Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 10 (1893)
- Issue
- 38 (22.9.1893)
- Date
- 1893-09-22
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 738 Oesterreichische Wochenschrift Nr. 38 Meyer: Ich glaubte selbstverständlich bestimmt, daß er mich für den Verfasser hielt. Ich sagte ihm Folgendes: Wenn ich jetzt, wie man mir gerathen hat, in die Redaction gehe, um zu berichtigen, was soll ich denn berichtigen? Ich soll berichtigen, ich bin nicht der Schreiber des Briefes, oder ich habe ihn nicht verfaßt. Dann wird wieder ein Scandal und eine Tagespolemik anfangen. Ich muß abwarten; Dr. Deckert ist ja aufgefordert worden, wenn er noch Ehre im Leibe hat, dann solle er mit dem Briese Herausrücken. Dann werde ich also reden. Es hat in einer Zeitung geheißen „Paulus Meyer in den Gerichtssaal". Gott sei Dank, dachte ich mir, da kann ich mir gratuliren, das ist der beste Ort, um ein solches Räthsel zu lösen; besser im Gerichtssaal vor den Herren Richtern. Wenn etwas im Gerichtssaal festgestellt wird, dann wird es nicht so sein, wie in der Presse. Wenn ich in den Gerichtssaal komme, da werde ich die Wahrheit gestehen. Wenn ich einem gesagt hätte, ich habe den Brief nicht geschrieben, so hätte er mir gesagt, ich bin ein käufliches Subject. Vorsitzender: Wenn Sie den Brief nicht verfaßt und auch nicht unterschrieben haben, hat Ihre Braut den Brief geschrieben? Meyer (in den Brief Einsicht nehmend): Ich erkenne die Unterschrift meiner Braut an. Vorsitzender: Wie kommt Ihre Braut dazu? Meyer: Das werde ich erzählen. Vorsitzender: WerhatJhrer Braut befohlen, den Brief zu schreiben? Meyer: Wenn man mich immer unterbricht, so kann ich ja nicht sprechen. Ich bin so verwirrt. Ich kann dann unmöglich Alles deutlich, und klar erzählen .... Als ich noch bei Dr. Deckert wohnte, das heißt, damit man mich nicht mißverstehe, als ich in Wien ankam, hat Dr. Deckert fiir mich eine Wohnung - gesucht, ich konnte aber die Wohnung nicht erhalten. Meine Braut wurde deshalb bei Professor Meister einqnartiert, mich hat Dr. Deckert bei sich behalten. Schon daraus hat die Presse Angriffe abgeleitet. Ich konnte mich noch nicht mit den wissenschaftlichen Arbeiten befassen, wie sie der Contract vorschreibt, worüber ich sprechen will. Ms ich zum erstenmale in Wien war, hat Dr. Deckert mich gefragt, ob ich im Stande sei, ein Werk zu liefern, in welchem bewiesen wird, daß die Juden Christenblut zu rituellen Zwecken brauchen. Ich sagte, das ist unmöglich. Wenn auch in jüdischen Büchern davon die Rede gewesen wäre, so konnte ich doch nicht behaupten, daß es so. ist, weil ich ein solches Buch nicht gesehen habe. - Ein antisemitisches Blatt in Holland führte solche Werke an. „Wissen Sic was," sagte ich zn Herrn Dr. Deckert, „das kann ich unternehmen, nämlich eine Arbeit zu machen, in welcher ich sämmtliche Stellen einer genauen Prüfung unterziehe in der Richtung, ob irgend welche Andeutung an das Blutriinale vorhanden ist. Diese Stetten werde ich übersetzen und veranlassen, daß die hebräischen Stellen im Lichtdruck erscheinen, damit nicht gesagt wird, daß ich sie gefälscht habe. Ich werde sie dann veröffentlichen und jeder Sachverständige wird dann benrtheilen können, ob sie etwas von dem Blutritnale andeuten." Das habe ich dem Dr. Deckert gesagt. „Gut", erwiderte er. Ich wollte nun aber wissen, ob Dr. Deckert mich beschäftigen wolle. Eines Tages fragte er mich: „Was wollen Sie, wenn Sie bei mir arbeiten wollen?" Ich sagte, ich kenne ja die Wiener Verhältnisse nicht. Er erwiderte: „Sie bekommen freie Wohnung und 30 fl. monatlich." Ich sagte, damit kann ich doch nicht auskommen, wenn ich mich verheiraten will. Das wäre selbst unmöglich, wenn ich allein wäre. Er führte mich zu Professor Meister, zeigte mir das Cabinet, das ich zu bewohnen Hätte, welches ich jedoch nicht annehmen wollte. Ich sagte, wenn Sie mich beschäftigen wollen, so müssen Sie mir vorläufig 100 fl. geben, solange die Verhältnisse schlecht sind, damit ich mein eigener Herr bin und arbeiten kann. Er sagte: „Das kann ich nicht." Wenn sie nicht wollen, erwiderte ich, gut, so gehe ich nach Leipzig. Ich wollte ja gar nicht nach Wien. Da ich aber von Leipzig nach Wien auf meine eigenen Kosten gereist bin, so wollte ich wenigstens die Reisespesen zurück haben. Dr. Deckert sagte, er werde es fich noch überlegen, ich solle morgen wieder kommen. Es war das in der Woche des Charfreitag. Er hoffte, ich würde das Beste thun, und zu diesem Behnfe sollen wir einen Contract schließen. Ich