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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1893-09-22 · 38 (22.9.1893) · page 23

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
10 (1893)
Issue
38 (22.9.1893)
Date
1893-09-22
Page
– (sequence 23)
Language
German
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Nr. 38 Oesterreich ische Wochenfchrifr Seite 737 Vorsitzender: Gehen Sie gleich auf morgen über! Meyer: Bickell sagte, Sie sind in einer schlechten Lage und unglücklicherweise sind Sie in die Blutcampagne hineingefallen. Wenn Sie Geld brauchen, will ich Sie mit 1000 fl. unterstützen, damit Sie ein neues Leben führen. Schreiben Sie an mich einige Zeilen. Ich bin gewiß, daß Sie den Brief nicht geschrieben haben. Ich sagte, das ist sehr schön, aber ich kann keine Antwort geben. Vorsitzender: Gehen Sie auf das Thatsächliche über. Meyer: Ich komme schon dazu. Ich dachte, soll ich 1000 fl. nehmen, fortfahren und einen Brief schreiben, daß ich nicht der Verfasser bin oder daß ich es aus Unzurechnungsfähigkeit gethan habe? Wenn Jemand einen solchen Brief schreibt, muß er unzurechnungsfähig sein. Ich sagte also, ich kann nicht antworten. Aus welchen Gründen wollte ich nun keine Unterstützung nehmen? Ich war nicht berechtigt zu den 1000 fl., weil ich nicht der Verfasser war. Warum soll ich also 1000 fl. nehmen? Wenn ich der Verfasser des Briefes wäre und nachher mir überlegte, daß ich eine Lüge geschrieben habe, um eine Nation zu verderben, so wäre es meine verdammte Pflicht gewesen, in den Straßen öffentlich zu rufen: „Ich habe gesündigt". Dazu brauche ich nicht 1000 fl. Soll ich aber Prof. B ickell sagen, ich habe nichts geschrieben, dann würden die Antisemiten sagen, Meyer ist ein käufliches Subject; Bickell hat ihn bestochen. Da sagte ich Prof. Bickell, ich kann nicht antworten, es wird schon die Zeit kommen, ich werde die Blutlügner schachmatt machen. Darf ich weiter sprechen? Vorsitzender: Ja gewiß, aber nur sachlich! Meyer: Prof. Bickell verabschiedete sich hierauf von mir, es war mir sehr leid. Vorsitzender: Das brauchen wir nicht zn wissen! Meyer: Ich bat, daß er wenigstens mit mir correspondiren soll. In zwei Tagen erhielt ich einen Brief, worin er um dasselbe ersucht. Am 25. Mai wurde ich verhaftet. Bors.: Nach de.n, was Sie uns sagen, verstehe ich Sie dahin: Sie behaupten, Sie sind von Dr. D eckert bezüglich dieses Briefes mißbraucht worden, indem er Sie als Verfasser dieses Briefes hinstellte, als Denjenigen, der ihm den Brief übergeben mit der Berechtigung zur Veröffentlichung. Nun sagen Sie uns weiter: „Ist dies Ihre Unterschrift?" Meyer: Darf ich den Brief nehmen? Vorsitzender: Alles dürfen Sie in die Hand nehmen, nur müssen Sie es mir wieder zurückgeben! (Heiterkeit.) Meyer: Das ist so wenig meine Unterschrift, wie ich das Ganze geschrieben habe. Vorsitzender: Es ist das etwas auffällig. Auch auf dem Verhörsprotokolle ist mehrfach Ihre Unterschrift. Diese Unterschrift ist wenigstens an zwei Stellen entweder absichtlich oder durch Zufall entstellt. Die Herren Geschwornen werden sich darüber ein Bild machen können. Entweder ist der Schreiber der Unterschrift sin ersten Protokolle damals krank gewesen, dann ist diese Unterschrift bei dem Alter des Mannes erklärlich, oder er war so hochgradig aufgeregt, dann ist es auch erklärlich. Ebenso fällt beim zweiten Protokolle wieder auf, daß ein Buchstabe allein absichtlich verzogen ist, während die anderen Buchstaben eine feste Handschrift zeigen. Ich kann wohl schreiben (Heiterkeit), bin aber kein Sachverständiger im Schreibfache. Dann kommt wieder eine Unterschrift, wo das Wort „Paulus" mit der Unterschrift des Briefes übereinstimmt. Meyer: Der Arzt hat bei mir constatirt, daß ich hochgradig nervenleidend und aufgeregt bin. Ich fühlte auch eine Trübung in meinem Auge. Vorsitzender: Wenn Sie bestreiten, daß Sie die Worte „Paulus M e y e r" unter dem Briefe geschrieben haben, wissen Sie vielleicht, wer die Worte beigesetzt hat. Meyer: Nein.Ich bitte mir noch zu gestatten, über die Unterschriften in den zwei Protokollen zu reden. Dr. Knapp, Assistent von Stellwag, hat mein Auge untersucht und dasselbe atropinirt. Da wurde mir das Auge sehr geschwächt und der kaiserliche Rath Feigl, der die Untersuchung vornahm, sagte selbst, ich könne nicht unterschreiben, weil mein Auge atropinirt sei. In der Aufregung habe ich auch gar nicht auf die Unterschrift geachtet. Uebrigens hat ja Pfarrer Deckert