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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-09-22 · 38 (22.9.1893) · page 31

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
38 (22.9.1893)
Date
1893-09-22
Page
– (sequence 31)
Language
German
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Nr. 38 Oesterreichifchr Wochenschrift Seüe 745 Nun fielen bei mir natürlich alle Bedenken hinweg; denn wenn man einem Menschen, der mir von Dr. Rohling und Doctor Bickell als Gelehrter, als wahrheitsliebender Mensch empfohlen wird, wenn man einen solchen Menschen, der als Augenzeuge auftritt, und es nicht blos sagt, sondern es beschwören will, nicht blos vor mir, sondern vor Gericht, wenn man dem nichts mehr glauben kann, dann hört sich alle Discussion auf. So geschah die Veröffentlichung dieses Briefes. . Vorsitzender: Es wird in der Klage behauptet, daß Sie den Brief der Redaction zur Verfügung gestellt und die Drucklegung vorsätzlich veranlaßt haben? Dr. D e ck e r t: Ich habe der Redaction den Brief lesen lassen, und dann war ich einverstanden, daß der Brief veröffentlicht wurde. Gewiß. Vorsitzender: Was ist es mit dem Inhalte des Briefes? Dr. Deckert: Darüber kann ich weiter nichts sagen, als daß ich mich auf meinen Gewährsmannberufe, der ja Augenzeuge war, wie er sagte, und der es nicht blos gesagt hat, sondern es auch beschwören wollte. Ich habe den Inhalt des Briefes für wahr gehalten. Ich habe die einzelnen Umstände nicht gekannt. Ich kannte den Ort nicht, nicht die Personen. Wie kann ich einen Jehoschuah ben Leib etwas vorwerfen? Paulus Meyer hat den Brief seiner Braut dictirt und ihn mir mit seiner Unterschrift überreicht. Die Verantwortung dafür muß ich dem Gewährsmann überlassen. Vorsitzender: Sie sagen, er hat den Brief seiner Braut dictirt. Waren Sie zugegen? Dr. D eckert: Nein. Daß es aber ihre Schrift ist, weiß ich. Vorsitzender: Das bestreiteich auch nicht. Nur das eine ist bedenklich. Ich muß es aufrichtig sagen, nach der heutigen Vernehmung und nach der den Acten beigefügten Verantwortung des Paulus Meyer ist der Zweifel zulässig, daß Paulus Meyer der Verfasser des Briefes ist, u. zw. darum, weil er nicht die Befähigung hat, einen solchen Brief mit einer solchen Abrundung des Styles zu verfassen. Können Sie das aufklären? Dr. Deckert: Ich denke mir die Sache so. Er selbst ist, wie lvir gehört haben, des Deutschen nicht vollkommen mächtig, aber seine Braut ist eine hochgebildete junge Dame, die wahrscheinlich das, was er ihr gesagt hat, in die richtige Form brachte. Daß sie eine gebildete deutsche Dame ist, weiß ich aus den Gesprächen, die ich, wenn auch selten, aber dann und wann, mit ihr gepflogen habe. Vorsitzender: Siemeinen also,daßseine Gedankendurch sie in die richtige deutsche Form gebracht wurden. Die Braut des Paulus Meyer hat nach deutschem Rechte die Befugniß, sich der Aussage zu entschlagen. Sie hat sich auch, wie die Herren aus den Acten entnehmen können, der Aussage enthalten. Dr. Kop p: Ich möchte nun fragen, obwohl das nicht bestritten ist, ob der Brief in der Nummer vom 5. Mai, wo Sie sagen: „Warten wir das Erscheinen des Briefes ab, dann Herr Dr. Bloch heraus mit dem Flederwisch rc." von Ihnen ist? Dr. Deckert: Das, was im „Vaterland" veröffentlicht ist, ist von mir. Dr. Kopp: Ich habe das allerdings nicht bezweifelt, ich wollte es nur constatiren. In der Voruntersuchung haben Sie gesagt, daß Ihnen Meyer von angesehenen Männern als besonderer Kenner des Talmud und der hebräischen Literatur überhaupt empfohlen wurde. Darauf bestehen Sie ja auch? Dr. D eckert: Ja. Dr. Kopp: Nun hat es sich hier aber um die Frage gehandelt, ob gewisse Personen A, B, C und D ein Verbrechen begangen haben. Wenn Jemand Zeuge eines Mordes zu sein behauptet, so kommt es wohl auf die wissenschaftliche Kenntniß nicht an, sondern nur darauf, ob er wirklich dabei war und ob er glaubwürdig ist. Auch ein ganz ungelehrter Mann, der nicht einen hebräischen Buchstaben kennt, kann Zeuge eines Mordes sein und wenn einer noch so gelehrt ist, und nicht dabei war, so weiß er es nicht. Auf die Kenntnisse kommt es also nicht an. Daß Meyer Ihnen seinem Charakter nach so gerühmt wurde, davon haben Sie in der Voruntersuchung nichts gesagt. Dr. Deckert: Ja ich habe gesagt, daßermir