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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-09-22 · 38 (22.9.1893) · page 37

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
38 (22.9.1893)
Date
1893-09-22
Page
– (sequence 37)
Language
German
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Nr. 38 Oesterreichifche Wocheufchrist Meyer: Haben Sie aus meinen Reden nicht entnommen, was mich zu Ihnen fuhrt? Was wollte ich plötzlich von Ihnen? Habe ich etwa gar von Ihnen ein Honorar verlangt? Vergani: Sie haben mir damals blos gesagt: Das„Baterlanv" hat nicht die Courage, die Consequenzen aus der Sache zu ziehen. Meyer: Der Redacteur des „Vaterland" hat aber heute hier bestätigt, daß er mich nur einmal Nachts gesehen hat. Ich konnte daher nicht beurtheilen, ob das „Vaterland" weniger öder mehr Courage hat. Da müßte ich doch schon etwas mehr Verkehr mit ihm gehabt haben. Geschworner Selld orf: Wie kommt es, Herr Zeuge, daß Sie in dem Momente, als Herr Paulus Meyer erklärte, Zeuge eines Ritualmordes gewesen zu sein, nicht hievon die Anzeige erstattet haben? Vergani: Es war ja doch schon im „Vaterland" zu lesen. . Geschworner Selldorf: Sie erklären aber, er habe es Ihnen erzählt. Vergani: Aber es war ja im Briefe ganz deutlich erzählt. Geschworner Selldorf: Sie weisen also darauf hin, daß es schon zu lesen war. Meyer: Mir ist die ganze Geschichte unbegreiflich. Vielleicht können Sie doch sagen, wenn Sie soviel Verstand haben und soviel gehört haben, was mich zu Ihnen geführt hat; die bloße Liebe zu den Blut-Antisemiten? Was hat mich zu Ihnen geführt? Habe ich von Ihnen Geld verlangt? Vorsitzender: Das ist bereits beantwortet, daß Sie kein Geld verlangt haben. Vergani: Ich habe keinen Grund, darüber nachzudenken. Meyer: Ich bin im vollen Bewußtsein, daß ich darüber mit Herrn Vergani gar nicht gesprochen habe. Vorsitzender: Sie hören, was der Herr Zeuge gesagt hat. Meyer: Da steht Aussage gegen Aussage. Es ist selbstverständlich, daß ein antisemitischer Redacteur nichts sagen wird, was zu Ungunsten der Antisemiten lautet. Vorsitzender: Es gelangen die Vollmachten zur Verlesung, wenn dieselben gewünscht werden. Dr. Patlai: Ich bitte. Vorsitzender (verliest die Vollmachten). Dr. Pattai: Ich bitte auch um die Verlesung der beiden „Eingesendet" des Dr. B l o ch. Dr. Kopp: Das ist doch unmöglich von irgend einer Bedeutung für den Proceß. Vorsitzender: Das erste Eingesendet lautet (liest): „Auf eine, an eine behördliche Persönlichkeit in Sanct Petersburg gerichtete, mit einer hinreichenden Begründung und Empfehlung ausgestattete Bitte um Ermittlung des den Angaben des Paulus Meyer eventuell zu Grunde liegenden Thatbestandes, ist telegraphisch nachstehende Antwort eingetroffen: Dr. Bloch, Redacteur der „Oesterreichischeu Wochenschrift", Wien: Eine Stadt, ein Ort. Flecken oder Dorf mit Namen Ostrowo oder Ostrovo oder Ostrowa existirt im weiten russischen Kaiserreiche nicht, also auch nicht im Gouvernement Lublin (Russisch-Polen). Weitere Erhebungen sind darum unmöglich und wohl auch überflüssig. Die k. k. Postverwaltung in Oesterreich wird bestätigen, daß eine Stadt solchen Namens blos in dem preußischen Theile des ehemaligen Königreiches Polen, im Regierungsbezirke Posen, nicht aber in Rußland existirt, wohin Paulus Meyer seine Mordgeschichte aus guten Gründen verlegen muß. , Herr Dr. Deckert hätte, bevor er ein derartiges Schreiben mit solch schwerwiegenden! Inhalt aus der angeblichen Feder des von allen Seiten so gut beleumundeten Paulus Meyer dem „Vaterland" zur Publication überliefert, sich vorerst wenigstens die Gewißheit verschaffen müssen, daß eine Stadt oder ein Ort Ostrowo im Gouvernement Lublin (Ruff.-Polen) wirklich existirt." Das zweite Eingesendet lantet (liest): ^Wahr ist vielmehr, daß ich blos eine bündige und für beit Gerichtszweck bindende Erklärung der Herren Deckert und Paulus Meyer zu provociren versuchte, für welche der drei russischen Städte mit dem Namen Ostrow die Herren alL, Schauplatz ihrer Mordgeschichte sich entscheiden, wobei es ihnen sogar freigegeben war, für das in dem „verhängnißvollen" Briese ausdrücklich wiederholt genannte Ostrowo eine Stadt mit dem Namen Ostrow und für das Gouvernement Lublin ein anderes russisches Gouvernement zu wählen. Die Publication des Telegrammes erwartete als Antwort eine Declaration mit einer bestimmten Angabe der Stadt und des Gouvernements, welche an Stelle der fälschlich augegebeuen gedacht waren, Seite 751 eine Declaration, welche