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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-09-22 · 38 (22.9.1893) · page 48

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
38 (22.9.1893)
Date
1893-09-22
Page
– (sequence 48)
Language
German
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Seite 762 Oesterreirtzifche Worlzenschrifi Nr. 38 man nirgends von diesem Manne gehört, daß er dem Pfarrer Decker! so interessante Sachen zu erzählen wisse und bei der so schönen Scene dabei war. Im Blatte vom 5. Mar kam die Sache zum ersten Male vor und da wird schon gesaZt: „Uebrigens hat mich der erwähnte getaufte Jude ermächtigt, seinen an mich gerichteten Brief zu veröffentlichen". Das heißt, er sagt jetzt schon, ich habe den Brief und den Beweis in der Hand. Ich bin überzeugt, ich kann ihn veröffentlichen. Hütet Euch, ich bin es im Stande zu thun." Und zum Schluffe: „Nicht schimpfen, sondern widerlegen. Oder soll ich Ihnen schon früher mit der Veröffentlichung des erwähnten Briefes dienen?" Er höhnt also. Es ist mir persönlich einmal bei einer politischen Wahl passirt, daß die Gegenpartei gesagt hat, sie habe einen mich compromittirenden Brief in der Hand. Was konnte ich dagegen thun, als öffentlich zu sagen: „Legt ihn vor, zeigt ihn her, da werden wir sehen". Ich kann mich doch nicht ducken und das vorübergehen lassen. Es wäre begreiflich, daß daraufhin wahrscheinlich — ich habe das Blatt nicht da — gesagt wurde: „Also gut, wir wollen sehen". Natürlich, nachdem er gesagt hatte: „Ich habe so etwas, was ich veröffentlichen kann", so mußte er, als er dazu aufgefordert wurde, allerdings den Brief veröffentlichen. Das ist richtig, in diese Lage hat er sich selbst versetzt. Ich bin mit meinen Ausführungen Ihnen gegenüber, meine Herren Geschwornen, zu Ende. Ich hoffe — vielleicht ein freventliches Hoffen — daß Ihnen die einfache, wahrheitsgemäße Darlegung mit der ich das Plaidoyer begonnen habe, noch nicht dem Gedächtnisse geschwunden ist, und ich hoffe, daß die vorgebrachten theilweise gewiß sehr geistreichen und geschickten Einwendungen nicht in der Lage waren, die einfache und klare Wahrheit, die ich vorbrachte, zu verwirren und daß Sie, wie es das Gesetz vorschreibt, ohne Haß oder Gunst, ohne Zu- oder Abneigung Ihres heiligen Amtes walten werden, wie Sie es unter Ihrem Eide zugesichert haben. (Lebhafter Beifall.) Vorsitzender: Ich bitte, ich kann dies nicht dulden. Hat einer der Angeklagten den Wunsch, sich zu äußern? Meyer: Hochverehrter Gerichtshof! Verehrte Geschworene! Es ist mir heute zur Last gelegt worden, daß ich der Verfasser des Briefes fei. Inzwischen wurde an mich manche Frage gestellt, so z. B. die Frage des Klägers dahingehend, wenn es wirklich wahr ist, daß ich nicht der Verfasser des Brieses wäre, wie konnte ich da > schweigen? Da hätte ich einfach den Betreffenden zwingen müssen, zu widerrufen. Ich möchte nun bitten, sich in die damalige Zeit zu versetzen, in welcher ich mich befand, wo ich mich befand und wo der Brief abgedruckt wurde. Er ist abgedruckt worden im „Vaterland", welches gerne solche Briefe aufnimmt, nicht in der jüdischen Presse. Ich wohnte damals beim hochwürdigen Pfarrer Deckerl. Ich sollte nun ausstehen und hingehen zum „Vaterland" und sagen: Sie müssen widerrufen. Was würde dann das „Vaterland" machen? Wenn Dr. Bloch eine Berichtigung geschrieben hat, hat man sie sofort dem Dr. Deckert geschickt, damit er sofort feine Berichtigungen fertig mache. Wenn ich eiue Berichtigung dem „Vaterland" .gebe, wäre sie auch gleich zum hochwürdrgen Pfarrer gekommen und der nimmt meine Berichtigung und jchmerßt sie weg. Was sollte ich thun? Ich war allein, rathlos in dieser Stadt. Ich hatte nicht mich an Jemanden zu wenden. Wer sollte mir einen Rath geben? Dann vin ich aufgeregt. Der Brief selbst hat mich so niedergeschmettert, daß ich nicht wußte, was anfaugen. Geld hatte ich keines. Wenn ich soviel Mittel gehabt hätte, um mit meiner Habe wegzugehen, gehe ich in eine andere Stadt und berichtige, daß dieser Brief falsch ist. Hier war es mir unmöglich. Niemand würde meine Berichtigung ausgenommen haben. Ferner machte der Bertheidiger des Herrn Pfarrer Deckert eine Bemerkung: „Man hat gesehen, wie M e y e r sich heute Nachmittag benommen hat. Nach seiner Rede vergleiche man den Mann. Ich glaube es gerne. Wie soll denn Meyer, der hier vorgeführt wurde aus der Zelle, wo er vier Monate geschmachtet hat und hochgradig nervös geworden ist, mehr Glauben verdienm als Deckert, der von der Sommerfrische gekommen ist? Auch bin ich ein Russe und der deutschen Sprache nicht mächtig, während D e ck e r t ein gebildeter Deutscher ist. Wie sollte ich so schön sprechen oder die Wahrheit, bei der ich jetzt bleibe, da ich wirklich