als einsehr vertrauenswürdiger Mensch empfohlen wurde; aber hier ist der ganze Brief. (Der Angeklagte übergibt denselben, sowie den Contract und den an ihn von Paulus M e y e r aus dem Gefängnisse gerichteten Brief dem Vorsitzenden.) Dr. Kopp: Dafür, das Bickell ihn als seinen guten Freund namhaft gemacht hat, haben Sie keinen Nachweis; das wäre immerhin etwas, was Ihnen dienlich wäre. Ich bedaure, daß Sie sich nicht»rechtzeitig auf Bickell berufen haben. Es thut mir leid, aber ohne Ihnen nahetreten zu wollen, vorläufig haben wir nur Ihre eigene Aussage. Dr. Deckert: Ich bin mit Dr. Bickell wiederholt zusammengekommen; er hat sich immer als den Freund Meyer's gezeigt; darum habe ich demselben nicht mißtraut; denn in dem Augenblicke, wo ich von Bickell nur ein einziges Wort gehört hätte, hätte ich gewußt, woran ich bin. Dr. Kopp: Sie haben einen Ausdruck gebraucht, den Sie vielleicht unschuldig meinten, der aber in der Polemik einen anderen Beigeschmack bekommt. Sie sagten, Bickell sei ein Philofemit. Das Wort gebrauchen gewöhnlich die Antisemiten, von denen, welche nicht zu ihnen stehen; Judenfreund ist aber, wenn man etwas gröber spricht, Judenknecht. So viel ich Herrn Dr. Bickell aus seinen Schriften und Thaten kenne, ist er ein höchst ehrenwerther Mann (Dr. Deckert: Gewiß!), der etwas Schlimmes auf jüdischer wie auf christlicher Seite gleich verdammt und andererseits Gutes rühmt und unterstützt. Also ein Philosemit im Sinne des Judenthums wird er doch nicht sein! Dr. Deckert: Das habe ich auch nicht behauptet. Ich habe hinzugesügt. in welchem Sinne er Philosemit ist, d. i. weil er in der Ritualmordfrage auf der Seite der Juden steht. Ro h lin g steht auf der andern Seite, er ist in dem Punkte Antisemit, dabei sind beide Herren gute Freunde und alte ehrenwerthe Männer. Dr. Kopp: Herr Meyer hat bei Ihnen einige Zeit gewohnt? Dr. Deckert: Das kann ich nicht „wohnen" nennen; nur der wohnt in einem Hause, der sein eigenes Bett hat, dort speist rc., das war hier nicht der Fall; er hat bei mir nur geschlafen, und zwar ungefähr einige Wochen, bis die Wohnung beziehbar war. Dr. Kopp: Mit der Braut? Dr. Deckert: Nein! . . . Dr. Kopp: Ich bitte, ich mache Ihnen keinen Borwurf daraus. . . Was haben Sie den Meyer an Geld gegeben? Dr. Deckert: Ich habe ihm monatlich 100fl. versprochen gegen dem, daß er mir das Geld wieder von dem Schriftstellerhonorare zurückgibt. Dr. Kopp: Blos versprochen? Dr. Deckert: Ich habe ihm auch etwas gegeben, ich war dazu nicht verpflichtet; so habe ich ihm 100 fl. nach Leipzig geschickt, damit er von dort nach Wien kommen könne. Vorsitzender: Ich constatire, daß der Brief des Herrn Dr. Rohling folgendermaßen lautet (liest): „Prag, 21. März 1893. Herrn Pfarrer Dr. I. Deckert Wien! Hochverehrter Herr Pfarrer! Eben kommt mir Ihre Ausgabe der Acten B. Simonis zu. Gott vergelt's! Ich mache anläßlich dessen aufmerksam, daß in Leipzig eine Schrift von Paulus Meyer über protestantische Judentaufen und Strack's umfaßliche Judenpflege erschien (bei E. R u st, Leipzig), die Sie interessiren wird. Leipziger Gelehrte sagen mir, daß sie in Paulus Meyer emen großen Hebraisten fanden, mit dem kein Lebender zu vergleichen sei. Was ich von ihm las, bestätigt dieses Urtheil. Ueberdies wird er als durchaus ehrenwerther und wahrheitsliebender Charakter geschildert, der in katholischen Kreisen sicher zur vollen Erkenntniß der Kirche käme. Meyer will nun ein großes Werk, hebräisch und deutsch, über das Blutrituale schreiben, welches durch bisher unbekannte zahlreiche Texte aus Talmud, Kabbala und Zubehör die Sache erledigen soll. Ich möchte nun, daß er nach Wien gehe, wo er in der Stille sein Werk schreiben würde und dort mit guter Leute Hilfe den Unterhalt fände; denn er ist ganz arm. Seine Mutter war griechisch-katholisch, der Vater Jude, der ihn ganz rabbinisch ausbilden ließ. Die Protestanten tauften ihn, sie stellten ihn in der Judenmission an, deren Betrügereien ihn aber zum Austritt und zum Angriff bewogen, wie obige Broschüre zeigt. Seine Briefe zeigen, wie Alles, was ich von ihm höre, einen verläßlichen Charakter, weshalb ich Sie herzlich bitte, ihn in Wien zu versorgen. Er würde auch den Schulchan fortsetzen und durch literarische

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