Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 38 (22.9.1893)
- Date
- 1893-09-22
- Page
- – (sequence 34)
- Language
- German
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Seite 748 Vestrrreichlschr Mmtzerrfchrtp Nr. 38 Dr. Pattai: Was hat Dr. Bloch darauf erwidert? Dr. Deckert: Er hat gemeinter habe dieses Telegramm nur deshalb in die Welt gesendet, um zu Gerichtszwecken eine Angabe zu haben. Dr. Pattai: Ich werde dann bitten, diesen Passus zu constatiren. Meyer: Dr. Deckert sagt, er habe nichts gewußt von Ostrowo. Während ich die Mittheilungen über meine Erlebnisse machte, sagte er: ^Wissen Sie, Herr Meyer, wenn mau solche Sachen bespricht, wäre es doch besser, wenn Sie immer Ort und Namen angeben würden." Da habe ich ihm auch unter anderen die Stadt Ostrowo genannt und die Namen Derjenigen, in deren Kreisen ich mich bewegte. Vorsitzender: Sie sagten doch, daß Sie von dem Briefe nichts gewußt haben und Dr. D eckert nichts davon erzählt haben. Meyer: Sie verstehen mich falsch, Herr Präsident. Dr. Griez: Die Verantwortung Meyer's geht dahin, er hat dem Pfarrer Bilder aus dem religiösen Leben der Juden gegeben, er hat dem Pfarrer Exemplificationen gegeben und erzählt, wie er unter den Juden in Ostrowo gelebt hat, wie er mit diesen beisammen war, und nach seiner Verantwortung wurden diese Namen im Briefe benützt. Vorsitzender: Aber die Geschichte von Ostrowo hat er so dargestellt, als ob er die Geschichte erzählt hätte. Meyer: Ich kann die Sache nicht so sagen, wie ich möchte. Während ich ihm dictirt habe, habe ich die Personen namhaft gemacht. Ich habe erklärt, es gibt unter den Chassidim 2 Seelen. Es ist z. B. bei den Rabbinen strenge Sitte, am Sabbath Fische zu kochen. Vorsitzender: Das hat nichts mit der Sache zu thun. Meyer: Ich bitte um Verzeihung! Wenn einer von den Chassidim sieht, daß ein Fisch nicht da ist, da läuft er drei Meilen weit in eine andere Stadt. — Ich habe ihm das so erzählt — z. B. nach Lavertone rc. In der Weise habe ich ihm die Namen genannt. Vorsitzender: Es sind also Ihre Namen mißbraucht worden. ‘; Geschworener Selldorf (zu Dr. Deckert): Die Daten über den angeblichen Mord beziehen sich auf das Jahr 1875. Glauben Sie, daß man in Rußland einen Mord begehen könne, ohne daß er richterlich geahndet würde, und haben Sie eine derartige Angabe seitens des Angeklagten, dessen Vorleben Sie kannten, für glaubwürdig gehalten? Dr. Deckert: Ich möchte zur Kenntniß bringen, daß das Vorleben M e y e r's mir nur durch Dr. Rohling und Professor B i ck e l l bekannt war. Sonst habe ich nur gewußt, was er in seinem „Wölfe im Schassfell" gesagt hat. Das ist nicht gravirend. Daß im Jahre 1875 in Rußland ein Mord unentdeckt bleiben konnte, hat mich durchaus nicht genirt. Das geschieht ja auch bei uns und in Deutschland sowie überhaupt in anderen hoch civilisirten Ländern. (Heiterkeit.) Ein Geschworner (zu Dr. De ckert): War M e y e r polizeilich gemeldet, während der Zeit, als er bei Ihnen geschlafen hat? Meyer: Bon Anfang nicht. Ich wußte nicht, bei wem ich mich zu melden hatte. Vorsitzender: Es dürfte dies nicht der Fall gewesen sein, nachdem aus Anlaß der Verhaftung des Meyer, welche das Landesgericht in Leipzig verfügte, Recherchen gepflogen wurden. Meyer: Ich glaube, verstanden zu haben, daß derHerr Präsident meint, weil im Leipziger Gerichte eine Anzeige über mir schwebte ... Vorsitzender: Nein! Das habe ich nicht gesagt. Ich meine, wir Linnen nicht constatiren, ob Sie polizeilich gemeldet waren. Meyer: Als ich ausgezogen bin, habe ich gefragt, was ich in einer neuen Wohnung thun müsse und Dr. Deckert sagte: „Melden Sie sich an! Sie müssen ja nicht das Datum angeben, wann Sie gekommen sind", worauf ich sagte: „Es steht ja schon in der Presse." Vorsitzender: Antworten Sie auf die Frage des Herrn Geschwornen, ja oder nein! Meyer: Nein! Dr. Deckert: Ich habe dem Meyer auf seinen Brief von Leipzig hier eine Wohnung besorgt; , er konnte sie aber augenblicklich nicht beziehen, weil er keine Möbel hatte, die mußten erst beschafft werden. In diese Wohnung hat er aber seine Sachen gleich hineingebracht. Ich sagte: „Sie müssen sich polizeilich melden;" ob