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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-09-29 · 39 (29.9.1893) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
39 (29.9.1893)
Date
1893-09-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 768 Vestyrretchtfitze Wochrnfchrtfl Nr. 39 Me Schule des Antisemitismus. In Deutschland und in Oesterreich lebt der Antisemitismus gerade lange genug, um eine ernste energische Abwehr von Seiten des Staates endlich nothwendig erscheinen zu lasten. Die Cholera, die man in löblicher Weise mit allen Mitteln bekämpft, ist noch immer keine solche Gefahr wie die moralische Pest des Antisemitismus. Als vor einiger Zeit die Entdeckung gemacht wurde, daß in einer von der Cholera heimgesuchtcn Gegend Ungarns die sanitären Vorkehrungen nicht den modernen Anforderungen entsprechen, da fehlte es nicht an heftigen Aeußerungen über die ungarischen Zustände. Wer wie klein und unbedeutend erscheinen diese Gebrechen neben der Duldung, deren sich der Antisemitismus in Deutschland und Oesterreich erfreut. Wenn die Zeitungen im Dienste des deutschen Reichskanzlers in der Polemik gegen den Antisemitismus sich einer übergroßen Mäßigung befleißigen, so gibt es dafür, wenn auch keine Rechtfertigung oder Entschuldigung, doch vielleicht einen Mitderungsgrund. Der Antisemitismus mit nationalem Anstriche richtet seine Spitze persönlich auch gegen den Grafen Caprivi und der Kanzler will vielleicht den Schein vermeiden, als ob er in einem ihn auch persönlich berührenden Streit allzu großen Eifer entwickle. Aber womit läßt sich denn die Lauheit in Oesterreich entschuldigen? Ja es gibt noch Gerichte in Oesterreich und vor den Geschwornen hat die Gerechtigkeit einen glänzenden Sieg errungen. Ist aber das Nothwendige geschehen, damit das Ereigniß moralisch auch in die Tiefe und Breite wirke- Nehmen wir den Fall anders an, stellen wir uns vor, die Antisemiten hätten irgend eine Thatsache zu verzeichnen, die in ihre Rechnung stimmt, wie wird das nicht ausgenützt und breitgeschlagen? Da kräht es von allen Dächern und die Lüge zieht durch die Sttaßen mit Riesenplacaten, um das Volk aufzureizen. Im Gerichtssaal die schmachvolle Niederlage des Antisemitismus, die Aufhellung seiner Heimlichkeiten und des schändlichen Treibens in seinen Werkstätten, in den Volksversammlungen namenlose Frechheit der Antisemitenführer, wie Zuchthaussträflinge sie bekunden, die gegen jeden moralischen Eindruck unempfindlich geworden sind, und als Begleitung das Gejohle eines wild gewordenen Pöbels! Die Zeitungen berichten über die Wanderpredigten der Wiener Christlich-Socialen und sie haben auch über die letzte Antisemitenversammlung in Krems berichtet. Das sind die Sonntagsschulen des Antisemitismus und zugleich die Sonntagsschulen des Verbrechens. Diese Schulen werden nur von Erwachsenen besucht, aber was sie aus einigen Unterrichtsstunden mtt nach Hause tragen, genügt, um ein ganzes Leben zu vergiften. Ganz offen wird hier das Verbrechen gelehrt,, und die Reden sind der gesprochene Mord. Welcher Partei, welcher Secte ist das noch aestattet? Die Scenen in Krems Sei der erwähnten Sonntagsversammlung haben gewiß auch ihre komische Seite. Die Antisemiten voü der Couleur Schönerer machten unangenehme Bekanntschaft mit germanischen Fäusten und germanischen Stockhieben, mit jener germanischen Rohheit, die sonst ihre ganze Begeisterung erregt. Es wurden auch Christen blutig geschlagen, weil sie für Inden gehalten wurden. Aber das hat nichts zu bedeuten und auch die Ansttfter der Bartholomäusnacht fanden es ganz angemessen, daß auch einige Katholiken ermordet wurden. „Gott wird die Seinigen schon erkennen", sagte man damals,, und das gilt auch für die Vesper von Krems. Es war eben eine Sonntägsschlägerei und die zählt ja doch zu den regelrechten Erscheinungen des Volkslebens. Daß jetzt eine Partei besteht, um solche Sonntagsschlägereien zu veranstalten, das ist eben der Fortschritt der Zeit. Aber es kam ja doch zu keinem Gemetzel und nicht einmal ein ordentlicher Todtschlag ist zu verzeichnen. Es blieb bei dem g e s p r o ch e n e n M o r d, es wurde nur der Maffenmord