem Proceffe gegen Paulus Meyer und Genossen war das nicht der Fall. Das sonst so laute Echo der Wiener Kaffeehäuser war plötzlich stumm geworden. Gerade in diesem Schweigen aber kennzeichnet sich die ganz ungewöhnliche Bedeutung des in Rede stehenden Processes, und dieses Schweigen ist auch im hohen Grade charakteristisch für unsere Zustände. Die große Mehrheit des Publicums kann des Widerstreits der Gefühle nicht Herr werden und versucht es umsonst, einen klaren Standpunkt zu gewinnen. „In meiner vierzigjährigen Praxis", so sagte der Vertreter der Anklage, Dr. Joseph Kopp, „ist mir ein Fall von solcher Einfachheit und Klarheit wie der heutige noch nicht vorgekommen"; gewiß, juristisch lag der Fall sehr einfach, hinsichtlich der Schuldfrage war jeder Zweifel unmöglich gemacht. Aber die Wichtigkeit des Processes besteht ja nicht in dem, was vorgebracht, sondern in dem, was verschwiegen wurde, in dem, was schon vermöge der Bestimmungen der Proceßordnung nicht zur Sprache gebracht werden konnte. Der Proceß war so einfach und doch hörte man das Knarren eines verborgenen Räderwerkes, meldeten die in der Tiefe hausenden Kräfte in unheimlicher Weise sich an, ahnte man das Treiben der Dämonen und Gespenster hinter der Scene. Und das antisemitische und kryptoantisemitische Publikum, das heißt in Wien die große Masse der Zeitungsleser, sie fühlten sich in ihrer Eitelkeit verletzt, fühlten sich beschämt und gedemüthigt durch die Enthüllungen des Gerichtssaales und durch die Rolle, welche die antisemitischen Persönlichkeiten spielten. Dabei kann man dem großen Publicum doch nicht ein so starkes Gedächtniß zumuthen, daß es die Dinge in ihrem Zusammenhänge zu erfassen vermöchte. So war in. diesem einfachen und klaren Proceffe dem Publicum Alles unklar und verwirrt. Erst aus der Geschichte des Processes ergibt sich dessen große Bedeutung. Die Strahlen der ersten Frühjahrssonne be« glänzten mit spielenden Lichtern die Schreibstube des Herrn Dr. Joseph Bloch. Auf dem Schreibtische lag das Buch des Dr. Josef Deckert, des Pfarrers von Weinhaus, über den Knaben Simon von Trient, über den Proceß, der gegen die Trientiner Juden aller Wahrheit und Gerechtigkeit zum Trotz angestrengt und durchgeführt wurde. „Sehen Sie", sagte Dr. Bloch damals zum Schreiber dieser Zeilen, „diese alte Geschichte wird nicht umsonst als neue Entdeckung auf den Markt gebracht. Man will das Blutmärchen actenmäßig begründen. Man plant eine große Action". Dr. Bloch hatte das Richtige vermuthet; allein es zeigte sich durch die Thatsachen, daß in dem Antisemitismus eine Demoralisation sich ausspricht, die noch viel weiter geht, als irgend ein wohldenkender Mensch anzunehmen vermag. Das Buch des Dr. Josef Deckert, das war die mißtönende, kreischende Musik, die der brandstiftenden Bande voranzieht. In den Negerländern haben sie für besondere Gelegenheiten eine mit Menschenhaut bespannte Trommel. Auch die Trommel des Dr. Deckert war mit der Haut der Juden bespannt, welche, frei von jeder Schuld, der Tortur in Trient zum Opfer fielen. Auf literarischem Wege wollte man das Publicum empfänglich stimmen für Attentate, welche gegen die Juden und das Judenthum geplant waren. Ein Buch hat mehr Autorität als ein Zeitungsartikel. Das Blutmärchen tauchte in Holleschau in Mähren und in Kolin in Böhmen auf. Man stellte die politische Unzufriedenheit, die leichtere Entzündlichkeit der slavischen Bevölkerung mit in Rechnung. Es fand sich das „Weib aus dem Volke", welches angesehene Juden, nützliche und wohlhabende Bürger der Gemeinde wie des Staates, beschuldigte, sie hätten schon das Schlachtmesser in Bereitschaft gehalten, um den „Ritualmord" zu vollziehen. In Kolin begeht ein bei Juden bedienstetes Mädchen einen Selbstmord. Es kommt zu bedenklichen Straßenexcessen. In allen diesen Fällen wird die Schuldlosigkeit der Juden zur Evidenz, erwiesen. Zwei