Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-09-22 · 38 (22.9.1893) · page 30

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
38 (22.9.1893)
Date
1893-09-22
Page
– (sequence 30)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3020846-3020954-3020992--02801-3026907
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 744 Oesterreichifche Wochenschrift Nr. 38 machte, ein wissenschaftliches Werk zu schreiben, welches den Ritualmord beweisen sollte. Ich fragte, was er eigentlich bei mir wolle. Er sagte mir, er sei in Deutschland unmöglich geworden. Die Juden haßten ihn als Convertiten und die Protestanten, weil er über die Judenmissionen Nachtheiliges geschrieben habe. Er suche in Wien ein stilles Plätzchen, wo er das in seiner Broschüre angekündigte Werk ruhig schreiben könne. Ich möge ihm dabei behilflich sein. Ich ging nicht augenblicklich auf diesen Vorschlag ein. Das muß man sich überlegen, sagte ich. Er ging fort und einige Tage hernach kam er wieder, aber nicht mehr allein, sondern mit dem Universitätsprosessor Dr. Gustav B i ck e l l. Derselbe stellte ihn mir als einen guten Freund vor und hat mir zugleich davon erzählt, daß er von seinem alten guten Freunde Rohling empfohlen worden sei und bat mich inständig, ich möchte mich für ihn verwenden, damit er in Wien e:n wissenschaftliches Werk herausgeben könne. Ich erkläre aufrichtig, daß mir gerade diese Empfehlung des Universitätsprofessors Bickell von großem Werthe war. Es war ein Antisemit, der ihn mir empfohlen hatte und es war ein ausgesprochener Philosemit — in dieser Frage des Ritualmordes — der ihn mir ebenfalls empfahl. Ueberdies hat sich Rohling noch auf Antisemiten Deutschlands berufen, aus Wesendonck u. A. Ich bin auf den Antrag eingegangen und habe in Gegenwart des Dr. Bickell am 31. März mit Meyer einen Vertrag geschlossen, wonach er sich verpflichtete, ein solches wissenschaftliches Werk über den Ritualmord bei den Juden zu schreiben, nicht blos etwa die Stellen herauszuziehen und zu übersetzen, welche man zu prüfen hätte, sondern den Ritualmord zu beweisen. So hat der Vertrag gelautet, welchen ich hiemit vorlege (übergibt ihn dem Vorsitzenden). Ich habe also den Vertrag in Gegenwart des Herrn Professors Bickell geschloffen. Professor Bickell hat den Vertrag gelesen, er hat ihn vorgelesen und P a u l u s M e y e r hat ihn unterschrieben. Meyer (meldet sich zum Worte). Vorsitzender: Ich bitte, Sie werden dann sprechen können. Dr. D eckert: Nach Unterfertigung dieses Vertrages ging Paulus Mey e r nach Leipzig, woher er mir schrieb, ich möchte eine Wohnung für ihn suchen. Ich berühre das deshalb, weil mir meine Gegner das zum Vorwurfe machten, daß ich Paulus Meyer für einige Tage Gastfreundschaft geboten habe. Paulus Meyer kam mit seiner Braut, die er hier in Wien ehelichen wollte, wozu ich auch die nöthigen Schritte eingeleitet hatte und die er — wie er mir sagte — als Schreiberin und Sekretärin nothwendig brauchte — nach Wien. Weil er aber keine Möbel hatte, so habe ich ihm Gastfreundschaft geboten, bis die Möbel kommen, er durfte bei mir schlafen. Seine Braut habe ich bei einem meiner Freunde untergebracht. Als seine Wohnung beziehbar war, übersiedelte er; seine Braut hat aber forthin bei meinem Freunde gewohnt. Ich sage dies deshalb, weil meine Gegner mir daraus einen Borwurf machten. Ich begreife nicht, warum. Warum soll ich nicht einen Mann, der mir empfohlen wird, und zwar von so vielen ehrenwerthen Männern auf einige Tage Gastfreundschaft bieten? Das ist, glaube ich, kein Grund, mir irgendwie einen Borwurf zu machen. Ende März kam er nach Wien. Inzwischen war — am 7. April — gegen meine Broschüre in der „Oesterr. Wochenschrift" der Angriff eröffnet worden. Ich habe anfangs davon keine Kenntniß gehabt. Ich bin ja kein Leser dieser Zeitung. Man hat mir sie zugebracht, offenbar um mich zu ärgern. Ich habe Ende April diese Nummer bekommen und konnte natürlich darüber nicht mit Stillschweigen hinweggeben; denn meine Broschüre, die doch auf Gerichtsacten, also auf historischem Grunde basirt, wurde von Bloch als ein Pamphlet bezeichnet, das sich den niederträchtigsten und lügenhaftesten anreihe und es sei eine Lüge, daß Simon von Trient von den Juden ermordet wurde. Die Juden seien das Opfer eines Justizmordes gewesen und Aehnliches. Bloch verflieg sich in dieser Polemik sowert, daß er behauptete, daß von allen Völkern nur die Juden Hand und Herz vom Blute rein gehalten haben. Das durfte mir nicht gleichgiltig sein. Das war ein Angriff an die historische Wahrheit und zugleich ein versteckter Angriff auf die katholische Kirche, welche Simon von Trient als Heiligen verehrt. Ich ließ diesen Artikel dem Paulus Meyer, der ja mit mir in Beziehungen stand, lesen und dieser Artikel empörte ihn auf das