Quittungen und Bescheinigungen von mir; daraus ist wohl ersichtlich, daß meine Unterschrift überall so ist. Weiter erliegt meine Unterschrift in den Auslieferungsacten. Borsitzender:Jch bitte, meine Herren Geschwornen, ich.bin der unmaßgeblichen Anschauung, welche Sie auf ihre Richtigkeit oder Unrichtigkeit zu prüfen haben, daß im Berhörsprotokoll die beiden ersten Unterschriften darauf schließen lassen, daß der Schreiber ein Mensch war, welcher entweder die Unterschrift im Zustande physischer Krankheit oder geistiger Aufregung gegeben hat, oder in der Absicht, um zu entstellen. Ich bitte dann die zwei letzten Unterschriften des Verhörsprotokolles anzusehen und diese Schriften zu vergleichen und sich ein Urtheil zu bilden darüber, ob mein Verdacht, es sei dieselbe Handschrift, derselbe Anstrich des M. und dieselbe Charakteristik des Wortes Meyer, richtig ist, ob also mein Verdacht, daß Paulus Meyer der Schreiber derselben Zeilen sei, plausibel ist oder nicht. Ich habe kein Urtheil abzugeben. Sie haben das selbst auf Ihren Eid zu prüfen. Meyer: Ich war in der letzten Zeit zu aufgeregt, so daß man nicht sagen kann, ich hätte absichtlich meine Unterschrift verändert, damit sie mit meiner vermeintlichen Unterschrift auf dem Briefe nicht stimmt.Da hätte ich doch gar keine Absicht haben können, zu entstellen. Auch in der letzten Zeit, wo mein Auge ganz getrübt war, da hatte ich doch auch keine Ahnung von dem Briefe und von der Unterschrift. Vorsitzender: Ich bitte, da ist der Act. Da finden Sie zweifellos echte Unterschriften des Meyer. Meyer: Man kann überzeugt sein, daß ich in den letzten Tagen gewiß nicht die Absicht hatte, meine Unterschrift zu verändern. Uebrigens würde ein Sachverständiger constatiren können, ob diese meine Unterschrift echt ist oder nicht. Vorsitzender: Das, was zweifellos Ihre Unterschrift ist, haben wir da. Meyer: Ich bitte, ist die Unterschrift auf dem Briefe zweifellos die meinige? Vorsitzender: Nein! Zweifellos ist die Unterschrift auf dem gerichtlichen Protokolle. Das Uebrige behaupte ich nicht. Meyer: Die Aenderungen an meiner Unterschrift sind nur die Folge meiner Aufregung. Vorsitzender: Ich bitte, ich habe nur Vermuthungen ausgesprochen. Die Herren Geschwornen haben sich ein Bild darüber zu machen und ganz unbeeinflußt zu urtheilen. Sagen Sie weiter, Herr Meyer, wenn Sie die Worte „Paulus M e y e r" nicht geschrieben haben, wie kommt Bickell dazu, mit Ihnen wegen Widerrufes des Briefes Unterhandlungen zu pflegen? Meyer: Professor Bickell wußte ganz gut, daß ich mit Pfarrer D e ck e r t in Verbindung stehe. Er war positiv der Meinung, daß unmöglich ein anderer mit dem Convertiten gemeint sein kann. Vorsitzender: Ich bitte, man imputirtProfessor Bickell, daß er Ihnen 1000 fl. für den Widerruf des Briefes angeboten habe. Meyer: Nein. Er wollte mich nur unterstützen. Er glaubte, daß ich aus Noth so gehandelt hätte, daß mich die Noth dazu veranlaßt hätte und nicht die Absicht, mich den Blut — Antisemiten zu verkaufen. Er wollte mir also nur aus meiner Noth helfen. Vorsitzender: Aus purer Menschenliebe also? Meyer: Er dachte, wenn mir da geholfen wird, so bin ich nicht mehr abhängig, ich kann mein freier Herr sein, und ich soll also diesen Brief widerrufen. Vorsitzender: Aber wenn Sie ihn nicht geschrieben haben? Meyer: Ich habe es ihm nicht gesagt. Vorsitzender: Professor Bickell war der Meinung, Sie sind der Schreiber des Brieses? M Meyer:Ja, weil ich mit Dr.Deckert in Verbindung stand. Vors.: Professor Bickell müßte also von Dr. Deckert getäuscht worden sein. Er müßte die Mittheilung erhalten haben, Sie sind der Schreiber des Briefes. Meyer: Ich verstehe das nicht. Vorsitzender: Wäre es möglich, daß Dr. Deckert den Professor Bickell getäuscht hat? Meyer: Ich verweigerte dem Professor Bickell jede Antwort. Ich habe schon erklärt, ich konnte für eine Sünde kein Geld nehmen, noch weniger aber für das, was ich nicht gemacht habe. Vorsitzender: Sie haben die Unterstützung von 1000 fl. abgelehnt, aber auch abgelehnt, zu widerrufen, weil Sie den Brief nicht geschrieben haben. Haben Sie ihm das ausdrücklich gesagt, daß Sie den Brief nicht geschrieben haben? Meyer: Nein, ich habe es nicht gesagt und habe auch nicht zugegeben, daß ich ihn geschrieben habe. Vo rsitzender: Sie haben gewußt, daß er im Glauben ist, daß Sie der Verfasser des Briefes sind, und Sie haben ihn in diesem Glauben belassen?

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