gepredigt, gelehrt und unter deni Lobenden Beifalle der Zuhörerschaft anempfohlen. Sonst ist in Krems nichts geschehen. „Schußgeld für die Tödtung jedes Juden." Das hat der Schneider, der berüchtigte Abgeordnete von Simmering und Sechshaus in Krems gesprochen. Den Schinderhannes haben sie vor achtzig Jahren hingerichtet. Schade, daß er nicht mehr lebt; jetzt könnte er in Krems als Volksredner austteten und er würde auch gewiß mit übermächtiger Stimmenzahl ins Abgeordnetenhaus gewählt werden. Wer den Mord wünscht, ist ein Verbrecher, wer den Mord zur Volksübung und zum Staatsgesetze machen will, in welche Kategorie von Verbrechern ist ein Solcher zu verweisen? Und ein solcher Mensch ist Lehrer und Autorität in den Volksschulen für Erwachsene, in den Schulen des Antisemitismus. Von Stadt zu Stadt, von Land zu Land kann er ziehen, um das Verbrechen zu lehren und die Leute werden von weit her durch Ankündigungen aller Art zusammenberufen, um die Lehre zu empfangen. Und das ereignet sich vor den Augen des Staates und das Gesetz ist stumm, als ob es keinen Vertreter hätte. Die Schule des Antisemitismus hat ihre besonderen Privilegien und auch jener Geistliche in Krems, der durch Brutalitäten sich auszeichnete, scheint seine Privilegien zu haben und frei von der Disciplin zu sein, denen Geistliche sonst unterworfen sind. Die Erscheinungen in Krems sind von allerernstester Bedeutung und wehe Denjenigen, die hier noch gleichgiltig bleiben. Den Mechaniker Schneider begreifen wir und auch seine Freunde und Genossen; ihnen ist die deutsche Ehre gleichgiltig und auch die Existenz des Deutschthums, gleichgiltig auch die Wohlfahrt Oesterreichs. Sie betreiben ihr Geschäft. Aber die deutsch-nationalen Antisemiten, das sind die geschlagenen Narren. Sie geberden sich enthusiastisch für Deutschland und alles Deutsche, die Edda ist ihre Bibel und doch handeln sie so, daß die deutsche Ehre darunter leiden muß und daß das Deutschthum dadurch Glanz und Ansehen verliert. Die Schönererschulen des Antisemitismus, die werden größtenteils bei Nacht abgehalten, wobei wir die Wichtigkeit der Frühschoppen in keiner Weise verkennen wollen. Diese Schulen werden hauptsächlich von Studenten besucht und auch von Männern, die der Universität bereits entwachsen sind. Das ist der Vorzug der Intelligenz; es wird getrunken, daß die Helden der Walhalla mit ihren Trinkhörnern beschämt davon schleichen. Wotan selber soll den Kürzeren gezogen haben, als er eine Wette mit einem Corpsburschen einzugehen wagte. Gambrinus hat den Vorzug, aber auch Wein wird nicht verachtet und selbst französischer Champagner wird nach dem alten Spruche mit freudiger Duldsamkeit ausgenommen. Es - ist jedoch zu bezweifeln, daß zwanzig Liter Bier dem ruhigen besonnenen Denken wesentlich zuträglich sind. Die regelmäßige Abwechslung von Katzenjammer und Rausch, die Wiederholung der Trinksprüche und Reden von gleichem Inhalte und gleicher Tonart muß schließlich eine Einseitigkeit erzeugen, welche den Geist jedes freien Urtheils beraubt, als eine Art von Verrücktheit, wie sie für die Schule des Fanatismus nothwendig, erscheint. Die deutsch-nationalen Antisemiten Steiermarks empfinden das Bedürfniß, die Zukunft Deutschlands zu retten. Sie haben Neigung für Poesie und so wird Heinrich Heine in der Steiermark mit Eifer gelesen, obwohl man sein Andenken aufs Heftigste bekämpft. Und man war des Bierdusels voll, als Einer den großartigen Gedanken hatte, man müsse die Bundesgenossenschaft Münchens anrufen, damit dem Heinrich Heine kein Denkmal in Mainz errichtet werde. Rax, Hochschwab und Dachstein fingen an, bedenklich die Häupter zu schütteln. Ein Grazer Mathematiker fing an, zu berechnen, wie viel Hektoliter Bier nothwendig sind, um einen solchen Gedanken herworzubringen. Aber es läßt sich nicht leugnen, Heinrich Heine hat Manches gegen Münch en geschrieben und Manches, was nicht verbindlich ist, gegen König Ludwig von Baierland. München konnte daher gegen Heinrich Heine in den Kampf gerufen werden. Die Zuschrift wurde nach München geschickt, erregte dort noch mehr Heiterkeit als manche Gedichte

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