Tieffte, nicht blos des Inhalts wegen, sondern weil er in einer ganz schmählichen Weise gegen mich loszog. Im Laufe unserer Unterredung sagte er mir: „Ich kann nicht blos beweisen, daß es ein Blutrituale gibt, wie ich versprochen habe, sondern ich war selbst Augenzeuge von solchen Kinderschlachtungen und da hat er nun unter Anderem dieses Factum von Ostrow ganz ausführlich erzählt, viel ausführlicher noch, als im Briefe geschildert ist. Auch von anderen Facten hat er damals gesprochen. Ich konnte anfangs ihm nicht vollen Glauben schenken, weil mir die Sache gar zu blutig schien. Aber ich hatte Aehnliches ja in den Historien gelesen. Unmöglich war es also nicht. Ich fragte ihn über einzelne Umstände aus und insbesondere, ob ich das stenographiren dürfe. Ec hat es mir gestattet. Ich besitze noch jetzt das Stenogramm, das ich eventuell vorlegen werde. Zum Schluffe aber sagte mir Paulus Meyer, es wäre besser, wenn ich Ihnen diese Ereignisse in Briefform mittheilte. Ich war damit einverstanden, und nach einigen Tagen kam er mit seiner Braut zu mir und überreichte mir den Brief, der in den Acten liegt. Ich sah auf den ersten Blick, daß ihn die Braut geschrieben hatte, aber seine Unterschrift trug. Ich kenne sie aus vielen anderen Manuskripten, hier im Vertrage und im Briefe, den er mir ans dem Gefängniß geschrieben hat. Ich lege auch diesen zur Bekräftigung vor. Den Brief hat er, wie man mir vorwirft, auf mein Ansuchen geschrieben. Das war nicht so, sondern er hat mir zuerst die Sache erzählt und weil mir dies von Interesse schien für die Polemik, die ich führte, habe ich mir das von ihm schreiben lassen. Ich habe ihn nicht gebeten, sondern er hat sich selbst hiezu angeboten. Daß er von mir dafür gezahlt wurde, das haben mir wohl die Gegner vorgeworfen, das ist aber eine vollständig böswillige Unterschiebung, denn ich versichere, in dem Augenblicke, wo mir Paulus Meyer mit der Zumuthung gekommen wäre, eine Bezahlung vor dem Schreiben des Briefes, oder bei Ueberreichung, oder nachher zu verlangen, hätte ich ihm mit Verachtung die Thüre gewiesen, denn dann wäre ich bestimmt der Ueberzeugung gewesen, daß. das ganze eine Erdichtung ist. So aber hat er — und darauf lege ich Gewicht — auch nach der Veröffentlichung des Briefes, als Herr Professor Bickell, der ihn bat, er solle doch die Geschichte leugnen und ihm 1000Gulden anbot, 120 Gulden monatlich und lebenslängliche Versorgung, auch dann noch diesen Vorschlag abgewiesen, ein Zeichen, daß er damals nicht blos der Ueberzeugung war, er sei der Verfasser des Briefes, sondern daß er auch von der Wahrheit der Sache überzeugt war. Ich hatte also diesen Brief in der Hand und damit verfaßte ich die Replik auf den ersten Angriff des Dr. Bloch. Ich habe dabei nur eine Andeutung von dem Briefe gemacht; ich habe aber weder den Ort genannt, in welchem dieser angebliche Mord geschah, ich habe auch nicht Personen genannt. Mir war es damals nur um das Factum zu thun, um eine Bekräftigung dessen, was ich mir als wissenschaftliche Ueberzeugung gebildet habe, blos durch selbstständige, historische Studien. Ich habe nämlich durch das Studium der Proceßacten Simon's von Trient die Ueberzeugung gewonnen, daß es in früheren Zeiten Ritualmorde gegeben habe. Die Erzählung des Meyer war nur eine Bekräftigung; denn das konnte mich weder für noch dagegen stimmen, denn es ist doch kein wissenschaftlicher Beweis, was der Brief erzählt. Ich habe also nur eine Andeutung gemacht. Aber kaum war diese Andeutung im „Vaterland" gemacht, so kamen die Gegner und riefen: „Das ist nicht möglich, ein solcher Brief existirt nicht, er kann nicht existiren" und Dr. Bloch sagte ausdrücklich: „Kein Convertit kann so etwas gesehen, keiner so etwas geschrieben haben". In der „Sonn- und Montags-Zeitung" hieß es, ich flunkere nur so, ich halte das Damoklesschwert über den Köpfen her Juden, um sie zu schrecken, und ich wurde bei meiner priesterlichen Ehre aufgefordert, mit dem Briefe aufzutreten. Nun war ich natürlich in einer moralischen Zwangslage. Wenn ich den Brief nicht veröffentlichte, so wäre ich als Lügner bezeichnet worden. Das konnte, das durfte ich nicht zugeben. Aber trotzdem ich mich gezwungen sah, diesen Brief zu veröffentlichen, habe ich noch eine letzte Probe über die Wahrheitsliebe meines Gewährsmannes unternommen. Ich bin nämlich mit M e y e r, was er wohl nicht leugnen wird, vor der Veröffentlichung in die Redaction des „Vaterland" gegangen, habe ihn dort dem Chef-Redacteur I n t h a l als den Verfasser des Briefes vorgestellt, den ich der Redaction bereits früher lesen gelassen hatte. Dort wurde über diesen Fall und über andere Fälle gesprochen, und Meyer schwur hoch und theuer, Zeuge dieser Blutthat gewesen zu sein.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.