Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 38 (22.9.1893)
- Date
- 1893-09-22
- Page
- – (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3020954-3020992--02807-3026913- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 750 Orsterreichischr Wochenschrift Nr. 38 dieser Umstand der Bertheidigung die wirksame Handhabe der Nichtigkeitsbeschwerde. Dr. Pattai: Ich will die Herren nicht langweilen, aber ich muß doch bitten, daß die Verlesung stattfinde. Dr. Ko pp: Ich bemerke, daß ich aus Vorsicht ebenfalls diese Verlesung beantragt habe, für meine Person verzichte ich darauf. Vorsitzender: Es wurde weiters von Meyer beantragt, ein Gutachten überfeinen Zustand einzuholen, und beantragt, die Vernehmung der Gerichtsärzte oder die Bekanntmachung ihres Pareres. Die Aerzte haben folgende Parere abgegeben (liest): ' K. k. L an d e s g e ri ch t s s p i tn l. P a r e r e. In Befolgung des amtlichen Auftrages vom 4. September d. I. Z. 38446, ein Gutachten über den physischen Gesundheitszustand des Znquisiten Paulus Meyer zu erstatten, erlaubten sich die Gefertigten Nachfolgendes zu berichten:-. „Paulus Meyer, 31 Zähre alt, seit 25. Mai d. I. hiergerichtlich in Hast, von sehr schwächlichem Körperbau, in der Ernährung stark herab gekommen, leidet an hochgradiger Neurasthenie (Nervenschwäche) und Blutarmuth. Derselbe klagte tvährend seiner Haft fast ununterbrochen über die verschiedensten nervösen Beschwerden, zeigte sich zeittveise hochgradig aufgeregt und befindet sich feit seiner Einlieferung in ambulatorischer Behandlung, rvelche einmal drrrch 3tägige Spitalsbehandlung uuterbrochen werden mußte. Im Monate Juli d. I. klagte er über heftige Schmerzen im linken Auge und Sehstörnng. Obwohl von derr Gefertigten eine Erkrankung des Auges nicht gesunden werden kounlc, wurde mit Rücksicht auf den Umstand, das; Paulus Meyer schon vor längerer Zeit das erste Auge verloren hat, eine Untersuchung des angeblich erkrankten Auges durch einen Specialisteu veranlaßt, welche jedoch gleichfalls ein negatives Resultat ergab, und auch diese Beschwerde» nur als neurasthenische erkennen ließ. Außer den Erscheinungen der Blutarmuth und.Nervenschwäche sind an Paulus Meyer keine Organerkrankungen nachweisbar." W i c n, 7. September 1893. (U n 1 e r s ch r i f t e n). Dr. Griez: Ich beantrage die Verlesung zweier Zeugnisse. Vorsitzender: Diese werden uns nicht lange aufhalten. Dr. Porzer: Ich möchte auch kurze Constatirung aus Zeitschriften beantragen. - Vorsitzender: Wenn weiter nichts beantragt wird (Niemand meldet sich), so unterbreche ich nunmehr die Sitzung auf eine Stunde. (Die Sitzung wird um 2 Uhr unterbrochen; nach Wiederaufnahme derselben um 1ji4: Uhr.) Vorsitzender: Wir übergehen nun zu Constatirungen, bezw. zur Verlesung der Documente, welche als Klagelegitimation dienen. - Dr. Porzer: Ich erlaube mir schon im gegenwärtigen Stadium der Verhandlung einen Antrag zu stellen, den ich jetzt stellen muß, weil in ganz unvorhergesehener Weise sich mir ein Zeuge gemeldet hat, welcher über einen — wie mir scheint — wichtigen Umstand auszusagen in der Lage ist. Herr Paulus Mey er hat nämlich im Verlaufe der Vernehmung behauptet, daß er nicht der Verfasser dieses Briefes sei. Ich erlaube mir den Antrag zu stellen, daß Herr Ernst Vergani, Herausgeber des „Deutschen Volksblatr" als Zeuge vernommen werde, in dessen Redaction Herr Paulus Meyer erschienen ist, sich als den Verfasser des Briefes bekannte und bereit erklärt hat, auch noch weitere Artikel in diesem Sinne zu schreiben, nachdem er unmittelbarer Augenzeuge dieses Ritualmordes gewesen sei. Vorsitzender: Wird dieses Factum zugegeben? Meyer: Es ist wahr, daß ich seinerzeit in der Redaction des „Deutschen Bolksblatt" gewesen bin, dies jedoch nur darum, weil mich Dr. Deckert wiederholt aufgefordert hat, ich solle die Angriffe der'jüdischen Presse berichtigen, und weil eine Berichtigung des Dr. Deckert von der „Sonn- und Montags- Zeitung" nicht ausgenommen worden ist. Herr Dr. Deckert riech mir deshalb, zum „Deutschen Volksblatt" zu gehen, damit man dort meine Berichtigung aufnehme. Als ich hinkam, fragte ich Herrn Vergani, ob er etwas von mir aufnehmen wolle. Er sagte: „Nein, ich beschäftige mich damit nicht, ich will davon nichts wissen". Da Herr Ernst V erg ani der Verhandlung