erwiderte: „Ich verstehe so etwas nicht. Schreiben Sie, daß ich mich verpflichte, für Sie zu arbeiten und sämmtliche Stellen, welche mit dem Blutrituale in einem Zusammenhänge stehen, oder aus welchen nur ein Verdacht irgend | welcher Art zu schöpfen ist, zu sammeln. Diese werde ich nach meinem Verstände und nach meinem Gewissen übersetzen. Ich schlage auch vor, daß die hebräischen Stellen auf der einen Seite im Lichtdruck erscheinen, auf der anderen Seite dagegen in deutscher Uebersetzung. Ob diese Stellen beweisen werden, daß es ein Blutrituale gibt, das mögen die Sachverständigen benrtheilen. Ich will mich keinem Scandale aussetzen." „Gut, sagte er, „kommen Sie morgen " Ich kam zu ihm; er hatte aber keine Zeit. Ich bin unterdessen zu Professor Bickel! gegangen. Professor Bickell ging mit mir den ganzen Tag herum, und als ich sagte, ich müsse zu Dr. Deckert, da hat er mich begleitet, weil ich ja in Wien fremd war und nicht heimgefunden hätte. Professor Bickell stellte sich vor, und nachdem wir Platz genommen hatten, sprachen wir über die Arbeit. Dr. Deckert glaubte noch immer, Professor Bickell sei Anhänger des Blutrituales. Er hat deshalb ganz frei über den Contract gesprochen und Professor Bickell las ihn durch. Als er ihn vorlas, vernahm ich, daß ich mich darin verpflichte, ein Blutritual-Werk herauszugeben, mit einem Worte, zu beweisen, daß die Juden Christenblut brauchen. Wie ich das hörte, wurde ich ganz blaß. Professor Bickell sagte zu mir erst englisch und dann hebräisch: „Wollen Sie das thun?" Er deutete mir an, ich solle Weggehen. Ich erwiderte, ich werde es mir überlegen, ich bin sehr aufgeregt. Ich kam hinaus, da ergriff er mich bei der Hand und sagte: „Wollen Sie dieses arbeiten?" Ich sagte, es sei mir die Geschichte mit Dr. Deckert nicht klar. Den Contract habe er geändert. Dr. Bickell sagte: „Es wäre sehr schön, wenn Sie ein solches Werk schreiben würden, damit die Welt darüber urtheile." Des anderen Tages kam ich zu Dr. Deckert und sagte ihm: „Ich kann mich nicht verpflichten." Er sagte, dies ist nicht so schlimm, wir können ja das ändern. Jeden Tag kam ich mit Professor Bickell zusammen. Ich ging damals au einem Mittwoch zu Professor Bickell, welcher mich auch in einer Ordensbibliothek beschäftigen wollte. Er stellte mich damals einem Jesuitenpater. Vorsitzender: Kommen Sie bald auf den Umstand, daß Ihre Braut den Brief geschrieben hat? (Heiterkeit.) Meyer: Ich bitte um Verzeihung. Vorsitzender: Sie schaden sich eher, als Sie sich nützen, wenn Sie so von der Sache abschweifen. M.eyer: Ich kam zu Dr.Deckert und er hat mir einen Contract unterbreitet, er gab mir 100 fl. zur Rückreise nach Leipzig und ich unterschrieb in der Meinung, daß der Contract in meinem Sinne geändert wurde. Dann kam ich zu Dr. Bickell. weil ich abreisen wollte. Ich kehrte nach Leipzig zurück, dort ließ ich mir den Contract vorlesen. Ich dachte, daß ich es mit einem Geistlichen zu thun habe und habe ihm vertraut, wie ich, so vielen anderen Antisemiten geglaubt habe. Ich wurde über den Contract so aufgeregt. Ich dachte mir, wenn ich nicht nach Wien fahre, wird er den Contract abdrucken lassen. Wenn ich ihn nicht einhalte, wird er sagen, ich habe ihn um 100 fl. beschwindelt. Ich reiste also nach Wien, um den Contract zu'ändern. Eines Tages, als ich schlief, klopfte . ... Vorsitzender: Ich bitte das zu lassen. Gehen Sie einmal zum Briefe über! Sie treiben rein Allotria mit unserer Zeit! Ich wünsche zu wissen, wann Ihre Braut den Brief geschrieben hat und warum. Meyer: Ich muß doch auch erzählen .... Vorsitzender: Das verantworte ich, daß Sie das nicht müssen. Meyer: Aber um Gotteswillen, man wird mich doch fragen .... Vors: Wann hat Ihre Braut den Brief geschrieben? Meyer: Das weiß ich nicht! Vorsitzender: Was wissen Sie denn? Daß es die Handschrift Ihrer Braut ist? Dies dürfte übrigens auch nachzuweistn sein, wenn Sie die Briefe Ihrer Braut vorlegen. Meyer: Ich bitte Herr Präsident, ich bin sehr nervenleidend und aufgeregt. Vorsitzender: Ich bin auch nervös, wenn Sie so schwätzen. (Lebhafte Heiterkeit.) Menest: Ich bitte, Herr Präsident, ich muß das erzählen, ich bitte mich nicht zu unterbrechen, ich werde dadurch ganz verwirrt, und es wäre besser, daß ich dann gar nicht rede; auch bin ich kein Deutscher. Ich will ein klares Bild von der Sache entwerfen. Eines Morgens kam Dr. Deckert in mein Schlafzimmer und sagte, da haben Sie die „Oesterreichische Wochenschrift", sehen Sie, was der Jude Bloch über die Sache