zur Grundlage eines gerichtlichen Ermittlungsverfahrens genommen werden und ein neuerliches Verschieben des für die angeblichen Geschehniffe gewählten Schauplatzes ausschließen soll." Dr. G r i e z: Es liegt noch ein Wohlverhaltungszeugniß vor, welches dem Paulus Meyer seitens der russischen Gesandtschaft ausgestellt wurde, es ist aber in russischer Sprache. Vorsitzender: Es wird nicht negirt werden, daß er ein solches besitzt und daß es den Inhalt hat, den er behauptet. Dr. Griez: Ich bitte dann um die Verlesung der beiden Zeugnisse über die Thätigkeit des Paulus Meyer in Berlin. Vorsitzender (liest): Z e n g »i fr. Der Proselyt Paulus Meyer ist seit dem 1. August 1890 bis dahin 1891 in meinen Diensten gestanden. Ich habe ihn zu allerhand persönlichen Dienstleistungen verwendet, ihn auch zur Mithilfe an der Missionsarbeit herangezogen. Während seines Aufenthaltes hier hat er es sich eifrig angelegen sein lassen, die Juden hiesiger Städte, insbesondere die russisch-polnischer Nationalität aufzusucheu, Bekanntschaften mit ihnen anzukuüpfen und ihnen nach Möglichkeit das Evangelium nahezubringen. Sein Auftreten hat ihm manchen Freund, aber auch manchen Feind unter den Juden erworben. Seine Entlassung erfolgte, weil ich nicht mehr in der Lage bin, seine Dienstleistungen noch weiter in Anspruch nehmen zu können. Berlin, N. W. Lessingstraße 32, am 24. August 1891. L. 8. R. Bieli n g m. p. Pastor". Ferner (liest): A t t e st. Vorzeiger dieses, Proselyt Paulus M eye r, war seit März l. I. tbätig in meinem Depot zur Verbreitung des Evangeliums unter Israel, sowohl hier in Wilna, als auch in Minvk, Grodno und Bielestock. Im Verlaufe dieser 9 Monate führte er ein streng-sittliches, christliches Leben. Seine klwerrednugen mit den Tausenden Juden, die sowohl ins Depot kamen, wie auch außerhalb desselben, waren voll Begeisierung und Ueberzengungskrast, darauf ausgehend, die Juden aus dem alten Testamei'te zu überzeugen, daß das Heil Israels sowohl wie das der gaumen Menschheit nur in Jesu dem Christ zu suchen sei. Er that seine Pflicht mit seltener Energie und Treue, ja mü Selbstverleugnung. Oft setzte er sich der Gefahr ans, von Juden auf den Straßen und in ihren Synagogen mißhandelt zu werden. Als Arbeiter unter Israel besitzt er die Gnadengabe des Herrn in einem außergewöhnlichen Maße, um Zion lagen zu können: „Siehe, dein Heiland ist gekommen". Da er jetzt vom Herrn heimgesucht worden ist, indem sein einziges Auge derart erkrankte, daß er fast erblindet ist, da er als junger Proselyt — er wurde erst vor einem Jahre gelaust — von seinem Volke und nächsten Verwandten hinansgestoßen und verworfen und mit den Christen noch nicht verwachsen Ast, da er endlich gegenwärtig fast seiner Sehkraft beraubt ist, so geziemt sich sowohl vom Standpunkte der Humauttät wie auch zufolge christlicher Liebe und Barmherzigkeit, daß man diesem verunglückten Herrn Meyer mit Rath und That die helfende Bruderhand reichen solle. Vielleicht beweist der heilige Jesus seine wunderbare Heilkraft, daß er sehend wird; dann wird er hoffentlich mit großer Sorge wieder im Weingarten des Herrn unter Israel arbeiten, das ivalte der Herr in Gnaden, Amen! Dr. A. A l t h a u s e u m. p. L. 8. Wilna, am 30. November 1888." Dr. Griez: Ich bitte ferner um die Verlesung einerkurzen Stelle aus derBroschüre „Ein Ritualm ord" v on Pfarrer Dr. Jos. Deckert. Der Grund für die beantragte Verlesung ist der, daß es bei der Entscheidung der Herren Geschwornen im hohen Grade darauf ankommen wird, zu beurtheilen, in welcher Weise der Schlußfolgerungen des Herrn Dr. Deckert ein Gewicht beizulegen ist. Dr. Porz er: Nachdem die beantragte Verlesung mit dem Processe nicht zusammenhängt und offenbar nur zu dem Zwecke gewünscht wird, um der Vertheidigung des Paulus Meyer Material für Angriffe zu liefern, welche in der Sachlage nicht begründet sind, bin ich gegen die Verlesung. Dr. Kopp: Ich lasse der Vertheidigung. freien Spielraum. Vorsitzender: Nachdem wir nicht wissen, was darin steht, und der Zusammenhang nicht klargestellt ist, kann ich diesem Antrag keine Folge geben. Dr. Griez: Ich glaube bereits angeführt zu haben, daß die Verlesung den Zweck hat, zu zeigen, in welcher Weise der Herr Pfarrer logische Schlüsse zieht. Ich kann den Inhalt der Stelle kurz angeben. Der Herr Pfarrer behauptet darin, daß die Anschauung, die Inden brauchen auch noch gegenwärtig Christenblut zu rituellen Zwecken, deshalb begründet ist, weil

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