beigewohnt und bemerkt hat, daß ich jetzt eine solche Stellung eingenommen habe, so ist sein Streben begreiflich, die Sache zu stützen. Vorsitzender: Wird das Factum zugestanden? Meyer: Ich habe mit Herrn Vergani weder über den Artikel betreffend das Blutrituale, noch sonst über etwas gesprochen. Ich habe blos wegen der Berichtigung ungefragt. Vorsitzender: Es ist also nicht wahr, daß Sie sich dem Herrn Vergani gegenüber als Verfasser des Artikels bekannt haben. (Zeuge Ernst Vergani wird aufgerufen und gibt an: Geboren zu Sollenz in Galizien, 45 Jahre alt, katholisch, verheiratet, Herausgeber des „Deutschen Volksblatt", mit keinem der Angeklagten verwandt oder verschwägert. Hierauf folgt die Eideserinnerung und die Eidesablegung.) Vorsitzender: Ist Ihnen etwas darüber bekannt, daß der Brief, welcher mit „Paulus Meyer" unterschrieben ist, im „Vaterland" veröffentlicht wurde und den Gegenstand der heutigen Klage bildet, von Paulus M e y e r zugestandenermaßen als 'Verfasser, oder irgendwie von ihnr herrührt. Vergani: Das ist mir wohl nicht bekannt. Als ich heute im Abendblatte, ich hatte die Redaction bereits um 12 Uhr verlassen, die Aussage des Paulus Meyer las, da erinnerte ich mich daran, daß er circa vor dem 20. Mai bei mir war und mir den Antrag stellte, er wolle im „Deutschen Bolksblatt" einige Artikel über den Ritualmord schreiben, welcher bereits in seinem Briefe im „Vaterland" erwähnt ist. Auch sei er bereit, über den Ritualmord überhaupt, sowie über den Talmud ausführliche Artikel mir zu liefern, wenn es sein muß, mit seiner Unterschrift, was großes Aussehen erregen werde, weil Niemand wie er hebräisch könne und weil er in Rabbinatsschulen erzogen wurde und den Talmud außerordentlich gut verstehe. Ich fragte ihn dann: „Waren Sie wirklich bei dem Morde?" Darauf antwortete er: „Selbstverständlich. Ich könnte überhaupt über derartige Morde noch viel erzählen". Ich fragte: „Warum bleiben Sie nicht beim „Vaterland"? Da sind ja schon einige Artikel erschienen". Er erwiederte: „Die Leute haben keine Courage; Sie packen die Sache radical an". Ich antwortete: „Nein, ich nehme -Sie nicht als Mitarbeiter an"; er wollte nämlich als solcher bei mir angestellt werden. „Ich will auch Ihre Artikel nicht". Er wollte den Grund wissen. Ich habe einfach darauf erwidert: „Das wissen Sie ja recht gut, daß ich auf dem Standpunkt des Rassrn-Anüsemitismus stehe und daß ich von einem getauften Juden gerade so wenig wie von einem unverfälschten Juden etwas nehme und dem einen ebensowenig Glaube schenke wie dem andern. Darüber wurde er ganz empört und rief: „Das werden Sie noch bedauern". Er drehte sich um und ging. V o r s i tz e n d e r: Ist das richtig? Meyer: Das ist vollständig entstellt. Vorsitzender: Was ist Wahres daran? Meyer: Ich kam zu Vergani und fragte ihn, ob ich mich in seinem Blatte gegen dieAngriffe der jüdischen Presse vertheivigen könne, da die Berichtigung des Dr. Deckert von der „Sonn-und Montagszeitung" nicht ausgenommen worden sei. Er gab ganz kurz und zornig die Antwort: „Ich bin überhaupt nur ein Zuschauer bei der Sache, ich will mich nicht einlaffen, ich will mit keinem getauften Juden zu thun haben." Das hat mich sehr geärgert. Ich bin fest überzeugt, daß wenn Herr Vergani etwas Anderes gelesen oder gehört hätte u. zw. solches, was zu Gunsten der Antisemiten gewesen wäre, so hätte er sich nicht gemeldet. Ja, ich kann sagen, daß wenn es noch Zeit wäre, sich noch einige Herren melden würden, um zu Gunsten..... Vorsitzender: Enthalten Sie sich dieser Ausführungen; sie sind weder sachlich noch gehörig. — Herr Zeuge, Sie bleiben trotzdem bei diesen Angaben und können dieselben als wahr bestätigen? Vergani: Ich habe es beeidigt. Dr. Griez: Als Paulus Meyer sich anbot, über den Ritualmord zu schreiben, hat er angedeutet, ob er für oder gegen die Existenz desselben schreiben wird? Vergani: Offenbar im Sinne des Briefes im „Vaterland^^. Dr. Griez: Sie haben also aus seinen Aeußerungen geschloffen, daß er für die Existenz der Ritualmorde schreiben will? Vergani: Ich glaube, zur Bertheidigung des Gegentheils wäre er nicht zu mir gekommen. Dr. Pattai: Sie haben ihn doch gefragt, ob er selbst bei dem Ritualmord dabei war, den das „Vaterland" geschildert hat? Vergani: Er hat darauf erwidert „Selbstverständlich!"