er dies gethan hat, weiß ich nicht. Geschworner: Ich wollte nur wissen, wie es kommt, daß ein Mensch so herumvagiren kann. Dr. K o p p (zu Dr. Deckert): Sie haben erzählt, er hat keine Wohnung gehabt. Dr. Deckert: Was er gebracht, Bücher rc. hat er in seine Wohnung geschafft. Dr. Pattai: Jetzt zeigt es sich also, wo er von einem Tag auf den anderen geschlafen hat. Meyer: Ich möchte die Sache aufklären! Vorsitzender: Wir haben genug über die Sache gehört und es wird aus diesem Grnnde gewiß kein Schuldspruch wider Sie erfolgen. Wir schreiten nunmehr zum Verhör des Drittangeklagten... (zu Franz Doll): Sie haben dasselbe Recht, sich in zusammenhängender Weise zu verantworten! Doll: Die ganze Discussion hat ihren Ausgang genommen von der Broschüre des Dr. Deckert über Simon aus Trient, wegen welcher er von Bloch heftig und unfläthig angegriffen wurde. Dies ist der Grund, warum ich als Vertreter eines christlichen Blattes einem katholischen Priester Gelegenheit gab, sich zu vertheidigen. Die Redaction selbst wollte schon im zweiten Artikel der Sache ein Ende machen und schrieb, daß die Discussion beendet sei. Auch wurde, um vollständig unparteiisch zu erscheinen, der zweite Artikel überschrieben „Eine Controverse". Wir wollten also, ehe von der Veröffentlichung des Briefes in unserem Blatte die Rede war, die Discussion schließen, «ber Rabbi Bloch wollte nicht, er schickte Berichtigung auf Berichtigung in einer Länge, welche das Ausmaß des §. 19 überschritt. Er machte verschiedene Bemerkungen, in welchen er die Existenz des Briefes anzweifelte- Endlich stand in der „Sonn- und Montags-Ztg." in fetten Lettern ein Loire ölet, in welchem Dr. Deckert ausgefordert wurde, den Brief zu veröffentlichen. Dies der Grund, weshalb ich der Veröffentlichung Raum gab. Ich weiß, daß so mancher an meiner Stelle sich damit aus der Affaire ziehen würde, daß er erklärt, er habe den incriminirten Artikel nicht gelesen. Dies thue ich nicht! Ich bestätige, daß ich den Brief gelesen habe. Aber dagegen muß ich mich verwahren, daß ich die genannten Persönlichkeiten' beleidigen wollte. Ich muß sagen, bei der Lectüre dieses Briefes sind mir diese Personen nicht einmal mit dramatischer Lebendigkeit vor das Auge gekommen. Ich las diesen Brief, wie man eine Blutthat aus Brasilien liest, wo das Factum hängen bleibt, aber nicht die Person.- Außerdem, ich gestehe es, wußte ich nicht einmal, wo Ostrowo liegt. Ich halte dies für keine Schande, denn auch B lo ch hat dies nicht gewußt. Er hat ein Telegramm publicirt von den Politischen Behörden, worin steht, daß Ostrowo nicht exisürt. Anderen Tages hieß es, das Telegramm sei singirt zu Gerichtszwecken. Mit welchem Hochdrucke seitens Bloch's gearbeitet wurde, zeigt der Umstand, daß er noch, wie soll ich sagen, die Stirne hatte, sich bezüglich des Telegrammes auf die kaiserlichen Postanstalten Oesterreichs zu berufen; daß die ganze Sache abgekartet war, lag auf der Hand. Nun möchte ich noch einen Umstand erwähnen. Unser ganzes Zeitungswesen ist auf dem Referate aufgebaut, auf interveuirenden Persönlichkeiten und Instituten. Die Zeitungen geben wieder, was sie gehört haben. Die Zeitungen gebrauchen noch eine Vorsicht,- daß, wenn sie sich mit einem Referate nicht identificiren wollen, sie von dem Referenten verlangen, daß. er den betreffenden Artikel unterschreibt. Dies war mein Fall. Mir lag der Brief des Meyer vor, geschrieben in so erschütternder Weise, daß ich annehmen konnte, nicht Deckert habe ihn geschrieben, sondern,.einer, der mehr unterrichtet war im jüdischen Ritus. Außerdem wußte ich, haß hinter Meyer zwei Gewährsmänner standen, deshalb habe ich den Brief ausgenommen und lehne hiemit die Verant- , Wortung ab. ' Vorsitzender: Wer hat Ihnen den Brief übergeben? , Doll: Der Chefredacteur Inthal. i Vorsitzender: Wie er diesen Brief bekommen hat, wußten Sie das? t Doll: Er hat gesagt, daß der Schreiber des Briefes hier war mit Dr. Deckert. Vorsitzender: Sie haben im guten-Glauben auf die t Wahrheit des Briefes, rücksichtlich auf die Gewährsmänner den - Brief veröffentlicht. " .; i Dr. Pattai : Sie haben auch dann wieder den Dr. B lo ch : das Wort ertheilt?