Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 38 (22.9.1893)
- Date
- 1893-09-22
- Page
- – (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 . Oesterreichische Wochenschrift Seite 747 Dr. Griez deRonze: Vielleicht überlassen Sie das mir! Ist es richtig, daß, als ein Polizeibeamter bei Ihnen erschien, Sie erklärten, Sie wüßten nicht, wo Meyer sei. Dr.Deckert: Einem Polizeispitzel gegenüber bin ich immer vorsichtig. Dr. Griez de Ronze: Es mag dies einer Neigung entsprechen. Ich wollte nur eine Thatsache constatiren. Der Brief wurde jedenfalls dictirt. Denn wir haben gehört, daß Sie dem Meyer die Wochenschrift zur Durchsicht gegeben haben und nachdem dieser Brief sich darauf bezieht, wurde er dictirt. Ist Ihnen bekannt, wo der Brief dictirt wurde, im Pfarrhofe oder in seiner Wohnung? Dr. Deckert: Bestimmt im Pfarrhofe nicht. Dr. Griez de Ronze: Könnten Sie vielleicht sagen, wann dies geschah? D r. Deckert: Anfangs Mai, das Datum kann ich nicht bestimmt sagen. Dr. Griez de Ronze: Schon in den ersten Tagen? Dr. Deckert: Es kann auch Ende April gewesen sein. Ich weiß das nicht bestimmt. Dr. Griez de Ronze: Ist es richtig, wieMeyer sagt, daß Sie seiner Braut Manuskripte zum Abschreiben gegeben haben? Dr. Deckert: Vollständig erfunden, meines Wissens nie. Dr. Griez de Ronze: AberSie haben öfters für literarische Arbeiten andere Copisten gehabt? k Tr. Deckert: Jedenfalls eine Emma Wituska nicht. Dr. Griez deRonze: Dann möchte ich mir nur noch die Bitte erlauben, mir zu sagen — das werden Sie wohl selbst nicht bestreiten — daß Sie es sich zur Aufgabe gemacht haben, den Beweis herzustellen, daß die Juden zu rituellen Gebräuchen in der Vergangenheit Christenblut gebraucht haben. Dr. Deckert: Ich glaube, es kann keinem Menschen verwehrt sein, auf historischem Wege sich irgend eine Ueberzeugung zu verschaffen. Ich habe in den Acten des Simon von Trient geforscht, habe mir die Daten zusammengestellt und mir die Ueberzeugung gebildet, daß dieser Ritualmord gewiß vorgefallen ist, und zwar in der Absicht, weil ich dem Vorurtheile entgegentreten wollte, daß es solche Morde nie gegeben hat und gar nie geben konnte. Die Wissenschaft ist frei; ob einer diese Ueberzeugung gewinnt oder eine andere, deshalb brauche ich noch kein Schuft, kein Lügner zu sein, wie mich Bloch titulirt hat. Dr. Griez: Ich wollte nichts insinuiren. Ich wollte blos die Thatsache constatirt haben, daß Sie es sich zur wichtigen Aufgabe gesetzt haben, in dieser Richtung Studien zu Pflegen, daß Sie nicht nur eine Broschüre über diesen Ritualmord, sondern in jüngster Zeit noch eine zweite Broschüre veröffentlicht haben, in welcher der Nachweis geliefert werden soll, wie Sie sagen, „auf Grund historischer Thatsachen", daß in vergangener Zeit auch drei Tiroler Kinder geschlachtet wurden. Dr. Deckert: Gewiß! Dr. Griez: Sie haben früher erwähnt, daß der Brief des Meyer, in welchem er die Mordthat an dem blonden Knaben schildert, auf Ihre wissenschaftliche ,Ueberzeugung bezüglich des Ritualmordes kemen Einfluß geübt hat. Dr. Deckert: Gar keinen, das will ich nicht gesagt haben. Dr. Griez: Ich meine keinen Einfluß auf Ihre bereits gebildete Ueberzeugung. Dr. Deckert: Ich wurde in meiner Ueberzeugung bestärkt. Dr. Griez: Das scheint in einem Widerspruche zu sein mit Ihrer Erklärung im „Vaterland", wonach Sie sagen, das Studium der Trientiner Acten habe Sie überzeugt, daß die Juden Christenblut gebraucht haben in den vergangenen Jahrhunderten. Der Brief des Meyer habe Sie überzeugt, daß die Juden auch gegenwärtig Blut brauchen. Ich wollte constatiren, ob der Brief des Meyer diese Wirkung hatte, daß Sie dadurch überzeugt wurden, daß die Juden auch jetzt Christenblut brauchen. Dr. Deckert: Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie einen ganzen Paffus meiner Enunciationen im „Vaterland" ausgelassen haben. Ich habe erklärt, daß ich durch das Studium zur Ueberzeugung gekommen bin, daß es wirklich solche Ritualmorde gegeben hat und daß die Möglichkeit