unschuldig bin, so schön niederlegen, daß man mich hier versteht so wie den Deutschen, der seine Ideen und Alles ordnen kann? Ferner bemerkte der Bertheidiger des Dr. Deckert, daß man ihm mehr Glauben schenken muß. Natürlich einem hochw. Pfarrer darf man keinen Vortvurf machen. Jetzt frage ich: Ich bin nach Wien gekommen, um den Pfarrer Deckert einen Brief zu geben aus purer reiner Liebe und natürlich aus Haß zu Dr. Bloch, obwohl ich in dieser „Oesterr. Wochenschrift" gar nicht angegriffen worden bin? Was sollte mich, also veranlassen, gegen Bloch loszuziehen? Dr. Deckert sagt, er war nicht mein Freund, während er doch mich bezahlt hat. Nun frage ich, welcher Wahnsinn oder welche Liebe, die ich nicht zu ihm hatte, veranlaßte mich, ihm den Brief zum Abdrucken zu übergeben? Ich behaupte also nochmals, daß ich hier als vollkommen unschuldiger Mann stehe und daß es mein Unglück ist, daß ich nicht im Stande bin, mich zu vertheidigen: Erstens wurde mir. mein Bertheidiger erst vier Tage vor der Verhandlung bekannt gegeben, so daß ich ihm nicht Alles klarlegen konnte, wie die Herren,' welche ja vier Monate Zeit hatten. Zweitens — wie ich schon gesagt habe — bin ich der Sprache nicht mächtig. Drittens, was die. Unterschrift betrifft, behaupte ich, daß der Pfarrer Dr. D e ck e r t öfters meiner Braut Sachen zum Abschreiben gegeben hat.-Nun wurde gesagt, meine Braut habe sich der Aussage entschlagen, und dies sei schon ein Beweis, indem sie nicht die Unwahrheit sprechen wollte. Nun hat aber meine Braut einen Brief hierhergeschrieben, worin es heißt: ,-Jn Folge meiner Aufregung und Krankheit habe ich vorgezogen, daß ich besser der Zeugenaussage mich entschlage, um Dich nicht mehr aufzuregen. Willst Du aber, daß ich Zeugin sei, werde ich Zeugin sein." Ich dachte, daß es besser ist, die Zeugenaussage abzulehnen. denn ich glaubte, man werde meiner Braut ohnedies nicht glauben. •- Ich wiederhole nochmals meine Unschuld. Wenn ich verurtheilt werden sollte, bin ich unschuldig verurtheilt und ich bin nicht der Erste. Es sind schon viele unschuldig verurtheilt worden. Ich bitte, wenigstens mich nicht wegen Vergehens zu verurtheilen, sondern wegen Uebertretung und Rücksicht zu nehmen aus meine viermonatlichenLeiden in Folge der Untersuchung. Wenn ich wirklich die böse Absicht gehabt hakte, so wäre es klüger gewesen, die 1000 fl. einzustecken und wegzugehen. Man sagt, ich hätte meine Aussage verweigert, und dies sei ein Beweis, daß ich schuldig sei. „Warum Hab' ich sie verweigert?" Wenn die Herren jetzt schon in der Pause der Mittagsstunden so viel Glück hatten, daß sie sofort einen guten Engel gefunden haben, der eingestanden hat, ich hätte mich bei ihm gemeldet, wie wäre es erst gewesen, wenn ich diese Sache schon in der Voruntersuchung erklärt hätte? Da wäre ein halbes Hundert solcher Engel gekommen. Ich dachte mir, was soll ich sagen, ich bin rathlos, ich habe keinen einzigen Freund, ich werde das Alles bei Gericht niederlegen. Dr. Deckert und Doll verzichten auf das Wort. R e s u m e: Vorsitzender: Wenn ich an die Ausführung meiner Ausgabe gehe, um das Ergebniß des Beweisversahrens zu besprechen und die gesetzlichen Bestimmungen, welche zur Erläuterung der Fragestellung angegeben werden müssen, hervorznheben, so wird das erstere sehr bald geschehen sein. Sie wissen, meine Herren, daß die Ergebnisse des Beweisverfahrens zum Theile actenmäßig hier erliegen; das ist der lnerimiuirte Artikel, das Manuscript desjenigen Brieses, welches diesem Artikel zu Grunde, liegt, ferner eine Reihe von Urkunden, die uns heute vorgelegt worden sind; ferner haben wir die Verantwortung der drei Beschuldigten und einzelne Erhebungen, die Sie gehört haben, und die sich auf das Vorleben derselben beziehen. Die Verantwortung der Beschuldigten geht in Kürze dahin, daß . der. erste Beschuldigte, welcher im Lause der Verwahrungshaft zum Proceffe überhaupt gar keine Stellung genommen hat, von der ganzen Sache heute, nichts wissen will, daß er nach eindring- Uchen Fragen nur das zugibt, von dem Briefe irgend eine Kenntnch zu haben — warum er uns diese Kenntniß vorenthält, weiß ich nicht — daß er zugibt, dieses Manuscript sei von seiner Braut, geschrieben. Wie sie dazu gekommen ist, darüber har er unbestimmte Verdächtigungen geäußert, ich kann daher eine Behauptung nicht fixiren. Er hat ferner behauptet, daß er diesen Brief dem Herrn Pfarrer Deckert nicht übergeben, ihn auch nicht mit der Veröffentlichung betraut habe. Dem entgegen sagt uns Pfarrer Deckert: „Ich habe aus bestimmten Gründen diesen Brief veröffentlicht; ich habe eine Polemik in der Zeitung gepflogen, ich war eben durch die Umstände genöthigt, diesen. Brief zu veröffentlichen. Diesen

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