vorhanden ist, daß auch in gegenwärtiger Zeit unter den Chassidim solche Morde Vorkommen, nicht unter allen Juden. Dr. Griez: Ich werde mir später erlauben, die Verlesung zu beantragen. Aus der Stelle geht hervor, daß der Brief Ihnen die Ueberzeugung verschafft hat, daß auch gegenwärtig solche Morde Vorkommen. Ich möchte mir nur noch eine letzte Frage erlauben, bezüglich der Veröffentlichung. Meyer verantwortet sich dahin, daß er die Veröffentlichung nicht nur nicht befürwortet, sondern Sie sogar ersucht hat, die Veröffentlichung nicht vorzunehmen. Es liegt auch im Uatersuchungsacte kein Moment vor, welches darauf hindeuten würde, daß Meyer auf die Veröffentlichung des Briefes irgend welchen Einfluß genommen hat. Ich möchte Sie nun fragen: Hat Meyer irgend etwas gethan, um den Brief durch eine periodische Druckschrift zu veröffentlichen? Dr. Deckert: Gewiß, im Briefe selbst steht es ja! Er beschwört mich darin, seine Mittheilungen in meinen Kreisen öffentlich bekannt zu machen. Dr. Griez: In Ihren Kreisen, das ist doch nicht in einem Blatte! Dr. Deckert: Wenn ich blos in meinen Kreisen davon sprechen will, so ist dieß keine Veröffentlichung, während er mich aufforderte, öffentlich die Sache bekannt zu machen. Dr. Griez: Sie haben also die Sache auf diese Weise gedeutet. Dr. Deckert: Auch schon deshalb, damit der Zweck erfüllt werde, „um weitere Schäden zu verhüten". Dr. Griez: Nach den Erklärungen, die Ihrerseits vorliegen, war die Veröffentlichung immer nur eine Folge der Polemik mit Dr. Bloch, wie Sie heute sagten, zur Rettung Ihrer persönlichen Ehre. Meyer: Ich möchte fragen, ob Dr. Deckert das constatiren wird, daß er die Wirthschafterin kommen ließ und sagte: „Die Würfel sind gefallen, der Brief muß veröffentlicht werden," trotzdem ich ihn auflehte, er solle nicht veröffentlicht werden. Dr. Deckert: Die Würfel sind gefallen, d. h. die Veröffentlichung ist schon geschehen, das war es, das hat Meyer unrecht verstanden. Meyer: Erjagt, er war mit mir auf der Redaction des „Vaterland", ehe der Brief veröffentlicht wurde; ich behauptete, das ist nicht richtig. Ich wollte fragen, ob er sich erinnert, nachdem er von der"Redaction gekommen ist... . Vorsitzender: Was hat er denn gethan bei der Redaction? Meyer: Ich war damals so aufgeregt. Vorsitzender: Sie sind immer aufgeregt! Meyer: Ich wollte nur wissen, ob er behauptet, daß wir beim „Vaterland" nach dem Abdruck des Briefes oder vor der Veröffentlichung waren. Vorsitzender: Er behauptet nach der Veröffentlichung. Meyer: Ec muß sich doch erinnern. Vorsitzender: Sie können möglicherweise nach der Veröffentlichung auch in der Redaction gewesen sein. Meyer: Er behauptet, ich hätte in Gegenwart I n t h a l's die Mordaffaire in Oftrowo constatirt. Dr. Pattai (zu Dr. Deckert): Die ganze Controverse wurde auch in der „Wochenschrift" abgedruckt. Dr. Deckert: Jawohl. Dr. Pattai: Auch der Brief? Dr. Deckert: Ja. Dr. Pattai: Was ist dort für eine Erklärung des Ritualmordes gegeben worden? Sagte Mayer nicht, daß sogar die Christen ihre Kinder tödten, um die Schuld auf die Juden zu schieben. Dr. Deckert: Das wurde dort aus verschiedenen Zeitungen zusammengestellt, daß die Christen die Kinder schlachten, um die That arch die Juden zu schieben. Dr. Pattai:'Haben Sie die Kläger im Auge gehabt Haben Sie die Absicht gehabt, dieselben zu beschuldigen. Dr. Deckert: Das ist ja unmöglich. Ich habe ja gar nichts von ihnen gewußt und kannte sie nicht. Dr. Pattai: Haben Sie gewußt, wo Ostrowo liegt? Dr. De ckert: Nein. Dr. Pattai: Haben es Andere gewußt? Dr. Deckert: Selbst Dr. Bloch hat es nicht gewußt. Dr. Pattai: Dieses Factum scheint mir von Wesenheit, und ich bitte, es darzustellen. Es hat sich die Sache unmittelbar an die Polemik angeschloffen. Dr. De ckert: Jawohl. Dr. Bloch hat ein Telegramm aus Petersburg kommen lassen, daß es ein Ostrowo oder Ostrowe oder Ostrowa in Rußland gar nicht gebe. Dr. Pattai: Darauf haben Sie erwidert, daß es drei gibt. Dr. Deckert: Das „Vaterland".